Keine Lust

Am Montagabend gewann der VfB Stuttgart gegen einen unmittelbaren Konkurrenten mit 3:1, und das war ziemlich schön. Neutrale Beobachter zogen den Hut, Fans, soziale Netzwerke und Medien überschlugen sich vor Begeisterung, rund um das Stadion blickte man in verzückte Gesichter, deren Strahlen man bisweilen auch tags darauf beim Bäcker oder im Büro noch erahnen konnte.

Und wie sie alle darüber redeten! Menschen, mit denen ich so gut wie nie über Fußball spreche, die vermutlich von meinem Interesse ebenso wenig wussten wie ich von ihrem, konnten nicht an sich halten, die Begeisterung platzte buchstäblich aus ihnen heraus, ob sie nun nur ferngesehen oder die gemeinschaftliche Freude im Stadion erlebt hatten.

Meensch, der VfB! Endlich! So hatten wir uns das von Anfang vorgestellt! Der Maxim, meine Fresse! Und Brekalo, dieses Büble, aber mit allen Wassern gewaschen. Fällt a bissle leicht, Jugo halt, woisch, und dann noch Asano, schnell wie d’Sau, kommt ja von Arsenal. Der Gintschek und sein Kollege, der Terodde, was für ein Sturm, da wäre in der Bundesliga so mancher froh, und die können ja auch richtig gut miteinander, und sie schwärmen und schwelgen, und fast erschrecken sie darob ein bisschen.

Aber, sagen sie dann, und jeden Tag ist es seither ein bisschen deutlicher zu vernehmen, noch ist ja nichts  … und auch am Montag hätte ja, wenn Union oder der Schiedsrichter  … hoffentlich heben Sie jetzt nicht … und wir kennen ja alle unsern VfB, Sie wissed scho, die haben schon so oft …

Ach, lasst mich doch in Ruhe! Ja, die Saison ist noch nicht zu Ende. Ja, da kann noch ne Menge schiefgehen. Aber ganz ehrlich: Ich werde es nicht verhindern können. Ob ich heute am Rad drehe, mir schon mal das Outfit für die Aufstiegsfeier zurechtlege und dem Chef sage, dass ich am 22. Mai keine Lust habe, vielleicht auch schon am 15. oder gar am 8., oder ob ich mich zur Ordnung rufe und mir für jeden überschwänglichen Satz den Mund mit Seife auswasche, ehe ich mich als Flagellant versuche, nun, es macht keinen Unterschied.

Kein Spieler, kein Trainer, niemand aus dem Funktionsteam wird wegen meiner Euphorie auch nur einen Hauch unkonzentrierter an die nächsten Aufgaben herangehen. Auch dann nicht, wenn es da draußen 50.000 andere wie mich gibt. Und wenn mein Stadionnachbar vom Uefa-Cup-Finale 2019 im Neckarstadion träumt, nun, dann sei es eben so. Maxim ist es egal. Brekalo auch, und Insúa erst recht.

Montag war toll, es folgen noch vier weitere Spiele in der zweiten Liga, auf die das Trainerteam die Spieler in aller gebotenen Ernsthaftigkeit vorbereiten und die diese Mannschaft dann mit hinreichendem Erfolg bestreiten wird, oder eben nicht, aber das hat dann nichts mit mir zu tun. Ich freue mich riesig auf diese Spiele, hoffe, wie es Fußballfans eben tun, auf ähnliche Auftritte wie am Montag, und am Ende steht der Aufstieg. Falls nicht, erfahre ich es noch früh genug. Aber Chef, am 22. Mai hab ich keine Lust.

 

 

 

Handwerkszeug

Fredi Bobic hatte etwa 88 Minuten ziemlich guten Fußballs gesehen. Würde zwar hernach keinen interessieren, aber es war so. Besuschkow war der Souverän auf dem Platz gewesen, Grbic hatte wieder einmal dreifach getroffen, Ferati vieles versucht, nicht immer erfolgreich, die Abwehr sich weitgehend abgeklärt gezeigt, der Gast war chancenlos gewesen: Stuttgart fünf, Frankfurt eins.

Kurz vor Schluss musste Bobic das Schlienz verlassen und ins große Stadion wechseln, von der U19 zu den Erwachsenen. Möglicherweise tat er dies ähnlich zuversichtlich wie ich selbst kurz darauf, nach dem Abpfiff, und in der Gewissheit, dass die katastrophalen Auftritte gegen Köln der Vergangenheit angehörten.

Leider kam alles ganz anders, und ich kann es nur schwer in Worte fassen. (Daniel Schwaab ist da weniger auf den Mund gefallen.)

Könnte ich singen, wäre das Ganze schnell durch. „Ich hatte keine Tränen mehr, als Ujah und Osako trafen“, sänge ich maffayesk, die Silben ein bisschen beugend, ginge noch auf meinen leeren Blick und das Zittern ein, lüde es hoch, das Blog wäre befüllt und meine Stimmung transportiert. Bliebe bloß noch zu hoffen, dass mich jemand von der Straße zöge. Freundin Ayşe, zum Beispiel, die eher selten ins Stadion geht, am Samstag aber mit ihrer ganzen Familie vor Ort war und hernach nicht umhin kam, mir zu bestätigen, was ich ohnehin zu wissen glaubte, dass nämlich das Spiel auch äußerlich Spuren hinterlassen habe: „Du siehst echt scheiße aus, Heini!“

Nun will ich nicht sagen, dass das „noch geprahlt“, will sagen: eine euphemistische Umschreibung gewesen sei, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass ich nach dem Spiel geneigt war und im Grunde noch immer wäre, negative Superlative einzustreuen, so ich denn noch welche hätte. Vermutlich habe ich Herrn Völler hier schon des Öfteren zitiert, Sie wissen schon „… einfach die Sache mit dem Tiefpunkt und nochmal ’n Tiefpunkt und noch mal ’nen niedrigeren Tiefpunkt.“

Verzeihung. Mir ist gar nicht nach Scherzen zumute. Wirklich so gar nicht. Die Ernüchterung ist kaum in Worte zu fassen. Hatte sich das Déjà-vu in der Vorwoche noch lediglich auf den späten Gegentreffer bezogen, ist es nun ein grundsätzlicheres, beängstigenderes: die Spielweise. Konkreter: die Vorwärtsbewegung.

Kürzlich hatte ich bei n-tv noch vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive „insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial“ und zudem bedauert, „dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden“ werde. Nun, ich wurde Lügen gestraft: er fand. Schön, eigentlich.

Weniger schön, dass ich mich bereits im ersten Schritt geirrt haben könnte. Oder etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie wissen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen. Der kreativste Pass kam von Oriol Romeu – schnörkellos, überraschend, doch leider war Timo Werner bereits ins Abseits gelaufen.

Natürlich geht es nicht darum, Didavi und Maxim die Schuld zuzuweisen. Sie führten mir nur in besonderem Maße vor Augen, dass ich mich einer Illusion hingegeben hatte, als ich auf ein überzeugenderes Offensivspiel gehofft hatte. Ein Offensivspiel, das natürlich auch gern von den Sechsern bestimmt werden dürfte. Oder von den Außenspielern. Ich bin da nicht wählerisch.

Auch nicht bei den Mitteln: ob wir nun Tempodribblings zu sehen bekommen wie phasenweise bei Traoré, oder öffnende Pässe, wie Leitner sie nachweislich spielen kann, manchmal, ob auch mal einer mit dem Kopf durch die Wand geht wie Cacau, oder ob Sakai und Klein auf den Außenpositionen ein ums andere Mal mit hohem Tempo Unruhe schaffen, Verwirrung stiften, so wie, manchmal, der 2012er Sakai und, lassen Sie mich nachdenken, Andi Hinkel 2004.

Meinetwegen können sie sich auch per tiqui-taca bis auf die Torlinie kombinieren, also ungefähr so, wie es Maxim und Didavi zu Spielbeginn kurzzeitig außerhalb der Gefahrenzone versuchten oder wie es die Ballkontaktrekordhalter Schwaab und Rüdiger gemeinsam mit Romeu hinter der Mittellinie taten. Nur schneller. Und woanders. Und irgendwie zielgerichtet.

Da ich bis dato so gut wie keine Spielszenen gesehen hatte, wusste ich nicht, was ich von den Neuzugängen zu erwarten hatte. Romeus kreativen Moment und seine zahlreichen Ballkontakte hatte ich schon genannt, ansonsten hat er mich noch nicht überzeugt, was der einen oder anderen seltsamen Aktion und – zugegeben, kein sehr valides Argument – dem Eindruck geschuldet ist, dass ich schon elegantere, in ihren Bewegungen behändere Spieler aus La Masia gesehen habe. Dafür erinnert er mich an Daniel Morales aus „Taxi“, was immerhin ein ähnlich gutes Argument für ihn ist. Ach, und wieso lese ich in den Aufstellungen immer wieder „Oriol Romeu“ neben, zum Beispiel „Gentner“ oder „Didavi“? Ist er der neue Lucatoni?

Filip Kostić hinterließ insofern einen ganz guten Eindruck, als er für Belebung im Angriff sorgte (was angesichts des Ausgangsniveaus nicht schwer war), ins Dribbling ging und den Abschluss suchte. Dumm nur, dass es keine zehn Minuten dauerte, bis er mich an Danijel Ljuboja erinnerte: die erste Schwalbe ließ nicht lange auf sich warten, bei Auseinandersetzungen mit Gegner und Schiedsrichter war er gleich vorne dabei. Muss ich nicht haben, echt nicht. Aber vielleicht sagt’s ihm ja mal jemand.

Florian Klein: solide. Eine schöne Offensivaktion hatte er, mit schöner Flugannahme und anschließender Hereingabe. Darf er öfter machen; man hätte ihm einen stärkeren Partner auf seiner Seite gewünscht, und Mitspieler, die ihn einzusetzen versuchen. Gerne kreativ, aber auch handwerklich sauber hätte gereicht.

Köln spielte übrigens auch mit. Kevin Vogt gefiel mir ganz gut, Anthony Ujah sowieso, für Daniel Halfar habe ich seit langem ein Faible, das am Samstag aber nicht stärker ausgeprägt wurde. Der VfB spielte ihnen ein bisschen in die Karten, und sie spielten ihr Blatt sauber aus. Gute Leistung.

Insgesamt war es schön, die Bundesliga wieder intensiver verfolgen zu können – selbst das Abendspiel sah ich mir in irgendeiner Kneipe an, war sehr beeindruckt von der Münchner Anfangsphase und völlig überfordert, die weitere Entwicklung des Spiels zu begreifen. Vermutlich hatte ich mich schon fast so sehr mit dem Kräfteverhältnis abgefunden wie die Schalker, die nach dem Spiel in kollektiven Jubel ausbrachen, weil sie ein Heimspiel gegen einen unmittelbaren Mitbewerber nicht verloren hatten, was Marcus Bark bei sportschau.de bereits sehr treffend ausgeführt hat.

Ach, und dann war da ja noch ein Handtor. Ich bin ein bisschen überrascht, dass sich Collinas Erben so klar auf die Seite von Benedikt Höwedes, bzw. von Marco Fritz, stellen. Zwar neige ich selbst auch zu der Sichtweise, dass ein solches Handspiel kein strafbares ist, wiewohl ich finde, dass man Höwedes mit guten Argumenten eine sehr bewusste Nutzung des Ellbogens unterstellen kann; vor allem aber frage ich mich, wieso Abwehrspieler, insbesondere in der Champions League, seit einiger Zeit dazu übergehen, sich dem ballführenden Angreifer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen entgegenzustellen, um den Ball nur ja nicht aus kurzer Distanz an Hand oder Arm geschossen zu bekommen? Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sie dafür keine handfesten Gründe haben, vorzugsweise erfolgte Schiedsrichterentscheidungen.

Vermutlich werden die Erben das in den nächsten Tagen auch in ihrer nächsten Podcast-Ausgabe noch einmal aufrollen und in mir einen interessierten Zuhörer haben; ähnlich interessiert erwarte ich die zweite Ausgabe der „Schlusskonferenz“ beim Rasenfunk, einem neuen Podcast, hinter dem zu meiner großen Freude just jene beiden Herren stecken, denen ich während der Weltmeisterschaft ganz besonders gerne zuhörte, wenn sie beim fast täglichen WM-Podcast von Herrn @fehlpass zu Gast waren: die Herren @GNetzer (der das jetzt wieder nicht so gerne hört) und @helmi.

Ob dort auch die zweite Liga besprochen wird, weiß ich nicht. Falls ja, dann höchstens deren sportliche Aspekte, vermute ich, nicht aber die Mattuschka-Posse. Die mich persönlich ein bisschen bestürzt. Hätte ich nicht erwartet. Nicht, dass mich Norbert Düwel gleichermaßen an Joachim Löw in der Causa Ballack und Michael Skibbe in Sachen Thomas Häßler denken lassen würde, und auch nicht, dass sich Mattuschka selbst nicht entblöden würde, sich auf das Glatteis der großen Buchstaben zu begeben.

Es überrascht mich naiven Romantiker komplett, dass so etwas so schnell gehen kann, und es gibt wenig, was ich aktuell weniger gern hören möchte als Sätze im Stil von „kein Spieler ist größer als der Verein“. Rein emotional und aus der Ferne. Aus der Nähe sieht man das vermutlich aus guten Gründen anders. Tja.

 

 

Fußballwochenende. Ein Zwischenruf Bericht.

So ein Fußballwochenende ist ja mehr als nur 90 Minuten Fußball. Oder zweimal 90 Minuten. So ein Fußballwochenende beinhaltet eine angemessene Vorbereitung, wunderbare Gesellschaft, ausgefuxxte Fachsimpeleien und manches mehr. Mein jüngstes Fußballwochenende hatte all das. Es hatte zudem etwas ziemlich, wie soll ich sagen, Unparteiisches: beim ersten Spiel war ich mehr oder weniger neutraler Beobachter, beim zweiten hatte ich das, was man leicht überhöht einen journalistischen Auftrag nennen könnte, der meinen parteiischen Ansatz ein wenig konterkarierte.

Der Reihe nach. Am vergangenen Freitag hatte ich das Vergnügen, der Partie zwischen den beiden anderen Vereinen der zweiten Liga beizuwohnen. Sie wissen schon, die, die anders sind, die ihr Stadion selbst gebaut haben auf der einen und die ihre bundes-und-darüber-hinaus-weiten Fans zu Rettern machten auf der anderen Seite. Bösartige Menschen würden von Kultvereinen sprechen. Wohlmeinende Menschen häufig auch, müssten sich aber die Frage gefallen lassen, wie wohlmeinend das beim 1. FC Union Berlin und beim FC St. Pauli (das „von 1910“ habe ich mir geschenkt, Namenspuristen mögen es mir auch in diesen Zeiten verzeihen) ankommt.

Ich bin für sowas ja in einem gewissen Rahmen durchaus anfällig. Für Vereine, oder deren Fans, die versuchen, ihre Identität und ihre Ideale zu bewahren, und es vielleicht auch ein Stück weit schaffen. Vereine und ihre Anhänger, die an der einen oder anderen Stelle an das gallische Dorf erinnen, ob sie nun damit kokettieren oder nicht, die eben tatsächlich das Stadion selbst umbauen oder eine explizit politische Fanszene haben, die auf dumpfes „Sieg“-Gebrüll verzichten (so es denn gelingt), die meinetwegen auch, um von den genannten Beispielen ein Stückchen wegzukommen, lauter radfahrende Studenten im Kader haben. Wenn ich sage, ich sei anfällig, dann meine ich, dass ich eine gewisse Grundsympathie entwickle, die in der Regel ungefähr so lange hält, bis man den Eindruck gewinnt, das Image verselbständige sich zu sehr, oder wie auch immer man es ausdrücken mag, wenn alles nur noch Kult ist und nichts mehr, oder zumindest viel zu wenig, Fußball.

Wie glaubwürdig so ein Image abseits des Sportlichen letztlich ist, hängt wie so oft an Menschen. An den Vereinsverantwortlichen, ein Stück weit, aber nicht nur. Es sind in nicht zu vernachlässigendem Maße andere Menschen, die letztlich das Image eines Vereins transportieren, die es vielleicht auch begründen. Menschen, die einem vermitteln können, warum sie „ihren“ Verein so lieben (ja, lieben), ohne überhaupt explizit sagen zu müssen, dass sie ihn lieben, und ohne dabei zu klingen wie eine mehr oder weniger gut gelungene Adaption von Nick Hornby. Mir scheint, Matti Michalke ist so einer. Dabei habe ich ihm nur ein paar Minuten zugehört. Am Freitag, ein paar Stunden vor dem Spiel zwischen Union und St. Pauli (ja, ja, Namenspuristen), in der Eisernen Botschaft, einem Etwas, das zum einen ein Fanclub, zum anderen dessen Clubraum, zum dritten ein Ausstellungsraum ist, und noch einiges mehr, was Steffi vom Textilvergehen schon vor vielen Monaten in viel mehr Worten als ich viel deutlicher auf den Punkt gebracht hat, noch dazu viel schöner und kenntnisreicher. Zurück zu Matti Michalke. Er führte uns, ein kleines Häufchen aus Fans beider Seiten oder, vielleicht auch und, des Fußballs im Allgemeinen, durch diese Eiserne Botschaft. Er war witzig, in anderem Kontext würde man vielleicht Parallelen zu einem Conférencier herausarbeiten, er war informativ, selbstironisch, manchmal schnoddrig und stets liebevoll, ganz besonders dann, wenn er Geschichten von alten Unionern zum Besten gab, oder von neuen oder jungen, Geschichten, die vielleicht gar nicht besonders lustig waren, zumindest nicht für die Betroffenen, und die doch so viel Respekt für die Protagonisten vermittelten, auch wenn man mal über sie lacht.

Nein, ich möchte Matti Michalke nicht heiraten. Dafür kennen wir uns dann doch zu kurz. Haben noch nicht einmal miteinander gesprochen. Und meine Spende war nun auch wieder nicht so groß (der einheimische Begleiter hatte mir keinen Geldautomaten vermitteln können), dass man sie als Mitgift ansehen könnte. Aber ich erlebte zweifellos eine bemerkenswerte halbe Stunde in der Eisernen Botschaft.

Wie ich dahin kam? Nun, das lag an anderen Menschen, deren Liebe zu Union man … und so weiter. Textilvergeher und Textilvergeherinnen, Sie wissen schon, nicht zum ersten Mal (wer echte oder vermeintliche Widersprüche entdeckt, hat auf den ersten Blick vielleicht recht). Der werte Herr @saumselig hatte ein Rundum-Sorglos-Paket arrangiert, inklusive historischer S-Bahn-Rundfahrt, Köpenicker Stadtrundgang mit Frau @rudelbildung und dem wunderbar allzeitgegenwärtigen @keanofcu, den @hoenower durfte ich auch erneut treffen, und erneut zu kurz. Nur das Treffen mit Frau @unrund kam quasi ungeplant zustande. Schön, das.

Genug des Namedroppings. Soll ja auch um Fußball gehen. Und um dieses wunderbare Stehplatzstadion, von dem wir gerüchteweise nicht wissen, wie es in wenigen Wochen oder Monaten heißen wird, und das ganz ohne Fankarte einen reibungslosen Wurstverkauf garantieren kann. Voll war’s an der Alten Försterei. Und angenehm, trotz einzelner Becherzweckentfremdungen, angesichts zweier Vereine, deren Fans nicht zu den üblichsten Verdächtigen zählen, wenn es um Ausschreitungen geht, und die nach meinem Eindruck auch nur halbherzig dementieren, wenn ihnen eine gewisse Seelenverwandtschaft nachgesagt wird. Schön gesungen haben sie, auf beiden Seiten, auch wenn ich, soviel Ehrlichkeit muss sein, die Einheimischen bei meinem ersten Besuch als sangesstärker und standardliedgutferner wahrgenommen hatte. Ersteres hatte zur Folge, dass der junge Mann hinter mir mehr Zeit zum Meckern hatte. Mir wär’s ja gar nicht so aufgefallen, aber sowohl er selbst als auch mein Nebenmann wiesen mich recht früh auf das hin, was mich erwarten würde. Sodass ich es dann doch wahrnahm. Angenehm unschwäbisch war’s.

Bemerkenswert war, nicht nur bei ihm, die lautstarke Schiedsrichterschelte allenthalben, als Mosquera möglicherweise elfmeterreif zu Fall gebracht wurde kam. Dass er vor dem Zweikampf alle Zeit der Welt gehabt hätte, den Ball quer auf Christopher Quiring zu spielen, der sich dann schon sehr ungeschickt hätte anstellen müssen, um nicht zu vollenden, trat indes völlig in den Hintergrund. Überhaupt, Quiring: Er allein brachte die Abwehr des FC St. Pauli in der ersten halben Stunde mehrfach in Verlegenheit, bis sich Jan-Philipp Kalla auf ihn eingestellt hatte und dann auch nichts mehr anbrennen ließ. Womit das Offensivspiel der Berliner quasi beendet war, da auch Parensen auf der anderen Angriffsseite nach einem ersten Strohfeuer kaum mehr Zug nach vorne entwickelte. Anders gesagt: in der ersten Hälfte wirkte St. Pauli defensiv ein wenig ungeordnet, doch Union schlug daraus kein Kapital. Danach setzten sich nicht nur die individuellen Stärken der Gäste durch, sondern auch der erfolgreiche Ansatz, der mit hüftsteif nicht sonderlich ungerecht beschriebenen Union-(Innen-)Verteidigung ein paar bewegliche und flexible Offensivspieler entgegen zu stellen (bzw. eher laufen zu lassen als zu stellen). Bartels, Kruse, Naki und auch Bruns wechselten häufig die Positionen, die Abwehr ließ sich herausziehen und öffnete der Gästeoffensive, die sich beim Nutzen der Gelegenheiten dann aber nicht mit übertrieben viel Ruhm bekleckerte, die Korridore für einfache Bälle in die Tiefe.

Die Unionanhänger um mich herum fanden sich dann auch recht frühzeitig mit der Niederlage ab – bei der Hereinnahme von Halil Savran in der 37. Minute, wenn man es genau nimmt – und diskutierten fürderhin vieles, was sich interessanterweise auch im jüngsten Texttonvergehen wiederfindet und was ich in ähnlicher Form auch schon bei der Tiefenanalyse am Graffito gehört hatte. Versteht keiner? Egal. Ich hatte Spaß und danke herzlich, auch den schwedischen Hipsters und dem unbekannten Evertonian.

Nach dem Spiel war vor dem Spiel

In der Tat, noch in der Nacht begann die Vorbereitung auf das samstägliche Bundesliga-Spitzenspiel zwischen dem VfB und Borussia Dortmund. Die nicht zuletzt darin bestand, alle verfügbaren Twitterclients mit Aktualisierungen und die Endgeräte mit Strom zu versorgen. Und bereits ein wenig zu beten, dass die guten Wünsche, die mir @saumselig später mit auf den Weg geben sollte, in Erfüllung gehen würden:

„Wünsche @heinzkamke immer eine Handbreit Netz unter dem Kiel beim Twittern für @zeitonlinesport

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wem der Wunsch Befehl sein sollte, aber ich weiß, dass er überhört wurde. So wie damals halt. Nun saß ich diemal also wenigstens auf der Pressetribüne, war auch rechtzeitig vor Ort, hatte das vor dem Spiel noch halbwegs verfügbare Mobilfunknetz genutzt, um ein disaster waitung to happen vorsichtig anzudeuten. Nebenbei verfluchte ich (ja, das tat ich) „meinen“ Verein, der den Medienvertretern und mir kein WLAN oder einen anderen verlässlichen Onlinezugang zur Verfügung stellt, und machte mich daran, zunächst noch zurückhaltend, später unter zunehmendem Verlust der Selbstachtung, Menschen mit einem Zugang zu besserer Infrastruktur um Teilhabe anzubetteln. Einzelheiten behalte ich für mich. Wie auch immer:  etwa 15 Minuten nach Spielbeginn – dem standardmäßig verspäteten Anpfiff sei Dank – stand eine recht verlässliche Verbindung, mein Fatalismus begab sich allmählich auf den Rückzug, und ich konzentrierte mich auf das Spiel. Oder, ehrlicher gesagt, auf den mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, mehr oder weniger geistreiche Tweets, gerne auch mal platte Pointen zum Spielgeschehen abzusetzen, das ich eben deswegen nur mit einem Auge verfolgte, was irgendwie in ein Teufelskreischen (sic!) mündete.

Bisschen schade, ehrlich gesagt, wenn man hinterher zwar guten Gewissens in den Tenor all jener einstimmen kann, die betonen, dass die erste Halbzeit, nach der anfänglichen Duselphase, die beste VfB-Leistung der bisherigen Saison mit sich gebracht habe, gleichzeitig aber eingestehen muss, das ganze Hin und Her immer nur ausschnittsweise verfolgt und den Anspruch aufgegeben zu haben, die dahinter steckenden taktischen Kniffe zu erkennen und zu benennen. Dass Molinaro stark war, vor allem in der Offensive, konnte nun wirklich niemand übersehen, der Freistoßtrick ist ohnehin zur Genüge durchgekaut. Dass er übrigens wirklich gut war, sieht man ganz besonders an der Reaktion von Jürgen Klopp, der sich sehr beeilte, zu betonen, dass es sich ja doch eher um einen, wenn auch gut umgesetzten, alten Hut gehandelt habe.

Wenn ich mich kurz selbst zitieren dürfte, um meine Stimmung angesichts dieser ersten Halbzeit relativ knapp zusammenzufassen:

https://twitter.com/#!/zeitonlinesport/status/130289025775960065

Kam allerdings nicht überall so an, meine Stimmungslage. Nachdem ich zunächst noch die Sorge gehabt hatte, mich als „Twitterreporter“ eines Qualitätsmediums allzu offen zum VfB bekannt zu haben, entpuppte sich diese Befürchtung relativ rasch als unbegründet. Glaube ich zumindest, ganz sicher bin ich mir nämlich nicht, ob ich diesen Tweet eines Mitlesenden richtig interpretiert habe:

„Es nervt extrem wie parteiisch sie gegenüber dem VfB sind. Boah. Die führen 1-0 und beherrschen das Spiel. @zeitonlinesport

Gegenüber heißt hier schon eher gegen als für, oder? Das redete ich mir auf jeden Fall ein und bemühte mich fortan, etwas weniger gegen den VfB zu sein.

Fiel mir gar nicht so schwer, zumal die Stuttgarter nicht nur weniger begeisternd auftraten, sondern auch den Eindruck machten, jede Unterstützung gebrauchen zu können. Letztlich ging es nicht zuletzt deshalb dann doch ohne externe Hilfe, weil Sven Ulreich phasenweise groß aufspielte. Sicherlich hatte er in der einen oder anderen Situation ein wenig oder auch ein bisschen mehr Glück; mehrfach reagierte er jedoch schlichtweg überragend. Natürlich hätte er Neven Subotics Kopfball kurz vor Schluss kaum ausweichen können – der anschließende, beinahe artistisch anmutende Befreiungsschlag bot indes Anlass zur Legendenbildung. Hätte ich ja nicht gedacht, dass ich Ulreich hernach als den im Vergleich zu Weidenfeller nicht nur reaktionsstärkeren, sondern insgesamt souveräner wirkenden Torhüter bezeichnen würde.

Vermutlich müsste man sich nach diesem Spiel fragen, woran es lag, dass der VfB endlich wieder einmal entschlossen offensiv auftrat und dabei vor allem auch spielerisch zu gefallen wusste. Es ließen sich Überlegungen anstellen, die mit der offensiven Spielweise der Dortmunder zu tun haben, die auch dem noch nicht immer ausgereiften Stuttgarter Angriffsspiel viele Freiräume eröffnete, und auf der anderen Seite mit Götze und Kagawa, die ihre Mannschaft nach vorne führten, was mitunter auf beiden Seiten zu Lasten der defensiven Ordnung ging. Man könnte auch über die taktische Aufstellung philosophieren, über die Offensivleistung der Stuttgarter Außenverteidiger, über Hajnals wiedergefundene Kreativität.

Oder aber man freut sich einfach über ein wunderbares Fußballspiel und nicht zuletzt über zwei Trainer, die ihre Mannschaften bis weit in die zweite Hälfte hinein nach vorne trieben.  Klopp behielt das bis zum Abpfiff bei, Labbadia nahm am Ende doch das Tempo aus dem Spiel und brachte Gentner.

Das meinte ich übrigens mit den platten Pointen.

Meine 18 bis Katar

Wer hier gelegentlich mitliest, weiß möglicherweise, dass ich nicht allzuviel davon halte, wenn jemand meint, die „bessere Mannschaft habe verloren“. Wer mehr Tore erzielt hat, darf bei einer Sportart, deren Ziel darin besteht, genau dies zu tun, in meinen Augen immer als die bessere Mannschaft gelten, eben weil sie dem Ziel des Spiels in höherem Maß gerecht wurde. Kann man drüber diskutieren, ich weiß.

Noch viel weniger halte ich von Begriffen wie „Zufallsmeister“, oder davon, dass eine Mannschaft unverdient in der Bundesliga sei, dort vielleicht gar nicht hingehöre. Wer sich sportlich qualifiziert, gehört dort auch hin. Ohne Wenn und Aber. Nein, nicht ohne Wenn und Aber. Natürlich muss er auch nach den Regeln gespielt haben, darf also keinen Lizenzbetrug oder andere Tricksereien begangen haben.

Und doch, das gebe ich zu, ist da dieser Fußballromantiker in mir. Dem Eintracht Braunschweig deutlich näher steht als die TSG Hoffenheim. Der die 60er gerne wieder oben sähe. Der sich den SV Meppen zurück in die 2. Liga wünscht. Der den 1. FC Magdeburg nicht in der vierten Liga sehen möchte.

Gerade in diesen Wochen des Abstiegskampfes auf allen Ebenen hört man nicht selten die geschichtsbewussten Präferenzen der Fans heraus, wenn sie ihre Wünsche für die kommende Saison formulieren. Der Trainer möchte Wolfsburg nicht mehr oben haben, der Stadtneurotiker zudem auf den VfB verzichten. Jon Dahl, der hier regelmäßig kommentiert, dürfte neben Wolfsburg auch Hoffenheim sowie vermutlich Schalke den Abstieg wünschen, und manch einer beschwört vielleicht die Tradition von Duisburg herauf, die jene von Leverkusen weit in den Schatten stelle. Oder so.

Wenn ich nun einmal für ein paar Minuten unterstelle, das Leben wäre ein Wunschkonzert, und ich könnte mir eine erste Bundesliga nach völlig willkürlichen tendenziell nostalgischen Kriterien zusammenstellen. Oder müsste es sogar, ohne Abstieg, closed shop, festgeschrieben auf 11 Jahre (also bis Katar, weil danach die Fußballwelt ja ohnehin eine ganz andere ist). Wenn ich weiter unterstelle, dass alle Vereine mit sportlich wie finanziell vergleichbaren Voraussetzungen in diese Phase gingen, wenn also beispielsweise Blau-Weiß 90 Berlin nicht von vornherein nur Kanonenfutter für die Bayern und viele andere wäre, dann könnte meine Bundesliga so aussehen:

VfB
Gerade in diesen Wochen wäre es mir besonders wichtig, die Erstklassigkeit auf Dauer zu sichern, gegebenenfalls auch mit einer Lex MV. Zumal man schon diese schönen Schals hat drucken lassen…

Bremen
Äh, irgendwie wird grad die obige Argumentation konterkariert. Egal. Völler. Bratseth. Kutzop. Rufer. Nora Tschirner. Lauter schöne Erinnerungen. Und Frings wird ja auch nicht mehr so lange…

Duisburg
Meiderich. Zebras. Allein schon von den Namen her kann da keiner mithalten. Dann noch Michael Tönnies, 5 Tore gegen den Kahn’schen KSC. Und das Zebrastreifenblog soll erstklassig werden. [Edit: ist es natürlich längst.]

Schalke
War mir nur selten so richtig sympathisch. Spielte aber schon bei Elf Freunde müßt Ihr sein eine tragende Rolle. Der Trikotfarbe wegen. Vielleicht wirklich ein Mythos, wenn ich bloß das Wort besser leiden könnte.

HSV
Ernst Happel. Kevin Keegan. Juve 83, Juve 2000. Und ja, das Wappen hat was. Dino natürlich. Nur die Namenswechsel sind mir ein Dorn im Auge. Ich bleib dann doch beim traditionellen AOL-Arena.

BVB
Das Stadion. Zur Meisterschaft 95 war ich vor Ort und ging wegen eines Mädels nicht ins Stadion. Mannmannmann. Wolfgang Feiersinger. Ich sehe Typen in Nadelstreifen. Kevin Großkreutz.

Leverkusen
Nahezu zeitgleich mit mir in die Bundesliga ein- und danach nie mehr abgestiegen. Europapokal 1988 und 2002. Spielte im 10-Jahres-Vergleich den aus meiner Sicht attraktivsten Fußball. Traditionsverein.

Bochum
Unabsteigbar war ein wunderbares Wort. Gerland. Tenhagen. Woelk. Lameck. Wosz. Edu. Frank Schulz‘ Haarpracht. Faber.

Bayern
Rekordmeister. Abteilung Attacke. Rummenigge (als Spieler). Kobra Wegmann 1988. Roland Wohlfarth. Mic und Mac. Pfaff gegen Saloniki. Pfaff gegen Reinders. Aushängeschild.

Düsseldorf
„Fortuna“ gefällt mir. Die Allofs-Brüder. Hans Krankl 1979. Mein erstes bewusst erlebtes DFB-Pokalfinale 1979: Seel. Pattex. Gerd Zewe. Gefühlt fanden alle Länderspiele der 70er und 80er im Rheinstadion statt.

Braunschweig
Günther Mast. Trikotwerbung. Ronnie Worm, ein früher Lieblingsname. Breitner in der Provinz. Merkhoffer. Franke. Gelb-blau fand ich schick.

Gladbach
Allan Simonsen. Mein erstes TV-Europapokalerlebnis: Gladbach gegen Clemence. Tiger Effenberg. Dahlin und Herrlich. Bökelberg.

Köln
Mochte ich nur in Etappen (ansatzweise), aber sie gehören dazu. Für das Double 78 war ich etwas zu spät dran. Latteks blauer Pullover. Die Krankenhaus-PK.

1860
Die Derbies. Riedl. Wildmoser. Lorant. Pacult (als Spieler). 38000 in der Oberliga. Wenzel Halama, auch ein Lieblingsname. Rudi Völler gegen Düsseldorf. Und vom Hörensagen immer wieder Brunnenmeier.

Rostock
Wichtig für die gesamte Region. Ach was, für den ganzen Osten. Da hängen Existenzen dran.  Erster Tabellenführer 1991/92. Mit Florian Weichert. Am letzten Spieltag Frankfurt geschlagen. Beinlich.

Freiburg
Die hatten 1980 ein Jubiläumsspiel bei meinem Heimatverein. Ich hab noch Autogramme, u.a.  von Wienhold und Löw. Markus Löw. Die großen drei: Golz, Schopenhauer, Finke. Der Kanzler. Decheiver und Cardoso. Dutt.

Nürnberg
Zabo. Hab ich als Kind irgendwo gelesen. Udo Klug. Kargus, Lottermann, Weyerich, Höher, Schmelzer. Aro. Hansi Dorfner. Thomas Brunner. Mintal. Gerland, Sané und Eckstein in Rom.

Kaiserslautern
1998. Ratinho. Kokolores. Betzenberg. 7:4. Toppmöller. Hany Ramzys Verletzung. Wackelkandidat.

Ja, da gibt es Härtefälle. Die Frankfurter Eintracht, zum Beispiel, mit der ich trotz phasenweise großer Bewunderung nie richtig warm wurde. Détári war phänomenal, Bein und Yeboah auch. Zu Bernd Schneiders Zeiten wohnte ich sogar in Frankfurt und ging dennoch nie ins Stadion. Sankt Pauli mag ich, und doch sind sie in meiner Wahrnehmung stärker in der zweiten Liga verankert. Mag am gut gepflegten Underdog-Image liegen. Hertha war nie so mein Verein. Kliemann und Sziedat waren mir als Kind unsympathisch, keine Ahnung wieso, Beer war ok. Vielleicht hatte es ja auch damit zu tun, dass Heini, Matze und die anderen nicht für Sobeks Hertha waren, sondern für die Störche. Hoffenheim hätte ich bis zur Gustavoposse vermutlich Kaiserslautern vorgezogen, weil mir die Arbeit von Dietmar Hopp tatsächlich imponiert. Selbst die von Ralf Ranknick, auch wenn ich ihn nicht mag. Wolfsburg ist seit fast 15 Jahren ununterbrochen in der Bundesliga, hat in jeder Hinsicht vieles probiert, manches ist (vorzüglich) gelungen. Scheitert aber wie Hannover, der niedersächsischen Quote wegen, an Braunschweig. Mainz, klar – beliebt und attraktiv. Bei mir auch, und selbst Andersens Entlassung war alles andere als naiv. Bauchentscheidung. Bielefeld existiert. Das reicht aber nicht, trotz Lienens Oberschenkel und Ali Daei. Union Berlin, der Stadionumbau, all das ist mir sehr sympathisch. Und in der zweiten Liga gut angesiedelt, finde ich. Lok Leipzig klingt unglaublich gut, die Stadt mag ich sehr, meine Neugierde gegenüber dem Konzept Red Bull ist zwar groß, aber dann doch nicht ausreichend. Wenn sich der KFC wieder in Bayer Uerdingen umbenennt, hat er eine Chance. Wegen der 80er. Der KSC hat sich’s bei mir mit dem 0:5 gegen Brøndby versaut. Zwar könnte ich noch eine Weile weitermachen; Härtefälle im engeren Sinn sind Waldhof, Dresden, Unterhaching, Darmstadt und all die anderen wohl eher nicht. Außer Cottbus.

Willkürlich? Ja. Inkonsequent? Ja. Widersprüchlich? Vielleicht. Ungerecht? Ganz bestimmt.

Mach’s anders!

Klostrabacher Alpirs… (II)

Die Fußballbloggertreffenstädtereise ging weiter. Von München aus führte mein Weg direkt nach Berlin, wo ich im Auftrag des Berliner Kurier den werten Kollegen @bunkinho unterstützen sollte, den Klassenerhalt des FC Union endgültig zu sichern. Oder so ähnlich.

Von vorne: Nachdem bei meinem ersten Treffen mit dem geschätzten Herrn @saumselig vom Textilvergehen (damals noch ohne schicke Visitenkarte) ein besonderes Highlight den anschließenden beruflichen Termin ein wenig erschwert hatte, meinten es sowohl der eigene Terminplan als auch ILOG diesmal deutlich besser: ich hatte Zeit, und Union ein Heimspiel.

Noch dazu war das Wetter gut, sodass einer Spielvorbereitung zu Wasser nichts im Wege stand – @saumselig hatte für mich einen Platz auf einem der Boote ergattert, die ganz Union, ein paar Bielefelder und eben mich nach Köpenick schipperten. „Ganz Union“ umfasste für mich, neben vielen anderen singenden Menschen, ganz konkret die mitreisenden @rüpel und @hoenower sowie @rudelbildung, @bunkinho und @NuSajaz auf den anderen Booten, während ich mit dem verhinderten @spielbeobachter, mit @keanofcu und der nicht zwingend Union zuzurechnenden @Maria_Berlin immerhin in der gleichen Stadt, später gar im selben Stadion war und per Twitter austauschte.

Genau. Das Stadion. Hatte für mich etwas sehr viel Amateurhaftes. Also was zum Liebhaben, meine ich. Wie bereits angedeutet, hatte mir die Sportredaktion des Berliner Kurier einen Pressezugang ermöglicht, sodass ich mich recht frei im Stadion bewegen und mir alles -unter kundiger Führung von @saumselig- ganz genau ansehen konnte – natürlich das Stadionbauerdenkmal, die Anzeigetafel, den, hm, ungewöhnlichen Spielertunnel, die ebenso ungewöhnliche Mixed Zone, undsoweiterundsoweiter. War schön.

Vielleicht sollte ich zwischendurch erwähnen, dass ich Berichten über „etwas andere“ oder auch Kultvereine durchaus zurückhaltend gegenüber stehe und auch Bezeichnungen wie „Magischer FC“ oder „1. FC Wundervoll“ eher reserviert zur Kenntnis nehme, egal ob man dort im Training Schopenhauer zitiert, eine explizit politische Fanszene hat oder eben sein Stadion selbst baut. Nicht dass ich die jeweiligen Leistungen klein reden wollte, weit entfernt – letztlich müssen sich jedoch auch diese Vereine im sportlichen Wettbewerb beweisen. Mag sein, dass sie auch mit Misserfolg anders umgehen – völlig abnabeln von sportlichen Kriterien können sie sich gleichwohl nicht. Holger Stanislawski hat sich in den letzten Monaten, soweit ich das verfolgen konnte, mehrfach in diese Richtung geäußert, Jürgen Klopp und Thomas Tuchel haben nach meinem Verständnis deutlich gemacht, dass es nicht reicht, ein Karnevalsverein zu sein, und auch Uwe Neuhaus lässt sich am sportlichen Erfolg messen.

Nach diesem kurzen Exkurs stelle ich gleichwohl fest, dass mir die Stimmung und das Drumherum in der Arena im Stadion an der Alten Försterei verdammt gut gefallen haben. Ganz besonders hat es mir ein Fangesang angetan, der zu den großartigsten zählt, die ich in den letzten Jahren gehört habe. Sicher, es mag auch ein Verdienst der Union-Anhänger sein, dass „Du bist der beste Mann“ aus der betulichen Ecke von „Good Night Ladies“ oder „Rucki Zucki“ herausgeholt und mit Hilfe von Hartmut Torsten Mattuschka dem schmissigeren Frankie Valli zugeführt wurde; vor allem aber haben sie mich mit ihrer Ode an den Verein im Hardchorus-Stil mächtig beeindruckt:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=NWby6GBPRvY]

Wie das Spiel war? Naja, so wie’s im zugehörigen Texttonvergehen gesagt wird: Ich habe schon bessere Konter gesehen. Union gewann 3:0 und sicherte so endgültig den Klassenerhalt. Mit etwas mehr Struktur in den Kontern hätte man das Spiel sicherlich noch früher noch klarer entscheiden können. Brunnemann war stark, die Mitte mit Peitz und Younga-Mouhani drängte sich als Alternative zu Schweinsteiger – Khedira auf, Menz steigerte sich, Dogans Freistoß gefiel.

Um mich an Mattuschkas Laufstil zu gewöhnen, brauche ich wohl noch ein paar Tage, aber die 7 Spiele bis zum Finale sollten reichen.

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Herzlichen Dank an @saumselig, @rudelbildung und @bunkinho – ich freu mich auf ein nächstes Mal, möglichst auch dann ohne chinesisches Essen.

Wir spielbeobachtenden Wanderer zwischen den textilen Welten in Berlin und der ganze Rest.

Ich habe keine Ahnung, wie es dazu kommen konnte:
Union Berlin ist in meinem Feedreader überrepräsentiert.
Bei den Followern (Friends, Followees, wie auch immer) auch.

Aber hey, das ist ok:
Die sind aufgestiegen, und es ist seit Monaten ein Vergnügen, sie dabei zu verfolgen. Die Mannschaft auch, klar, aber insbesondere die, die hauptsächlich, gelegentlich , regelmäßig oder auch fast ausschließlich darüber mikro- und bloggen.

In jüngster Zeit haben sie sich beispielsweise mit Union im europäischen Vergleich (nicht vergessen, übrigens: die nächste Radarrunde läuft) befasst, mit dem langen Warten auf den Aufstieg, zwischendurch mit pokalbedingten Ost-West-Fragen, und endlich auch, wunderbar unaufgeregt, mit dem Aufstieg.

Als wäre das alles nicht genug, schreibt ein selbst ernannter Eventfan ganz großartig über die Bedeutung der Alten Försterei, und ein Real Life Freund schwärmt stundenlang von seiner Unterhaltung mit dem dortigen Platzwart.

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