Keine Lust

Am Montagabend gewann der VfB Stuttgart gegen einen unmittelbaren Konkurrenten mit 3:1, und das war ziemlich schön. Neutrale Beobachter zogen den Hut, Fans, soziale Netzwerke und Medien überschlugen sich vor Begeisterung, rund um das Stadion blickte man in verzückte Gesichter, deren Strahlen man bisweilen auch tags darauf beim Bäcker oder im Büro noch erahnen konnte.

Und wie sie alle darüber redeten! Menschen, mit denen ich so gut wie nie über Fußball spreche, die vermutlich von meinem Interesse ebenso wenig wussten wie ich von ihrem, konnten nicht an sich halten, die Begeisterung platzte buchstäblich aus ihnen heraus, ob sie nun nur ferngesehen oder die gemeinschaftliche Freude im Stadion erlebt hatten.

Meensch, der VfB! Endlich! So hatten wir uns das von Anfang vorgestellt! Der Maxim, meine Fresse! Und Brekalo, dieses Büble, aber mit allen Wassern gewaschen. Fällt a bissle leicht, Jugo halt, woisch, und dann noch Asano, schnell wie d’Sau, kommt ja von Arsenal. Der Gintschek und sein Kollege, der Terodde, was für ein Sturm, da wäre in der Bundesliga so mancher froh, und die können ja auch richtig gut miteinander, und sie schwärmen und schwelgen, und fast erschrecken sie darob ein bisschen.

Aber, sagen sie dann, und jeden Tag ist es seither ein bisschen deutlicher zu vernehmen, noch ist ja nichts  … und auch am Montag hätte ja, wenn Union oder der Schiedsrichter  … hoffentlich heben Sie jetzt nicht … und wir kennen ja alle unsern VfB, Sie wissed scho, die haben schon so oft …

Ach, lasst mich doch in Ruhe! Ja, die Saison ist noch nicht zu Ende. Ja, da kann noch ne Menge schiefgehen. Aber ganz ehrlich: Ich werde es nicht verhindern können. Ob ich heute am Rad drehe, mir schon mal das Outfit für die Aufstiegsfeier zurechtlege und dem Chef sage, dass ich am 22. Mai keine Lust habe, vielleicht auch schon am 15. oder gar am 8., oder ob ich mich zur Ordnung rufe und mir für jeden überschwänglichen Satz den Mund mit Seife auswasche, ehe ich mich als Flagellant versuche, nun, es macht keinen Unterschied.

Kein Spieler, kein Trainer, niemand aus dem Funktionsteam wird wegen meiner Euphorie auch nur einen Hauch unkonzentrierter an die nächsten Aufgaben herangehen. Auch dann nicht, wenn es da draußen 50.000 andere wie mich gibt. Und wenn mein Stadionnachbar vom Uefa-Cup-Finale 2019 im Neckarstadion träumt, nun, dann sei es eben so. Maxim ist es egal. Brekalo auch, und Insúa erst recht.

Montag war toll, es folgen noch vier weitere Spiele in der zweiten Liga, auf die das Trainerteam die Spieler in aller gebotenen Ernsthaftigkeit vorbereiten und die diese Mannschaft dann mit hinreichendem Erfolg bestreiten wird, oder eben nicht, aber das hat dann nichts mit mir zu tun. Ich freue mich riesig auf diese Spiele, hoffe, wie es Fußballfans eben tun, auf ähnliche Auftritte wie am Montag, und am Ende steht der Aufstieg. Falls nicht, erfahre ich es noch früh genug. Aber Chef, am 22. Mai hab ich keine Lust.

 

 

 

Kenn ich nicht

Heute ist Deadline Day. Was für ein fürchterlicher Begriff. Im Deutschen sowieso, aber auch bereits in der Originalsprache. Deadline. Gar so wichtig sind Fristen in der Regel ja eher nicht.

Für den VfB Stuttgart war eben dieser Tag kein ganz unwichtiger, und möglicherweise auch kein ganz schlechter: Einigen gegensätzlichen Aussagen zum Trotz waren die Verantwortlichen keineswegs bereit, die Rückrunde der laufenden und auf absehbare Zeit hoffentlich einzigen Zweitligasaison ohne die eine oder andere Ergänzung des Spielerkaders in Angriff zu nehmen, und so gewann man drei junge Männer hinzu, deren Namen ich noch immer nachschlagen müsste. Aber Sie kennen sich ja aus.

Von besagten drei Namen konnte ich einen – der junge Mann sei eines der größeren Talente im europäischen Fußball – ganz grob zuordnen, will sagen: ich hatte ihn schon gehört; der zweite war mir in den letzten zwei oder drei Tagen gelegentlich im Zusammenhang mit dem VfB, und nur mit dem VfB, untergekommen, und dem dritten begegnete ich definitiv zum ersten Mal.

Nun spricht die Tatsache, dass ich die drei Herren nicht kannte, zweifellos nicht gegen sie, und, dies mag schon ein bisschen eher überraschen, sie spricht auch nicht zwingend für sie. Dies gilt analog für den Umstand, dass alle drei Verpflichtungen – in einem Fall handelt es sich um ein Leihgeschäft – in zwei Fällen völlig, im dritten nahezu geräuschlos vonstatten gingen. Nur weil Jan Schindelmeiser den Deckel bis zuletzt draufgehalten hat, handelt es sich nicht per se um Sensationstransfers. Oder, andersherum, bei den drei Herren um Lappen. Hier könnte ein Satz von Adi Preißler stehen.

Nun sitze ich also hier und rede total abgeklärt daher, und bloß nicht überbewerten und kein Shindy-Gefeier (oder Gefire, wenn ich das recht verstanden habe), und dabei platze ich doch eigentlich schon wieder vor Euphorie, bloß weil der Sportdirektor wiederum, und wiederum ist in diesem Kontext kein ganz unwichtiges Wort, ohne großes Gewese drei Kaninchen aus dem Hut gezaubert hat, und dann denkt man schon au kurz an jene Trainer, bei denen sich der Wunsch, mit ihren Aufstellungen oder auch Nominierungen zu überraschen, mitunter ein wenig verselbständige, um das böse Wort vom Selbstzweck zu vermeiden, und natürlich verwirft man diesen Gedanken sofort wieder und kehrt zurück zur Euphorie, hey, drei Transfers am letzten Tag, keiner hat sie so kommen sehen, und jung sind sie, und talentiert, und mit ersten Meriten und natürlich bestens ausgebildet, und wieso eigentlich erst am letzten Tag, aber gut, muss wohl so, und schon sind wir gedanklich bei Fredi Bobic, aber jetzt wollen wir dann doch nicht überziehen, ne?

Und Abbitte möchte ich leisten. Wie konnte ich in Erwägung ziehen, die sportliche Leitung sei bereit, ohne ernsthaften Backup für Emiliano Insúa – womöglich gar Konkurrenz? – auskommen zu wollen? Zumindest scheint Kollege Scrooge – was bin ich doch albern – auch mit diesem Hintergedanken verpflichtet worden zu sein.

Betrachtet man zudem die Profile der anderen beiden jungen Männer, so wurden wohl die drängendsten Positionen in Angriff genommen, einen Hauch von Kür eingeschlossen. Ob dann auch die Auswahl der Spieler passt, wird uns zu gegebener Zeit Adi Preißler sagen können.