WM-Trends 2014: Der Libero

Ja, der Libero hat einen Trend gesetzt. So einen kleinen zumindest. Mit seinem Blogstöckchen do Brasil. Und weil er mich so nett gefragt hat, mache ich auch gerne mit.

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Mein erstes bewusstes WM-Erlebnis war?

Deutschland-Tunesien am 10. Juni 1978. Und den Termin musste ich nicht einmal nachschlagen. Meine Eltern heirateten. Ja, offensichtlich hatten sie in Sünde gelebt. Muss ich mir auch immer wieder vor Augen führen.

Im Nebenzimmer lief das besagte Spiel, ein Grottenkick, der in einem angemessenen 0:0 endete, ich sprang immer wieder hin und her. Rummenigge schoss relativ knapp (aber ungefährlich) daneben, mir entfuhr ein kurzer Ausruf, den ich nicht mehr genauer bezeichnen kann, und die Umsitzenden ließen den kleinen Steppke wissen, dass der Rummenigge mit seinen roten Bäckchen doch gar nichts könne, oder, ganz konkret: „Ach, Bub, der Rummenigge ist doch ein Blindgänger.” Da hat er, sportlich betrachtet, auch nicht so ganz recht behalten.

78 verfolgte ich gleichwohl noch eher kursorisch, verstand weder vom Modus noch vom Spiel selbst besonders viel. 1982 war das dann etwas besser, und noch heute kann man mich nachts um vier wecken, um mich einen Elfmeter schießen Ole España singen zu lassen.

 

Mit welcher WM-Legende würde ich gern einmal Doppelpass spielen?

Puh, Legenden. Mit einem von denen, die ich selbst nicht mehr in ihrer Blütezeit spielen sah, weil ich genau das dann könnte: ihnen zusehen. Oder sieht der Deal gar keine Zeitreise vor? Falls doch: Beckenbauer vor allem, und Cruijff. Auch Eusébio. Pelé a priori nicht einmal so sehr, vermutlich würde er mich aber vom Gegenteil überzeugen. Zidane sowieso, aber klar: beim Doppelpass läuft es immer wieder auf Beckenbauer hinaus. Kleines dickes Kamke.

Oder sprechen wir vom verbalen Doppelpass abseits des Platzes? Dann nehme ich, Sprachbarrieren in pfingstlicher Stimmung ignorierend, zeitreisend, nicht zwingend bis in seine sportliche Blütezeit, Sócrates, eine faszinierende Gestalt. Oder, dann vermutlich etwas kürzer, Ronaldo, um ihn zu fragen, was da wirklich los war anno 1998.

 

Welchem TV-Kommentator werde ich bei der WM gerne zuhören?

Gerd Gottlob und Oliver Schmidt fallen mir als erste ein. Weil sie als Kommentatoren das verkörpern, was man sich, klassisch, von Schiedsrichtern verspricht: sie fallen nicht auf. Und das ist doch viel mehr als das, was von den meisten anderen zu erwarten sein wird. Das andere Ende der Skala braucht an dieser Stelle nicht weiter thematisiert zu werden.

Nachtrag: Mir war nicht bewusst gewesen, vielleicht hatte ich es vergessen oder er seine Herangehensweise verändert, dass sich Gerd Gottlob nicht entblödet, als Kommentator eines Spiels der deutschen Mannschaft regelmäßig in der Wir-Form zu sprechen, im Sinne von (fiktiv): „Da haben wir aber dem Gegner zu viel Raum gelassen.“ Vor diesem Hintergrund ziehe ich meine Aussage zurück. Nein, ich höre ihm nicht gerne zu.

 

Die Iren haben sich für die WM am Zuckerhut leider nicht qualifiziert. Welchem weiteren Land drücke ich neben Jogis Jungs als »Zweitteam« die Daumen?

In der Gruppenphase gibt’s einige Zweit-, Dritt- oder auch Viertteams, einfach weil ich zum Beispiel lieber Chile als die Niederlande, lieber Südkorea als Russland oder auch lieber Klinsmanns USA als Portugal oder Ghana im Achtelfinale sähe.

Genereller betrachtet, hat mein Faible für die Franzosen chronische Züge, auch wenn es zwischenzeitlich auf harte Proben gestellt wurde und phasenweise zur Hassliebe mutierte, und dann natürlich Belgien, ewige Lieblinge seit Pfaff, Ceulemans (nicht Raymond) , Vanderelsteyckenbergh, van Moer, später Scifo. Und ja, irgendwie scho au die bereits genannten Südkoreaner. Können die eigentlich auf Italien treffen?

 

Zu Jogis Jungs: Meine beiden Lieblingskicker aus dem deutschen Kader sind?

Großkreutz. Seine, ja, Hingabe beeindruckt mich. Hatte ich hier auch schon das eine oder andere Mal thematisiert, dass ich ihn schätze und ihm manches (vermutlich mehr als anderen) verzeihe, auch (gerade?) abseits des Platzes. Rein sportlich gibt’s natürlich ne Menge Kandidaten. Müller und Özil in sehr hohem Maße, Khedira nicht nur aus lokalpatriotischem Antrieb.

Wenn ich mich aber entscheiden müsste, sagen wir für zwei Spieler, ihrer sportlichen Fähigkeiten wegen, dann für Lahm, der so unsagbar gut ist,

und für Götze, der so unsagbar gut ist, es aber noch nicht so oft zeigt, wie er könnte.

 

Wie weit kommen Jogis Jungs?

Ganz nach oben.

Klar ist da der Wunsch Vater des Gedanken. Der unmittelbare, klar, aber auch jener mittelbare, dass Herr Löw am 13. Juli eine ganz große Runde „in your face“ ausgeben können möge. Was er so vermutlich nicht täte.

 

(Wenn nicht Jogis Jungs:) Wer wird am 13.07.2014 im Maracanã Weltmeister?

Ich kann mir gar nicht recht erklären, wieso ich bei dieser Frage nie an Argentinien denke, obwohl ich doch zu glauben weiß, wie stark sie sind. Und doch lande ich immer bei Brasilien, halbherzig, und vor allem bei Italien, auf die ich mich, müsste ich mich entscheiden, wohl festlegen würde, noch vor Spanien. Ach, und Belgien. Einen aus dem offen geheimsten Favoritenkreis Belgien, Chile, Kolumbien muss man wohl nennen.

Wobei so ein geschlechterübergreifendes japanisches Double schon was hätte.

Überraschung auf der Mittagsspitze

(Damüls, 25.12. 2013.) Am ersten Weihnachtsfeiertag wartete Bundestrainer Kamke mit einer Überraschung auf, die das Attribut „faustdick“ wahrlich verdiente. Im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz stellte er auf der Damülser Mittagsspitze, deren symbolische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ohne dass Kamke näher darauf eingegangen wäre, ungewöhnlich früh seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor.

„Der mediale Druck, der mit zunehmender Nähe zum FIFA-Benennungstermin aufgebaut wird, ist schwer zu ertragen und letztlich unmenschlich. Deshalb kam ich gemeinsam mit meinem Kompetenzteam zu dem Schluss, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen und den Kader bereits heute zu nominieren,“ erläuterte Kamke, der mit diesem bemerkenswerten Vorgehen seinerseits einen gewissen Druck auf die anderen 31* Nationaltrainer ausübt, gleichzeitig aber betonte, dass man im Verletzungsfall „natürlich noch was machen“ könne.

Der Bundestrainer informierte zudem über sein innovatives Auswahlsystem, das auf dem gleichermaßen intensiven wie formal strikten Austausch mit etwa 25 Ratgebern beruht, denen Kamke sein vollstes Vertrauen aussprach. Im Ergebnis änderte sich trotz des neuartigen Ausleseprozesses zumindest insofern nichts, als auch für 2014 das eine oder andere Aha-Erlebnis bei der Kaderzusammensetzung herauskam, sowohl bei den Mitfahrern als auch bei den Daheimbleibenden.

Der aus Sicht der Redaktion sehr ausgewogene Kader setzt einige deutliche Fragezeichen. Insbesondere auf der Torhüterposition betreibt man ein gefährliches Spiel, nachdem zunächst Manuel Neuer (wie übrigens weiter vorne auch Mario Gomez) lediglich en passant und keineswegs explizit genannt wurde, ehe Marc-André ter Stegen, der vermeintlich dritte, dann unter Umständen sogar zweite Mann, in letzter Sekunde Zeile herausgestrichen wurde. Hier dürfte Kamke noch nachbessern (müssen), will er sich nicht allein auf den unerfahrenen Weidenfeller verlassen.

Auch in der Abwehr fehlen einige Namen, fehlt insbesondere ein linker Verteidiger. Kamke ließ sich diesbezüglich zu keinen konkretisierenden Äußerungen bewegen, sodass unter Experten drei Theorien kursieren: entweder wolle der Bundestrainer die in Dortmund bereits erfolgreich praktizierte Dreierkette einführen und sich keinen vierten Mann schnitzen, oder er verlasse sich schlichtweg auf den Umstand, dass in einem Kader mit den Herren Lahm und Großkreutz jede Position von vornherein doppelt besetzt sei. Theorie Nummer drei klingt eher abwegig und lässt sich auch nur schwer in Worte fassen, ließe sich aber möglicherweise mit „Westermann“ umschreiben.

Im Mittelfeld tauchen nicht nur die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht auf, sondern unter anderem auch Draxler und die Benders sowie, für den einen oder die andere vielleicht ein bisschen überraschend, Kroos und Özil. Kamkes Beratungsgremium hatte ihn von einer etwas anderen Schwerpunktsetzung und insbesondere Altersstruktur überzeugt, die gerade bei einer Weltmeisterschaft den Unterschied ausmachen kann. Anstelle der jungen Leute, die die Fußballwelt verzaubern, aber immer noch nichts gewonnen haben, entschied sich der Bundestrainer neben einem kleinen Bayern-Block (nur eben ohne den als Turniernörgler verschrieenen Kroos) für die alten Fahrensmänner Fabian Boll, Torsten Mattuschka und Mehmet Scholl.

Ganz vorne setzt Kamke ein Zeichen. Entgegen dem Trend, die Spitze auszudünnen, nominierte er erstmals sieben Angreifer – ein Wert, den selbst Erich Ribbeck nicht erreichte. Naturgemäß fehlt angesichts dieser Zahl keiner der üblichen Verdächtigen. Klose ist auf der Liste, Gomez (mit Fragezeichen, vgl. Neuer), auch Kruse und natürlich Kießling, der sich aus Sicht des Beratungsgremiums allerdings etwas verkriechen werde. Eher überraschend sind indes die Nominierungen der Nachwuchsstürmer Volland und Werner, denen nicht nur Kamke selbst eine bemerkenswerte Rolle zutraut, während die Entscheidung für Jürgen Klinsmann unter den urbanen Mythos die Rubrik „Schwächung des Gegners“ fallen dürfte.

Der ungewöhnlichste Aspekt, neben dem frühen Zeitpunkt, war sicherlich die Entscheidung, nicht nur den Spielerkader zu benennen, sondern darüber hinaus auch gleich zwei Schiedsrichter an die FIFA zu melden – auch dies ein möglicherweise beispielloses Vorgehen, das „nicht mit dem fußballkulturellen Code in Einklang zu bringen“ sei, so Kamke, der diesen Begriff wohl irgendwo aufgeschnappt, ihn aber außerhalb des passenden Kontextes verwendet haben dürfte. Er meinte wohl eher das FIFA-Regelwerk, und in der Tat bleibt abzuwarten, ob tatsächlich die Herren Dr. Brych und Stark an den Zuckerhut reisen werden.

Abschließend dankte der Bundestrainer seinem Kompetenzeam für die kreativ-disziplinierte Mitwirkung, „die mit dem Begriff ‚Zuarbeit‘ gewiss nicht angemessen gewürdigt wäre. Vielmehr ist durch die Vielfalt der Beiträge ein Gesamtbild entstanden, das meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat und das einzig und allein dem Fachwissen und der Originalität meiner Ratgeberinnen und Ratgeber zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen gerührt.

Der Kader im Überblick:

Tor:
Weidenfeller, (Neuer),  ter Stegen

Abwehr:
Boateng, Großkreutz, Hummels, Lahm, Mertesacker, Westermann,

Mittelfeld:
Boll, Götze, Mattuschka, Müller, Reus, Scholl, Schweinsteiger,

Sturm:
Kießling, Klinsmann, Klose, Kruse, Volland, Werner, (Gomez)

Schiedsrichter:
Dr. Brych, Stark

* Wir bitten angesichts der sprichwörtlichen heißen Nadel, mit der der obige Text gestrickt wurde, um Nachsicht für den Fehler, der sich eingeschlichen hat, den wir aber der Authentizität halber unverändert belassen wollen. Tatsächlich handelt es sich nicht um 31 andere Bundestrainer, sondern um 31 Millionen.

drei/zwanzigdreizehn

Er deutet Räume und hat dünne Beine,
jeder weiß, welchen Pähler ich meine,
zwanzig Minuten zu wenig
für einen Torschützenkönig,
das nächste Turnier wird wieder das seine.

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Sagt ein Blogger aus Wiesbaden Wehen:
“Zur WM soll von ‘uns’ keiner gehen!” –
er verleugnet sein Team.
Noch skurriler bei ihm:
Er bloggt stets und ausschließlich im Stehen.

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

#echtehelden

Mal angenommen, der Torwart der zum gegenwärtigen Zeitpunkt vermutlich besten und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch selbstbewusstesten Mannschaft der Welt kassiert bei einer 3:0-Führung ein Gegentor, dem man mit einer Kategorisierung als „Ehrentreffer“ nach Lage der Dinge nicht unrecht täte. Nehmen wir weiter an, dieser Torwart springt dann mit bemerkenswerter Dynamik nach dem durch das Tor kullernden Ball, um ihn auf keinen Fall dem halbherzig heraneilenden trabenden gegnerischen Angreifer zu überlassen, und fragen uns dann, wie wir das interpretieren sollen.

Ist dieser Torwart einfach nur extrem professionell, quasi ein Führungsspieler, der dem Gegner signalisiert, dass man nicht bereit ist, ihn gewähren zu lassen, ein Leader, der den Mitspielern signalisiert, sich mit dem nötigen Ernst zu wehren? Handelt es sich vielleicht um ein Männlichkeitsritual, eine Reviermarkierung, nach dem Motto: „Ich allein entscheide, wann der Ball mein Tor verlässt“?

Oder ist der Torwart vielleicht überhaupt erst derjenige, der dem Gegner unwillentlich deutlich macht, dass er noch nicht verloren hat oder gar ist, vermittelt er mit seinem im Grunde (und in jedem anderen Fall sich nach einem Gegentor auf den Ball hechtender Torleute) lächerlichen Ball- und Zeitgewinn jenen Anflug eines Zitterns, das der kurz zuvor noch am Debakel schnuppernde Gegner erst als Indiz für eine möglicherweise verbliebene Restchance versteht und das den wankelmütigen Mitspieler in seinem bis dato kaum wahrnehmbaren Zweifel bestärkt?

Nein, nein, ich vertrete nicht ernsthaft die Ansicht, Manuel Neuer sei tatsächlich derjenige, der dem VfB mit seiner zur Schau getragenen Balleroberung im DFB-Pokalfinale wieder Leben eingehaucht habe, und auch nicht, dass seine Mitspieler dieses Zeichen irgendwie gebraucht hätten. Ich finde die Aktion nur bemerkenswert. Ist das ein Reflex? Einfach eine Angewohnheit, sozusagen als Antithese zu dem jugendlichen Helden in Brian Glanvilles „Der Torwart ist eben etwas Besonderes“ (einem Buch, das möglicherweise zurecht niemand kennen dürfte, das ich aber, wie das bei jungen Lesern halt so ist, seit vielen Jahren im Herzen Hinterkopf trage), der sich nach allen Regeln der Kunst vor der Schmach zu drücken sucht, einen Ball aus dem Tornetz holen zu müssen?

Wie auch immer: die Stuttgarter kamen in der Tat zurück, vermutlich neuerunabhängig, und in den Schlussminuten waren sie, nachdem ihr mutiger, zielstrebiger und auch, man höre und staune, meines Erachtens taktisch sehr guter Auftritt der ersten 35 Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit innerhalb weniger Minuten durch zwei ungeschickt verteidigte (wenn auch gut vorgetragene) Aktionen der Bayern vermeintlich wertlos geworden war, recht nah dran, zu Helden zu werden.

Ok, meine Wortwahl wäre das wohl nicht, aber wie ich trotz urlaubsbedingter Medienabstinenz zwischenzeitlich erfuhr, hatte sich das Hashtag #heldenwerden allem Anschein nach zumindest bei Twitter durchgesetzt. Eine Art Motto also, das zwar nicht ganz so schwülstig daherkommt wie die Dortmunder #echteliebe, aber gebraucht hätt’s so was meines Erachtens dann auch nicht. Vielleicht könnte man sich ja zusammentun und im Gedenken an die Erste Allgemeine Verunsicherung #echtehelden intonieren. Da wie dort wie dort gilt: Geschmackssache.

Dass der VfB noch einmal aufkommen konnte, lag naturgemäß in erster Linie an der Münchner Überheblichkeit. Den Gedanken, man könne angesichts der deutlichen Führung seinen Torgaranten auswechseln und die, äh, zweite Reihe ausprobieren, hätte ich gerne noch ein wenig härter bestraft gesehen. Daneben möchte ich, bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Zeilen, Bruno Labbadia ein Lob zollen, und das auch noch doppelt: Okazaki brachte (für mich recht überraschend) tatsächlich nicht nur den viel zitierten frischen Wind, sondern auch Gefahr: seine Beteiligung am Anschlusstreffer kam nicht von ungefähr.

Und dass Gotoku Sakai tatsächlich flanken kann, wenn er mal auf links ran darf, wussten wir zwar alle seit der Vorsaison; umso schöner, dass es nun auch dem Trainer zugetragen wurde – und dass er dem Rechnung trug. Bezeichnend dann allerdings auch Sakais Ecke von rechts. Mit rechts. Ins Toraus. Kurz vor Schluss. Im Pokalfinale.

Abseits rein sportlicher Aspekte haben mir die Finalspiele der letzten beiden Samstage eines ungewohnt deutlich vor Augen geführt: Siegerehrungen sind eine großartige Sache!

Nun mag der eine oder die andere entgegnen, dass dem nur so sei, wenn man die siegreiche Mannschaft unterstütze, oder auch, dass dem nicht einmal dann so sei und dass ich ohnehin ziemliche Sülze von mir gebe. Dem kann ich insofern zustimmen, als ich selbst auch kein großes Vergnügen aus der Übertragung von Siegerehrungen ziehe. Eigentlich. Sie haben aber einen sehr angenehmen Nebeneffekt: jene halbe Stunde, die vom Abpfiff bis zum Ende der Siegerehrung gut und gerne vergeht, gibt allen Beteiligten genügend Zeit, ihr Mütchen ein wenig zu kühlen und dann mit der nötigen Souveränität die Nachberichterstattung anzugehen.

Erstes bemerkenswertes Beispiel war für mich in dieser Hinsicht Roman Weidenfeller (die geneigte Leserin weiß vielleicht, dass ich nicht zum engeren Zirkel der Weidenfeller-Sympathisanten zähle) nach dem Champions-League-Finale, und Jürgen Klopp stand ihm darin kaum nach. Völlig überraschend gelang es in der Woche darauf auch einem Protagonisten der hiesigen Abteilung Attacke, Fredi Bobic, dem siegreichen Gegner souverän zu gratulieren und gleichzeitig die starke Leistung der eigenen Mannschaft zu würdigen, dabei sogar ein paar kleine Spitzen zu setzen, ohne aber seinen Freund, den Dampfhammer, auszupacken. Chapeau.

Letztlich waren nach dem Pokalfinale, etwas überraschend, die Siegerinterviews kontroverser, zumindest teilweise. Selbst Philipp Lahm machte zwischen den obligatorischen Streicheleinheiten für seine Frisur dem Interviewpartner erstaunlich deutlich deutlich, dass er keine Lust hatte, sich mit dessen kritischer Analyse zu befassen – wofür ich eine Menge Verständnis habe. Interessant auch, wie scharf Arjen Robben nach wie vor reagiert, wenn er auf die Pfiffe zu Saisonbeginn angesprochen wird. Auch diese offenbar recht tief sitzende Verletztheit verstehe ich sehr gut, obschon ich mir nicht sicher bin, ob es nötig war, den Fans so deutlich ins Stammbuch zu schreiben, dass letztlich nur die Leute für ihn zählen, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitet.

Völliges Unverständnis hat indes Karl-Heinz Rummenigges Versuch bei mir ausgelöst, seine hinlänglich dokumentierte 1,8-Promille-Aussage als fehlinterpretiert darzustellen. Kürzlich hatte ich, übrigens auch hier im Einklang mit dem ungewohnt milden (präsidialen?) Fredi Bobic, bereits geschrieben, dass mich jener Satz eher kalt gelassen hat. Rummenigge war im Überschwang, er wollte die Gäste ein bisschen animieren, seine rhetorische Brillanz tat das Übrige, da kommt dann halt auch mal so was raus. Mir recht egal.

Dass er dann aber nicht in der Lage ist, eine Woche später etwas zu sagen wie „Mei, da hab ich mich in meiner Begeisterung ein wenig vergaloppiert, es war halt ein Spruch, nehmen Sie das doch nicht so ernst„, oder meinetwegen auch nur „Ach, jetzt brauchen wir doch nicht die Sprüche von letzter Woche rauskramen„, oder, mein persönlicher Favorit, „Wieso? Wir haben doch Wort gehalten!„, sondern dass er stattdessen ernsthaft versucht, die Zuhörer der Fehlinterpretation zu bezichtigen, empfinde ich als ein wenig beschämend. Ich bitte zu Protokoll zu nehmen, dass ich mir in diesem Moment gewünscht hätte, Franz Beckenbauer an seiner statt am Mikrofon zu sehen.

Zurück zum Spiel? Ach, eher nicht. Es ist alles gesagt. Der VfB stellte sich geschickt an, begann gut, schwächelte dann ein wenig, drohte kurz unterzugehen, rappelte sich auf, brachte die Bayern in Verlegenheit, verlor aber, und ging erhobenen Hauptes vom Feld. Bzw. er tat es nicht, der Enttäuschung wegen, hätte es aber tun können.

Genug. Sähe man sich die gängigen Statistiken an, dürften recht deutliche Ballbesitz-, Ecken- und bestimmt auch Foulwerte zu verzeichnen sein; einzelne weniger weit verbreitete Zahlen finden sich nachfolgend:

Gesprächsminuten mit Manuel Gräfe
1. Bastian Schweinsteiger 31
2. Thorsten Schiffner 12
3. Guido Kleve 11
Mit grimmiger Miene verbrachte Spielminuten
1. Martin Harnik 90
2. Matthias Sammer 55
3. Mario Gomez 29
Direkte Zuspiele zum Gegner
1. Vedad Ibisevic 12 (95 %)
2. Bastian Schweinsteiger 11 (9,5 %)
3. Sven Ulreich 10 (49,5 %)
(Produktive) Kabinettstückchen mit Ball (Gefühlt.)
1. Thomas Müller 7
2. Alexandru Maxim 6
3. Andere 2
Elfmeterreife Vergehen
1. Serdar Tasci 1
2. Ibrahima Traoré 0
3. Jérôme Boateng 0

 

Da Roppn spielt an Seich!

Mir doch egal, wer da gewinnt, dachte ich. Ein schönes Spiel soll’s halt werden, dachte ich. Gerne vier zu drei oder so, dachte ich, ohne Elfmeterschießen, versteht sich.

Und gleichzeitig wusste ich, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Irgendein herkunftsloses Gefühl, das mir sagen würde, welcher Mannschaft ich die Tore gönne und welcher nicht. Bis vor ein paar Jahren hätte sich die Frage im Grunde nicht gestellt. Zu sehr konnte ich Dortmund so gar nicht leiden, zu groß war im Vergleich dazu meine Grundsympathie für die Bayern. Das hatte sich in den letzten Jahren geändert, dem Dortmunder Fußball sei Dank, dem Dortmunder Trainer sei Dank, und noch vor einem Jahr hätte ich den Sieg wohl ohne lang zu überlegen den Gelben gegönnt.

Nun indes, nach den jüngeren Münchner Entwicklungen, wusste ich schlichtweg nicht, was ich wollte. Wie bereits gesagt. Ein schönes Spiel sollt’s halt werden, gerne vier zu drei oder so, ohne Elfmeterschießen, versteht sich. Aber ich wusste ja, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Nur: dieser Strich war ein ganz anderer als der, den ich erwartet hatte.

Er war mir zu, wie soll ich sagen, destruktiv. Oder, positiver: mitfühlend. Jedes 4:3 oder 3:4 oder meinetwegen auch 4:4, dann halt doch noch mit Elfmeterschießen, setzt voraus, dass irgendwann einer in Führung geht. Dumm nur: ich wollte das nicht.

Jenes irgendwas, das mir sonst im Grunde bei jedem Spiel, und sei es irgendein Kreisklassenkick, den ich eher zufällig zu sehen bekomme, unmissverständlich signalisiert, wessen Tore gut und wessen Tore böse sind, verweigerte mir am Samstag die Kooperation. Egal wer eine Chance hatte, an deren Entstehung ich mich erfreute: das Irgendwas sagte: „Nein. Bitte kein Tor jetzt!“

Dass es zunächst in erster Linie Dortmunder Tore verhinderte, lag in der Natur der Sache dieses Spiels. Der Druck, den sie auf die Bayern ausübten, beeindruckte mich im selben Maße wie mich deren Unfähigkeit, sich davon zu befreien, entsetzte. Ich war begeistert von ihren Ballgewinnen, von der Rasanz und Stringenz, mit der sie dann in Richtung Neuer eilten – um sogleich den Torerfolg, den Rückstand für die Bayern zu fürchten.

Als rot dann irgendwann mitspielte, ergab sich dasselbe in grün. Gelb. Wie auch immer. Tolle Flanke von links, Mandzukic macht alles richtig, mal wieder, aber der Ball soll doch bitte nicht rein! Oder Robben gegen Weidenfeller, den ich nun wirklich nicht leiden mag, und dem ich wohl nie mehr so sehr wie am Samstag wünschen werde, Auge in Auge mit dem Stürmer siegreich zu bleiben, von mir aus auch einfach angeschossen zu werden.

Später dann dieser laut vernehmliche Zungenschnalzer ob Ribérys Zuspiel auf Robben und die gleich folgende Erleichterung, dass jener ihn nicht so ideal mitgenommen hat. Um dann doch noch die Kurve zu bekommen, und siehe da (Mist!): der Führungstreffer! Jetzt aber los, Ihr Gelben, gleicht aus, flott, flott!

Hat dann ja auch geklappt. Was die Bayern, die längst Herr im Hause waren, aber was heißt das schon in einem Champions-League-Finale, ein wenig wütend und vor allem noch entschlossener werden ließ. Als dann jedoch selbst Müller vor dem leeren Tor in ungeahnter Halbherzigkeit nicht recht zu wissen schien, ob er den Ball selbst über die Linie schieben oder doch lieber den Kollegen Robben anspielen soll, war ich fast geneigt, daran zu glauben, dass mein Irgendwas irgendwo erhört worden sei und man sich im Morgengrauen auf ein Unentschieden einigen werde.

Dies (also unmittelbar nach Müllers Chance und Subotics Rettungstat) war übrigens auch der Moment, in dem ich die Beherrschung verlor. Lange genug hatte ich, und nicht nur ich, schweigend über mich ergehen lassen, wie ein glühender Bayernfan, der zufällig am Nachbartisch saß und sich offensichtlich bereit erklärt hatte, für den kleinen, heterogenen und völlig zufällig zusammengewürfelten Haufen, der keine andere Wahl gehabt hatte, als sich vor dieser Leinwand zu versammeln, den Steffen Simon zu geben, den Steffen Simon gab. Oder irgendwas Ähnliches.

Von der ersten Minute an beschimpfte er seine Bayern, selten aggressiv, meist eher resigniert, was man noch recht belustigt hätte zur Kenntnis nehmen können, zumal das bairische Idiom die Kanten ein wenig abrundete. Bitter war indes sein zur Schau getragener Pessimismus, der sich meist so ausdrückte, dass das Eindringen der Dortmunder in das Münchner Verteidigungsdrittel – und sie waren häufig dort – in schöner Regelmäßigkeit von einem prophetisch überzeugenden „1:0. Jetzt ist es soweit!“ in vielfältigen Variationen begleitet wurde; auf das unvermeidliche „Da schau hi!“, das jede einzelne Unachtsamkeit der Bayern nach sich zog – und es gab nicht so wenige davon – will ich gar nicht weiter eingehen.

Einen besonders schweren Stand hatten, nun ja, im Grunde alle, aber noch besonderer war es bei Schweinsteiger und beim Roppn, wenn ich ihn recht verstanden habe. Ein Schelm übrigens, der einen Bezug zum Vorjahr herstellt. Beim Roppn war nach seinen vergebenen Chancen schon früh Hopfen und Malz verloren. Da ich dies beim Kommentator ähnlich empfand, sparte ich mir auch den vorsichtigen Hinweis, es komme möglicherweise nicht von ungefähr, dass gerade Robben derjenige sei, der mit wenigen Ausnahmen überhaupt in torgefährliche Situationen komme. Vergeben Liebesmüh, sagte ich mir. Noch.

Als dann also Müller den Ball nicht ins leere Tor geschoben, sondern irgendwohin in das (geometrisch womöglich nicht ganz saubere, wohl aber gefühlte) Dreieck Torlinie-Robben-Subotic gepustet hatte, und als Robben dann erst Sekundenbruchteile nach Subotic am Ort des Geschehens war, und als man sich zugegebenermaßen überlegen konnte, ob, sagen wir, Ulf Kirsten an Robbens Stelle möglicherweise einen Tick energischer herangerauscht und samt Ball und Subotic ins Tor gerutscht wäre, und als unser Kommentator, außer sich vor irgendeinem schwer zu definierenden Gefühl, seine Zuhörer zum wiederholten Male wissen ließ, was der Roppn doch für an Seich spiele, konnte ich nicht anders, als ansatzweise energisch darauf hinzuweisen, dass der Müller halt einfach den Ball ins Tor schießen solle, dann müsse man sich nicht über den Roppn echauffieren. (Gleichzeitig dankte ich Müller im Stillen dafür, dass er es nicht getan hatte – es schien absehbar, dass Dortmund nach einem Rückstand eher nicht mehr ins Spiel zurück finden würde.)

Die gemurmelte, nicht zustimmende Reaktion verfing sich ein wenig in seinem Schnauzer, seine Frau, der zuvor nicht verborgen geblieben war, wie ich gelegentlich die Augen verdrehte, raunte ihm etwas zu, und ich bilde mir zumindest ein, dass es danach wesentlich besser war. Was natürlich auch ein bisschen daran liegen mag, dass seine Mannschaft halt auch wesentlich besser war. So gut, dass irgendwas in mir mittlerweile fast soweit war, einen etwaigen Münchner Treffer zu begrüßen. Fast. Tatsächlich freute ich mich noch in der 85. Minute gemeinsam mit meinem Sitznachbarn, dass die Verlängerung nun doch in greifbarer Nähe war. Tja.

Und dann kam der Moment, dessentwegen ich Abbitte leisten musste. Bei Jupp Heynckes. Ich weiß nicht, wie oft ich im Lauf der zweiten Halbzeit den Kopf geschüttelt hatte ob seiner Entscheidung, Boateng auf dem Platz zu lassen, einen angeschlagenen Innenverteidiger, den ich mir in keinem Laufduell mehr vorstellen konnte (vielleicht wusste der Trainer einfach, dass sich angesichts der nun geltenden Kräfteverhältnisse keines mehr ergeben würde), und der nun den langen Ball schlug, der die Entscheidung einleitete. Und wiederum hatte Ribéry einen extrem lichten Moment, und wiederum war es der Roppn, der dankend annahm und diesmal selbst, und zwar in ganz großer Manier, vollendete – um so die beiden Seelen in meiner Brust gleichermaßen aufheulen und jubilieren zu lassen.

Großer Sport, all das. Irgendeine ausländische Zeitung wurde, wenn ich mich recht entsinne, dahingehend zitiert, dass alle, restlos alle Spieler auf den Schultern vom Platz getragen gehört hätten. Dem schließe ich mich vollumfänglich an.

Und möchte abschließend noch einen Gedanken weitertragen, den mir ein Freund am Tag danach per SMS zukommen ließ. Sinngemäß sagte er, er habe bisher Verständnis gehabt für die verbreitete Argumentation, Doping bringe im Fußball nichts. Die Dortmunder Anfangsphase habe ihm indes eines vor Augen geführt: wenn alle 90 Minuten laufen könnten wie einst Johann Mühlegg, dann beherrschen sie das Spiel. Dann hätten, um den Gedanken weiterzuführen, die Bayern 90 Minuten lang die eigene Hälfte nicht verlassen.

Natürlich hinkt das irgendwo, natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Fitnessunterschiede letztlich immer nur kurzzeitig groß sein können, weil ziemlich rasch auch alle anderen besser trainieren oder ähnlich leistungsfähige Apotheker ausfindig machen, und dann möglicherweise auch weiter fortgeschrittene fußballerische Strategien zur Anwendung bringen können. Aber ich (als jemand, der Fußballdoping schon länger für relevant hält) finde es sehr wohl bemerkenswert, dass dieses eine Spiel, ein zweifellos großartiges Spiel, jemanden dazu bringt, seine Grundhaltung zu Doping im Fußball anzuzweifeln. (Und nein, er ist weder Gelegenheitsfußballfan noch jemand, der das Spiel nicht verstanden hat.)

Eine Konsequenz übrigens, die der SMS-Schreiber en passant in den Raum stellte: dass „Langholz“ wieder salonfähig wird, wenn der Druck der Presser immer weiter zunimmt. Ich dachte kurz darüber nach, in meiner Antwort darauf hinzuweisen, dass die Bayern keinen Lothar Matthäus mehr in ihren Reihen haben, der diese zentimetergenauen langen Bälle spielen könne, um dann gerade noch rechtzeitig an Boateng zu denken. Und an Heynckes. Und daran, wie wenig ich von modernem Fußball verstehe.

Instinktiv nachgefragt

„Traoré hat das Spiel nicht verstanden. Wie soll ich meiner E-Jugend erzählen, dass egal ist, wer das Tor schießt, wenn die dann dem zuschauen?“

Diese SMS erreichte mich irgendwann im Lauf der ersten Halbzeit des VfB-Spiels in Hamburg, Auslöser dürfte Traorés Abschluss aus spitzem Winkel gewesen sein, als in der Mitte zwei Mitspieler auf den Querpass warteten, vielleicht auch noch die oder andere Szene mehr.

Ich war ein wenig hin- und hergerissen. Einerseits hatte der Absender, dessen Fußballsachverstand ich sehr schätze, schlicht und ergreifend recht, was die Bewertung mindestens jener einen Szene anbelangt, vermutlich auch darüber hinaus. Andererseits war Traoré gleichwohl eine positive Erscheinung im VfB-Spiel, ein ständiger Unruheherd, der sich auch vom einen oder anderen Ballverlust nicht beirren ließ und weiterwuselte.

Ehe ich mich’s versah, hatte ich auch schon geantwortet:

„Freundlich ausgedrückt: Instinktfußballer.
Im Guten wie im Schlechten.“

Bleibt die Frage, was ich gemeint hatte. Vermutlich war es der Versuch, die Wendung „hat das Spiel nicht verstanden“ durch die Betonung anderer, möglicherweise im Gegensatz dazu stehender Qualitäten gleichzeitig zu bestätigen und zu konterkarieren.

Wobei ich mir gar nicht sicher bin, was „man“ gemeinhin mit einem Instinktfußballer verbindet. Ist es grundsätzlich positiv gemeint? Gilt Thomas Müller als Instinktfußballer, weil er sich keinen Kopf macht? Ist Lukas Podolski einer, weil er sich mancher Lesart zufolge gar keinen Kopf machen könnte? Ist ein Instinktfußballer jemand, der nicht dafür geschaffen ist, strategisch zu agieren? Oder handeln vielmehr auch, vielleicht sogar gerade, die großen Strategen des Spiels in hohem Maße instinktiv? Sind Ronaldo oder Rooney typische Instinktfußballer, Pirlo und Micoud indes gerade nicht?

Zu welcher Kategorie zählt, so man diese Kategorisierung für annähernd passend hält, der große Stratege Zidane, der instinktiv so vieles richtig machte? Ist es eine typische arrogant-akademische Herangehensweise, Spieler wie Rooney, Podolski oder Fritz Walter (junior) ohne allzu viel Federlesens in die Instinktschublade zu stecken? Kann es sein, dass William Kvist die Bälle vielleicht doch instinktiv meist nach hinten spielt, völlig unabhängig davon, dass er nicht auf den Kopf gefallen und strategisch begabt scheint?

Trifft es zu, dass „Instinktfußballer“, gemeinsam mit dem „Straßenfußballer“ das höchste Lob ist, das wir zu vergeben haben? Oder ist „hat das Spiel verstanden“ noch etwas höher anzusiedeln? Hat schon mal jemand „der hat das Spiel instinktiv verstanden“ gesagt? Trügt der Instinkt eigentlich eher als strategische Überlegungen?

Das letzte Wort hatte am Sonntag mein SMS-Partner, der nach Traorés Großchance kurz vor Schluss lakonisch feststellte:

„Ein Instinktfußballer macht den cool und abgezockt.“

Vermutlich hatte er recht. Wobei man dann wieder die Frage stellen könnte, ob wir da nicht den Instinkt des gemeinen Instinktfußballers mit dem spezielleren Torinstinkt in einen Topf schmeißen. Und falls dem so ist, ob das beiden Instinkten gerecht wird. Beziehungsweise den beiden Ausprägungen des einen.

Egal. Fürs Erste. Ob Raphael Holzhauser ein Instinktfußballer ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Wie es um das strategische Geschick auf dem Platz bestellt ist, kann ich auch noch nicht seriös sagen, neige aber zu einem „gut“. Ohne erneut die Holzhauser-Cam verwendet zu haben heranzuziehen, möchte ich doch kurz auf einen Punkt eingehen, der mir aufgefallen ist:

Ich hatte den Eindruck, dass er mehr kurze, einfache, unspektakuläre Bälle spielte als in seinen bisherigen Einsätzen. Wie man es von klassischen Ballbesitzmannschaften kennt. Und von Spielern, die sich ihrer Sache sicher sind, die sich nicht unter dem Druck sehen, einen tödlichen Pass nach dem anderen zu spielen, die wissen, dass sie den Ball gleich wieder bekommen, weil die anderen wissen, dass derjenige meist etwas Vernünftiges damit anstellt. Im Idealfall kann der betreffende Spieler sogar bereits erahnen, dass er auch mal den einen oder anderen Fehler machen darf. (Man wäre geneigt, von einem „Privileg der Jugend“ zu sprechen, wüsste man nicht, dass es bisher in der Tendenz eher älteren Herren eingeräumt worden war.)

Nun zögere ich sehr, dem Trainer mit Blick auf Holzhauser ein Lob auszusprechen, zumal der Nachweis, dass sich der junge Mann tatsächlich einen gewissen Kredit erarbeitet hat, erst noch zu erbringen ist – wiewohl ich es vorzöge, wenn der Kreditrahmen bis auf Weiteres nicht in Anspruch genommen zu werden bräuchte. Ausdrücklich loben möchte ich indes die Art und Weise, wie der VfB in Hamburg aufgetreten ist. Ich glaube nicht, dass Thorsten Fink und seine Mannen damit gerechnet hatten, von einem derart selbstbewusst auftretenden Gegner in dieser Form attackiert zu werden.

Der werte Herr @nedfuller, mit dem (und nicht nur mit ihm, sondern darüber hinaus mit @direktvrwandelt und @voegi79) ich mich im Sportradio 360 ein bisschen über das vergangene Wochenende unterhalten durfte, zeigte sich ebenfalls überrascht und beinahe beeindruckt – was auch damit zu tun haben mag, dass seine Erwartungen an Bruno Labbadia aus dessen Hamburger Historie heraus überschaubar hoch sind.

Gut gemacht, Herr Labbadia! Und wenn ich schon dabei bin: starkes Spiel, Christian Gentner! Klasse Leistung, William Kvist!

(Es gäbe noch einige andere zu loben, ich will jetzt gar keine weiteren Beispiele nennen – heute sollen mal diejenigen Erwähnung finden, die ich ansonsten meist (Labbadia, Gentner) oder zumindest in jüngerer Zeit (Kvist) instinktiv sehr bewusst eher zurückhaltend bewerte.

Mal sehen, ob sie am Wochenende auch dem Meistertrainer gewachsen sind. Dem instinktsicheren Strategen.

 

Vedo und der Rechenlehrer

Wir erinnern uns: Das Team war recht zuversichtlich in die Saison gestartet, man hatte eine eingespielte, nur punktuell ergänzte Mannschaft, die ersten Pflichtspiele waren erfolgreich verlaufen. Ein erster Nackenschlag war das völlig unnötige 0:1 gegen einen durschschnittlichen Gegner, an dem der sonst so treffsichere Mittelstürmer einen nennenswerten Anteil hatte.

Anschließend war man gegen einen, wenn nicht den Meisterschaftsfavoriten angetreten, hatte gut begonnen, war sogar in Führung gegangen, um sich dann in eine blamable Klatsche zu ergeben. In der Führungsetage kamen Fragen auf.

„Habt ihr mir nicht kürzlich etwas von einer Berliner Schulmeisterschaft erzählt?“

Niemand sagte etwas, denn die Jungen wußten aus Erfahrung, daß der Rektor seinen Zorn stets über das Haupt des Antwortenden allein ausschüttete.

„Ihr könnt Euch wohl nicht mehr erinnern, was?“ fragte Rektor Schulz. „Gut, dann werde ich eurem Gedächtnis nachhelfen. Ihr habt nämlich gesagt, ‚wir werden Berliner Meister‘, so großspurig, daß ich es geglaubt habe. Was war der Lohn für meine Gutgläubigkeit? Man hat mich ausgelacht!“

Er steigerte sich immer mehr in Zorn.

„Jawohl ausgelacht! Gestern war ich bei Herrn Stadtschulrat Schweitzer. Wißt ihr, was der gesagt hat? Die – damit hat er unsere Schule gemeint – werden es nie schaffen. Und dann hat er mir von eurer Blamage erzählt. Neunmal habt ihr gegen die Charlottenburger verloren! Und das unter dem Namen einer Schule, der ich vorstehe und die bisher nur lobend erwähnt wurde! Schämt ihr euch denn gar nicht?“

Völlig erschöpft wischte sich der Rektor den Schweiß von der Stirn.

Heini raffte allen Mut zusammen und erhob sich unaufgefordert.

„Das stimmt nicht ganz, Herr Rektor, wir haben am vergangenen Mittwoch gegen die Charlottenburger wohl verloren, aber nicht neunmal, sondern nur einmal. Der Herr Stadtschulrat wird die Tore mit den Spielen verwechselt haben. Wir haben nämlich das Spiel mit neun Toren verloren. Das ist zwar ein furchtbar schlechtes Ergebnis, aber noch keine endgültige Blamage. Es kommen ja noch Spiele, bei denen wir das wieder gutmachen können. Wir haben damals wirklich nicht übertrieben. Wir sind – wie versprochen – Wilmersdorfer Meister geworden und haben…“

„Augenblick mal“, unterbrach ihn Rektor Schulz, verließ sein Pult und stellte sich vor Heini auf. „Und was war bei dem Spiel gegen die Zehlendorfer? Habt ihr da nicht ebenfalls den Namen eurer Schule in den Schmutz gezogen?“

„Das haben wir nicht, Herr Rektor“, sagte Heini mit Überzeugung, „wir haben zwar 1:0 verloren. Aber mit Anstand. Bei den Zehlendorfern haben wir halt Pech gehabt. Und die Charlottenburger sind ganz ohne Zweifel besser als wir. Aber darum können wir trotzdem noch Berliner Meister werden, wenn…“

Rektor Schulz fiel ihm ein zweites Mal ins Wort.

„Wenn, wenn, wenn! Du kennst ja das Sprichwort: ‚Wenn das Wörtchen wenn nicht wär, wären wir alle schon Millionär!‘ Rede doch nicht so viel um den Brei herum. Ihr werdet nicht Meister. Das ist amtlich. Der Schulrat hat es gesagt. Der versteht doch wohl mehr als ihr!“

„Aber nicht vom Fußball!“*

Da hatte Heini zweifellos recht, auch wenn der Rektor anderer Meinung war. Letztlich fing sich das „Team“ bekanntlich und wurde, wer wüsste es nicht, Berliner Meister, mit einem Präsidenten Rektor an seiner Seite, der zwar keine Ahnung von Fußball hatte, der aber seinen Schützlingen jeden Wunsch von den Augen ablas.

Ach, wenn es doch beim VfB Stuttgart auch so einfach wäre. Ein kurzes Gespräch von Ibisevic mit Konflikttherapeut Rechenlehrer Peters, dann ein gemeinschaftlich ausgerufenes

Elf Freunde müßt ihr sein, wenn ihr Siege wollt erringen„,

und im Handumdrehen stimmen die Abläufe, stimmt die Gruppendynamik, stimmt nach gewissen Anpassungen in der Aufstellung die Balance der Mannschaft wieder, gewinnt die Offensive an Durchschlagskraft und die Hintermannschaft an Stabilität. Der Trainer darf mit zu den Spielen und sich um organisatorische Fragen kümmern.

Dabei, und da stimme ich Bruno Labbadia (der im Übrigen insofern Wort hielt, als die Mannschaft in der Tat für kurze Zeit unerwartet mutig auftrat – und auch dafür belohnt wurde) durchaus zu, schien die Hintermannschaft nach der vergangenen Rückrunde nun wirklich nicht das Problem zu sein, schon gar nicht die Innenverteidigung.

Tasci war gesetzt, Niedermeier und Maza sollen sich in der Vorbereitung auf Augenhöhe (und sie sind beide groß gewachsen) begegnet sein. Nun sah man Tasci, wie er für Thomas Müller Spalier stand, sah Ulreich, wie er den Ball wieder einmal nach vorne abprallen ließ, sah Boka nicht, sah Maza, wie er Okazaki unnötig in Bedrängnis brachte, sah dann Okazaki, wie er diese Bedrängnis augenscheinlich ignorierte, sah weiterhin indiskutable Stock- und sonstige Anfängerfehler bei vermeintlichen Soliditätsgaranten wie Kvist und Sakai, sah Gegentore, die aus einem billigen Ballverlust im Sturm oder gar einem eigenen Eckball entstanden, sah Bayern, die zu fünft gegen zwei auf Ulreich zuliefen, ach, ich will nicht mehr.

Und speziell die drei Tore unmittelbar nach der Pause werfen doch vor allem die eine Frage auf, die ich mir eigentlich nie mehr stellen wollte, nachdem Jürgen Klinsmann Polen verbal durch die Wand gehauen hatte:

Was hat Bruno Labbadia in der Kabine gesagt?

* Aus: Sammy Drechsel, 11 Freunde müßt ihr sein, Stuttgart 1955.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (VI)

„Den Gomez hätte er nicht auswechseln dürfen. Grad gegen die Italiener. Man hätte ihm den Ball halt mal gescheit in die Gasse spielen müssen. Aber der Ötzil ist halt auch nicht so gut, wie es immer heißt. Beide Spanier eigentlich, der Khidera auch nicht. Hat man ja auch in der Analyse gesehen, mit dem Scholl. Der Khidera ist an der Mittellinie stehen geblieben, und der Italiener konnte ungestört den langen Ball spielen. Tut der doch immer, das weiß man. Den Podolski, ja, den hätte er draußen lassen müssen. Und den Khidera, den kannst nur hinten brauchen. Der Schweinsteiger war ja auch nur bei 80 Prozent. Den kannst draußen lassen. Soll halt der Müller dafür spielen, der gibt wenigstens Vollgas.“

(Sinngemäßes, weitgehend aber wörtliches, aus irgendeinem bayerischen Dialekt so halbwegs übersetztes Zitat, knapp 24 Stunden nach dem Halbfinale.)

Womit dann wohl alles gesagt wäre. Abgesehen von den Rückblicksvorbereitungs-„Stichworten“ für den Sohnemann:

__________

J’accuse!

Ich klage meine Eltern an, nicht darauf vorbereitet gewesen zu sein, mich vor wild gewordenen Fähnschenschwenkern mit schwarz-rot-goldenen Utensilien zu schützen. Tatenlos zugesehen zu haben, wie mir eine schwarz-rot-goldene Hulakette um den Hals gelegt wurde, zugelassen zu haben, dass nicht nur ich, sondern auch meine kleine Schwester schwarz-rot-goldene Armbändchen trugen.

Ich klage meine Mutter an, den Horden zur Hand gegangen zu sein und ihren Kindern schwarz-rot-goldene Flaggen auf die Wange gemalt – und damit, dies zu ihrer Ehrenrettung, möglicherweise Schlimmeres verhindert – zu haben. Und meinen Vater, der sie gewähren ließ. 

Ich klage Vater und Mutter an, mir eine kindgerechte Schlafenszeit verwehrt und mich quasi genötigt zu haben, elf vergleichsweise ideenlosen Spaniern eben nicht bei ihrem als langweilig verpönten Kurzpassspiel zuzusehen, sondern bei etwas, das sehr gerne ein als langweilig verpöntes Kurzpassspiel gewesen wäre, tatsächlich aber nur selten über das Versuchsstadium hinaus kam. Ich klage sie darüber hinaus an, mich dann doch nicht wach gehalten zu haben, um wenigstens den Kitzel des Elfmeterschießens zu erleben (das zu sehen ich mir dann für den Folgetag und den Eintrittsfall vertraglich zusichern ließ – ich klage die deutsche Fußballnationalmannschaft an, nicht geliefert zu haben). 

Ich klage meinen Vater an, mich bei beiden Halbfinalspielen der „besseren Sicht“ wegen in unmittelbarer Nähe von Jürgen von der Lippe platziert zu haben, dessen Weisheiten aus dem Gedächtnis löschen zu können mir auch nach vielen Jahren noch nicht vergönnt ist. 

Ich klage meinen Jugendtrainer an, mir jahrelang erzählt zu haben, dass es ab einem gewissen Niveau nicht mehr reiche, den Ball hoch und lang nach vorne zu schlagen, auf dass der Mittelstürmer der Abwehr davonlaufen und ein Tor schießen möge. (Wenn Passgeber und Stürmer gut genug und die Abwehraktivitäten hinreichend naiv sind, geht das auch noch in den ganz großen Spielen.)

Und ich klage meine Eltern an, meinem zunehmenden Eintauchen in das Turnier keinen Einhalt geboten und dann zugelassen zu haben, dass mein erstes Turnier eben nicht, wie bei Vattern, den erhofften Sieger fand – wofür ich natürlich auch Joachim Löw und seine Mannschaft anklage. So hatten wir ja wohl nicht gewettet, Freundchen.

_________

Vielleicht doch noch ein paar kurze Sätze zu Dingen, die ich einfach nicht verstanden habe. Und damit meine ich nicht die Aufstellung von Joachim Löw, auch wenn ich vor allem über Reus‘ Nicht-  und Gomez‘ Doch-Nominierung überrascht war, und auch wenn ich die Beweggründe hinter Kroos‘ Hereinnahme zwar nachvollziehen, aber nicht daran glauben konnte, dass er dem direkten Duell mit Pirlo gewachsen sei. Ich würde nicht einmal so weit gehen, zu sagen, dass es die Lobgesänge auf Pirlo waren, die ich nach diesem Spiel nicht verstanden habe, aber ich gebe zu, dass ich sie nicht in diesem Maße angestimmt hätte. Zumindest nicht lauter als auf Montolivo, dessen Mutter übrigens …  ach, wissen Sie schon? Seltsam.

Nicht so richtig verstanden habe ich Steffen Simons andauernde Hinweise, noch in der gefühlten 44. Minute, dass Toni Kroos seine Außenposition einfach nicht halte, sondern zu sehr nach innen ziehe. Aber es ist wohlfeil, Steffen Simon taktische Fehleinschätzungen vorzuhalten, ich bitte um Entschuldigung.

Schwer verständlich ist es für mich auch, wenn Meireles einen Vier-gegen-zwei-Konter durch ein schlechtes Abspiel, Verzeihung, verkackt, und Cristiano Ronaldo bei Twitter reichlich Häme abbekommt, weil er kein Tor daraus gemacht hat. Oder dass es Leute gibt, die ihm vorwerfen, sich für den fünften Elfmeter gemeldet zu haben – er habe damit ja einzig und allein seinen Selbstdarstellungstrieb befriedigen wollen. Eine solche Argumentation erschließt sich mir schlichtweg nicht. (Und nein, mir gefällt sein Freistoßritual auch nicht. So ist das manchmal mit Ritualen.)

Was ich indes bestens verstanden habe, ist der einmal mehr wunderbare und dabei in seinem Wesen im Vergleich zu seinen sonstigen Einlassungen zur EM so ganz andere Text von @freval über Mario Balotellis Jubelpose und das, was die Feuilletons der Qualitätspresse daraus gemacht haben. Mit Hautfarbe und so. Sehr treffend auch der Quervergleich zu Eric Cantona – mir scheint lediglich, dass Andi Möller hier ein wenig kurz kommt.

Letzteres bitte ich im Übrigen nicht so ernst zu nehmen wie Frédérics eben genannten Text.

Das Schlusswort überlasse ich dann aber doch wieder meinem Sohn, dem ich im abklingenden EM-Frust ein paar pathetisch warme Sätze in den Mund lege:

_________

Abschließend aber danke ich meinem alten Herrn dafür, mir vor Augen geführt hat, dass es weder im Allgemeinen noch ganz besonders im Speziellen der EM 2012 unverdiente Siege und Sieger gibt. Vermutlich freute ich mich auf das Finale zwischen Italien und Spanien nicht ganz so sehr wie auf eines mit deutscher Beteiligung, was nicht zuletzt daran gelegen haben dürfte, dass kein Supermarkt Sammelkarten der spanischen oder italienischen Spieler angeboten hatte; gleichwohl fieberte ich dem letzten Spiel entgegen, wollte ich sehen, ob die Bezwinger der deutschen Mannschaft nun auch den Welt- und Europameister schlagen würden, ob Mario Balotelli die versprochenen vier Treffer erzielen und der gegen Deutschland von einem Herrn namens Simon zum Schwachpunkt erklärte Balzaretti erneut schwach genug sein würde, um nicht nur den gegnerischen Stürmer aus dem Spiel zu nehmen, sondern vorne auch noch torgefährlich zu werden. (Vater ließ mich wissen, dass man vor dem WM-Finale 1982 ähnliche Töne über den 18-jährigen Giuseppe Bergomi gehört habe.) Hey, wir sprechen vom EM-Finale! Hochamt!

Und ich danke ihm für seine Twitter-Basislektion: Nicht während eines Fußballspiels drauf schauen. Besser auch nicht danach.

Schattierungen von gelb

Beide Vereine hatten weder Kosten noch Mühen gescheut. Der VfB hatte Pavel Pardo, den Meister von 2007, der eine makellose Heimbilanz gegen den FC Bayern vorzuweisen hat, als Glücksbringer einfliegen lassen, und den Bayern war es in einer bemerkenswerten Demonstration ärztlicher Heilkunst gelungen, ihren Protagonisten den tödlichen Männerschnupfen auszutreiben. Es war also angerichtet.

Vermutlich hatte Bruno Labbadia seiner Mannschaft Aggressivität gepredigt. Die Hereinnahme von Gebhart und Boka passte in dieses Bild, und im Grunde war ich mir sicher, dass die beiden Linksaußenduelle zwischen Boka und Ribéry auf der einen sowie Gebhart und Rafinha auf der anderen Seite nicht nur hohen Unterhaltungswert haben, sondern auch mindestens einen Platzverweis mit sich bringen würden. Nun ja, es sollte anders kommen. Doch zurück zur Aggressivität, die ich irgendwie anders interpretiere als die Stuttgarter Spieler. Mir wäre es darum gegangen, präsent zu sein, Stärke und Selbstvertrauen zu signalisieren, Zweikämpfe zu führen. Der VfB aber kam gar nicht in den Infight. Vielmehr begann man in der Defensive einerseits mit übertriebenem Respekt, der sich in ehrfürchtigem Zusehen und überängstlichem Zur-Ecke-Klären äußerte, weil ja theoretisch einer dieser brandgefährlichen Münchner Angreifer in der Nähe sein könnte; andererseits erinnerte man sich immer wieder in ungünstigen Momenten der Aggressivitätsvorgabe und ging entsprechend übereifrig in einzelne Zweikämpfe, was unnötige Freistöße und Verwarnungen nach sich zog.

So auch im Fall von Christian Molinaro, bei dessen erstem Foul, so viel Ehrlichkeit muss sein, ich im Stadion zunächst froh war, dass er nicht direkt vom Platz geflogen war – bei der Nachbetrachtung im Fernsehen sah ich dieses Szenario dann nicht mehr als ganz so bedrohlich realistisch an; gleichwohl kann ich mir nur schwer vorstellen, wie man gegen diese Karte argumentieren will. Und wer fünf Minuten nach einer solchen Verwarnung inklusive unmissverständlicher Geste von Herrn Gräfe meint, es sei eine gute Idee, irgendwo an der Außenlinie einen vergleichsweise unwichtigen Ball im höchsten Tempo von hinten erobern zu müssen, der darf sich über die Quittung nicht beschweren. Ich bin nicht Arjen Robbens Meinung, dass es sich hier um eine dunkelgelbe Karte handelte, wie ich auch nicht der Ansicht bin, dass es ihm gut zu Gesicht steht, sich nach dem Spiel so zu äußern. Wenn ich nur das Foul an sich betrachte, würde ich vielleicht eher von zitronenfaltergelb sprechen. Manche würden von eierschalen- oder blassgelb reden, andere über senf- oder neapelgelb diskutieren, letzteres in hell oder dunkel, wieder andere, und darauf würde ich mich jetzt mal festlegen, plädieren für Massikot.

Viele Stuttgarter Zuschauer neigten indes eher zu neuschneegelb und projizierten ihre Verärgerung auf Arjen Robben. Anders als der sehr geschätzte Baziblogger drüben sehe ich darin keine Anzeichen für den Untergang des Abendlandes. Entschuldigung, das tut er natürlich auch nicht; ich finde nur, dass es etwas weit gesprungen ist, bei Beschimpfungen eines gegnerischen Spielers Quervergleiche zu Robert Enke ins Feld zu führen. Mit den „Arschloch“-Rufen kann ich – als Zuhörer, wohlgemerkt – leben, und damit muss auch ein Profi umgehen – zumindest, solange es von den gegnerischen Fans kommt und damit per se eine recht hohe Auszeichnung ist. Das betrifft im Übrigen, um ganz kurz eine andere Baustelle zu streifen, nicht nur Spieler, sondern auch, zum Beispiel, Herrn Hopp. Wenn indes die Schmähungen von den eigenen Anhängern kommen, sieht die Sache meines Erachtens völlig anders aus. Da wäre ich dann schon recht nah beim Baziblogger. Aber ich schweife gleich doppelt ab. Nicht nur von Christian Molinaro, sondern auch gleich noch von den Beschimpfungen für „Ari-Jen“ Robben, die – ungeachtet der obigen Ausführungen zu Arschlöchern und sonstigen Beleidigungen – dann jenseits meiner persönlichen Grenze sind, wenn sie rassistisch, homophob oder in anderer Form diskriminierend sind. Und das waren sie zum Teil. Aber dazu habe ich mich schon an anderer Stelle etwas ausführlicher geäußert.

Besagte massikotgelbe Karte hat Molinaro selbst zu verantworten. Er muss wissen, wie es wirkt, wenn er in einer Situation, in der er im relativ gemächlichen Tempo heranlaufen könnte, ohne dadurch wesentlich schlechtere Optionen zu haben, mit dem Messer zwischen den Zähnen von hinten an Robben heransprintet, er muss sich des Rahmens bewusst sein, den Gräfe mit seinen etwas zu zahlreichen Karten bereits abgesteckt hat, er muss die gerade einmal fünf Minuten zuvor ausgesprochene Warnung des Schiedsrichters im Ohr haben, und ja, er muss auch wissen, das Arjen Robben kein heuriger Hase ist. Vier Anforderungen, die ich an einem professionellen Fußballspieler stelle. Es hätte gereicht, eine davon zu erfüllen.

Womit das Spiel beendet war. Wenn Thomas Müller hinterher flapsig erklärt, der Platzverweis habe eher dem VfB geholfen, dann ist das ein netter Spruch, von dem man weiß, wie man ihn zu nehmen hat. Wenn indes Jupp Heynckes ernsthaft der Meinung ist, der Platzverweis sei nicht spielentscheidend gewesen, bin ich doch etwas irritiert. Wohlgemerkt: ich behaupte nicht, dass der VfB mit elf Mann nicht verloren hätte, die Chancen dafür standen trotz allem gut. Mit dem Platzverweis hatte sich das erledigt, das Spiel war entschieden. Der VfB ließ von einer Sekunde auf die andere alle Hoffnung fahren, ein ansatzweise zwingendes Offensivspiel aufzuziehen. Und genau so trat er fürderhin auf. Was durchaus nachvollziehbar ist, wenn man beispielsweise bedenkt, dass der vermeintlich kreativste und vor allem unerschrockenste Offensivspieler, Timo Gebhart, als linker Verteidiger alle Hände voll zu tun hatte, einen Weltklassespieler in Schach zu halten – mit beachtlichem Erfolg, im Übrigen. Ich gehe fest davon aus, dass Bruno Labbadia in den nächsten Tagen im Training das eine oder andere Mal ausprobiert, ob er Gebhart in Wolfsburg als Rechtsverteidiger aufbieten kann. Solange keine Dauerlösung daraus wird – schließlich würde ich ihn in der Rückrunde gerne mal zehn Spiele am Stück im offensiven Mittelfeld sehen, am liebsten auf der Hajnal-Position -, kann ich mich damit anfreunden.

Wo war ich? Ah ja, Hoffnung fahren lassen, mutlos, und so weiter. Und gerade deshalb war es mir unverständlich, dass der Trainer nicht früher gewechselt hat. Julian Schieber war in seinem zweiten Einsatz nach langer Verletzungspause schlichtweg überfordert, und zwischendurch musste ich, weit übertrieben, gelegentlich an Ermin Bicakcic‘ Sebescen-Moment aus dem Vorjahr denken, und niemand schien auch nur in der Lage zu sein, sich überhaupt vorzustellen, dass man die gegnerische Hälfte überhaupt noch einmal betreten würde. Da hätte ich mir schon ein Signal von der Bank gewünscht. Wobei es aus meiner Sicht keineswegs so ist, dass falsch gewechselt wurde, ganz im Gegenteil – nur eben zu spät. Andererseits: Hätte Cacau mit seiner sehr bemerkenswerten Aktion kurz vor Schluss das 2:2 erzielt, wäre alles richtig gewesen. Und meine (nicht sehr innovative) These zur spielentscheidenden Szene widerlegt.

Noch ein Wort zu Serdar Tasci. Im Spiel war ich in einigen Situation drauf und dran, enorm kluge Dinge wie „deshalb reicht’s nicht mehr für die Nationalelf“ zu sagen, oder gar „weiter oben wird die Luft halt dünn“ von mir zu geben – nicht nur beim 1:1, sondern vor allem vor der Chance von Thomas Müller, die Sven Ulreich einmal mehr hervorragend vereitelte, als Tasci gefühlt auf fünf Metern drei verlor, auch weil er Angst vor dem Körperkontakt und einem möglichen Elfmeter hatte. Doch dann führte ich mir noch einmal vor Augen, gegen wen er da alt aussah: gegen Mario Gomez, vermutlich einen der besten und zweifellos einen der dynamischsten unter den Topstürmern weltweit, bei dessen Ausgleichstor ich bezweifle, dass man fünf weitere Stürmer fände, die es erzielen könnten. Natürlich habe ich ihm gestern alles Schlechte gewünscht, aber das ändert nichts daran, dass ich vermutlich einer seiner größten Bewunderer bin. Und er lernt immer weiter dazu. Neu in seinem Repertoire ist zum Beispiel die eingesprungene Grätsche, die er kurz vor Schluss Timo Gebhart spüren ließ. Interessanterweise war in keinem Spielbericht etwas davon zu sehen, nur im einen oder anderen Ticker las ich nach, dass man dafür „auch schon andere Karten“ als Gomez‘ gelbe gesehen habe. Wie gesagt: ich hatte keine Möglichkeit, die Situation anhand von Fernsehbildern noch einmal zu bewerten, im Stadion und unter nennenswertem Adrenalineinfluss war der Fall für mich aber klar: kirschgelb.

Kevinismus

Der verdienteste Meister seit was weiß ich wann. Naja. Klingt wie the greatest Olympic Games ever held. Nur beträgt dort die Halbwertszeit in aller Regel wenigstens 4 Jahre.

Was soll der Quatsch? Dortmund ist ein verdienter Meister. Hochverdient, meinetwegen. Genau wie die Bayern letztes Jahr. Wolfsburg davor. Bayern. Stuttgart. Bayern. Und so weiter. Wer am 34. Spieltag vorne steht, hat es (sich) verdient. Manchen gönnt man es mehr, vielleicht, weil sie so schön gespielt haben, so viele junge, möglicherweise gar selbst ausgebildete Spieler im Kader und auf dem Platz hatten, weil sie eben nicht Bayern heißen oder schon lange mal dran waren bzw. es so lange nicht mehr gewesen waren, anderen gönnt man es vielleicht weniger. Den Dortmundern scheinen es viele eher mehr zu gönnen. Geht mir auch so.

Sie machen es einem ja auch leicht. Großartiger Fußball, junge Kerle, eloquenter und – auch wenn sich da die Geister ein klein wenig scheiden – sympathischer Trainer mit viel Sachverstand. Nuri Sahin, was für eine Geschichte. Und was für ein Talent, was für ein taktisches Gespür. Mario Götze, den man gemeinsam mit Mesut Özil und Thomas Müller das Offensivspiel der deutschen Nationalmannschaft bestimmen sehen möchte und sicherlich auch wird. Sven Bender, Mats Hummels, Lucas Barrios und natürlich der großartige Kagawa.

Ich rede um den heißen Brei herum, es muss heraus: ich bin ein Kevin-Großkreutz-Fanboy. So ein bisschen zumindest. Oder auch ein bisschen mehr. Spätestens seit dem Rückrundenauftakt in Leverkusen, eigentlich aber schon seit seinem Länderspieldebüt im Mai 2010. Sicher, war nur gegen Malta, aber da zeigte einer, dass er kicken kann. Machte das Spiel schnell, hatte offensichtlich Spaß, leitete zwei Treffer ein. In Leverkusen schoss er sie selbst.

Natürlich kenne ich die Vorbehalte, die Großkreutz entgegengebracht werden. Aus Gelsenkirchen, vor allem, und auch aus München, wenn ich meine Twitter-Timeline mal als repräsentativ betrachte. Die einen sehen in ihm ein natürliches Feindbild, die anderen halt einen derjenigen, die ihnen die Schale wegnehmen. Wird ja wieder anders, wenn dann nächstes Jahr, mit der Doppelbelastung und so… kann man nicht einfach mal gratulieren und das nächste Jahr das nächste Jahr sein lassen? Entschuldigung, ich war ja bei Kevin Großkreutz. Kevin. Eignet sich prima für Unterschichtenwitze. Und dann passt er vielleicht auch noch in dieses Bild. Gibt möglicherweise beim einen oder anderen Interview eine unglückliche Figur ab, lästert eventuell ein wenig über die Konkurrenz. Ja, vermutlich kann man mit ihm nur bedingt über Quantenphysik diskutieren. Passt. Kann man mit mir nämlich auch nicht.

Keine Frage, über seine Scharmützel mit Schalkern kann man geteilter Meinung sein, oder nicht einmal das. Die werden ihm vielleicht irgendwann auf die Füße fallen. Möglicherweise muss er sich auch dereinst fragen lassen, ob es klug war, sich bei zahlreichen Gelegenheiten quasi auf Lebenszeit zur Borussia zu bekennen, seine mit der Muttermilch aufgenommene Bindung an den BVB wieder und wieder zu betonen – vermutlich nicht selten ermuntert von den Medien, für die die Story vom Jungen, der von der Südtribüne kam, um sich nur wenige Jahre später von der Südtribüne bejubeln zu lassen, pures Gold ist. Vermutlich kommt irgendwann der Tag, an dem er Dortmund verlassen will, und dann werden all die schönen Bild- und Tondokumente wieder heraus gekramt und ihm aufs Brot geschmiert werden. Manuel Neuer kann ein Lied davon singen. Aber was ist die Alternative? Soll ein junger Spieler wie Großkreutz, wie Neuer, wie Dennis Eilhoff in Bielefeld, sein Fantum verschweigen, herunterspielen, um sich weniger angreifbar zu machen? Natürlich schießt man im jugendlichen Überschwang auch einmal über das Ziel hinaus, Großkreutz vielleicht noch mehr als Neuer oder Eilhoff, aber hey: ist doch großartig, dass da einer seine Identifikation mit dem Verein, der Region, dem Stadtteil vor sich herträgt! Wenn er dann irgendwann glaubt, doch noch die Welt sehen zu müssen: gut so.

Oh, ich wälze hier hypothetische Probleme. Von denen ich nicht weiß, ob sie je entstehen. Dabei wollte ich doch nur sagen, dass ich Kevin Großkreutz klasse finde. Den Fußballspieler, in allererster Linie. Und irgendwie auch den jungen Mann, der, wenn man der Presse glauben darf, das Herz sowohl auf der Zunge trägt als auch am rechten Fleck hat. Klingt nach einer anatomischen Herausforderung.

Neulich habe ich irgendwo ein Foto von ihm gesehen. Wie er da so durch die Stadt ging, in seinem Anorak,mit dem langen Haar, erinnerte er mich ein wenig an Theo Gromberg. Ja ja, ich weiß, der war aber für Westfalia Herne. Und vermutlich ist es ziemlich doof, einen Jungmillionär mit dem eher tragischen Helden Theo zu vergleichen. Aber es geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

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Falls übrigens jemand meint, ich könne gar nicht beurteilen, ob man mit Kevin Großkreutz über Quantenphysik diskutieren kann, so hat er recht. Was ich indes weiß: bei denjenigen, die seine Website betreuen, ist es mit Mathematik nicht allzu weit her: