TeWe – Torwartwechsel!

“TW. …
TeeWee!  …
TeeeWee-he! …
Torwartwechsel, verdammt noch mal!!”

So hieß es in jenen Achtzigern, von denen wir gerne mal lesen – mittlerweile vielleicht auch nicht mehr so gerne, die Sättigung, Sie wissen schon – dass sie angerufen haben und irgendwas zurückwollen, so hieß es also tagtäglich auf dem Bolzplatz, und so heißt es auch heute, will sagen: gestern vorgestern vor Tagen letzte Woche, ist schon fast nicht mehr wahr, beim VfB: Torwartwechsel! Wie schon im Jahr 2008.

Und was haben wir uns gefreut damals, als Armin Veh endlich das personifizierte Missverständnis Raphael Schäfer aus dem Tor nahm und durch „Eigengewächs“ Sven Ulreich ersetzte. Ein aufstrebender Kerl war er, hochtalentiert, so hieß es, sei er, wie so viele VfB-Nachwuchstorhüter vor ihm, ein junger, na ja, Wilder fast, der an die Tradition des aus dem Nachwuchs gekommenen und als Meister nach Spanien gegangenen Timo Hildebrand – ein weiteres großes Missverständnis – anknüpfen sollte. Dem man auch nachzusehen bereit war, dass noch nicht alles so rund laufen konnte, dass er gelegentlich ein bisschen flatterte, im Umgang mit dem Ball nervös wirkte und auch mal eine Flanke fallen ließ. Auf der Linie konnte er was, war oiner von uns und hätte vor allem niemals einen Platzverweis für Cacau gefordert.

Vielleicht sahen wir das nicht alle so, vielleicht vermittle ich nur die Meinung einer weniger Leute aus meinem engeren Stadionumfeld, oder auch nur meine eigene. Die bereits einige Wochen später zumindest dahingehend etwas relativiert war, dass wir es allem Anschein nach nicht mit einem neuen Manuel Neuer, Iker Casillas oder Bodo Illgner zu tun hatten – allesamt Herren, die in sehr jungen Jahren ein Bundesligator zu hüten bekamen und vom ersten Tag an den Eindruck erweckten, dass sie es nicht mehr verlassen würden (ja, ich weiß, Casillas und Sánchez), und die sich vielmehr schon bald ihre ersten internationalen Sporen verdienten.

Armin Vehs erneuter Torwartwechsel, zurück zum Missverständnis, mag damals hart und harsch gewesen sein, er hätte gar, unter unglücklicheren Umständen, Ulreichs Bundesligakarriere beenden können, bevor sie recht begann. Argumente dafür gab es gleichwohl. Ulreich hatte nicht geglänzt, selbst Europa stand, aus heutiger Sicht nur schwer vorstellbar, auf der Kippe.

Dort spielte dann im Jahr darauf Jens Lehmann, und Ulreich durfte von ihm lernen. Zwei Jahre lang, und natürlich hofften wir, und wiederum vereinnahme ich zumindest meinen Stadionnachbarn, dass er von Lehmann all das hinzulernen würde, was ihn zu einem sehr guten Torwart werden ließe. Wir dachten an eine offensive, von großem Spielverständnis geprägte Spieleröffnung, an schnelle, präzise Abwürfe, an eine einschüchternde Selbstverständlichkeit im Angesicht des Gegners.

Nun, fair war das nicht. Auch Jens Lehmann konnte mit Anfang zwanzig einem heraneilenden Stürmer nicht durch seine bloße Präsenz vermitteln, dass es für ihn, den Spieler, gegen ihn, den Torwart, nichts zu holen gibt, und auch Jens Lehmann verfeinerte seine fußballerischen Stärken und seine Fähigkeit, das Spiel sehr schnell sehr schnell zu machen, im Herbst seiner Karriere bei Arsenal noch einmal beträchtlich. Und doch waren wir nach Lehmanns Abgang und Ulreichs Aufstieg zur Nummer eins ein bisschen enttäuscht. Natürlich war er auf der Linie nach wie vor bemerkenswert stark und in Eins-gegen-eins-Duellen sehr geschickt; aber wir hatten halt Lehmann gesehen.

Nein, fair war das nicht. Wir hatten uns eben etwas anderes erhofft, die Realitäten ein bisschen beugend. Wir wollten einen Ulreich, der in der Zwischenzeit nicht nur gelernt habe, sondern auch gereift sei, der nicht nur in der Lage sein würde, das Spiel zu eröffnen, mit Hand und Fuß, das Spiel schnell zu machen, sondern der auch in der Lage sei, seinen Vorderleuten deutlich zu machen, dass sie gefälligst in Positionen zu sprinten hätten, die er dann anspielen könnte. Das konnte er nicht.

Und so arrangierten wir uns mit ihm, manche mehr, manche weniger. Natürlich wurde er gefeiert, auch zu Recht, weil er immer wieder großartige Paraden zeigte, Tore verhinderte, Punkte rettete – und das als Schorndorfer Junge. Irgendwann kamen wir gar an den Punkt, an dem einzelne Leute aus dem Verein oder dessen Umfeld laut darüber nachdachten, dass dieser Ulreich doch einer für die Nationalelf sein könnte. Bald glaubte er es sogar selbst, oder ließ es sich zumindest von seinem Berater einflüstern. Ich wäre nur zu gern Mäuschen gewesen, als Joachim Löw erstmals von dieser Ambition hörte.

Wie auch immer: der VfB setzte auf ihn. Ließ Bernd Leno ziehen, von dem alle Welt, zumindest aber meine kleine, überzeugt war, dass er der bessere, komplettere, vielleicht schon damals reifere Torhüter sei. Es ist müßig, über die Beweggründe des Vereins zu spekulieren. Geld war einer, gewiss, und auch sonst ist uns nichts Menschliches fremd, und es kam eben so.

Das Meinungsbild unter den VfB-Fans war kein einheitliches, es bildeten sich Fraktionen und Fronten. Die einen feierten den Sohn der Region, die Identifikationsfigur, den Torwart mit in einigen Bereichen hervorragenden Fähigkeiten. Die anderen bemängelten seine weniger ausgeprägten Stärken, bzw. nicht zuletzt den Umstand, dass sich an eben diesem Profil wenig änderte: die Schwächen blieben, er wurde nicht besser. Im Gegenteil, fanden nicht wenige, und allmählich bröckelte auch der unbedingte Rückhalt im Verein.

Unter Bruno Labbadia fand er sich ein zweites Mal auf der Bank wieder, wenn auch nur kurz, weil sich sein Ersatz Marc Ziegler in dessen erstem Spiel als möglicherweise neuer Stammtorhüter so schwer verletzte, dass Ulreich nicht nur während des Spiel seinen Posten wieder einnahm, sondern sich seiner auch gleich wieder langfristig sicher sein konnte. Er nutzte die geschenkte neue Chance und hielt fürderhin sehr anständig, sodass seine Position außer von ein paar konsequenten, aber irrelevanten Nörglern, zu denen ich mich auch zählen darf, lange Zeit nicht mehr hinterfragt wurde.

Dabei wollten wir doch nur einen Konkurrenzkampf auf Augenhöhe. Ergebnisoffen, wie man heute so gerne sagt, und wie er Bernd Leno nie gewährt wurde. Der VfB holte über die Jahre eine ganze Reihe junger Torhüter, die man – so wurde es zwischenzeitlich kaum verklausuliert nach außen getragen – besser machen und mit Gewinn verkaufen wollte.

Die Stuttgarter Torwartschule powered by Andreas Menger, sozusagen, und ich weiß nicht so recht, was dabei an Zählbarem herausgekommen ist. Der Gedanke an die Gerry-Ehrmann-Schule liegt nicht ganz fern, wenn auch nicht vom Spielstil her. Sie wird gerne mal belächelt, aus nachvollziehbaren Gründen, aber sie hat auch zwei spätere Nationaltorhüter hervorgebracht. Aus der Menger-Akademie fällt mir auf Anhieb keiner ein.

Ja, das hinkt. Zweifellos. Und doch: die Lobeshymnen, die dereinst auf Menger, vermeintlich einen der innovativsten Torwarttrainer im deutschen Fußball gesungen wurden, hört man, höre zumindest ich heute nur noch recht selten, und wenn, dann doch eher leise. Womit wir, die jungen Hüter der dritten Reihe einmal außer Acht lassend, wieder bei der Frage wären, ob Sven Ulreich in den letzten Jahren besser geworden ist. Oder wie es diesbezüglich um Thorsten Kirschbaum bestellt ist, der in den letzten Jahren Ulreichs Herausforderer sein durfte und im vergangenen Herbst von Armin Veh – wir erinnern uns an 2008 – unter Wettkampfbedingungen gewogen und allenthalben für zu leicht befunden wurde.

Man mag es, um doch bei Ulreich zu bleiben, für nebensächlich erachten, dass der Spielaufbau seit Jahren in unterschiedlich starker Ausprägung zu einem nicht unwesentlichen Teil aus Abstößen auf Martin Harniks Kopf besteht. Bei etwas mehr Erfolg könnte man den Umstand, dass dieser, wenn man so will, Spielzug unter VfB-Anhängern längst den Status eines Running Gags erreicht hat, sogar entspannt weglächeln.

Tatsächlich bleibt vielen Fans das Lachen aber eher im Halse stecken, spätestens dann, wenn die gegnerische Mannschaft beim Stuttgarter Abstoß einen Gutteil ihrer Spieler in einem kleinen Radius um Harnik herum konzentriert. Zugegeben: ich hatte immer gehofft, dass Ulreich den Ball irgendwann einmal völlig überraschend in die andere Richtung schlagen, den Gegner düpieren und ein Tor einleiten würde. Tja, schade. Nicht in diesem Leben.

Natürlich ist das nicht das zentrale Kriterium. Aber man fragt sich, wie es dazu kommen kann? Wieso lässt das jeder einzelne Trainer zu, fördert es vielleicht sogar? Weshalb übt es der Torwarttrainer seit Jahr und Tag mit ihm ein? Warum übt er nichts Anderes? Sind die Mitspieler nicht in der Lage, anders aufzubauen? Mag ja sein, zumindest nicht immer. Aber wenn dem so sein sollte: kann Ulreich wirklich nur von rechts nach rechts abstoßen? Und wenn ja, warum? Wieso lässt sich das nicht ändern? Dass man es nicht wollen könnte, übersteigt ehrlich gesagt meine Vorstellungskraft. Weshalb habe ich in den letzten fünf Jahren in Summe nur eine einstellige Anzahl an Abwürfen von ihm gesehen?

Steigere ich mich in etwas hinein? Ja, vielleicht. Noch dazu in Nebensächlichkeiten? Auch da: vielleicht. Schließlich steht außer Frage, dass Sven Ulreich ein sehr solider Torwart ist, der seine Kernaufgabe in ihrer klassischen Ausprägung ausnehmend gut erfüllt: Bälle halten. Insbesondere, wie bereits gesagt, auf der Linie und eins gegen eins. Über die Strafraumbeherrschung kann man diskutieren, bei flachen Hereingaben von außen habe ich die eine oder andere seltsame Aktion bildlich vor Augen, dennoch: ein verlässlicher Backup, wie es beim FC Bayern in der Vergangenheit schon den einen oder anderen gab, bzw. in Tom Starke noch gibt. Und vielleicht hat Manuel Neuer in Sachen Spieleröffnung ja didaktische Vorteile gegenüber Jens Lehmann.

Überrascht hat es mich dennoch. In mehrfacher Hinsicht. Dass Ulreich geht, ist bei näherer Betrachtung vielleicht am wenigsten überraschend. Es wirkt, als habe er Signale aus dem Verein erhalten, die seinen Status zumindest in Frage stellen, da kann man schon mal drüber nachdenken, ob es nicht woanders schöner ist. Wenn dann noch recht wenige Vereine zur Auswahl stehen, wo man mit fest davon ausgehen kann, als Nummer eins gesetzt zu sein (man frage nach bei Sebastian Mielitz, Fabian Giefer oder Raphael Wolf), hat so ein Arrangement als Nummer zwei mit dem einen oder anderen Pflichtspieleinsatz und ein paar Euro mehr durchaus das eine oder andere Argument auf seiner Seite.

Gleichzeitig lässt der VfB zwar einen langjährigen Stammspieler und eine Identifikationsfigur für viele Fans – die sich dann auch nicht entblöden, ihm ihre Liebe effektreich zu entziehen – vom Hof gehen; der Verein windet sich aber auch vergleichsweise elegant aus einer Meinungsverschiedenheit mit Teilen der an das Gute aus der Region glaubenden Fans heraus und kann die Handlungsoptionen des neuen Trainers ausweiten.

Ob sich der FC Bayern einen Gefallen tut, ist da schon eher diskutabel. Oder anders: ob solide reicht, weiß ich nicht, und ob Ulreichs fußballerische Fertigkeiten deren Trainer (Sie erinnern meinen Mäuschenwunsch? Ich adaptiere.) glücklich machen, erscheint mir dann doch zweifelhaft. Aber wie gesagt: vielleicht kann man’s ja einfach üben. Letztlich sollen sich diesen Kopf andere zerbrechen, was man in München ja auch tut – und zufrieden wirkt. Wohlan!

Herr Ulreich, machen Sie’s gut. Ja, Du auch, Ulle, meinetwegen. Ich hab mich oft über Dich geärgert, manchmal zu Unrecht, oft über Kleinigkeiten, häufig aus einer Übersensibilität heraus. Aber ich weiß, dass Sie nicht mehr als viele andere, und deutlich weniger als einige andere andere, dafür können, dass der VfB heute da steht, wo er eben steht. Und ich hab Sie auch gar nicht so selten gefeiert. Sie haben tolle Spiele abgeliefert, großartige Paraden gezeigt, und seien wir ehrlich: das Ding von Kachunga kurz vor Schluss, da haben Sie “uns” dringehalten. Danke dafür, und ganz gewiss auch dafür, dass Sie immer mit Herzblut dabei waren.

Und jetzt: Torwartwechsel!

Unendlicher Spaß

Neulich (tatsächlich ist „neulich“ während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen „vor einiger Zeit“ herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

„Respect the mode we’re all still in […] Give us a break! […] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!“

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: „Give us a moment!“ bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die „kleineren“ Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die „Alibi-fünf-Minuten-Einspieler“ im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez‘ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace‘ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses „Wirzen“ bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit „Fear and Loathing in Sao Paulo“ beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: „Die FIFA ist kein empathischer Mensch.“

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

„El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando „Así caminan los alemanes„, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.“
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, „laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen„. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch „Ich, Dante“, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch „So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so“ gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.

Überraschung auf der Mittagsspitze

(Damüls, 25.12. 2013.) Am ersten Weihnachtsfeiertag wartete Bundestrainer Kamke mit einer Überraschung auf, die das Attribut „faustdick“ wahrlich verdiente. Im Rahmen einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz stellte er auf der Damülser Mittagsspitze, deren symbolische Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, ohne dass Kamke näher darauf eingegangen wäre, ungewöhnlich früh seinen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien vor.

„Der mediale Druck, der mit zunehmender Nähe zum FIFA-Benennungstermin aufgebaut wird, ist schwer zu ertragen und letztlich unmenschlich. Deshalb kam ich gemeinsam mit meinem Kompetenzteam zu dem Schluss, ein selbstbewusstes Zeichen zu setzen und den Kader bereits heute zu nominieren,“ erläuterte Kamke, der mit diesem bemerkenswerten Vorgehen seinerseits einen gewissen Druck auf die anderen 31* Nationaltrainer ausübt, gleichzeitig aber betonte, dass man im Verletzungsfall „natürlich noch was machen“ könne.

Der Bundestrainer informierte zudem über sein innovatives Auswahlsystem, das auf dem gleichermaßen intensiven wie formal strikten Austausch mit etwa 25 Ratgebern beruht, denen Kamke sein vollstes Vertrauen aussprach. Im Ergebnis änderte sich trotz des neuartigen Ausleseprozesses zumindest insofern nichts, als auch für 2014 das eine oder andere Aha-Erlebnis bei der Kaderzusammensetzung herauskam, sowohl bei den Mitfahrern als auch bei den Daheimbleibenden.

Der aus Sicht der Redaktion sehr ausgewogene Kader setzt einige deutliche Fragezeichen. Insbesondere auf der Torhüterposition betreibt man ein gefährliches Spiel, nachdem zunächst Manuel Neuer (wie übrigens weiter vorne auch Mario Gomez) lediglich en passant und keineswegs explizit genannt wurde, ehe Marc-André ter Stegen, der vermeintlich dritte, dann unter Umständen sogar zweite Mann, in letzter Sekunde Zeile herausgestrichen wurde. Hier dürfte Kamke noch nachbessern (müssen), will er sich nicht allein auf den unerfahrenen Weidenfeller verlassen.

Auch in der Abwehr fehlen einige Namen, fehlt insbesondere ein linker Verteidiger. Kamke ließ sich diesbezüglich zu keinen konkretisierenden Äußerungen bewegen, sodass unter Experten drei Theorien kursieren: entweder wolle der Bundestrainer die in Dortmund bereits erfolgreich praktizierte Dreierkette einführen und sich keinen vierten Mann schnitzen, oder er verlasse sich schlichtweg auf den Umstand, dass in einem Kader mit den Herren Lahm und Großkreutz jede Position von vornherein doppelt besetzt sei. Theorie Nummer drei klingt eher abwegig und lässt sich auch nur schwer in Worte fassen, ließe sich aber möglicherweise mit „Westermann“ umschreiben.

Im Mittelfeld tauchen nicht nur die Langzeitverletzten Sami Khedira und Ilkay Gündogan nicht auf, sondern unter anderem auch Draxler und die Benders sowie, für den einen oder die andere vielleicht ein bisschen überraschend, Kroos und Özil. Kamkes Beratungsgremium hatte ihn von einer etwas anderen Schwerpunktsetzung und insbesondere Altersstruktur überzeugt, die gerade bei einer Weltmeisterschaft den Unterschied ausmachen kann. Anstelle der jungen Leute, die die Fußballwelt verzaubern, aber immer noch nichts gewonnen haben, entschied sich der Bundestrainer neben einem kleinen Bayern-Block (nur eben ohne den als Turniernörgler verschrieenen Kroos) für die alten Fahrensmänner Fabian Boll, Torsten Mattuschka und Mehmet Scholl.

Ganz vorne setzt Kamke ein Zeichen. Entgegen dem Trend, die Spitze auszudünnen, nominierte er erstmals sieben Angreifer – ein Wert, den selbst Erich Ribbeck nicht erreichte. Naturgemäß fehlt angesichts dieser Zahl keiner der üblichen Verdächtigen. Klose ist auf der Liste, Gomez (mit Fragezeichen, vgl. Neuer), auch Kruse und natürlich Kießling, der sich aus Sicht des Beratungsgremiums allerdings etwas verkriechen werde. Eher überraschend sind indes die Nominierungen der Nachwuchsstürmer Volland und Werner, denen nicht nur Kamke selbst eine bemerkenswerte Rolle zutraut, während die Entscheidung für Jürgen Klinsmann unter den urbanen Mythos die Rubrik „Schwächung des Gegners“ fallen dürfte.

Der ungewöhnlichste Aspekt, neben dem frühen Zeitpunkt, war sicherlich die Entscheidung, nicht nur den Spielerkader zu benennen, sondern darüber hinaus auch gleich zwei Schiedsrichter an die FIFA zu melden – auch dies ein möglicherweise beispielloses Vorgehen, das „nicht mit dem fußballkulturellen Code in Einklang zu bringen“ sei, so Kamke, der diesen Begriff wohl irgendwo aufgeschnappt, ihn aber außerhalb des passenden Kontextes verwendet haben dürfte. Er meinte wohl eher das FIFA-Regelwerk, und in der Tat bleibt abzuwarten, ob tatsächlich die Herren Dr. Brych und Stark an den Zuckerhut reisen werden.

Abschließend dankte der Bundestrainer seinem Kompetenzeam für die kreativ-disziplinierte Mitwirkung, „die mit dem Begriff ‚Zuarbeit‘ gewiss nicht angemessen gewürdigt wäre. Vielmehr ist durch die Vielfalt der Beiträge ein Gesamtbild entstanden, das meine kühnsten Erwartungen übertroffen hat und das einzig und allein dem Fachwissen und der Originalität meiner Ratgeberinnen und Ratgeber zu verdanken ist. Ich bin ein bisschen gerührt.

Der Kader im Überblick:

Tor:
Weidenfeller, (Neuer),  ter Stegen

Abwehr:
Boateng, Großkreutz, Hummels, Lahm, Mertesacker, Westermann,

Mittelfeld:
Boll, Götze, Mattuschka, Müller, Reus, Scholl, Schweinsteiger,

Sturm:
Kießling, Klinsmann, Klose, Kruse, Volland, Werner, (Gomez)

Schiedsrichter:
Dr. Brych, Stark

* Wir bitten angesichts der sprichwörtlichen heißen Nadel, mit der der obige Text gestrickt wurde, um Nachsicht für den Fehler, der sich eingeschlichen hat, den wir aber der Authentizität halber unverändert belassen wollen. Tatsächlich handelt es sich nicht um 31 andere Bundestrainer, sondern um 31 Millionen.

dreizehn/zwanzigdreizehn


Wenn sie singt, sind es Arjen, nicht Lieder.
Wenn sie schreibt, knie ich demütig nieder.
Wenn sie poetisiert,
ist sie bildhaft versiert.
Als Fünfzeiler fühl ich mich bieder.


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23 23 23 23
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(nach Christian Morgenstern)

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Weitere Adventsfünfzeiler gibt’s im Kalender.

On a completely different note:

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#echtehelden

Mal angenommen, der Torwart der zum gegenwärtigen Zeitpunkt vermutlich besten und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch selbstbewusstesten Mannschaft der Welt kassiert bei einer 3:0-Führung ein Gegentor, dem man mit einer Kategorisierung als „Ehrentreffer“ nach Lage der Dinge nicht unrecht täte. Nehmen wir weiter an, dieser Torwart springt dann mit bemerkenswerter Dynamik nach dem durch das Tor kullernden Ball, um ihn auf keinen Fall dem halbherzig heraneilenden trabenden gegnerischen Angreifer zu überlassen, und fragen uns dann, wie wir das interpretieren sollen.

Ist dieser Torwart einfach nur extrem professionell, quasi ein Führungsspieler, der dem Gegner signalisiert, dass man nicht bereit ist, ihn gewähren zu lassen, ein Leader, der den Mitspielern signalisiert, sich mit dem nötigen Ernst zu wehren? Handelt es sich vielleicht um ein Männlichkeitsritual, eine Reviermarkierung, nach dem Motto: „Ich allein entscheide, wann der Ball mein Tor verlässt“?

Oder ist der Torwart vielleicht überhaupt erst derjenige, der dem Gegner unwillentlich deutlich macht, dass er noch nicht verloren hat oder gar ist, vermittelt er mit seinem im Grunde (und in jedem anderen Fall sich nach einem Gegentor auf den Ball hechtender Torleute) lächerlichen Ball- und Zeitgewinn jenen Anflug eines Zitterns, das der kurz zuvor noch am Debakel schnuppernde Gegner erst als Indiz für eine möglicherweise verbliebene Restchance versteht und das den wankelmütigen Mitspieler in seinem bis dato kaum wahrnehmbaren Zweifel bestärkt?

Nein, nein, ich vertrete nicht ernsthaft die Ansicht, Manuel Neuer sei tatsächlich derjenige, der dem VfB mit seiner zur Schau getragenen Balleroberung im DFB-Pokalfinale wieder Leben eingehaucht habe, und auch nicht, dass seine Mitspieler dieses Zeichen irgendwie gebraucht hätten. Ich finde die Aktion nur bemerkenswert. Ist das ein Reflex? Einfach eine Angewohnheit, sozusagen als Antithese zu dem jugendlichen Helden in Brian Glanvilles „Der Torwart ist eben etwas Besonderes“ (einem Buch, das möglicherweise zurecht niemand kennen dürfte, das ich aber, wie das bei jungen Lesern halt so ist, seit vielen Jahren im Herzen Hinterkopf trage), der sich nach allen Regeln der Kunst vor der Schmach zu drücken sucht, einen Ball aus dem Tornetz holen zu müssen?

Wie auch immer: die Stuttgarter kamen in der Tat zurück, vermutlich neuerunabhängig, und in den Schlussminuten waren sie, nachdem ihr mutiger, zielstrebiger und auch, man höre und staune, meines Erachtens taktisch sehr guter Auftritt der ersten 35 Minuten zu Beginn der zweiten Halbzeit innerhalb weniger Minuten durch zwei ungeschickt verteidigte (wenn auch gut vorgetragene) Aktionen der Bayern vermeintlich wertlos geworden war, recht nah dran, zu Helden zu werden.

Ok, meine Wortwahl wäre das wohl nicht, aber wie ich trotz urlaubsbedingter Medienabstinenz zwischenzeitlich erfuhr, hatte sich das Hashtag #heldenwerden allem Anschein nach zumindest bei Twitter durchgesetzt. Eine Art Motto also, das zwar nicht ganz so schwülstig daherkommt wie die Dortmunder #echteliebe, aber gebraucht hätt’s so was meines Erachtens dann auch nicht. Vielleicht könnte man sich ja zusammentun und im Gedenken an die Erste Allgemeine Verunsicherung #echtehelden intonieren. Da wie dort wie dort gilt: Geschmackssache.

Dass der VfB noch einmal aufkommen konnte, lag naturgemäß in erster Linie an der Münchner Überheblichkeit. Den Gedanken, man könne angesichts der deutlichen Führung seinen Torgaranten auswechseln und die, äh, zweite Reihe ausprobieren, hätte ich gerne noch ein wenig härter bestraft gesehen. Daneben möchte ich, bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Zeilen, Bruno Labbadia ein Lob zollen, und das auch noch doppelt: Okazaki brachte (für mich recht überraschend) tatsächlich nicht nur den viel zitierten frischen Wind, sondern auch Gefahr: seine Beteiligung am Anschlusstreffer kam nicht von ungefähr.

Und dass Gotoku Sakai tatsächlich flanken kann, wenn er mal auf links ran darf, wussten wir zwar alle seit der Vorsaison; umso schöner, dass es nun auch dem Trainer zugetragen wurde – und dass er dem Rechnung trug. Bezeichnend dann allerdings auch Sakais Ecke von rechts. Mit rechts. Ins Toraus. Kurz vor Schluss. Im Pokalfinale.

Abseits rein sportlicher Aspekte haben mir die Finalspiele der letzten beiden Samstage eines ungewohnt deutlich vor Augen geführt: Siegerehrungen sind eine großartige Sache!

Nun mag der eine oder die andere entgegnen, dass dem nur so sei, wenn man die siegreiche Mannschaft unterstütze, oder auch, dass dem nicht einmal dann so sei und dass ich ohnehin ziemliche Sülze von mir gebe. Dem kann ich insofern zustimmen, als ich selbst auch kein großes Vergnügen aus der Übertragung von Siegerehrungen ziehe. Eigentlich. Sie haben aber einen sehr angenehmen Nebeneffekt: jene halbe Stunde, die vom Abpfiff bis zum Ende der Siegerehrung gut und gerne vergeht, gibt allen Beteiligten genügend Zeit, ihr Mütchen ein wenig zu kühlen und dann mit der nötigen Souveränität die Nachberichterstattung anzugehen.

Erstes bemerkenswertes Beispiel war für mich in dieser Hinsicht Roman Weidenfeller (die geneigte Leserin weiß vielleicht, dass ich nicht zum engeren Zirkel der Weidenfeller-Sympathisanten zähle) nach dem Champions-League-Finale, und Jürgen Klopp stand ihm darin kaum nach. Völlig überraschend gelang es in der Woche darauf auch einem Protagonisten der hiesigen Abteilung Attacke, Fredi Bobic, dem siegreichen Gegner souverän zu gratulieren und gleichzeitig die starke Leistung der eigenen Mannschaft zu würdigen, dabei sogar ein paar kleine Spitzen zu setzen, ohne aber seinen Freund, den Dampfhammer, auszupacken. Chapeau.

Letztlich waren nach dem Pokalfinale, etwas überraschend, die Siegerinterviews kontroverser, zumindest teilweise. Selbst Philipp Lahm machte zwischen den obligatorischen Streicheleinheiten für seine Frisur dem Interviewpartner erstaunlich deutlich deutlich, dass er keine Lust hatte, sich mit dessen kritischer Analyse zu befassen – wofür ich eine Menge Verständnis habe. Interessant auch, wie scharf Arjen Robben nach wie vor reagiert, wenn er auf die Pfiffe zu Saisonbeginn angesprochen wird. Auch diese offenbar recht tief sitzende Verletztheit verstehe ich sehr gut, obschon ich mir nicht sicher bin, ob es nötig war, den Fans so deutlich ins Stammbuch zu schreiben, dass letztlich nur die Leute für ihn zählen, mit denen er tagtäglich zusammenarbeitet.

Völliges Unverständnis hat indes Karl-Heinz Rummenigges Versuch bei mir ausgelöst, seine hinlänglich dokumentierte 1,8-Promille-Aussage als fehlinterpretiert darzustellen. Kürzlich hatte ich, übrigens auch hier im Einklang mit dem ungewohnt milden (präsidialen?) Fredi Bobic, bereits geschrieben, dass mich jener Satz eher kalt gelassen hat. Rummenigge war im Überschwang, er wollte die Gäste ein bisschen animieren, seine rhetorische Brillanz tat das Übrige, da kommt dann halt auch mal so was raus. Mir recht egal.

Dass er dann aber nicht in der Lage ist, eine Woche später etwas zu sagen wie „Mei, da hab ich mich in meiner Begeisterung ein wenig vergaloppiert, es war halt ein Spruch, nehmen Sie das doch nicht so ernst„, oder meinetwegen auch nur „Ach, jetzt brauchen wir doch nicht die Sprüche von letzter Woche rauskramen„, oder, mein persönlicher Favorit, „Wieso? Wir haben doch Wort gehalten!„, sondern dass er stattdessen ernsthaft versucht, die Zuhörer der Fehlinterpretation zu bezichtigen, empfinde ich als ein wenig beschämend. Ich bitte zu Protokoll zu nehmen, dass ich mir in diesem Moment gewünscht hätte, Franz Beckenbauer an seiner statt am Mikrofon zu sehen.

Zurück zum Spiel? Ach, eher nicht. Es ist alles gesagt. Der VfB stellte sich geschickt an, begann gut, schwächelte dann ein wenig, drohte kurz unterzugehen, rappelte sich auf, brachte die Bayern in Verlegenheit, verlor aber, und ging erhobenen Hauptes vom Feld. Bzw. er tat es nicht, der Enttäuschung wegen, hätte es aber tun können.

Genug. Sähe man sich die gängigen Statistiken an, dürften recht deutliche Ballbesitz-, Ecken- und bestimmt auch Foulwerte zu verzeichnen sein; einzelne weniger weit verbreitete Zahlen finden sich nachfolgend:

Gesprächsminuten mit Manuel Gräfe
1. Bastian Schweinsteiger 31
2. Thorsten Schiffner 12
3. Guido Kleve 11
Mit grimmiger Miene verbrachte Spielminuten
1. Martin Harnik 90
2. Matthias Sammer 55
3. Mario Gomez 29
Direkte Zuspiele zum Gegner
1. Vedad Ibisevic 12 (95 %)
2. Bastian Schweinsteiger 11 (9,5 %)
3. Sven Ulreich 10 (49,5 %)
(Produktive) Kabinettstückchen mit Ball (Gefühlt.)
1. Thomas Müller 7
2. Alexandru Maxim 6
3. Andere 2
Elfmeterreife Vergehen
1. Serdar Tasci 1
2. Ibrahima Traoré 0
3. Jérôme Boateng 0

 

Da Roppn spielt an Seich!

Mir doch egal, wer da gewinnt, dachte ich. Ein schönes Spiel soll’s halt werden, dachte ich. Gerne vier zu drei oder so, dachte ich, ohne Elfmeterschießen, versteht sich.

Und gleichzeitig wusste ich, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Irgendein herkunftsloses Gefühl, das mir sagen würde, welcher Mannschaft ich die Tore gönne und welcher nicht. Bis vor ein paar Jahren hätte sich die Frage im Grunde nicht gestellt. Zu sehr konnte ich Dortmund so gar nicht leiden, zu groß war im Vergleich dazu meine Grundsympathie für die Bayern. Das hatte sich in den letzten Jahren geändert, dem Dortmunder Fußball sei Dank, dem Dortmunder Trainer sei Dank, und noch vor einem Jahr hätte ich den Sieg wohl ohne lang zu überlegen den Gelben gegönnt.

Nun indes, nach den jüngeren Münchner Entwicklungen, wusste ich schlichtweg nicht, was ich wollte. Wie bereits gesagt. Ein schönes Spiel sollt’s halt werden, gerne vier zu drei oder so, ohne Elfmeterschießen, versteht sich. Aber ich wusste ja, dass mir irgendwas einen Strich durch die Rechnung machen würde. Nur: dieser Strich war ein ganz anderer als der, den ich erwartet hatte.

Er war mir zu, wie soll ich sagen, destruktiv. Oder, positiver: mitfühlend. Jedes 4:3 oder 3:4 oder meinetwegen auch 4:4, dann halt doch noch mit Elfmeterschießen, setzt voraus, dass irgendwann einer in Führung geht. Dumm nur: ich wollte das nicht.

Jenes irgendwas, das mir sonst im Grunde bei jedem Spiel, und sei es irgendein Kreisklassenkick, den ich eher zufällig zu sehen bekomme, unmissverständlich signalisiert, wessen Tore gut und wessen Tore böse sind, verweigerte mir am Samstag die Kooperation. Egal wer eine Chance hatte, an deren Entstehung ich mich erfreute: das Irgendwas sagte: „Nein. Bitte kein Tor jetzt!“

Dass es zunächst in erster Linie Dortmunder Tore verhinderte, lag in der Natur der Sache dieses Spiels. Der Druck, den sie auf die Bayern ausübten, beeindruckte mich im selben Maße wie mich deren Unfähigkeit, sich davon zu befreien, entsetzte. Ich war begeistert von ihren Ballgewinnen, von der Rasanz und Stringenz, mit der sie dann in Richtung Neuer eilten – um sogleich den Torerfolg, den Rückstand für die Bayern zu fürchten.

Als rot dann irgendwann mitspielte, ergab sich dasselbe in grün. Gelb. Wie auch immer. Tolle Flanke von links, Mandzukic macht alles richtig, mal wieder, aber der Ball soll doch bitte nicht rein! Oder Robben gegen Weidenfeller, den ich nun wirklich nicht leiden mag, und dem ich wohl nie mehr so sehr wie am Samstag wünschen werde, Auge in Auge mit dem Stürmer siegreich zu bleiben, von mir aus auch einfach angeschossen zu werden.

Später dann dieser laut vernehmliche Zungenschnalzer ob Ribérys Zuspiel auf Robben und die gleich folgende Erleichterung, dass jener ihn nicht so ideal mitgenommen hat. Um dann doch noch die Kurve zu bekommen, und siehe da (Mist!): der Führungstreffer! Jetzt aber los, Ihr Gelben, gleicht aus, flott, flott!

Hat dann ja auch geklappt. Was die Bayern, die längst Herr im Hause waren, aber was heißt das schon in einem Champions-League-Finale, ein wenig wütend und vor allem noch entschlossener werden ließ. Als dann jedoch selbst Müller vor dem leeren Tor in ungeahnter Halbherzigkeit nicht recht zu wissen schien, ob er den Ball selbst über die Linie schieben oder doch lieber den Kollegen Robben anspielen soll, war ich fast geneigt, daran zu glauben, dass mein Irgendwas irgendwo erhört worden sei und man sich im Morgengrauen auf ein Unentschieden einigen werde.

Dies (also unmittelbar nach Müllers Chance und Subotics Rettungstat) war übrigens auch der Moment, in dem ich die Beherrschung verlor. Lange genug hatte ich, und nicht nur ich, schweigend über mich ergehen lassen, wie ein glühender Bayernfan, der zufällig am Nachbartisch saß und sich offensichtlich bereit erklärt hatte, für den kleinen, heterogenen und völlig zufällig zusammengewürfelten Haufen, der keine andere Wahl gehabt hatte, als sich vor dieser Leinwand zu versammeln, den Steffen Simon zu geben, den Steffen Simon gab. Oder irgendwas Ähnliches.

Von der ersten Minute an beschimpfte er seine Bayern, selten aggressiv, meist eher resigniert, was man noch recht belustigt hätte zur Kenntnis nehmen können, zumal das bairische Idiom die Kanten ein wenig abrundete. Bitter war indes sein zur Schau getragener Pessimismus, der sich meist so ausdrückte, dass das Eindringen der Dortmunder in das Münchner Verteidigungsdrittel – und sie waren häufig dort – in schöner Regelmäßigkeit von einem prophetisch überzeugenden „1:0. Jetzt ist es soweit!“ in vielfältigen Variationen begleitet wurde; auf das unvermeidliche „Da schau hi!“, das jede einzelne Unachtsamkeit der Bayern nach sich zog – und es gab nicht so wenige davon – will ich gar nicht weiter eingehen.

Einen besonders schweren Stand hatten, nun ja, im Grunde alle, aber noch besonderer war es bei Schweinsteiger und beim Roppn, wenn ich ihn recht verstanden habe. Ein Schelm übrigens, der einen Bezug zum Vorjahr herstellt. Beim Roppn war nach seinen vergebenen Chancen schon früh Hopfen und Malz verloren. Da ich dies beim Kommentator ähnlich empfand, sparte ich mir auch den vorsichtigen Hinweis, es komme möglicherweise nicht von ungefähr, dass gerade Robben derjenige sei, der mit wenigen Ausnahmen überhaupt in torgefährliche Situationen komme. Vergeben Liebesmüh, sagte ich mir. Noch.

Als dann also Müller den Ball nicht ins leere Tor geschoben, sondern irgendwohin in das (geometrisch womöglich nicht ganz saubere, wohl aber gefühlte) Dreieck Torlinie-Robben-Subotic gepustet hatte, und als Robben dann erst Sekundenbruchteile nach Subotic am Ort des Geschehens war, und als man sich zugegebenermaßen überlegen konnte, ob, sagen wir, Ulf Kirsten an Robbens Stelle möglicherweise einen Tick energischer herangerauscht und samt Ball und Subotic ins Tor gerutscht wäre, und als unser Kommentator, außer sich vor irgendeinem schwer zu definierenden Gefühl, seine Zuhörer zum wiederholten Male wissen ließ, was der Roppn doch für an Seich spiele, konnte ich nicht anders, als ansatzweise energisch darauf hinzuweisen, dass der Müller halt einfach den Ball ins Tor schießen solle, dann müsse man sich nicht über den Roppn echauffieren. (Gleichzeitig dankte ich Müller im Stillen dafür, dass er es nicht getan hatte – es schien absehbar, dass Dortmund nach einem Rückstand eher nicht mehr ins Spiel zurück finden würde.)

Die gemurmelte, nicht zustimmende Reaktion verfing sich ein wenig in seinem Schnauzer, seine Frau, der zuvor nicht verborgen geblieben war, wie ich gelegentlich die Augen verdrehte, raunte ihm etwas zu, und ich bilde mir zumindest ein, dass es danach wesentlich besser war. Was natürlich auch ein bisschen daran liegen mag, dass seine Mannschaft halt auch wesentlich besser war. So gut, dass irgendwas in mir mittlerweile fast soweit war, einen etwaigen Münchner Treffer zu begrüßen. Fast. Tatsächlich freute ich mich noch in der 85. Minute gemeinsam mit meinem Sitznachbarn, dass die Verlängerung nun doch in greifbarer Nähe war. Tja.

Und dann kam der Moment, dessentwegen ich Abbitte leisten musste. Bei Jupp Heynckes. Ich weiß nicht, wie oft ich im Lauf der zweiten Halbzeit den Kopf geschüttelt hatte ob seiner Entscheidung, Boateng auf dem Platz zu lassen, einen angeschlagenen Innenverteidiger, den ich mir in keinem Laufduell mehr vorstellen konnte (vielleicht wusste der Trainer einfach, dass sich angesichts der nun geltenden Kräfteverhältnisse keines mehr ergeben würde), und der nun den langen Ball schlug, der die Entscheidung einleitete. Und wiederum hatte Ribéry einen extrem lichten Moment, und wiederum war es der Roppn, der dankend annahm und diesmal selbst, und zwar in ganz großer Manier, vollendete – um so die beiden Seelen in meiner Brust gleichermaßen aufheulen und jubilieren zu lassen.

Großer Sport, all das. Irgendeine ausländische Zeitung wurde, wenn ich mich recht entsinne, dahingehend zitiert, dass alle, restlos alle Spieler auf den Schultern vom Platz getragen gehört hätten. Dem schließe ich mich vollumfänglich an.

Und möchte abschließend noch einen Gedanken weitertragen, den mir ein Freund am Tag danach per SMS zukommen ließ. Sinngemäß sagte er, er habe bisher Verständnis gehabt für die verbreitete Argumentation, Doping bringe im Fußball nichts. Die Dortmunder Anfangsphase habe ihm indes eines vor Augen geführt: wenn alle 90 Minuten laufen könnten wie einst Johann Mühlegg, dann beherrschen sie das Spiel. Dann hätten, um den Gedanken weiterzuführen, die Bayern 90 Minuten lang die eigene Hälfte nicht verlassen.

Natürlich hinkt das irgendwo, natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Fitnessunterschiede letztlich immer nur kurzzeitig groß sein können, weil ziemlich rasch auch alle anderen besser trainieren oder ähnlich leistungsfähige Apotheker ausfindig machen, und dann möglicherweise auch weiter fortgeschrittene fußballerische Strategien zur Anwendung bringen können. Aber ich (als jemand, der Fußballdoping schon länger für relevant hält) finde es sehr wohl bemerkenswert, dass dieses eine Spiel, ein zweifellos großartiges Spiel, jemanden dazu bringt, seine Grundhaltung zu Doping im Fußball anzuzweifeln. (Und nein, er ist weder Gelegenheitsfußballfan noch jemand, der das Spiel nicht verstanden hat.)

Eine Konsequenz übrigens, die der SMS-Schreiber en passant in den Raum stellte: dass „Langholz“ wieder salonfähig wird, wenn der Druck der Presser immer weiter zunimmt. Ich dachte kurz darüber nach, in meiner Antwort darauf hinzuweisen, dass die Bayern keinen Lothar Matthäus mehr in ihren Reihen haben, der diese zentimetergenauen langen Bälle spielen könne, um dann gerade noch rechtzeitig an Boateng zu denken. Und an Heynckes. Und daran, wie wenig ich von modernem Fußball verstehe.

Fünf* Zeilen, die der Fußball schrieb (XX)

Ein Buersche wollt’ Pötte und Schalen.
Litt beim Wechsel (als Liebender) Qualen –
die dann sehr rasch zerrannen.
Frei nach Funny van Dannen:
♫ ‘s war die Liebe in Nordrhein-Westfalen! ♫

Auch die Nachbarn und liebsten Rivalen,
sie ließen (nein: mussten!) bezahlen.
Der Götze: gedämmert.
Die Blicke: belämmert.
#echteliebe in Nordrhein-Westfalen.

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* Ok, mal wieder zehn. Verzeihung.

Bloß nicht Brouwers!

Eigentlich war der Plan ziemlich gut gewesen. Vormittags den Rhein entlang gen Norden fahren und auf dem nicht so ganz direkten Weg zur abendlichen Podiumsdiskussion der Aktion Libero nachmittags den Auswärtssieg in Mönchengladbach mitnehmen. Irgendwie kam es dann ganz anders, und ich musste zuhause bleiben. Da war’s auch schön, aber ein bisschen wehmütig sah ich am Nachmittag dann doch vor meinen Computer, als ich zwischendurch einem Liveticker bei der Aktualisierung zusehen durfte und von einer lebendigen Anfangsphase erfuhr.

Durch einen glücklichen Zufall landete ich beim Herumstromern dann auf einer Seite, wo zwei – vermutlich – junge Leute aus Russland zufällig gerade ein Spiel jener beiden Mannschaften, also der Gladbacher Borussia und des VfB auf irgendeiner Konsole spielten und mit Livekommentar ins Internet übertrugen. Leider schienen sie eine veraltetete Version zu verwenden, da weder Raphael Holzhauser (für den ich, zugegeben, auch im echten Leben eine Kunstpause nicht für abwegig  gehalten hatte – dumm nur, dass statt seiner nur Kuzmanovic zur Verfügung stand, der zuletzt keinen Hehl aus seinem Status – „gezwungermaßen noch da – gemacht hatte) noch Antonio Rüdiger verfügbar waren.

Dennoch verfolgte ich das Ganze mit einem halben Auge, das sich mit den eineinhalb meines Sohnes ganz gut ergänzte, sodass wir gemeinsam zum Schluss kamen, eine ansprechende zweite Halbzeit gesehen zu haben, in der der VfB-Gamer zunächst seinen Siegeswillen deutlich machte und dann das Glück hatte, dass auf der Gegenseite ein Anfänger an der Konsole saß (beinahe hätte ich aus meinem Zeitgefängnis heraus Joystick gesagt) und  Roel „Rade Prica“ Brouwers ein Tor erzielen ließ, das in einschlägigen Kreisen bereits in die Vorauswahl zum Tor des Monats geschrieben wird. Naja. Hihi, Winklhofer, hihi.

Zum Ende der Übertragung hin war ich etwas unaufmerksam, bzw. verfolgte lieber den Videotext, um Informationen aus dem echten Leben zu erhalten. Dummerweise war dort war der letzte Schiedsrichterball nicht zu sehen, sodass ich mir erlaube, auf dessen Schilderung durch die Stuttgarter Nachrichten zu verweisen:

„Kurz vor Schluss gab es in der VfB-Hälfte  Schiedsrichterball – und weil Gladbach vor der Unterbrechung die Kugel hatte, war klar, dass der VfB-Spieler vom Ball wegbleibt. Einer aber sah das anders. Martin Harnik ging hin – und drosch die Kugel zu Keeper Marc André ter Stegen zurück. Gladbach hatte den Ball wieder – aber eben 40 Meter weiter hinten. […] Harnik ballte die Faust. Sein Pass zu ter Stegen war ein Signal an alle Gladbacher: Freunde, ihr schießt hier kein Tor mehr! Wer so handelt wie der Stürmer, ist hellwach und glaubt an den Sieg. Sein Auftritt war ein Sinnbild dessen, was der VfB in Sachen ­Siegeswillen und Abgezocktheit ablieferte.“

Das kann man natürlich so sehen. Alternativ könnte man die Unsitte anprangern, dass der Mannschaft, die vor dem Schiedsrichterball im Vorteil (sprich: Ballbesitz) war, oder die in einem etwas anderen Fall den Ball ins Aus spielte, um die Behandlung eines Spielers zu ermöglichen, das Weiterspielen so schwer wie möglich gemacht hat, und zwar nicht durch geschickte Abwehrstrategien, wie ich sie sehen will und auch würdige, sondern indem man einen maximalen Zeitverlust und eine Situation herbeiführt, die möglichst nichts mehr mit einem Vorteil zu tun hat.

Das ist nachvollziehbar. Aber mit dem Sportsgeist, der der Geste des Ballzurückspielens zugrunde liegt, hat das nur wenig zu tun. Ob wohl einzelne Trainingseinheiten darauf verwandt werden, den Ball möglichst nahe an die Eckfahne zu spielen, ohne dass er das Spielfeld verlässt?

Natürlich kann man das als Träumerei und weltfremde Fußballromantik abtun. Oder als Naivität. Ist es nicht. Ich weiß sehr wohl, dass die Spieler gewinnen wollen, dass sie die Grenzen dessen austesten und ausnutzen, was gerade noch akzeptabel ist, ohne sie auf ewig als völlig unsportlich abzustempeln, und letztlich ist Harniks Auslegung des Schiedsrichterballs ebenso erlaubt wie ein Siegelbruch im Motorsport (dessen Kunde selbst Laien wie mich erreicht). Möglicherweise kenne ich eine Menge Leute, die ähnlich handeln würden, und lege nicht einmal für mich selbst die Hand ins Feuer. Ich tue mich nur ein bisschen schwer damit, dass derlei hinterher hochgejubelt wird.

Das sind wohl die Themen, mit denen sich derjenige befassen muss, der vom Spieltag selbst nicht viel mitbekommen hat. Bisschen Sportschau, ein paar Artikel, die eine oder andere Zusammenfassung. Vielleicht war es dann auch die Gier nach fußballbezogenen Schnipseln und Interaktion, die mich dann auch bewog, Dinge zu kommentieren, über die ich sonst gerne mal hinweg gehe:

Mir ist klar, dass man die Situation, rein sportlich, unterschiedlich bewerten kann. Ich selbst finde, dass ein nicht abgefälschter Schuss aus etwa 25 Metern, der ziemlich mittig die Torlinie überschreitet, ein Torwartball ist. Das kann man mit Blick auf die Flugkurve anders sehen, wobei ich persönlich der Meinung bin, dass jemand, der das hauptberuflich macht, im Lauf der Zeit mit dem einen oder anderen krummen Ball konfrontiert gewesen sein und Strategien entwickelt haben muss.

Aber ich bin weder Torwart noch Torwarttrainer, nur Beobachter und Hobbyspieler ohne jegliches Talent zum Torhüter. Insofern hätte ich auch durchaus damit umgehen können, wenn Manuel Neuer gesagt hätte, dass es zwar unglücklich ausgesehen haben mag, dass der Schuss aber verdeckt und mit ungewöhnlichem Effet abgegeben worden und deshalb kaum zu halten gewesen sei. Ich hätte ein bisschen darüber nachgedacht, wäre noch immer anderer Meinung gewesen, und gut.

Mit seinem unbeherrschten, meinetwegen auch nur unsouveränen „Wollen Sie mich verarschen?“ fernab jeden Selbstzweifels und dem Versuch, die Kompetenz des Fragestellers per Holzhammerironie in Frage zu stellen, kann ich in diesem Fall eher nicht umgehen. Aber das muss ich letztlich natürlich mit mir selbst ausmachen. Und er mit sich.

Was noch hängen blieb: Großartige Tore. Quasi Brouwers‘ Konkurrenz. Das von Schürrle zum Beispiel, klar. Schöner Schuss. Vor allem aber jene, die in Zeiten eines ausnahmsweise einmal auch für mich völlig verständlichen Fallrückzieherhypes gerne mal hinten runter fallen, die einfach des vorangegangenen Kombinationsspiels so wunderbar waren. So wie, ohne jede Frage, jenes von Götze (Sagte ich schon, wie großartig ich ihn in Interviews finde?), der dem Ganzen noch ein individuelles Sahnehäubchen aufsetzte und dessen Tor gewiss nirgends runter fällt.

Aber man denke auch an Jan Rosenthals Siegtreffer für den SC Freiburg und an seine Zuspieler Makiadi und Kruse. Oder an Rode, Aigner und Meier. Meine Güte, macht das Spaß, da zuzuschauen. Gerade in Frankfurt. Wo auch Inuis Pass auf Aigner niederknienswert war. Aber letztlich können sie das Tor des Monats meinetwegen auch Schürrle geben. Egal.

Bloß nicht Brouwers.

Rückblicksvorbereitungsstichworte (I) (Vielleicht.)

Am Samstag sah mein Sohn sein erstes Länderspiel. Dänemark gegen die Niederlande, so halb. Nummer zwei folgte auf dem Fuße, jenes, auf das er seit Tagen, ach was: seit Wochen hingefiebert hatte. Sein Verständnis von Fußball ist noch sehr überschaubar, auf Gefühlsausbrüche seiner Eltern (abgestuft) folgt meist die Frage, was denn los gewesen sei, aber er erkennt, Panini sei Dank, die Spieler, freut und wundert sich zugleich, wenn schon wieder Joachim Löw im Bild ist, und stellt so kluge Fragen wie jene, warum der Kommentator bei Nani und Raul Meireles den Verein nenne, bei den meisten anderen portugiesischen Spielern aber nicht. Zum Glück frug er nicht nach Meireles‘ Aussprache, von der ich nach wie vor nicht weiß, ob sein Name so ausgesprochen wird, wie die meisten Reporter meinen, ihn aussprechen zu müssen („Mereiles“). Diese Dame hier meint wohl eher nicht, ich las aber auch schon anderes.

Ich hoffe natürlich sehr, dass er dereinst ähnlich verklärend auf seine erste Europameisterschaft zurückblicken wird wie ich auf jene von 1980. Auch wegen des Titelgewinns, klar; vor allem aber wünsche ich ihm, dass auch ihm die gerade erst erwachende Liebe zum Fußball lange erhalten bleibt – in welcher Form, sei dahingestellt. Vielleicht kommt er ja irgendwann sogar in die Verlegenheit – Gedankenvater mag das Wunschdenken des Kindesvaters sein –, seine Erinnerungen aufzuschreiben, in welchem Medium und aus welchem Grund auch immer. Und weil solche Rückblicke ja gerne mal unter verblassenden Bildern im Kopf oder unter nachgelesenen, im dümmsten Fall auch noch objektiven Erzählungen von Zeitzeugen leiden, nutze ich gerne die Gelegenheit, für den Sohnemann in Vorleistung zu treten und ihm ein paar Gedankenfragmente für seinen Blick zurück zu konservieren. Man manipuliert ja, wo man kann.

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Euro 2012? Natürlich erinnere ich mich. Polen und Ukraine. Die älteren Fortschschrittsverweigerer unter uns nutzten noch immer die althergebrachte Bezeichnung „EM“ (für EuropaMeisterschaft) und träumten von den guten alten Zeiten mit vier oder acht teilnehmenden Mannschaften – dabei nahmen damals lächerliche halb so viele Nationen teil wie heute. Spanien ging als Topfavorit ins Turnier, die Deutschen wähnten sich auf Augenhöhe und interpretierten die sogenannte Hammergruppe (aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, nicht wahr?) als angemessenen Turniereinstieg. Tja.

Polen und Griechenland eröffneten das Turnier mit einem für die Griechen zunächst schmeichelhaft erscheinenden Unentschieden, für damalige Verhältnisse dem Vernehmen nach alte Russen spielten schlechte Tschechen an die Wand, der dänische Trainer trug Rudi Völlers Frisur auf. Ja, genau, der Rudi Völler, und nein, ich meine nicht seine Goldlöckchen oder die Tante-Käthe-Phase, sondern den silbern geplätteten Mittelscheitel. Mit Erfolg übrigens – die Dänen, die schon damals auf eine bemerkenswerte „EM“-Historie zurückblicken konnten, schlugen den dritten vermeintlichen Topfavoriten, die Niederlande, deren Mannschaft zu Turnierbeginn wieder einmal als nur bedingt harmonisch wahrgenommen wurde, der Spruch vom Egoland, das gegen Legoland verlor, hat seinen Ursprung in jenem Spiel.

Deutschland startete mit einem hart umkämpften Sieg gegen CR7s Portugiesen, den man nicht zuletzt Mats Hummels – der zuvor, aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, lange um die Anerkennung von Bundestrainer Löw hatte kämpfen müssen – und dem von ihm angeführten Abwehrverbund zu verdanken hatte, nicht zuletzt auch einem Torwart, der nebenbei noch Zeit hatte, sein Faible für die einarmige Faustabwehr zu kultivieren [Anmerkung: Verzeihung, als EM80-Veteran ließ es sich nicht vermeiden, diesen Querverweis anzudeuten].

Mario Gomez hatte auch einen gewissen Anteil, aber das durfte man damals nicht laut sagen. „The beautiful game“ wurde zu jener Zeit eher im Sinne von „joga bonito“ interpretiert, der Bundestrainer hatte die Öffentlichkeit informiert, dass man nur mit schönem Spiel etwas gewinnen könne, und Gomez spielte, welcher an Fußball Interessierte wüsste das nicht, eben nicht in jenem Sinne schön, Tore galten eher als notwendiges Übel.

Wobei ich einräumen muss, dass auch mein Vater, wiewohl schon damals ein Gomez-Fanboy fernab jeder Objektivität, seine Leistung in jenem Spiel sehr kritisch sah. Er beschäftigte sich zwar ein wenig mit der Frage, wer in höhrerem Maße unter wem leidet, das Mittelfeld unter einem sich schlecht ins Spiel einbringenden Stürmer oder der Stürmer unter nicht sehr zielstrebigen und nur selten ideenreich agierenden Mittelfeldspielern, ließ aber keinen Zweifel daran, dass Gomez im Sinne des Spielflusses nicht gut gespielt hatte – was wohl in der Tat das schlechteste Urteil war, das man sich von meinem alten Herrn über Gomez vorstellen konnte. 

Jenes Spiel war übrigens auch die Gelegenheit, bei der der bis zu ihrem Konkurs jährlich aufs Neue in der Bundesligavorschau der Bild-Zeitung und daher fälschlicherweise Mario Basler zugeschriebene Spruch vom wund gelegenen Stürmer erstmals einer breiteren Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht wurde. Tatsächlich stammt er von Mehmet Scholl, der vor seiner Fernsehkarriere ein großartiger Fußballspieler gewesen war und sich wohltuend von anderen sogenannten TV-Experten abhob – Einschätzungen, die auch mein Vater teilte, so dass es ihn umso härter traf, dass auch Scholl seine Hauptkritik in einem von einer ganzen Reihe von Spielern bestenfalls durchwachsenen Spiel an gegen den allein schon historisch nächstliegenden Spieler richtete und sich in seinem Flow ein wenig von belastenden Faklten entfernte.

„Populismus!“ rief der Vater emört aus, als Scholl Gomez nicht mehr nur jegliche Bereitschaft absprach, sich ins Spiel einzubringen, sondern ihm darüber hinaus unterstellte, nicht zu laufen, nicht nach hinten zu arbeiten. Es empörte ihn so sehr, dass er sich nicht entblödete [Anmerkung: Was!?], die Uefa-Statistiken nach Laufstrecken zu durchforsten und festzustellen, dass Gomez 8,8 Kilometer gelaufen war. In der Tat: deutlich weniger als Spieler auf einer vergleichbaren Position wie Robin van Persie mit seinen 10, 6 km, Nicklas Bendtner mit 10, 2 oder auch der moderne Robert Lewandowski mit 9,7.

Betrachtet man dann noch die vorzeitig Ausgewechselten und rechnet ihre Laufdistanzen hoch – wohl wissend, das das eine starke Vereinfachung darstellt –, so kommt vor allem Milan Baros, der bereits bis zu seiner Auswechslung in der offiziell 85. Minute über 10 km gelaufen war, auf errechnete 11,1 km, die früher ausgetauschten Postiga, Kerzhakov und Gekas auf 11,4 (!), 10,4 und 9,4. Da kann Gomez mit seinen 8,8 abstinken. Ok, man könnte jetzt natürlich seinen Wert auch noch hochrechnen, dann wäre man mit 10,3 mitten bei den Leuten, aber so weit wollen wir jetzt doch nicht gehen.

Denn ganz ehrlich: Mein Vater war damals ein wenig angefressen und hatte es schon zu jener Zeit nicht so mit wissenschaftlichem Arbeiten. Die Zahlen entstammten einer einzigen und nicht zu überprüfenden Quelle, einige Basisdaten (bspw. die jeweilige Nachspielzeit) lagen ihm nur in Auszügen vor, von Nettospielzeiten ganz zu schweigen, die lineare Hochrechnung (heißt das so?) ignoriert Aspekte wie ermüdungsbedingten Leistungsabfall oder den Umstand, dass in einzelnen Fällen die Auswechslung im Vorfeld besprochen worden sein könnte. Die Spielsysteme und Aufgabenstellungen mögen allen Parallelen zum Trotz unterschiedlich gewesen sein, und ohnehin sind Quervergleiche zwischen Spielen schwierig.

Und natürlich ist die bloße Laufleistung in Kilometern kein hinreichender Indikator, um Scholls These zu widerlegen. Vielleicht lief Gomez tatsächlich, wie vom Experten unterstellt, weder nach hinten noch zur Seite, sondern, nun ja, irgendwo anders hin halt, auf der Suche nach der sich öffnenden Straße. Man weiß es nicht.

Genau so wenig wie man übrigens weiß, ob Gomez nach dem abgepfiffenen Vorteil in der ersten Hälfte auch dann getroffen hätte, wenn Torwart und Abwehrspieler sich gewehrt hätten. Was man indes weiß: Er war da. Im Strafraum. Am Ball. Was man wiederum nicht weiß, sich aber vorstellen kann: wie die hiesigen Medien reagiert hätten, wenn sich Gomez wie der großartige Robin van Persie gleich zwei mal die Beine verknotet hätte, anstatt den Ball ins Tor zu schieben. 

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Oh, Entschuldigung, das ist jetzt ein bisschen lang geworden. Und vielleicht nicht in jedem Fall geeignet für einen Rückblick auf die EM 2012. Ich gelobe Besserung, Sohn!

Berückende Bundesliga

Betrachtet man die zurückliegende Saison des VfB Stuttgart noch einmal etwas intensiver und beschäftigt sich insbesondere mit der ausnehmend guten Rückrundenbilanz, so kommt man keinesfalls umhin, Gotoku Sakai, Vedad Ibisevic und Georg Niedermeier in absoluter Objektivität als ausschlaggebend zu bezeichnen, bzw. vor allem den Umstand, dass sie Boulahrouz, Maza und Cacau bzw. Pogrebnyak verdrängen konnten. War man in der Hinrunde auf der einschlägigen 11er-Skala meist noch zwischen 4 und 6 gependelt, so erreichte man in der Rückrunde dank der drei genannten Herren regelmäßig Werte von 7 oder 8.

Besonders bemerkenswert, wenn auch nicht im Einklang mit dem Startelfgebot, war die Phase zwischen der 46. und 58. Minute am 30. Spieltag in Augsburg, als der VfB tatsächlich mit den Nummern 1-9 auf dem Platz stand. Bedenkt man zum einen, dass die 10 nicht vergeben und die 11, Audel, das ganze Jahr über verletzt war, und zum anderen, dass von den beiden Ergänzungsspielern der eine, Hajnal, als klassischer Zehner ebendort spielte und der andere, Schieber, als Linksaußen auf der 11 agierte, darf man wohl ohne Übertreibung von den besten gut zwölf Minuten der Saison sprechen.

Beeindruckend auch der 34. und 25. Spieltag, als zunächst sowohl der HSV als auch der VfB mit jeweils 8 aus 11 in die Partie gingen und eine Woche darauf der VfB mit acht der ersten elf begann, während Kaiserslautern gar mit deren neun aufhörte. Aufschlussreich war dabei nicht zuletzt, dass die beiden Mannschaften noch in der Hinrunde mit vier gegen vier ins Spiel gegangen waren.

Der eben schon angesprochene HSV trat bei mindestens 5 Partien mit 9 klassischen Nummern an, am 16. Spieltag fehlte zwischen der 69. und 84. Minute gar nur die 3, Michael Mancienne, um ein rundum stimmiges Bild abzugeben. Im Saisonschnitt standen beim HSV pro Spiel knapp 8 Spieler mit Rückennummern zwischen 1 und 11 beim Anpfiff auf dem Platz, was angesichts der durchwachsenen Hamburger Saison dem Schluss, dass eine Orientierung an traditionellen Werten nicht zwingend zum Erfolg führt, nicht im Wege steht.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Absteiger Hertha den zweithöchsten Wert erreicht (ohne Berücksichtigung der Nummerierung in der Relegation, vor Gericht und auf hoher See), lässt das bereits tief blicken. Möglicherweise hat also der VfB seinen Uefa-Cup-Platz letztlich eher trotz als wegen seiner noch immer deutlich über 6 Klassiker in der, man muss es so sagen, Durchschnittself erreicht.

Darüber hinaus lassen auch die Bilanzen von Kaiserslautern, das in der Hinrunde, als man (zugegeben: nur stichprobenartig überprüft) häufiger mit höheren Nummern antrat, immerhin noch den einen oder anderen Zähler holte, und des SC Freiburg, der in der ersten Saisonhälfte mit den Herren Bastians (Nr. 3), Butscher (5), Abdessadki (6), Cissé (9) und Nicu (10) eher überschaubar punktete, in der Rückrunde aber, als aus den ersten elf zum Teil nur noch Baumann und Makiadi aufliefen, eine bemerkenswerte Bilanz erzielte, aufhorchen.

Sicher, all das sind nicht mehr als schwache Indizien, wenn überhaupt, man könnte vielleicht auch von Scharlatanerie sprechen. Und doch möchte man es sich ja nicht nehmen lassen, auch einmal an jenes Ende der Skala zu schauen, wo die Mannschaften erscheinen, die nur wenige Spieler aus den ersten elf zum Einsatz kommen lassen. So wie der FC Bayern im vorletzten Saisonspiel gegen den VfB, als nur einer auflief, noch dazu die 11, die halt grade noch so dazugehört.

Ja, ja, ich weiß, gegen den VfB reichte auch die B-Elf der erfolgsverwöhnten Münchner, war ein nicht repräsentatives Beispielspiel.

Betrachtet man nämlich die gesamte Saison, so stellt sich die Situation völlig anders dar. Also fast. Immerhin 2,8 Bayern standen im Schnitt beim Anpfiff mit einer Standardnummer auf dem Feld, was – ich verkneife mir Sätze, die mit immerhin oder wenigstens beginnen – den ligaweiten Spitzenwert darstellt. Knapp dahinter Schalke, das 2,9 klassische Starter zu verzeichnen hatte. Der einzige weitere Verein, der weniger als 4 Spieler mit einer Traditionsnummer auf das Feld schickte, war mit einem Wert von 3,8 wer? Genau: Borussia Dortmund.

Schlussfolgerungen bezüglich Korrelationen oder gar Kausalitäten zwischen sportlichem Erfolg und dem Einsatz der von mir so geschätzten Spieler zwischen 1 und 11 seien der geneigten Leserin selbst überlassen.

Man könnte sich natürlich überlegen, was das für die Duelle Schmelzer (3) – Boateng (20), Hummels (5) – Mertesacker (17), Klose (11) – Gomez (23) oder gar Neuer (1) – Wiese (12) bedeuten mag.

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Falls sich jemand für die Bilanzen der anderen Bundesligisten interessiert: Ich hatte mir überlegt, sie in Form einer 18-teiligen Klickstrecke, möglicherweise um die eine oder andere Werbeeinblendung ergänzt, zur Verfügung zu stellen. Leider fehlt mir die technische Kompetenz. Ergo.

Fehler sind wahrscheinlich, Hinweise willkommen.