Mors, Mors

Im Frühjahr 2015 erhielt ich eine E-Mail, in der mich jemand frug, ob ich einen Text zu einem Buch beitragen wolle, einem Buch über Fußball. Und Sprache. Begriffe der Fußballrhetorik. Ich wolle gern, antwortete ich, so ich denn in der Lage sei, einen hinreichend guten und dem Verständnis der Herausgeber entsprechenden Text zu verfassen. 

Wir mailten noch ein paar Mal hin und her, irgendwann hatte ich dann eine Version, mit der ich zwar nicht uneingeschränkt glücklich war, die ich aber nach meiner Einschätzung aus der Hand geben konnte, ohne mich zu blamieren. Also gab ich sie weiter, durchaus damit rechnend, eine mehr oder weniger freundliche Absage zu erhalten – die das seitens der Herausgeber aufgezeigte Prozedere auch vorsah. Allein: sie kam nicht.

Keine Absage. Auch keine Zusage. Keine Bitte um Geduld. Ich habe nie mehr etwas von der betreffenden Person gehört. Auch eine zumindest nicht unfreundliche Nachfrage meinerseits Monate später rief keine Reaktion hervor, und nach und nach verschwand der Vorgang in einer selten besuchten Sektion meines Gedächtnisses.

Und so war ich dann doch überrascht, als mich kürzlich jemand auf eben dieses Buch hinwies, das Anfang des Jahres offenbar tatsächlich erschienen ist. Ohne meinen Text, vermutlich. Völlig in Ordnung. Nur die Kommunikation, die war eher so mittel.

Da mein Text aber noch immer hier rumliegt, und weil sich in diesem Blog ohnehin viel zu selten etwas tut, nun, Sie wissen schon. Hier also ein Text aus dem Jahr 2015, dem man sein Alter an der einen oder anderen Stelle auch anmerkt, allein schon von den Namen her.

 

Wasserträger

Wasserträger. Ein Begriff, der uns beim Fußball – spielend wie schauend – seit Jahrzehnten begegnet. Begegnete, muss man heute vielleicht korrekter sagen. Vergangenheit. Abgeschlossen. Oder können Sie sich noch an Ihre letzte Begegnung mit dieser Spezies erinnern? Sprachen die Béla Réthys dieser Welt, oder zumindest unserer Fernsehlandschaft, in diesem Jahrtausend schon einmal vom selbstlosen Einsatz oder den unterschätzten Qualitäten eines Wasserträgers?

Und wenn ja: wie hieß er? Denn ist es nicht so, dass die meisten von uns, je nach Alter und fußballerischer Sozialisierung, diesen Begriff mit mindestens einem konkreten Spieler in Verbindung bringen? Herbert Wimmer zählt zu den üblichen Verdächtigen, gilt vielleicht gar als Hauptverdächtiger, Heinz Simmet war sein Pendant auf der anderen Seite des Netzer-Overath-Grabens. Spätere Exponenten heißen Wolfgang Dremmler, Steffen Freund, Claude Makélélé, Rolf Aldag oder Thomas Häßler.

„Moment!“, höre ich Sie sagen, und ja, Sie haben recht, doppelt: Häßler? Der Thomas Häßler? Der mit dem Zauberfuß? Ein Mann für die großen Momente als Wasserträger? Ja, in der Tat. Damals, in Dortmund, als Trainernovize Michael Skibbe dem nicht allzu wohlgelittenen Weltmeister immerhin Talent bescheinigte und Schnappschüsse des eine Wasserkiste tragenden Häßler mit der passenden Bildunterschrift versehen wurden. Vom Weltmeister zum Wasserträger, oder Variationen davon. Das Ausmaß des entstandenen Spotts, aber auch der von Häßler empfundenen Kränkung, wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die mediale Berichterstattung, sondern auch auf die Wertschätzung, die dem gemeinen Wasserträger in aller Regel zuteilwurde.

Und, gewiss: Auch Rolf Aldag passt nicht recht in die Reihe. Ein Wasserträger war er schon, par excellence und im Wortsinn sogar, nur nicht beim Fußball. Aldag fuhr Rad, wir erinnern uns, und trug seinen Teil dazu bei, dass der eine oder andere unter uns bis heute davon ausgeht, der Fußballbegriff des Wasserträgers habe seinen Ursprung im Radsport. Dort leisten die etwas weniger begabten Athleten Zubringerdienste für ihren Kapitän – darunter ganz konkret auch das Herantragen von Wasserflaschen –, auf dass jener, von derlei profanen Tätigkeiten befreit, explizit für die ganz großen Momente sorgen möge. Eine Erwartungshaltung, der Exponenten wie Ullrich oder Indurain, aber auch Netzer oder Zidane dann ja durchaus gerecht wurden.

Gut möglich, dass der Wasserträger tatsächlich aus dem Radsport herübergeschwappt ist, doch de facto ist der Begriff wesentlich älter als, sagen wir, die Tour de France – Wikipedia spricht von einem historischen Dienstleistungsberuf, seine Vertreter werden gelegentlich als niedere Arbeiter beschrieben. Zahllose religiöse Texte in diesem unserem Internet verweisen zudem auf die Hochzeit von Kana und das „Wunder der Verwandlung“, das die ungebildeten Wasserträger nicht sehen, nicht begreifen. Oder anders, heruntergebrochen und adaptiert: Wie sollte ein schnöder Wasserträger jene Wunder durchschauen, die beispielsweise eine deutsche Lichtgestalt oder ein niederländischer König auf der Höhe ihrer jeweiligen Schaffenskraft uns allen, Gläubigen wie Ungläubigen, auf dem Feld, den Rängen oder an den Bildschirmen schenkten?

Den Kontrast zu ihrer Kunst bildet das Wassertragen: eine profane Dienstleistung sei es, mitunter auch eine Zuarbeit. Aber, zweifellos, eine wichtige. Historisch gesehen, als sich das Wasser noch nicht selbstverständlich aus dem Hahn ergoss und lebensechte Wasserträger Abhilfe schafften – in Hamburg denkt man womöglich an Hans Hummel –, aber auch in unserem übertragenen Kontext, wiewohl weniger existenziell, im Peloton oder auf dem Fußballplatz – in Hamburg denkt man vielleicht an Jürgen Groh oder Wolfgang Rolff.

Womit wir beim heutigen Wasserträgerdilemma angekommen wären: Da, wo früher Namen wie Rolff, Groh oder Eilts standen, lesen wir heute Modrić, Alcántara, Busquets oder Touré. Oder, um auf der heimischen Scholle zu bleiben, Lahm, Gündoğan oder
Schweinsteiger. Wasserträger klingen anders, nicht wahr?

Natürlich ist das eine Zuspitzung, gewiss besetzen die genannten Spieler unterschiedliche Positionen und Räume auf dem Feld, und vor allem: auf unterschiedliche Art und Weise. Das Spiel hat sich gewandelt, die Rollen ebenso, die Anforderungen erst recht. Oder anders: Wenn Andrea Pirlo oder Xabi Alonso in einem taktischen Schema just dort verortet werden, wo sich klassische Wasserträger gemeinhin tummelten, dann liegt der spontane Quervergleich zu Guido Buchwald nur wenigen Beobachtern auf der Zunge.

Die Aufgaben, die ein “defensiver” Mittelfeldspieler heute erfüllt, haben zwar noch eine nennenswerte Schnittmenge mit dem Selbstverständnis von, sagen wir, Jens Jeremies; dass sie aber weit darüber hinausgehen, dürfte als Binsenweisheit durchgehen. Und dass mit den sportlichen Veränderungen auch ein sprachlicher Wandel einherging, wird ebenfalls niemanden überraschen.

Gut möglich, dass sich schon Jeremies nicht als „Wasserträger“ bezeichnet hätte. Ging mir selbst ja auch so, einem um viele Größenordnungen unbegabteren Fußballspieler als Jens Jeremies, als ich Mitte der Neunziger „vor der Abwehr“ spielte: Natürlich war ich ein Dienstleister für die Mannschaft, keine Frage, aber doch kein reiner Zuarbeiter für den großen Helden und seine strahlenden Auftritte, wo denken Sie hin?! Zumal wir damals alle unter dem Eindruck von Matthias Sammer standen, dem Libero vor der Abwehr, der erste Schritte unternahm, den deutschen Fußball wieder auf die Höhe der Zeit zu heben. Und dabei, wenn man so will, die Wasserträgerposition gleich mit vereinnahmte.

Der Wasserträger hat sich überlebt. Dass es ihn im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr gibt, mag dem ehrenwerten namensgebenden Beruf nicht gerecht werden, dem Selbstverständnis des gemeinen Sechsers indes sehr wohl: Vermutlich sieht er sich, um noch einmal eine Anleihe beim Radsport zu nehmen, vielmehr als Edelhelfer. Mindestens.

Und das zu Recht. Es reicht nicht mehr, das Wasser zu reichen. Im Idealfall ist der Edelhelfer in der Lage, es auch gleich zu Wein zu verwandeln, zumindest aber sollte er in der Lage sein, es einzugießen und mundgerecht zu servieren.

Das Wunder der Verwandlung mag mitunter noch immer den einstigen Helden, den Nachfahren des Spielmachers klassischer Prägung, den Zehnern obliegen. So sie denn noch mitspielen dürfen. De facto müssen sie in zunehmendem und beträchtlichem Maße bereit sein, ihr Wasser selbst zu tragen. Und es gegebenenfalls zu teilen oder gar weiterzugeben. Wie einst Thomas Häßler.