Träumerei

Samstag, 13 Uhr. In zweieinhalb Stunden beginnt das erste Erstligaheimspiel des VfB Stuttgart seit etwa 15 Monaten. 476 Tage. Der Gegner trägt denselben Namen wie damals, als die Trainer Schmidt und Kramny, die Sportvorstände Heidel und Dutt, die Präsidenten Strutz und Wahler hießen. Der FSV Mainz 05 besiegelte quasi den Abstieg jenes Vereins, gegen den er selbst knapp 12 Jahre zuvor sein allererstes Bundesligaspiel bestritten und standesgemäß verloren hatte. Heute tritt der VfB als Aufsteiger gegen einen etablierten Bundesligisten an, der seit 2013 stets vor dem VfB stand und zum Transferziel für ambitionierte Stuttgarter Leistungsträger avanciert ist.

Aber ich will nicht auf den Gegner schauen – der VfB bietet ganz allein hinreichend Stoff zum Nachdenken. Es ist ein anderer VfB als vor 15 Monaten, einer, der nicht gerade durch die zweite Liga cecruist ist, aber doch seiner Favoritenrolle, den Ansprüchen der Fans und der Einschätzung Fußballdeutschlands gerecht wurde. Trotz keineswegs überragender Leistungen war die Euphorie zum Zeitpunkt des Aufstiegs groß, die Aufbruchstimmung mit Händen zu greifen, die Erwartungshaltung selbstbewusst.

Mit der Zweitligasaison war, wie oben angedeutet, der Wechsel wichtiger Akteure einhergegangen, zum Teil mehr als einmal. Welchen Anteil diese Veränderungen bzw. die neuen handelnden Personen am Erfolg des letzten Jahres, den als bloßes Ausbügeln eines Betriebsunfalls zu betrachten en vogue und nicht gänzlich von der Hand zu weisen, vielleicht aber auch ein bisschen zu selbstverliebt und überheblich ist, lässt sich schwer sagen.

Über den Präsidenten will ich in diesem Kontext kein Wort verlieren, über die damalige Trennung von Robin Dutt und Jürgen Kramny zu reden ist müßig, und ob Jos Luhukay die Kurve noch bekommen hätte, nun, ich kann es nicht ausschließen. Aber wenn, und da bin ich mir relativ sicher, dann wäre es auf andere Art und Weise geschehen, mit anderen Protagonisten, und vermutlich auch, aber hier wird es in inakzeptablem Maße spekulativ, mit weniger Aufbruchstimmung.

Und nein, Hannes Wolfs Team hat kein Feuerwerk abgebrannt. Wir haben keine fußballtaktische Revolution erlebt, keinen überwältigenden Hochgeschwindigkeitsfußball, auch nicht die Geburt neuer Traumkonstellationen auf dem Feld. Nach heutigem Stand. Wir haben häufig solide, in Einzelfällen verheerende Spiele gesehen, kein faszinierendes Spielsystem, das die Taktikportale zu seitenlangen Artikeln und uns zu Lobpreisungen der neuen Stuttgarter Schule veranlasst hätte.

Wir konnten auf Simon Terodde und einige andere bauen, auf Pragmatismus, Leistungsbereitschaft und individuelle Klasse, mitunter auf klug geführte Spiele und passgenaue Vorgaben für einzelne Partien. Und auf einen Trainer, der in hohem Maße teamorientiert, entwaffnend ehrlich, erfreulich humorvoll und in der Sache kompetent ankommt, der aber das eine oder andere Mal auch deutlich danebenlag. Privileg der Jugend? Meines Erachtens: ja.

Auch wenn nicht alles danach klingt: Es war ein großartiges Jahr. Ein Jahr, in dem uns Carlos Mané verzückt hat, in dem Ebenezer Ofori andeutete, wie elegant ein moderner Sechser auf dem Platz agieren kann, in dem Josip Brekalo noch zu viele falsche Entscheidungen traf, wir aber eine Ahnung davon erhaschten, was da kommen könnte, wenn er noch öfter richtig entscheidet, ein Jahr auch, in dem Neuzugänge Burnic, Akolo, Pavard oder Grgic hießen statt Werner, Hosogaj oder Aogo, und in dem diese Neuzugänge vom Verein verkündet wurden, ohne tage- oder wochenlang durch die Presse getrieben worden zu sein.

Ich weiß nicht, ob die Herren Burnic, Akolo, Pavard und Grgic, auch Brekalo, Mané und andere dem VfB auf Sicht mehr helfen werden als Werner, Hosogaj, Aogo oder Badstuber, aber ich sage es gern: Es war eine schöne Reise, eine wunderbare Illusion. Die Vorstellung, mit einem jungen Trainer, einem unprätentiösen Sportvorstand, den ich bisher gar nicht nannte und der doch durch all die zitierten Namen mehr als nur durchschimmerte, und eben diesen jungen Spielern, deren Zukunft wir alle nicht so genau absehen können, in der Bundesliga zu bestehen, sie vielleicht über kurz oder lang auch ein bisschen aufzumischen, war fantastisch. Im Wortsinne.

Sie ist geplatzt, einer der Protagonisten ist nicht mehr hier, über die Gründe haben wir alle mehr als genug gelesen, oder eben gerade nicht, und nun hat also der nicht so unprätentiöse Präsident einen großen Namen präsentiert, von dem ich durchaus eine Menge erwarte, und mit ihm dann auch gleich die Badstubers und Aogos dieser Welt, von denen ich zum Teil einiges erwarte, zudem den jungen Mann aus Argentinien, von dem die Welt einiges zu erwarten scheint, und im Grunde mögen das alles Schritte in eine gute Richtung sein.

Und wenn der VfB dann am Ende der Saison sein Soll übererfüllt hat, dank Herrn Reschke, dank der genannten Spieler, dank eines Trainers, der vielleicht noch Hannes Wolf, vielleicht auch ganz anders heißt, größer, etablierter, dann werde ich nicht nur anerkennend den Hut ziehen, sondern auch jubeln, vielleicht begeistert sein, vermutlich Abbitte leisten. Und dabei denken, dass die andere Geschichte, die Träumerei, trotzdem die schönere gewesen wäre.

 

 

Aufstiege, Abstiege, Zwischenlösungen

Waren nicht schlecht, die Relegationsspiele neulich, ne? Also zumindest die zwischen zweiter und dritter Liga, und dort vornehmlich das Rückspiel. Bielefelder mögen das anders sehen.

Wieder einer jener Abende, die zu erfassen einzig Sir Alex Fergusons geflügeltem Wort „Football, bloody hell!“ gelingt. Abstrakt gesehen.

Bei Twitter jagte ein Superlativ den vorhergehenden, und nicht selten las man sinngemäß Folgendes:

„[Lob des Spiels], [Lob der Darmstädter], [Lob des Fußballs], [Ungläubigkeit], [Faszination], aber Relegation ist trotzdem doof und gehört abgeschafft.“

Was ich, den Umstand außer Acht lassend, dass all diese Metazitate niemals in 140 Zeichen gepasst hätten, was arg an meiner Glaubwürdigkeit rüttelt, für eine völlig legitime Sichtweise halte. Die ich nicht im Geringsten teile, aber darum geht es ja nicht. Es gibt gute Argumente gegen die Relegation, zweifellos, und es gibt meines Erachtens auch gute Argumente dafür. Sie alle wurden vielerorts und häufig genug ausgetauscht.

Der einzige Aspekt, der mich in den vergangenen Tagen verwunderte, wohl weil er mir in den Vorjahren nicht so häufig begegnet war, so zumindest meine Erinnerung, war die Schlussfolgerung mancher Relegationsgegner, manchmal mehr, manchmal weniger explizit ausgeführt, dass man dann ja konsequenterweise auch dazu übergehen müsse, den Meistertitel in einer Play-Off-Phase, zumindest aber in einem Endspiel der beiden Punktbesten auszuspielen.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Verzeihung, nachvollziehen kann ich es schon, aber ich empfinde es nicht als folgerichtig. Im einen Fall, der Meisterschaft, haben sich 18 Mannschaften in einem gemeinsamen, in sich (ab-)geschlossenen Wettbewerb ein Jahr lang gemessen. Am Ende steht ein Ergebnis, das die eine als objektiv besser als die andere ausweist.

Im anderen Fall, wenn es um Auf- und Abstieg geht, betrachten wir zwei (oder mehr) Mannschaften, die in getrennten, hierarchisch klar einzuordnenden Wettbewerben spielen und die sich im Lauf der Saison weder begegnet sind noch sich mit den gleichen Gegnern gemessen haben. Eine Aussage über die relative Stärke können wir nicht seriös treffen.

Implizit beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wie groß der Unterschied, bzw. wie groß eine Schnittmenge zwischen den beiden Ligen ist, innerhalb derer nur geringe sportliche Unterschiede bestehen. Diese Frage wurde irgendwann dahingehend beantwortet, dass die beiden Besten der niedrigeren Klasse mit den beiden Schlechtesten der höheren Klasse die Plätze tauschen sollen. Jahre später hat man sich dann für deren drei entschieden, in anderen Ländern mag die Tauschliste länger oder kürzer sein.

Wo die optimale, je nach Interpretation leistungs- oder leistungsvermögensgerechteste Lösung liegt, weiß man nicht, vermutlich ändert es sich von Jahr zu Jahr, beziehungsweise, was in unserer Ligen- und Saisonstruktur nicht relevant ist, in kürzeren Abständen. Der Gedanke, am Ende einer jeden Saison ganz konkret in einem sportlichen Duell der Grenzgänger auszuloten, wo die Kante aktuell verläuft, ist in diesem Kontext kein abwegiger.

Dass man darin eine zu zeitpunktbezogene, tagesformabhängige, zugespitzte Form der Entscheidungsfindung sehen kann, die dem Spieljahresprinzip zuwider läuft, liegt auf der Hand. Oder dass man hinterfragen kann, ob jeweils zwei fixe und ein variabler Auf- bzw. Absteiger richtig gewählt sind. Wieso nicht drei plus eins, zum Beispiel? Legitime Sichtweise.

Ganz abgesehen davon, dass der Verdacht, es gehe DFL und DFB in erster Linie darum, zum Saisonende ein maximales Spektakel zu bieten, nicht auszuräumen ist, noch nicht einmal von der Hand zu weisen. Was man dann natürlich doch als Gemeinsamkeit mit einem Meisterschafts-Play-Off sehen kann, wenn man möchte. Auf einer aus meiner Sicht arg sportfernen Ebene.

Wie schaffe ich jetzt nur die Überleitung zum HSV? Nee, sorry, da muss ich passen. Muss es eben so gehen.

Der Hamburger Sportverein, der sich dem Vernehmen nach im abgelaufenen Jahr auf dem Platz häufig ähnlich sportfern betätigte wie der VfB Stuttgart, nahm ebenfalls an der Relegation teil, stand aber im Schatten der Darmstädter. Dennoch schlug er den Herausforderer aus Fürth aus dem Feld, der ebenfalls ausführlich diskutierten Auswärtstorregel geschuldet, was den geschätzten Kollegen vom Fürther Flachpass zu grundsätzlichen Aussagen zum Kräfteverhältnis zwischen erster und zweiter Liga und einer, wenn ich ihn recht interpretiere, systemimmanenten Benachteiligung der Zweitligisten animiert hat.

Ich kann das, wie auch dort per Kommentar geäußert, nicht ganz nachvollziehen (wohl wissend, dass die finanziellen Rahmenbedingungen in den beiden Ligen sehr unterschiedliche sind). Den Fürther Nichtaufstieg nach zwei unentschieden gestalteten Spielen empfinde ich unabhängig davon als bitter. Was andersherum analog gälte.

Wie auch immer: der Dino ist dem Abstieg von der Schippe gesprungen, die Uhr darf weiterlaufen, der HSV bleibt der einzige Bundesligist, der noch nie abgestiegen ist. So las ich zumindest. Und war, wie manch andere(r), nicht ganz einverstanden:

Die geneigte Leserin weiß natürlich, dass es da noch ein paar weitere Vereine gibt, die zwar nicht von Anfang an dabei gewesen sein mögen, die aber nie in die zweite Liga abgestiegen sind. Was für sich genommen wiederum eine problematische Aussage ist, da ja auch Preußen Münster, Tasmania Berlin, Borussia Neunkirchen und Rot-Weiß Oberhausen, vielleicht habe ich auch noch jemanden vergessen, für sich in Anspruch nehmen können, nie von der Bundesliga in die zweite (Bundes-)Liga abgestiegen zu sein, sondern nur in die jeweilige Regionalliga.

Aber das mag selbst der sachkundigen Leserschaft ein bisschen zu speziell sein, nicht im Sinne von „wissen wa nich“, eher von „Korinthenkacker!“ Beschränken wir uns also auf die Frage nach den aktuell Unabsteigbarengestiegenen, die leicht beantwortet ist, wie auch die (hier nicht dokumentierten) Reaktionen auf diesen Tweet zeigten:

Genau. Es handelt sich um den HSV, den FC Bayern, Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim, den FC Augsburg und den SC Paderborn. Die eine oder andere Ungenauigkeit bei den Vereinsnamen bitte ich gönnerhaft hinzunehmen.

Sieben ist ne Menge, nicht wahr? Nicht zuletzt vor dem Hintergrund besagter (und historisch vollauf gerechtfertigter) HSV-Fokussierung, gerade auch wenn man das Ganze spätestens seit der Zeit verfolgt hat, als noch von vier verbliebenen Dinos, die damals noch nicht so genannt wurden, Hermann hieß ohnehin keiner von ihnen, die Rede war: dem HSV, Köln, Frankfurt und Kaiserslautern. Und jetzt sollen es plötzlich sieben sein?

Ja, ist so. Und vor zwei Jahren waren es auch so viele. Danach muss man aber schon bis 1995/96 zurückgehen, um auf gleich viele bzw. mehr unabgestiegene Bundesligisten zu stoßen. In den zwanzig Jahren zuvor lag man stets zwischen acht und elf, erstmalige Ab- und erstmalige Aufstiege hielten sich offensichtlich ungefähr die Waage, die stärkeren Veränderungen unmittelbar davor, also zu Beginn der 70er, mögen zum Teil mit dem Bundesligaskandal zu tun gehabt haben, vielleicht auch, abstrakter, mit der anstehenden bzw. erfolgten Einführung der zweiten Liga, aber so genau habe ich mir das nicht angesehen. In ihren ersten vier Jahren hatte die Bundesliga übrigens stets aus Vereinen bestanden, die noch nie abgestiegen waren.

Im ersten Jahr zudem, und das ist wahrlich eine Binsenweisheit, aus lauter Neulingen. Nach der Aufstockung 1965 waren nie mehr drei oder gar mehr Neulinge vertreten, bis 1980 aber zumindest so gut wie immer zumindest einer. Danach bröckelte das ein wenig, mit gelegentlichen Ausreißern, also gleich zwei Neulingen auf einmal. Menschen meiner Generation werden sich sogleich an Blau-Weiß 90 Berlin oder den FC Homburg erinnern, an die historische Besonderheit mit Dynamo und Hansa sowieso, und danach wurde es dünn.

Um die Jahrtausendwende hatten wir noch einmal eine, Verzeihung, Freaksaison mit Neulingen aus Unterhaching und Ulm, die derzeit recht weit von der Bundesliga entfernt sind, was im Ulmer Fall gerade in diesen Tagen ein König unter den Euphemismen ist. Sieht man dann noch von Energie Cottbus ab, so haben die meisten Vereine, die seit Ende der 90er erstmals aufgestiegen sind, beginnend mit Wolfsburg, die Klasse durchgehend gehalten, über die einjährige Mainzer Verschnaufpause sehe ich nonchalant hinweg, und Fürth, siehe oben.

Seit 2008 mit Hoffenheim darf man wohl sogar von einer kleinen Trendwende sprechen, einer Mini-Renaissance der Neulinge. Über die Bewertung dieses Umstands scheiden sich die Geister insofern, als insbesondere Hoffenheim, aber auch Augsburg mit ihren Finanzstrukturen nicht zwingend geeignet sind, das Herz all derer höher schlagen zu lassen, die sich eine Offenheit der Bundesliga für Underdogs wünschen. Wünsche ich mir auch. Was mich nicht daran hindert, das (Achtung, böses Wort!) „Projekt“ Hoffenheim interessiert und gelegentlich den Hut ziehend zu verfolgen.

Als Underdogs kann man sie indes nicht ernsthaft einordnen, und auch Augsburg nur bedingt. Leipzig wird in absehbarer Zeit recht laut an die Tür klopfen, Ingolstadt möglicherweise etwas leiser. Da freut man sich dann vielleicht besonders über die Fürths und Paderborns dieser Welt.

Kommt Heidenheim auch bald? Und sind sie dann gut oder böse? Werden sie gar eine neue „Region“ sein können? Die Zeit wird es weisen. In der Zwischenzeit kann ja der eine oder die andere nach Fehlern suchen:

Vergissmein! (Nicht?)

„Total leidenschaftslos“, sagte der neben mir stehende Schalker mit gewissen Sympathien für den VfB. Er sagte es mit einer Verve, wie man sie wohl nur als Fan eines Malochervereins aufbringen kann, und auch wenn er nicht danebengelegen haben mag, war es mir doch ein Bedürfnis, auch meiner Wahrheit die Ehre zu geben: „Naja, in erster Linie schlecht, würde ich sagen“, und ich sagte es so, wie man es wohl nur als Fan einer grauen Maus sagen kann.

Der dritte Mann hielt sich zunächst noch bedeckt, sorgte aber wenige Minuten später, als ich eingedenk des von mir kurz vor dem Anpfiff ganz selbstverständlich prognostizierten Kantersieges die Frage stellte, wieso genau ich mich so sehr darauf gefreut hätte, „dass es endlich wieder losgeht“, für Erhellung:

„Man vergisst so schnell.“

Dem war wenig hinzuzufügen. Bis hin zu nichts. Hatte ich die Hinrunde, und insbesondere deren negative Ausprägungen, tatsächlich verdrängt? War ich wirklich der Ansicht gewesen, nur weil Moritz Leitner gegen Hannover drei Tore sehr ansehnlich vorbereitet hatte, sei nun das Kreativitätsvakuum im Mittelfeld gefüllt, seien Stabilität und Spielaufbau gleich mit geregelt? Hatte mir Konstantin Rauschs Tor in eben jenem Spiel gegen eine Mannschaft ohne Auswärtspunkt den Blick darauf vernebelt, dass er sich zwar häufig in vielversprechende Situationen, sie aber nur selten gut zu Ende, will sagen: in die Mitte bringt?

War Gotoku Sakais Lapsus in Wolfsburg, nein: waren all jene Lapsus, die er verlässlich immer dann einbaute, wenn man ihn auf einem guten Weg wähnte, meinem Gedächtnis entwischt? Hatte ich die Erinnerungen an Sven Ulreichs mintunter slapstickartiges Herauslaufen unterbewusst als Trugbilder verworfen, die Abstimmungsdefizite mit seinen Vorderleuten schlicht vergessen? Waren die Bilder von langen Bällen ins Niemandsland bereits verblasst, und hatte ich die bekannte Strategie ignoriert, dass, wenn man schon mit langen Bällen operiert, diese nach Möglichkeit von demjenigen schlagen lässt, der sie nun wirklich nicht kann, nämlich Ulreich?

Ach, man vergisst so schnell. Und freut sich jedes Mal von Neuem auf den Stadionbesuch, träumt von großen Leistungen und überzeugenden Siegen, von strategischem Geschick, defensiver Souveränität, junger Wildheit, individueller Klasse und furiosen Momenten, um dann einmal mehr enttäuscht zu werden. Gegen Mainz, exemplarisch. Einer Mannschaft zuzusehen, die minutenlang nicht in der Lage ist, den Ball aus einer lediglich geringen Drucksituation heraus geordnet in Richtung der eigenen Mittellinie zu spielen – bis der Gegner irgendwann nicht mehr davon absehen kann, einen dieser Fehlpässe in ein Tor umzumünzen.

Oder um Timo Werner dabei zu beobachten, wie er in all seinem wunderbaren Überschwang Stockfehler an Stockfehler reiht. Diesmal, wohlgemerkt, nur diesmal. Was man ihm ebenso gerne verzeiht wie Antonio Rüdiger den Drang, mangels zwingender Torchancen irgendwann selbst den Ball zu schnappen und wie dereinst Lúcio nach vorne zu preschen, wenn auch (noch?) weniger durchschlagskräftig. Und schließlich – ein „schließlich“, das sich auf meine Aufzählung bezieht, nicht aber auf die Reihe der Defizite –, um einer nominell wie individuell sehr ansehnlichen vierköpfigen Sturmreihe zuzuschauen, die unglücklicherweise nicht recht zu wissen scheint, was sie in Tornähe miteinander anfangen soll.

Tags darauf vergisst man wieder. Freut sich von Neuem auf den nächsten Stadionbesuch, träumt von einer großen Leistung und einem überzeugenden Sieg, meinetwegen auch einem Unentschieden, von einem Spiel mit Signalwirkung, auch mal gegen die beste Mannschaft der WeltTM, so wie damals, im Dezember 2008, Khedira, Sie wissen schon, und wird letztlich doch wieder enttäuscht.

Immerhin, dann: man vergisst so schnell.

Stets pünktlich und bemüht

„Wenn ich sehe, dass jemand sehr akribisch arbeitet, sich aufopfert im Job und ambitioniert ist, dann decke ich ihm mit Überzeugung den Rücken.“

Das sagte Fredi Bobic vor dem letzten Bundesligaspieltag der Schwäbischen Zeitung, und er meinte Bruno Labbadia. Er sagte auch noch einiges mehr, zum Beispiel, dass Labbadia oftmals jungen Spielern „anhand von TV-Analysen zeigt, was sie besser machen können … das sind Dinge, die nicht mal der ein oder andere sogenannte Konzepttrainer macht.“

Nun weiß ich nicht genau, wen Bobic mit den sogenannten Konzepttrainern meint, und weiß demzufolge erst recht nicht, was diese in ihrer täglichen Arbeit so tun. Im Grunde würde es mich überraschen, wenn sie ihren Nachwuchsspielern nicht in Form von Videoanalysen den Spiegel vorhielten, aber Bobic wird schon wissen, was er sagt. Den obligatorischen Hinweis, dass ich noch immer hoffe, auch Bruno Labbadia orientiere sich an einem Konzept, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.

Ein bisschen erinnert mich das Interview an einen Arbeitgeber, der einem scheidenden Mitarbeiter ein gutes Zeugnis mit auf den Weg geben möchte, sich dabei aber ein wenig verheddert. Bobics Wertschätzung für den Trainer klingt durch, er geht auf die Rahmenbedingungen und Labbadias unbestrittene Verdienste ein, und doch: akribische Arbeit? Opfert sich im Job auf? Ist ambitioniert? War er vielleicht sogar pünktlich? Stets bemüht?

Sicher, ich übertreibe. Gewiss, ich habe selektiv zitiert. Aber so’n bisschen mehr über relevante Qualitäten des Trainers hätte er schon sagen können, so er sie denn sieht. Verzeihung, relevant ist Akribie schon. Auch Pünktlichkeit ist relevant. Notwendig, sogar. Nur nicht hinreichend. Die Weiterentwicklung junger Spieler und eine eigene Handschrift (wenn es denn eine geeignete wäre) könnten indes hinreichend sein. Leider liefert jedoch das Interview keine hinreichende Erklärung der Handschrift. Dabei wäre sie notwendig. Im Gegensatz zu diesem verqueren Absatz.

Vermutlich würde auch Bruno Labbadia unterschreiben, dass er mit der Handschrift, die man am Samstag möglicherweise hätte erahnen können, nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Bei Thomas Tuchel, dessen Mannschaft einen Fußball spielte, der auf mich wesentlich strukturierter, vielleicht auch intelligenter, was immer das heißen mag, wirkte, könnte das anders sein. Er dürfte sich die durch das Mainzer Tun insbesondere zu Spielbeginn offenbarte Handschrift gerne – und zurecht – zuschreiben lassen. Dass den Mainzern die Stuttgarter Trägheit dabei wunderbar in die Karten spielte, ist unstrittig. Und dass Trägheit nicht unbedingt zu den Eigenheiten von Labbadias Handschrift zählt, will ich ihm hier gerne zugestehen. Die Mannschaft war einfach im Kopf nicht ganz da, und ich kann es ihr nicht einmal verdenken.

Dann bekommt man halt ein Tor, nachdem ein eigener Innenverteidiger zunächst noch an der Mittellinie protestierte, anstatt gegen den Ball zu spielen, ein Tor, bei dem 4 oder 5 Weiße den im Grund schon nicht mehr gefährlichen Angriff zu leichtfertig laufen lassen und zwei Blauen beim Torschießen zusehen. Dann bekommt man eben ein zweites Gegentor, bei dem einige keine gute und der Torwart eine, nun ja, lustige Figur abgeben. Jener Torwart, der zuvor schon Glück hatte, nicht vom Platz gestellt zu werden, als er einen Ball völlig falsch eingeschätzt und außerhalb des Strafraums mit der Hand gespielt hatte, und der sich kurz darauf einen hohen Ball selbst ins Netz statt über die Latte gelöffelt hätte, wäre ihm nicht ein Verteidiger zur Seite gesprungen. Wird bestimmt alles besser in Berlin.

Immerhin: man wehrte sich, spielte zwar noch immer verdammt viele Fehlpässe oder schaffte es, wie Gotoku Sakai, drei oder vier Bälle völlig unbedrängt bei der Annahme ins Aus springen zu lassen, zeigte aber auch, dass man das Spiel gelegentlich schnell machen und dann auch konsequent abschließen kann (Boka!). Faszinierend die zweite Hälfte, als man sich wünschte, dass wenigstens eine der beiden Mannschaften in der Lage wäre, mal einen schnellen Angriff – Räume waren im Überfluss vorhanden – konsequent zu Ende zu spielen. Kurz: ein typisches letztes Saisonspiel bei nahezu entsprechenden Temperaturen.

Typisch für einen letzten Spieltag war auch das Geschehen auf den anderen Plätzen. Tore im Minutentakt, speziell in der ersten Hälfte, entschädigten für vieles, was man im Neckarstadion an Aktivität und Attraktivität vermisste, und ein bisschen fühlte man sich wie in der guten (?) alten Radiokonferenz. Champions League, Europa League, Abstieg – es ging hin und her, die Spannung war groß, die Ereignisse zahlreich, die Präferenzen im Stadion deutlich vernehmbar. Bei Schalke und Freiburg schienen sich viele schwer zu tun, Frankfurt hatte wohl leichte Vorteile gegenüber dem HSV, nur bei Hoffenheim schien sich der Großteil der Zuschauer in seiner Aversion einig. Umso spannender, dass sich gerade dort die Ereignisse zum Ende hin überschlugen, sodass die Fans, die das Treiben ihres VfB über weite Strecken vergleichsweise teilnahmslos verfolgten, auf diesem Wege einige Aggressionen loswerden konnten.

Nach dem Spiel äußerte ich meine Begeisterung über das nachmittägliche Geschehen via Twitter:

– was, nicht nur aus Sicht der gerade Abgestiegenen oder anderweitig Gescheiterten verständlich, keine uneingeschränkte Zustimmung erfuhr. Gleichwohl: solche Geschehnisse, gerade die in Dortmund, sind es doch, die einen ganz erheblichen Teil dessen ausmachen, was uns am Fußball so fasziniert. Freiburger Fans werden ihren Enkeln dereinst davon erzählen, wie Julian Schusters kurioses Eigentor die erste Champions-League-Qualifikation ihres Vereins verhinderte (wobei: möglicherweise erzählen Freiburger Fans ihren Enkeln auch auf Jahrzehnte hinaus nur von Christian Streichs Pressekonferenzen), und den nächsten Generationen Hoffenheimer Anhänger (hier darf sich jeder, dem so etwas gefällt, gerne einen beliebigen Witz mit den Schlagworten Hoffenheim, Fans, Tradition und Hopp denken) könnten, ein erfolgreiches Bestreiten der Relegation vorausgesetzt, ob der Namen Gisdol, Schipplock, Salihovic und nicht zuletzt Großkreutz irgendwann die Ohren bluten.

Ich selbst bin, um damit nicht hinter dem Berg zu halten, recht zufrieden mit dem Ausgang des letzten Spieltags. Ich freue mich, dass Frankfurt und Armin Veh für ihre starke Saison belohnt wurden. Freiburg hätte ich Platz vier gegönnt, verhehle aber nicht, dass auch Jens Kellers Weg mit den Schalkern aller Ehren wert ist. Dass ich letztlich ohnehin jede Platzierung, die man nach 34 Spielen erreicht, für verdient halte, wissen diejenigen, die hier mit einer gewissen Regelmäßigkeit mitlesen, ohnehin.

Und so verneige ich mich ziemlich tief vor Markus Weinzierl und seinen Augsburgern, bedaure die Düsseldorfer Fans, deren Verein zu lange eine zu schlechte Figur abgegeben hat, um bei mir einen nennenswerten Abschiedsschmerz auszulösen, und beglückwünsche Hoffenheim, das nicht nur den Trend und möglicherweise ein wenig den Spielplan zum Freund hatte, das auch nicht nur die sich bietende Chance entschlossen beim Schopf packte, sondern das auch seit Wochen Anzeichen einer einkehrenden Vernunft und entsprechenden Neuorientierung aussendet. Dass mich ganz nebenbei auch die Bayern mit ihrer überragenden Saison beeindruckt haben, ergänze ich gerne, auf all die anderen will ich jetzt nicht weiter eingehen.

Kurz eingehen möchte ich aber noch auf die VfB-Spieler, die sich mit einem sehr gelungenen Video bei den Fans bedankten (wie mittlerweile wohl jeder weiß):

Interessant, wie sie sich am Spieltag nach der Ankündigung des Videos im Mittelkreis sammelten, in – wie ich meine – gespannter Erwartung der Reaktion derjenigen, die sie da porträtierten (der Umstand, dass mir kein passendes Verb aus der Wortfamilie der »Hommage« bekannt ist, ersparte mir die Entscheidung, ob ich das Porträt vielleicht gar zur eben genannten erheben solle), in gespannter Erwartung, wie sie Kindern eigen ist, die etwas für ihre Eltern gebastelt haben und eigentlich wissen, dass diese begeistert reagieren werden, die aber doch, wegen irgendeiner Kleinigkeit (Mamas gute Stoffreste verwendet?), einen Ticken © Nervosität verspüren. Was natürlich völlig unnötig ist.

Was mir tatsächlich am besten gefallen hat: die Trikotvielfalt. Cacau mit diesem furchtbaren goldstichigen Göttinger-Gruppe-Verbrechen, Röcker als Verlaat, dann natürlich Südmilch, selbst das weinrote Gazi, Ulreich im gelben debitel – fast wie im richtigen Leben, die einfache Variante mit aktuellen Trikots (und dem aktuellen Sponsor) vermeidend.

Und am allerbesten, einmal mehr: Martin Harnik. Ich hatte überlegt, diesen Text ganz anders zu schreiben, unter der Überschrift „Ode an Martin Harnik“. Allein: ich weiß nicht, wie man eine Ode schreibt. Sagte ich hier übrigens schon einmal, in anderem Zusammenhang. Irgendwann muss ich mich wohl doch mal daran versuchen. Bis dahin sammle ich einfach weiterhin öffentliche Auftritte von und mit Martin Harnik, mit dem Wunsch, dass sie jedem anderen Berufsfußballspieler zum Selbststudium ans Herz gelegt werden mögen. Könnte allerdings auch deprimierend werden.

Die Uerdingen-Uebertreibung

Die Bundesliga-Saison läuft noch, hörte ich. Es fallen tatsächlich auch noch einige relevante Entscheidungen, und ja, ich werde sie interessiert verfolgen. Ich werde auch ins Neckarstadion gehen, um dem VfB gegen irgendeinen Gegner, möglicherweise ist es Mainz, zuzuschauen. Ok, ich weiß, dass es Mainz ist, mir war nur grade nach einer billigen, Effekt heischenden (wohl aber nicht erzielenden) Illustration meines sehr überschaubaren Interesses an den verbleibenden (jenes in Gelsenkirchen zählte bereits dazu) Bundesligaspielen des VfB in dieser Saison. Vom Schalke-Spiel habe ich noch nicht einmal die Tore gesehen.

Nun könnte man einwenden, die Spiele seien allein deshalb interessant, weil es ja für alle Spieler darum gehe, so auch öffentlich von Trainer und Sportvorstand propagiert, sich für das Pokalfinale zu empfehlen. Was voraussetzen würde, dass es tatsächlich einen Konkurrenzkampf gibt. Tatsächlich suche ich gegenwärtig noch nach der Startelfposition, die nicht vergeben ist. Rechts hinten vielleicht?

Letztlich ist es ja ohnehin egal, wer gegen die übermächtigen Tripleaspiranten aus München aufläuft, hört man. Denkt man auch selbst. Manchmal. Meist. Aber gegen so ein bisschen Hoffnung ist ja nichts einzuwenden, kann und will man sich nicht einmal wehren, und Strohhalme sind schnell gefunden:

Tweets_Uerdingen_20130515

Der Reihe nach: Trainer Baade wünscht einigen VfB-Anhängern ein längeres Vergnügen als jenes, das er selbst (obschon Nicht-Vereinsanhänger, d. Red.) im Jahr 2011 mit Meiderich hatte. Er geht allerdings von einer geringen Eintrittswahrscheinlichkeit aus, was sich mit meiner Erwartungshaltung zu decken scheint. Martyn interveniert und verweist auf ein geschichtliches Vorbild: Bayer Uerdingen, vermutlich im Jahr 1985 (Sie wissen schon, wie auch in meiner Reaktion angedeutet: Wolfgang Schäfer, Pokal im Bett, undsoweiterundsofort).

Richtig interessant wird es in dem Moment, als Trainer Baade die Vergleichbarkeit bestätigt. Beinahe, fügt er fast ein wenig verschämt hinzu, und der gemeine Stuttgarter Anhänger interpretiert seine Relativierung dahingehend, dass der VfB, ein Traditionsverein und in diesem Jahrtausend einer der regelmäßigsten deutschen Europapokalteilnehmer, dann ja doch nicht auf ganz so verlorenem Posten stehe wie das mittlerweile ungefähr siebzehntklassige Bayer Uerdingen damals, ein Plastikverein von Bayers Gnaden, dessen anhaltende öffentliche Bekanntheit sich nahezu ausschließlich aus zwei Spielen speist, von denen das eine eben genannt wurde und das zweite sich bereits in den Köpfen der Mitlesenden eingenistet hat.

So zumindest meine Interpretation der Baade’schen Einschränkung, seiner Höflichkeit eingedenk. Möglicherweise meinte er es aber auch ganz anders. Möglicherweise gelang es ihm, die Stuttgarter Fans glauben zu machen, er bewerte die Chancen ihrer Mannschaft höher als die damaligen Uerdinger Aussichten, obwohl er eigentlich, die Fakten vor Augen, das Gegenteil meinte. Sicherlich wusste er, im Gegensatz zu den verblendeten VfB-Anhängern wie Martyn und mir selbst, dass Bayer Uerdingen zu jener Zeit wesentlich näher an den Bayern dran war, als es sich der VfB heute auch nur erträumen könnte:

Zum Zeitpunkt des Pokalfinales 2013 wird der VfB in der Liga rund 10 Plätze und mindestens 43 Punkte (maximal 49) hinter den Bayern liegen. Bayer Uerdingen lag damals – übrigens beim ersten Finale im sogenannten deutschen Wembley und zugleich dem letzten, so ich mich nicht vertan habe, das vor dem letzten Bundesligaspieltag stattfand – auf Platz 5, also 4 Ränge und 10 Punkte hinter dem Finalgegner, von denen letztere auch bei Umrechnung gemäß der 3-Punkte-Regel nur auf 15 anwachsen. Kein Vergleich zum VfB, wenn man ehrlich ist.

Momentaufnahme? Ja, wie immer. Aber nicht nur. Im Folgejahr, das Bayer mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Bayern begann, belegte die Mannschaft am Saisonende Rang 3, 4(6) Punkte hinter dem Meister aus München, und scheiterte im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger an Atlético Madrid. Durchaus ehrenvoll, was gewiss auch für den FC Bayern gilt, der im Viertelfinale des Landesmeisterpokals gegen Anderlecht und den jungen Enzo Scifo den Kürzeren zog. Klingt aber – meiner eigenen anderslautenden Erinnerung zum Trotz – irgendwie so, als sei man sich sportlich damals annähernd auf Augenhöhe begegnet, zumal auch noch niemand das Bedürfnis verspürte, von spanisch-schottischen Verhältnissen zu sprechen.

Quintessenz: Uerdingen taugt nicht als Referenz. Mit viel Wohlwollen vielleicht als Strohhalm. Bleibt also die Frage, wo man die von Martyn angesprochene Hoffnung in der Geschichte des DFB-Pokals suchen und vielleicht doch noch finden soll.

Ich hab das dann mal übernommen, wenn auch eingeschränkt: seit der Gründungssaison der Bundesliga, weiter habe ich der Vergleichbarkeit wegen nicht zurückgeblickt, gewann in immerhin 15 Fällen die in der regulären Saison (kleine Ungenauigkeit: am Saisonende, nicht zwingend zum Zeitpunkt des Finales) schlechter platzierte oder unterklassige Mannschaft, angefangen gleich 1964 in Stuttgart, als der Bundesligasiebte 1860 gegen den Dritten (nach 3-Punkte-Zählung sogar Zweiten) aus Frankfurt, der 13 Punkte (3er) mehr erzielt hatte, siegreich blieb.

Mit dem heutigen Platzierungs-, Punkt und Leistungsunterschied zwischen den beiden Finalisten scheint so ein Ergebnis indes nur schwer vergleichbar zu sein, nicht einmal »(beinahe)«. Lediglich zweimal gelang es einer Mannschaft, die in der Bundesliga 20 oder mehr Punkte Rückstand auf ihren Finalgegner hatte, diesen dann tatsächlich zu besiegen: 1999 lag Werder Bremen (fast hätte ich gesagt: aus heutiger Sicht kaum vorstellbar, um mich dann doch kurz der aktuellen Tabelle zu besinnen) als 13. satte 40 Punkte hinter dem Meister aus München, den es im Elfmeterschießen besiegte, und, tja, der frischgebackene Meister aus Stuttgart war im Jahr 2007 dem 5 Plätze und 22 Punkte hinter ihm eingelaufenen 1. FC Nürnberg nicht gewachsen. 1989 lag Pokalsieger Dortmund immerhin noch 13 Punkte und 4 Ränge hinter Finalgegner Bremen, 1996 schlug Absteiger Kaiserslautern im Finale den um 9 Plätze und (nur!) 12 Punkte besseren KSC.

Eine Sonderrolle nehmen schließlich, die gemeine Leserin wird die Protestnote bereits formuliert haben, noch die beiden Finale ein, bei denen ein unterklassiger Verein siegreich vom Platz ging: 1970 schlug Regionalligist (und Bundesliga-Aufsteiger) Offenbach den Bundesliga-Vierten aus Köln. Mit etwas Wohlwollen kann man von einer Differenz von 15 Rängen reden [Nachtrag: war alles anders, wie Trainer Baade in den Kommentaren erklärt.], bei den Punkten wird es dann gänzlich unseriös. Gleiches gilt im Falle von Hannover 96, das 1992 als fünfter der 2. Liga Nord den 13. der ersten Liga, Borussia Mönchengladbach, im Elfmeterschießen schlug. Aufsteiger aus der 2. Liga Nord war in jener Saison, genau, Bayer Uerdingen.

Was das nun für den VfB heißt? Man weiß es nicht. Oder zumindest ich nicht. Aber man könnte sich an Werder 1999 orientieren. Oder an, honi soit qui mal y pense, den beiden Zweitligisten.

Und dann erinnern wir uns, wie so oft in kritischen Situationen, des Buches von den Elf Freunden, in dem Heini, Matze und die anderen vor ihrem eigenen großen Spiel alte Ergebnislisten wälzten, um sich einen vergleichbaren Außenseitersieg zum Vorbild zu nehmen. Dass der letztlich für passend befundene 3:0-Sieg der Düsseldorfer Fortuna gegen Schalke im 33er Meisterschaftsfinale aus einer Zeit stammte, in der die Kräfteverhältnisse noch etwas andere gewesen waren, musste man ihnen ja nicht auf die Nase binden. Und es half.

Also doch unsere Hoffnung: Bayer Uerdingen!

Zu viel Information

Ich bin kein Journalist. Das weiß jede(r), die oder der hier gelegentlich mitliest, ich bräuchte es also nicht zu betonen. Vielleicht sollte ich also korrekter sagen, dass ich nicht nur kein Journalist bin, sondern darüber hinaus keine Ahnung von Journalismus habe. Also so richtig. Natürlich – was daran natürlich sein soll, ist mir ein Rätsel – maße ich mir an, Journalisten oder Menschen, die sich als solche ausgeben, nicht nur, aber auch, und vielleicht insbesondere, in sportlichem Kontext zu kritisieren. Wenn ich den Eindruck habe, dass sie keine Ahnung haben, wenn sie schlecht vorbereitet wirken, oder wenn ich das Gefühl habe, dass sie unprofessionell, „unjournalistisch“ handeln.

Aber wie gesagt: es ist nur ein Gefühl, oder ein Eindruck, der auf dem basiert, was ich in meiner Selbstgefälligkeit für gesunden Menschenverstand halte. Tatsächlich habe ich mich nie dediziert mit journalistischen Arbeits- und Herangehensweisen, Standards, Dos und Don’ts* auseinandergesetzt.

Weshalb meine Frage auch völlig ernst gemeint ist:

Wenn Nachrichtensendungen in Funk und Fernsehen – gelesen habe ich noch nichts dazu – über ein Nachholspiel der Fußball-Bundesliga berichten, sei es ausführlich in Wort und Bild, sei es auf das Verlesen des Ergebnisses und vielleicht der Torschützen beschränkt, ist es dann von Relevanz, weshalb das Spiel verlegt worden war? Oder anders: ist es in jedem Fall von Relevanz? Verlangt eine journalistische Vollständigkeitspflicht, nicht nur das damalige Vorkommnis zu benennen, sondern nach Möglichkeit auch den Namen des Protagonisten und ein Stück weit auch die näheren Umstände?

Oder ginge es auch so:

„In einem Nachholspiel der Fußball-Bundesliga trennten sich der 1. FC Köln und Mainz 05 1:1. Die Tore erzielten Sami Allagui in der 70. und Lukas Podolski in der 85. Minute. Das Spiel war am 19. November kurzfristig abgesagt worden.“

Mir persönlich würde das in einer Nachrichtensendung reichen.

Ok, vielleicht noch ergänzt um den Hinweis, dass sich um besagten Podolski, der den Effzeh wieder einmal gerettet habe, derzeit zahlreiche Wechselgerüchte rankten, dass er aber ein Kölner Junge sei und möglicherweise, eventuell aber auch nicht mehr, nur dort glücklich sein könne, und dass der 1. FC Köln seinen neuen Präsidenten von einem Personalberatungsunternehmen suchen lasse.

Bin ich da auf dem falschen Dampfer? Weltfremd? Ahnungslos?

(Ja, ich weiß, dass sowieso alle alles wissen. Na also.
Und ich weiß auch, wer daran die Hauptschuld trägt.)

* Steht übrigens tatsächlich im Duden.

Ach, Guido, wink doch mal!*

Lach ein bisschen, sei nicht so zerknirscht!

Sowas passiert, manchmal auch den Guten. Haste halt mal was falsch eingeschätzt, musst ja auch ohne Zeitlupe entscheiden. Echt jetzt, ich bin da der Letzte, der Dir das nicht nachsieht. Zumal Du ja auch Einsicht bewiesen hast. Und dass man es nicht so gerne hat, wenn einer, noch dazu wenn er groß ist und bedrohlich wirken kann, in die eigene persönliche oder gar intime Zone eindringt, versteh ich durchaus. Auch, dass Dir diese Einsicht erst mit etwas Verspätung kam, als der Eindringling schon zehn Meter weiter war, ehrlich. Die paralysierende Wirkung unappetitlicher Begegnungen der dritten Art.

Zumal man ja mal die Kirche im Dorf lassen und den Beschwerdeführern sagen muss, dass sie sich an die eigenen Nasen fassen mögen. Hat sie ja keiner gezwungen, sich gleich danach noch einen Ball ins eigene Tor zu schmeißen, anstatt sich darauf zu besinnen, dass man noch eine halbe Stunde Zeit hat und in aller Ruhe weitermachen könnte. War ja nach der Pause kurzzeitig ganz vernünftig geworden, was die da spielten, nach vorheriger Abkehr von der Solidität der letzten Wochen. Danach allerdings war das Ganze dann doch wieder ziemlich einfallslos, was man mit etwas bösem Willen natürlich auch Dir in die Schuhe schieben könnte – der Schock, die Verärgerung, das Nachkarten, all das mindert ja die Konzentration auf des Wesentliche ganz enorm, weiß man ja auch vom Tennis, wo dann doch nur die ganz Guten, und mitunter nicht einmal die, in der Lage sind, sich gleich wieder zu konzentrieren. Das können nur wenige, und diese Stuttgarter zählten ganz gewiss nicht dazu. Sie haben’s dann zwar noch einmal versucht, sonderlich inspiriert schienen sie allerdings nicht. Aber auch für die gilt: ist halt passiert, jetzt nach vorne blicken, und bloß nicht die ganze Zeit mit dem Finger auf andere zeigen, auf Dich zum Beispiel. Und wenn ich so die Interviews der Herren Harnik und Cacau betrachte, die sonst ja nicht immer einer Meinung sind, habe ich durchaus den Eindruck, dass das auch in Spielerkreisen konsensfähig ist.

Also, wie gesagt, nimm’s nicht so schwer, lach mal wieder, zeig nicht mit dem Finger auf andere, sei nicht zerknirscht.

Ach so, Du bist gar nicht zerknirscht? Deine Einsicht drückst Du so aus,  dass die Bilder „das nicht hergeben“? Schöne Formulierung, echt. Und Du findest weiter, dass die Proteste der Stuttgarter respektlos gewesen seien und den Untergang des Abendlandes einläuten den gefährlichen Weg aufzeigen, auf dem sich der Fußball befindet? Mit Verlaub, ich weiß nicht recht, ob die Bilder das hergeben.

* Gerne nehme ich Hinweise zur Verunglimpfung von Namen in den Kommentaren entgegen.

375 – 163g – 91u – 121v

Vor ein paar Tagen sagte ich Herrn nedfuller, dass es mich keineswegs überraschen würde, wenn der VfB „wieder einmal“ den Aufbauhelfer gäbe und einem Tabellenletzten den Weg zurück in die Tabelle ebnete. Und es ward.

Wieder einmal. Wieder einmal? Wenn man ehrlich ist, trifft das nur sehr bedingt zu. Seit der Saison 2000/01 traf der VfB 23 mal auf einen Tabellenletzten und ging in 11 Fällen als Sieger vom Platz. Sieben Unentschieden sind kein Ruhmesblatt, fünf Niederlagen ok: im Schnitt holte der VfB 1,74 Punkte pro Spiel, wenn man beim oder gegen das Schlusslicht antrat.  Deutlich besser als die gefühlte Bilanz, oder?

Gefühlt dürfte sie ohnehin bei allen schlecht sein, wie oft hört man jenes „das ist doch mal wieder typisch für [meinen Verein]!“, wenn die Mannschaft des Vertrauens gegen ein Kellerkind Punkte abgegeben hat. Klar, die Negativerlebnisse bleiben stärker im Gedächtnis haften, und doch bin ich wild entschlossen, jedem Schalker, der künftig dergleichen von sich gibt, ein feuriges „Unsinn“ entgegen zu schleudern. 15 von 25 Spielen haben sie gewonnen, nur deren fünf verloren, zwei Punkte pro Spiel errungen – ein Wert, der nur von drei Vereinen getoppt wird, deren Resultate von geringem statistischen Wert sind: Mainz hat immerhin sieben Spiele gegen den Letzten absolviert und bemerkenswerte fünf gewonnen, keines verloren, 2,43 Punkte geholt; Aachen und Unterhaching mit jeweils drei Punkten aus nur einem Spiel darf man indes komplett vernachlässigen.

Interessant noch Gladbach, das von seinen 15 Spielen nur vier verlor. Weil man gar nur drei gewann, hat die Borussia als Unentschiedenkönig mit 1,13 Punkten pro Spiel den schlechtesten Wert aller aktuellen Erstligisten. Der Zweitletzte aus Köln liegt mit durchschnittlich 1,33 Punkten aus ebenfalls 15 Spielen bereits deutlich besser, gefolgt von der Hertha, die in 20 Spielen1,50 Punkte pro Spiel erreichte. Letztlich auch nicht gerade brillant, wenn man bedenkt, dass es 20 mal gegen den jeweils schwächstmöglichen Gegner ging und nur acht mal ein Sieg heraussprang. Den absolut niedrigsten Wert erreicht der KSC, dem in drei Spielen gegen das Schlusslicht kein einziges Pünktchen vergönnt war. Die 0,75 Punkte, die Cottbus durchschnittlich in acht Partien erzielte, wirken im Vergleich dazu geradezu großartig.

Dass das alles mit sehr viel Skepsis zu betrachten ist, steht außer Frage. Möglicherweise wäre es aussagekräftiger gewesen, wenn man statt des Tabellenletzten die drei Vereine auf den Abstiegsrängen betrachtet hätte, und vielleicht auch erst ab dem fünften oder gar zehnten Spieltag, weil davor die Aussagekraft der Tabelle zu gering ist, was man auch mittels einer Gewichtung hätte berücksichtigen können, von Heim- bzw. Auswärtsspielen gar nicht zu reden, und so weiter und so fort. Ungeachtet dessen:

Spiele gegen den Tabellenletzten, 08/2001 - 09/2011

Aktuelle Bundesligisten sind gelb hervorgehoben, grün und rot drücken eine mehr oder weniger willkürlich vorgenommene Kategorisierung in besonders gute oder schlechte Werte aus.

Und da die Daten nun schon einmal vorlagen, habe ich mir noch kurz die Ergebnisse der Tabellenletzten angesehen. Der 1. FC Köln, der im betrachteten Zeitraum am häufigsten mit der Laterne in der Hand antreten musste, errang in 48 Spielen im Schnitt genau einen Punkt, die Hertha lag in ihren 31 Partien sogar knapp darunter. Unter der Einpunktgrenze lagen zudem, mit etwas weniger Versuchen, Bochum (23 Spiele / 5 Siege), Sankt Pauli (18/3) der SC Freiburg (14/2) und Aachen (1/0).

Gute Bilanzen haben hier ausschließlich Mannschaften vorzuweisen, die maximal 10 Auftritte als Schlusslicht hatten. Der HSV, Hannover und der VfB gewannen je sechs von zehn Spielen, Werder (2 Spiele), Bielefeld und Dortmund (je 1) tragen eine blütenweiße Weste. Überraschen kann das natürlich nicht: wer nur sehr wenige Spiele als Letzter bestritten hat, muss nun einmal erfolgreich gewesen sein, um die rote Laterne schnell wieder abzugeben.

Spiele als Tabellenletzter, 08/2001 - 09/2011

Kommen wir zum praktischen Nutzen.

Am Sonntag empfängt das Schlusslicht aus Hamburg den FC Schalke 04. Schalke hat nur eine von jeweils fünf Partien gegen einen Tabellenletzten verloren und drei gewonnen, ist also klarer Favorit. Der HSV wiederum hat von den 10 Partien, die er als Laternenträger bestritt, 6 gewonnen, ist also ebenfalls klarer Favorit.

Na dann.

Datenquellen: fussballdaten.de, weltfussball.de
Fehlerquelle: ich 

Ohne Fünfe fahr'n wir nach Katar!

Sie erinnern sich?

Vor wenigen Tagen hatte ich hier ein kleines Spielchen begonnen und mir überlegt, wen ich für ein elfjähriges unkündbares Engagement in der Bundesliga verpflichten würde.

Sie können es nicht mehr hören? Das tut mir leid, das Echo hat auch mich überrascht. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass die geschätzten Damen und Herren Fußballinteressierten, bzw. wenn mich nicht alles täuscht, handelt es sich durchgängig um Herren, so viel Spaß an Listen haben.

Mir sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt 21 22 solcher Listen bekannt. Der Großteil entstammt dedizierten Blogbeiträgen, einige weitere wurden in den Kommentaren verschiedener Blogs erstellt. Ich habe sie mit großem Interesse gelesen und mich insbesondere an den jeweiligen Kurzbegründungen erfreut, die so manche Perle bargen.

Insgesamt wurden 60 Vereine genannt, von denen nicht alle auf eine glorreiche Bundesligageschichte zurückblicken können. Einige haben nie erstklassig gespielt, einzelne meines Wissens nicht einmal zweitklassig, bei anderen spielte sich die Erstligavergangenheit in der DDR-Oberliga ab. Genau ein Verein mit Oberligavergangenheit schaffte übrigens den Sprung in die konsolidierte Wunschliste.

Die meisten Listen berücksichtigen zahlreiche Vereine aus der Spitzengruppe der „ewigen“ Bundesligatabelle,  einige gewichten regionale Aspekte außergewöhnlich hoch, andere rücken die Ablehnung von Vereinen, die man im wahren Leben vielleicht als „neureich“ bezeichnen würde, etwas stärker in den Fokus. Mit Holstein Lübeck soll einer der genannten Kandidaten erst im Jahr 2015 gegründet werden, die Rücknahme der Fusion zwischen der SpVgg Fürth und dem TSV Vestengergsgreuth wird angeregt und Tasmania Berlin soll wiederbelebt werden.

Aus der aktuellen ersten Bundesliga qualifizieren sich nach bisherigem Stand 13 Vereine für die Wunschliga, von denen [edit:] keiner in allen Listen genannt wird. Bayern und der HSV haben 21 Stimmen, dem 1. FC Köln fehlen zwei Stimmen zur Vollständigkeit, Dortmund deren drei, dem SV Werder und Schalke je vier. Gleichauf mit Borussia Mönchengladbach und dem VfB, die jeweils 16 mal genannt wurden, sind bereits die ersten unterklassigen Vereine: der VfL Bochum aus Liga 2 und Drittligist Eintracht Braunschweig. Insgesamt sind neben den 13 Erstligisten drei Vereine aus der zweiten und zwei aus der dritten Liga vertreten.

Nicht für die Erste Liga qualifiziert wären der aktuelle Champions-League-Kandidat Hannover 96 (5 Stimmen), Uefa-Cup-Kandidat Mainz (3) und der FC St. Pauli (4), die wohl in vielen Köpfen eher als Zweitligisten gelten. Wolfsburg und Hoffenheim wurden in keiner der mir bekannten Listen genannt. Die Abneigung gegen Werks- oder Retortenclubs war bei den Beteiligten offensichtlich deutlich stärker ausgeprägt als die gegenüber dem jeweiligen Erzrivalen, die zwar oft thematisiert wurde, aber nur selten dazu führte, dass der Lieblingsgegner außen vor blieb.

Die 18 Bundesligisten für die Zeit vom Sommer 2011 bis zum Sommer, Winter, Herbst oder vielleicht auch Frühling 2022 lauten demzufolge:

Bayern München
Hamburger SV
1. FC Köln
Borussia Dortmund
Werder Bremen
Schalke 04
VfL Bochum
Eintracht Braunschweig
Borussia Mönchengladbach
VfB Stuttgart
1. FC Kaiserslautern
Fortuna Düsseldorf
1. FC Nürnberg
1860 München
Eintracht Frankfurt
Bayer Leverkusen
Dynamo Dresden
SC Freiburg

Wer möchte, darf mich wegen der unvollständigen Vereinsnamen gerne beschimpfen.

Die vollständigen Ergebnisse lassen sich mit etwas gutem Willen dem folgenden Dokument entnehmen:

[scribd id=50017301 key=key-xc86sug0snsyp1alrws mode=list]

Bei den 15 bzw. 17 Stimmen von Reeses Sportkultur bzw. Mahqz vom Rhein-Wupper-Express handelt es sich nicht um ein Versehen meinerseits, die 19 Stimmen beim Übersteiger sind diskutabel, aber begründet, und den Verzicht auf Greuth habe ich ignoriert.

Keineswegs übergehen möchte ich schließlich noch die zwei expliziten Zweitligalisten im Stehblog und bei mir in den Kommentaren, von Oliisoaho. (Im Schatten der Tribüne ist die zweite Liga uneindeutig besetzt.)

Meine 18 bis Katar

Wer hier gelegentlich mitliest, weiß möglicherweise, dass ich nicht allzuviel davon halte, wenn jemand meint, die „bessere Mannschaft habe verloren“. Wer mehr Tore erzielt hat, darf bei einer Sportart, deren Ziel darin besteht, genau dies zu tun, in meinen Augen immer als die bessere Mannschaft gelten, eben weil sie dem Ziel des Spiels in höherem Maß gerecht wurde. Kann man drüber diskutieren, ich weiß.

Noch viel weniger halte ich von Begriffen wie „Zufallsmeister“, oder davon, dass eine Mannschaft unverdient in der Bundesliga sei, dort vielleicht gar nicht hingehöre. Wer sich sportlich qualifiziert, gehört dort auch hin. Ohne Wenn und Aber. Nein, nicht ohne Wenn und Aber. Natürlich muss er auch nach den Regeln gespielt haben, darf also keinen Lizenzbetrug oder andere Tricksereien begangen haben.

Und doch, das gebe ich zu, ist da dieser Fußballromantiker in mir. Dem Eintracht Braunschweig deutlich näher steht als die TSG Hoffenheim. Der die 60er gerne wieder oben sähe. Der sich den SV Meppen zurück in die 2. Liga wünscht. Der den 1. FC Magdeburg nicht in der vierten Liga sehen möchte.

Gerade in diesen Wochen des Abstiegskampfes auf allen Ebenen hört man nicht selten die geschichtsbewussten Präferenzen der Fans heraus, wenn sie ihre Wünsche für die kommende Saison formulieren. Der Trainer möchte Wolfsburg nicht mehr oben haben, der Stadtneurotiker zudem auf den VfB verzichten. Jon Dahl, der hier regelmäßig kommentiert, dürfte neben Wolfsburg auch Hoffenheim sowie vermutlich Schalke den Abstieg wünschen, und manch einer beschwört vielleicht die Tradition von Duisburg herauf, die jene von Leverkusen weit in den Schatten stelle. Oder so.

Wenn ich nun einmal für ein paar Minuten unterstelle, das Leben wäre ein Wunschkonzert, und ich könnte mir eine erste Bundesliga nach völlig willkürlichen tendenziell nostalgischen Kriterien zusammenstellen. Oder müsste es sogar, ohne Abstieg, closed shop, festgeschrieben auf 11 Jahre (also bis Katar, weil danach die Fußballwelt ja ohnehin eine ganz andere ist). Wenn ich weiter unterstelle, dass alle Vereine mit sportlich wie finanziell vergleichbaren Voraussetzungen in diese Phase gingen, wenn also beispielsweise Blau-Weiß 90 Berlin nicht von vornherein nur Kanonenfutter für die Bayern und viele andere wäre, dann könnte meine Bundesliga so aussehen:

VfB
Gerade in diesen Wochen wäre es mir besonders wichtig, die Erstklassigkeit auf Dauer zu sichern, gegebenenfalls auch mit einer Lex MV. Zumal man schon diese schönen Schals hat drucken lassen…

Bremen
Äh, irgendwie wird grad die obige Argumentation konterkariert. Egal. Völler. Bratseth. Kutzop. Rufer. Nora Tschirner. Lauter schöne Erinnerungen. Und Frings wird ja auch nicht mehr so lange…

Duisburg
Meiderich. Zebras. Allein schon von den Namen her kann da keiner mithalten. Dann noch Michael Tönnies, 5 Tore gegen den Kahn’schen KSC. Und das Zebrastreifenblog soll erstklassig werden. [Edit: ist es natürlich längst.]

Schalke
War mir nur selten so richtig sympathisch. Spielte aber schon bei Elf Freunde müßt Ihr sein eine tragende Rolle. Der Trikotfarbe wegen. Vielleicht wirklich ein Mythos, wenn ich bloß das Wort besser leiden könnte.

HSV
Ernst Happel. Kevin Keegan. Juve 83, Juve 2000. Und ja, das Wappen hat was. Dino natürlich. Nur die Namenswechsel sind mir ein Dorn im Auge. Ich bleib dann doch beim traditionellen AOL-Arena.

BVB
Das Stadion. Zur Meisterschaft 95 war ich vor Ort und ging wegen eines Mädels nicht ins Stadion. Mannmannmann. Wolfgang Feiersinger. Ich sehe Typen in Nadelstreifen. Kevin Großkreutz.

Leverkusen
Nahezu zeitgleich mit mir in die Bundesliga ein- und danach nie mehr abgestiegen. Europapokal 1988 und 2002. Spielte im 10-Jahres-Vergleich den aus meiner Sicht attraktivsten Fußball. Traditionsverein.

Bochum
Unabsteigbar war ein wunderbares Wort. Gerland. Tenhagen. Woelk. Lameck. Wosz. Edu. Frank Schulz‘ Haarpracht. Faber.

Bayern
Rekordmeister. Abteilung Attacke. Rummenigge (als Spieler). Kobra Wegmann 1988. Roland Wohlfarth. Mic und Mac. Pfaff gegen Saloniki. Pfaff gegen Reinders. Aushängeschild.

Düsseldorf
„Fortuna“ gefällt mir. Die Allofs-Brüder. Hans Krankl 1979. Mein erstes bewusst erlebtes DFB-Pokalfinale 1979: Seel. Pattex. Gerd Zewe. Gefühlt fanden alle Länderspiele der 70er und 80er im Rheinstadion statt.

Braunschweig
Günther Mast. Trikotwerbung. Ronnie Worm, ein früher Lieblingsname. Breitner in der Provinz. Merkhoffer. Franke. Gelb-blau fand ich schick.

Gladbach
Allan Simonsen. Mein erstes TV-Europapokalerlebnis: Gladbach gegen Clemence. Tiger Effenberg. Dahlin und Herrlich. Bökelberg.

Köln
Mochte ich nur in Etappen (ansatzweise), aber sie gehören dazu. Für das Double 78 war ich etwas zu spät dran. Latteks blauer Pullover. Die Krankenhaus-PK.

1860
Die Derbies. Riedl. Wildmoser. Lorant. Pacult (als Spieler). 38000 in der Oberliga. Wenzel Halama, auch ein Lieblingsname. Rudi Völler gegen Düsseldorf. Und vom Hörensagen immer wieder Brunnenmeier.

Rostock
Wichtig für die gesamte Region. Ach was, für den ganzen Osten. Da hängen Existenzen dran.  Erster Tabellenführer 1991/92. Mit Florian Weichert. Am letzten Spieltag Frankfurt geschlagen. Beinlich.

Freiburg
Die hatten 1980 ein Jubiläumsspiel bei meinem Heimatverein. Ich hab noch Autogramme, u.a.  von Wienhold und Löw. Markus Löw. Die großen drei: Golz, Schopenhauer, Finke. Der Kanzler. Decheiver und Cardoso. Dutt.

Nürnberg
Zabo. Hab ich als Kind irgendwo gelesen. Udo Klug. Kargus, Lottermann, Weyerich, Höher, Schmelzer. Aro. Hansi Dorfner. Thomas Brunner. Mintal. Gerland, Sané und Eckstein in Rom.

Kaiserslautern
1998. Ratinho. Kokolores. Betzenberg. 7:4. Toppmöller. Hany Ramzys Verletzung. Wackelkandidat.

Ja, da gibt es Härtefälle. Die Frankfurter Eintracht, zum Beispiel, mit der ich trotz phasenweise großer Bewunderung nie richtig warm wurde. Détári war phänomenal, Bein und Yeboah auch. Zu Bernd Schneiders Zeiten wohnte ich sogar in Frankfurt und ging dennoch nie ins Stadion. Sankt Pauli mag ich, und doch sind sie in meiner Wahrnehmung stärker in der zweiten Liga verankert. Mag am gut gepflegten Underdog-Image liegen. Hertha war nie so mein Verein. Kliemann und Sziedat waren mir als Kind unsympathisch, keine Ahnung wieso, Beer war ok. Vielleicht hatte es ja auch damit zu tun, dass Heini, Matze und die anderen nicht für Sobeks Hertha waren, sondern für die Störche. Hoffenheim hätte ich bis zur Gustavoposse vermutlich Kaiserslautern vorgezogen, weil mir die Arbeit von Dietmar Hopp tatsächlich imponiert. Selbst die von Ralf Ranknick, auch wenn ich ihn nicht mag. Wolfsburg ist seit fast 15 Jahren ununterbrochen in der Bundesliga, hat in jeder Hinsicht vieles probiert, manches ist (vorzüglich) gelungen. Scheitert aber wie Hannover, der niedersächsischen Quote wegen, an Braunschweig. Mainz, klar – beliebt und attraktiv. Bei mir auch, und selbst Andersens Entlassung war alles andere als naiv. Bauchentscheidung. Bielefeld existiert. Das reicht aber nicht, trotz Lienens Oberschenkel und Ali Daei. Union Berlin, der Stadionumbau, all das ist mir sehr sympathisch. Und in der zweiten Liga gut angesiedelt, finde ich. Lok Leipzig klingt unglaublich gut, die Stadt mag ich sehr, meine Neugierde gegenüber dem Konzept Red Bull ist zwar groß, aber dann doch nicht ausreichend. Wenn sich der KFC wieder in Bayer Uerdingen umbenennt, hat er eine Chance. Wegen der 80er. Der KSC hat sich’s bei mir mit dem 0:5 gegen Brøndby versaut. Zwar könnte ich noch eine Weile weitermachen; Härtefälle im engeren Sinn sind Waldhof, Dresden, Unterhaching, Darmstadt und all die anderen wohl eher nicht. Außer Cottbus.

Willkürlich? Ja. Inkonsequent? Ja. Widersprüchlich? Vielleicht. Ungerecht? Ganz bestimmt.

Mach’s anders!