Fantasie

Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollte es wieder einmal gelingen, dem FC Bayern die Deutsche Meisterschaft streitig zu machen? So oder ähnlich lautet der Tenor in Teilen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung, dem ich mich in den nächsten Minuten für ein kurzes Gedankenspiel anschließen werde. Vielleicht möchte mich ja jemand durch meine Überlegung begleiten.

Gehen wir also davon aus, dass der FC Bayern München nach dem 33. Spieltag auf Rang fünf liegt, mit einem Punkt Rückstand auf den FC Schalke 04 und die TSG Hoffenheim, gar deren vier auf Borussia Dortmund und noch einem mehr auf RB Leipzig. Dortmund tritt am letzten Spieltag in Hoffenheim an, keine ganz unbekannte Konstellation, und muss dort mehr Punkte erzielen als Leipzig in Berlin, um den Titel zu erringen. Die Hertha spielte ihrerseits keine herausragende Saison, doch auf Davie Selke war das ganze Jahr über Verlass. Nach seiner Verletzung zu Saisonbeginn zeigte er endlich einmal über einen längeren Zeitraum hinweg, wieso er als eines der größeren Versprechen des deutschen Fußballs gilt, sicherte seinem Verein die Qualifikation für das europäische Geschäft, und wenn es der Mannschaft des FC Bayern nicht gelingen sollte, ihrem Mittelstürmer am letzten Spieltag vier Tore mehr aufzulegen, als der junge Berliner erzielt, sichert sich Letzterer mit über 30 Treffern die Torjägerkanone.

Am Donnerstag vor dem letzten Spiel ist es ein Berliner Boulevardblatt, das als erstes über einen angeblichen Ausfall Selkes für das Spiel gegen Leipzig berichtet, und sehr rasch springen Medien und Fußballinteressierte aus der ganzen Republik darauf an. Zunächst ist von einer Muskelverletzung die Rede, die möglicherweise gar seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft gefährden könne, doch sowohl Michael Preetz als auch Joachim Löw widersprechen so rasch wie glaubhaft, und auch kurzzeitige Gerüchte über eine allgemeine körperliche Erschöpfung werden zunächst dementiert.

Tags darauf äußert sich Peter Bosz zuversichtlich, für das Spiel in Hoffenheim gut gerüstet zu sein. Der BVB müsse das tun, was in seiner Hand liege, nämlich zunächst durch einen Punktgewinn Platz zwei zu sichern, tatsächlich aber – seine Mannschaft könne gar nicht anders – voll auf Sieg spielen und gleichzeitig hoffen, dass Leipzig in Berlin nicht gewinne. Die Frage, ob es ihm Sorgen bereite, dass die Hertha womöglich ohne ihren Torjäger antrete, der de facto die Hälfte aller Berliner Treffer erzielt habe, beantwortet er mit einem gequälten Lächeln und dem Hinweis, dass er die medizinische Abteilung der Hertha für exceptionnel halte und deshalb fest von Selkes Einsatz ausgehe, der doch sicherlich seinen Torrekord noch ausbauen wolle. Aber auch andernfalls verfüge Berlin über hinreichend Offensivkraft, um den Leipzigern das Leben schwer zu machen, fügt er hinzu, um schließlich die Medienvertreter zu bitten, sich doch wieder auf das Dortmunder Gastspiel in Hoffenheim zu konzentrieren, das eine immense Aufgabe darstelle.

Am Nachmittag wird Hans-Joachim Watzke dahingehend zitiert, dass es ja wohl nicht angehen könne, dass ein junger Mann wie Selke möglicherweise wegen allgemeiner körperlicher Erschöpfung passe, um für die Weltmeisterschaft wieder fit zu werden oder aus welchem Grund auch immer, so habe man ja nicht gewettet. Immerhin ist Watzke klug genug, nicht auch noch eine parallele Traditionsdiskussion anzuzetteln, doch das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung macht die Runde und ist kaum mehr aus der Welt zu schaffen.

Hertha BSC möchte diese Unterstellung nicht auf sich sitzen lassen und informiert am Vormittag des Saisonfinales die Presse, dass Torschützenkönig Davie Selke keineswegs an allgemeiner Erschöpfung und auch an keinem anderen körperlichen Gebrechen leide. Vielmehr sei es schlichtweg so, und an dieser Stelle wird auf eine gemeinsame Erklärung mit RB Leipzig verwiesen, dass der Spieler aufgrund einer gängigen Vertragsklausel ein Jahr lang nicht gegen seinen ehemaligen Verein antreten dürfe und deshalb am Nachmittag nicht im Kader stehe.

„Ach sooo, das ist natürlich was anderes“, diktiert ein nun sichtlich beruhigter Aki Watzke den angesichts der eher langweiligen Auflösung zunehmend desinteressierten Medienvertretern in die Blöcke. Peter Bosz hebt noch einmal die Qualitäten von Vedad Ibišević hervor, und Fußballfans im ganzen Land – von Freiburg im Süden, wo man den FC Augsburg erwartet, bis nach Hamburg im Norden, wo Borussia Mönchengladbach mit Raúl Bobadilla zu Gast sein wird – zeigen sich erfreut, dass man sich nun endlich auf den sportlichen Wettstreit konzentrieren könne.

Vielen Dank, dass Sie mich auf diesem kleinen Exkurs begleitet haben. Gerne weise ich darauf hin, dass sowohl das Tabellenszenario als auch Davie Selkes Vertragsklausel lediglich Produkte meiner kranken Fantasie sind.

Kein Fantasieprodukt ist indes eine etwas ältere Veröffentlichung der Uefa, die zu der seltenen Situation führt, dass ich einem der großen internationalen Fußballverbände vorbehaltlos zustimme: UEFA statement on integrity of competitions.

Gesetzt

“Der Ton ist gesetzt”, hatte ich gesagt, und vermutlich frug sich mein Nachbar genau wie ich, was das denn nun für eine komische Formulierung sei, irgendein halbgarer Anglizismus vielleicht, den wir jedoch nicht zuordnen konnten?

Immerhin: er verstand mich. Das Spiel des VfB gegen Augsburg hatte gerade begonnen, vom Anstoß weg wurde Timo Baumgartl angespielt, die Ballannahme fiel schludrig aus, bzw. fand überhaupt nicht statt, Baumgartl wurde angelaufen, geriet unter Druck und schlug den Ball diagonal, ach was, quer ins Aus. Klasse Beginn.

Der Ton war gesetzt, und hätte man das Spiel in diesem Moment zu den Akten gelegt, wäre der Nachmittag ein wesentlich vergnügterer gewesen.

Er hatte ja schon verspätet begonnen, der Fußballnachmittag. Verständlicherweise. Kam ja wirklich überraschend, dass die Sicherheitsmaßnahmen erhöht wurden, nachdem die Fußballwelt in den Tagen zuvor aus den Angeln gehoben worden war.

“Was hat sich denn geändert durch Paris?”, mag man fragen, und ich möchte das gar nicht als zynisch abtun. Zynisch deshalb, weil unstrittig ist, dass Paris für viele Menschen furchtbar viel verändert hat. Vielmehr ist die Frage insofern berechtigt, als wir alle immer wussten, dass große Sportereignisse und damit, zumindest in Europa, zuvorderst Fußballspiele ein Ziel wären, das, sollten Terroristen es ins Auge fassen, größtmögliche Aufmerksamkeit und leider auch eine ebensolche Zahl an Opfern und Betroffenen verspräche.

Gerne wäre ich in der vergangenen Woche in der Lage gewesen, meine Gedanken rund um Paris, rund um Hannover und weit darüber hinaus zu ordnen und zu Papier zu bringen, doch leider war und ist das nicht der Fall. Es hat mich mitgenommen, ich habe Angst, nicht um meine Unversehrtheit, wenn ich zu einem Fußballspiel gehe oder in ein Flugzeug nach wohin auch immer steige, aber ich habe Angst vor dem, was da kommen mag.

Ja, vermutlich ist die Welt sehr wohl aus den Angeln gehoben worden, und mit ihr die des Fußballs. Und ja, es klingt unangemessen und schrecklich banal, gleich wieder den Bogen zu jenen schlagen zu wollen, die nicht auf die Idee gekommen sind, dass man an so einem Wochenende schon mal ein paar Minuten früher zum Stadion gehen könnte, wenn man trotz zu erwartender intensiverer und entsprechend zeitaufwändigerer Sicherheitskontrollen zum Anpfiff auf seinem Platz sitzen oder stehen möchte. Unwichtig. Ich versteh’s halt nicht.

Dass man ihn nach einer knappen Dreiviertelstunde am liebsten schon wieder verlassen hätte, steht auf einem anderen Blatt und war beim dank dieser klugen Menschen reichlich verspäteten Anpfiff noch nicht abzusehen. Beim Anpfiff, wohlgemerkt. Nach Baumgartls erstem Ballkontakt schon eher. Der Ton war gesetzt, und sie hielten ihn. Konsequent.

Selten habe ich eine Mannschaft gesehen, die von Beginn in einer solchen Art und Weise nicht auf dem Platz war, und ich schreibe nur deshalb “selten”, weil “nie” so arg absolut klingt. Es war verheerend, und mehr Worte möchte ich über das Spiel selbst eigentlich nicht mehr verlieren.

Bemerkenswert war allerdings, wie wenig dieses Spiel, ohne darauf konkret eingehen zu wollen, Sie wissen schon, wie wenig also dieses Spiel noch mit dem zu tun hatte, was Alexander Zorniger vor einigen Wochen propagiert und was die Mannschaft damals auch gezeigt hatte.

Und wie ich noch so sinniere, ob es wohl der Trainer war, der so sehr von seinem System abgerückt ist, dass nur noch das Schlechteste verschiedener Welten übriggeblieben ist, oder ob die Mannschaft ihm schlichtweg nicht mehr gefolgt ist, verkündet der Verein, die Ära Zorniger sei Geschichte.

Er tut das weniger blumig und in den üblichen knappen Worten, während gut informierte Quellen bereits Jürgen Kramny als Interimstrainer verkünden. Jenen Kramny, der manchem noch vor wenigen Wochen in der dritten Liga als angezählt galt. Was mich ehrlich gesagt nicht sonderlich störte. Faszinierend, dieses Fußballgeschäft. Zumindest kann Herr Kramny mich nicht negativ überraschen.

Und was ist mit Herrn Zorniger? Nun, ich habe aus meinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht. Sein Auftreten war mir vor seiner Stuttgarter Zeit unangenehm aufgefallen, was er in der Folge einerseits bestätigte. Andererseits fand ich Gefallen an seiner klaren Kante und, ja, auch an seiner Verbohrtheit – dass er sich dabei allerdings stets auf einem sehr schmalen Grat bewegte und des Öfteren abglitt, konnte nicht überraschen.

Ob er letztlich an besagter Verbohrtheit scheiterte oder daran, dass er eben nicht verbohrt genug war, konsequent an seinem Spiel festzuhalten, daran scheinen sich die Geister zu scheiden. Ich selbst habe, rein auf das Sportliche bezogen, durchaus Sympathien für letztere These, schließlich erinnerte der Fußball seiner Mannschaft zuletzt, wie oben angedeutet, nur noch in Auszügen an Zorniger in Reinkultur. Aber ich räume gerne ein, dass dieser Analyseansatz zum einen ein arg verkürzter ist, was per se nicht schlimm ist, läuft ja in die gegenteilige Richtung ganz ähnlich, und dass er zum anderen ein übertrieben wohlmeinender wäre.

Wir wissen alle, dass er sich im Ton vergriffen hat, dass er zu forsch war, zu besserwisserisch, und vermutlich haben wir auch alle zwischendurch an Herrn Professor Rangnicks Sportstudio-Premiere gedacht, wohl wissend, dass jener damals in der hiesigen Fußball-Lehre tatsächlich eher die Avantgarde darstellte, während Zornigers Ansatz zwar ein sehr konsequenter und, davon bin ich weiterhin überzeugt, potenziell erfolgreicher ist; neu ist er indes nicht.

Dass er zudem eine Reihe handwerklicher Fehler begangen hat, meinetwegen auch nur nicht verhinderte, dass seine Spieler handwerkliche Fehler begingen, was dann wiederum doch ein handwerklicher Fehler des Trainers wäre, liegt zudem, genau, auf der Hand. Gegen die Bayern war er blauäugig, in Leverkusen vielleicht tollkühn, im Umgang mit Adam Hlousek vermessen, wie er insgesamt bei der Einschätzung dessen, was seine Spieler können und was nicht, möglicherweise etwas zu optimistisch war, und beim Einüben defensiver Abläufe agierte er mindestens glücklos, vielleicht schludrig, vielleicht eben doch handwerklich unsauber.

Ja, man mag die Liste gerne verlängern. Und natürlich in die Diskussion über den Anteil der Spieler und des Vorstands an der Misere einsteigen. Ein weites Feld.

Dass Alexander Zorniger nun gehen musste, konnte nicht mehr überraschen. Zu erschütternd war das Auftreten am Samstag, zu spärlich die Argumente, oder auch nur die Strohhalme, an denen man sich nach so einem Spiel, über das hier bekanntlich nicht weiter geredet werden soll, festklammern kann, zu ratlos wohl auch der Trainer selbst.

Sehen Sie, da wäre sie gewesen, die Chance, die Trennung als “alternativlos” zu bezeichnen. Ich habe sie verpasst, und wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir gewünscht, dass es deutlich mehr Leuten so ergangen wäre. Dass sie die Chance hätten verstreichen lassen. Wenn ich Ihnen, liebe Kommentierende, in aller Bescheidenheit einen Hinweis geben darf: Es gibt immer eine Alternative. Auch in der Wortwahl, auch zu einer wohlfeilen Pointe. Aber, zugegeben: Den Ton hatte Herr Zorniger wohl selbst gesetzt.

Zurück zum Sport. Ich hatte gehofft, hatte mir gewünscht, dass er zumindest eine Halbserie lang Zeit bekommen würde, und ich gehe auch davon aus, dass er sie bekommen hätte, wenn man weiterhin wenigstens Chancen kreiert und, und das meine ich durchaus positiv, ein Spektakel veranstaltet hätte. Wenn allerdings ein Vollgastrainer seine Mannschaft nur noch zu einem derart leblosen Auftritt animieren kann, werden nicht nur die Argumente, sondern in der Folge auch die Fürsprecher knapp.

Tja. Tschüss, Herr Zorniger. Ich wünsche Ihnen noch mindestens eine weitere Chance und bin gespannt, was sie dann draus machen.

Und dann komme ich doch noch einmal auf jenes Spiel zurück. Und die Fans. Die machen sollen, was sie wollen. Haben Eintritt bezahlt, sollen brüllen, schimpfen, lachen, weinen, still sein, konzentriert das Spiel verfolgen, meinetwegen auch alle paar Minuten zum Bierstand gehen, wenn sie mich dabei nicht ständig aus meiner Konzentration reißen.

Letztlich soll auch jeder für sich entscheiden, ob er Häme für einen guten Ratgeber, Hohn und Spott für eine sinnvolle Ausdrucksweise seiner Gefühlswelt hält. Ich persönlich halte nicht sonderlich viel davon, will aber nicht bestreiten, dass das samstägliche Spiel geeignet war, besondere Reaktionen hervorzurufen.

Wenn Menschen, die andere eine halbe Stunde lang lautstark, öffentlich und explizit verhöhnt haben, dann allerdings meinen, sich echauffieren zu sollen, weil die so Verhöhnten augenscheinlich wenig Interesse verspürten, hernach den Dialog mit den Verhöhnenden zu suchen, dann wäre es schon interessant zu wissen, wie die Gedankenwelt dieser Leute funktioniert. Des Erkenntnisgewinns wegen.

 

Aufstellungspokerface und mehr

Tja. War doch eigentlich ein schöner Gedanke gewesen, erst einmal Herrn @yellowled zu zitieren:

Und dann würde ich fragen, ob es denn einen Wert an sich darstelle, alle zu verarschen, wo’s doch eigentlich nur darum geht, ein oder mehr Tore mehr zu schießen als die anderen. Ich würde hinzufügen, mir sei klar, dass der geschätzte Herr @yellowled das auch gar nicht behauptet habe, es aber doch irgendwie mitschwinge, und man sich dann eben an dunkle Zeiten erinnere, in denen man das Gefühl gehabt habe, auch der derzeitige hiesige Bundestrainer sehe eine, wenn nicht die zentrale Herausforderung darin, die heimische Presse und vielleicht en passant auch den Gegner mit der eigenen Aufstellung zu überraschen.

Möglicherweise würde ich einen Schlenker zur Lichtgestalt fahren und auf 1990 verweise, als im Halbfinale gegen England die beiden Kleinen hineinrotierten – ohne dass man damals schon von einer Rotation gesprochen hätte –, von denen einer ungeachtet des Erfolges dann auch wieder hinausrutschte. Vermutlich ginge ich dann zu jenem Aspekt über, dass die Verarsche nicht auf die Aufstellung per se beschränkt sei, sondern auch in individuellen Rollen bestehen könne, die so aus der Aufstellung gar nicht herauszulesen seien. Man denke an Hidegkuti, damals, dessen wahre Position der Legende zufolge nur der große Herberger entschlüsselte, oder an Kroos, der bei der EM 2012 überraschend als Manndecker für Pirlo auflief.

Und dann, so der Gedanke, würde ich direkt zu Veh überleiten, der ja gegen Augsburg ebenfalls ins Klo griff mit der einen oder anderen Überraschung aufwartete. Verzeihung, ins Klo griff er nicht, das ließ sich ja, im Gegenteil, ganz anständig an, auch wenn Ginczek noch nicht allzu viel Gefahr verströmte, auch wenn Hlousek die linke Seite nicht gleich zum Bollwerk machte, Leitner das Offensivspiel nicht revolutionierte und Schwaab einfach nur so spielte wie ein Innenverteidiger war, der außen spielen muss. Dennoch: war ok. Und lief dann halt doch so ganz anders, nachdem die Herren Schwaab, Altintop und Kinhöfer in einem unglücklichen Gemeinschaftswerk nachgerade zinnbaueresk all unsere Erwartungen und Eindrücke komplett über den Haufen geschmissen hatten.

Irgendwie würde ich dann noch einbauen, dass es auch Mannschaften gab und vermutlich immer noch gibt, die einfach qua Qualität, System, Stabilität, Taktik und/oder sonst was ihre Gegner jederzeit in Schach halten, dominieren, zumindest aber schlagen, auch ohne Aufstellungsverarsche. Einschränkend würde ich auf den aktuellen FC Bayern verweisen, der sein Gegenüber trotz ohnehin in vielerlei Hinsicht gegebener Überlegenheit immer wieder aufs Neue zu überraschen versteht, indem er entscheidende Nuancen verändert, wenn man dem über die Maßen begeisterten Philippe Auclair im jüngsten Football-Weekly-Podcast Glauben schenken darf, und welchen Grund hätte ich, der ich das Spiel in Manchester nicht sah, an seinen Worten zu zweifeln?

All das hätte ich also vielleicht geschrieben, wiewohl ohne den Champions-League-Schlenker, der eine Zeitreise erfordert hätte, wenn nicht, ja wenn nicht Armin Veh noch eine weitere Überraschung aus dem Hut gezaubert hätte, die Joe Zinnbauer dann doch vergleichsweise vorhersehbar aussehen ließ. Gewiss, ich höre Euch, die Ihr mir sagt, dass das doch sehr wohl zu Vehs früheren Abgängen passe, unter Verweis auf Rostock, den HSV, die Frankfurter Eintracht, wenn auch in den letztgenannten Fällen weniger abrupt, und überhaupt und sowieso, aber Hand aufs Herz: jedem, der mir glaubwürdig versichern kann, zum jetzigen Zeitpunkt mit Vehs Rücktritt gerechnet zu haben, gebe ich bei nächster Gelegenheit eine Stadionwurst inklusive Kaltgetränk aus. Geschlechtsunabhängig, übrigens.

Dass ich Vehs Rücktritt bedaure, dürften regelmäßige Mitlesende erahnen, oder Menschen, die noch vor zehn Tagen meine Widerrede erlebten, als eine Freundin die klare Meinung vertrat, der Trainer müsse weg. Noch dazu eine Freundin, die sonst nicht für derlei Forderungen bekannt ist, aber das nur nebenbei.

Gleichzeitig ist klar, dass mein Bedauern ganz wesentlich mit der Wertschätzung der Person Armin Veh zu tun hat, mit seiner zur Schau getragenen Unabhängigkeit, seinem Trotz, seinem Ihr-könnt-mich-mal. Sportlich gab’s gar nicht so viele Argumente, wenn man davon absieht, und das tue ich ungern, dass es ihm zumindest gelang, der Mannschaft im Lauf der Saison wieder ein bisschen mehr Tempo einzuimpfen, auch ein bisschen mehr Zug nach vorn. Will sagen: die Richtung stimmte, wiewohl ein bisschen mäandernd, die Entwicklungsgeschwindigkeit stockte indes immer wieder merklich.

Nun denn. Heute diskutieren wir also darüber, wie Huub Stevens aufstellen wird, und wahrscheinlich wird er uns alle verarschen: und wenn dies nur dadurch geschieht, dass er gar kein Kaninchen aus dem Hut zaubert.

Irgendjemand schrieb in dieser Woche, man ersetze den einen Kauz durch einen anderen Kauz, und obschon ich bei dem Begriff immer Catweazle vor Augen habe, der rein äußerlich wahrlich wenig mit dem Styler Veh gemein hat und mit dem man auch Stevens nicht gerecht würde, zeigte sich doch schon anhand der Torwart-Diskussion (… isch abe gar keine Handschuhe), einmal mehr, dass auch Stevens seinen eigenen Kopf und Humor hat. Und dass zumindest in meiner Wahrnehmung der Weg vom trockenen Witz zum aufgesetzten, lahmen Running „Gag“ ein kurzer ist.

Was nichts daran ändert, dass ich die Entscheidung des Vereins für Stevens nachvollziehen kann. Und an meiner Überzeugung, dass sich der VfB mit Stevens recht rasch aus der Abstiegszone herausbewegen wird. Über alles andere denken wir ein anderes Mal nach, nicht wahr?

 

Aufstiege, Abstiege, Zwischenlösungen

Waren nicht schlecht, die Relegationsspiele neulich, ne? Also zumindest die zwischen zweiter und dritter Liga, und dort vornehmlich das Rückspiel. Bielefelder mögen das anders sehen.

Wieder einer jener Abende, die zu erfassen einzig Sir Alex Fergusons geflügeltem Wort „Football, bloody hell!“ gelingt. Abstrakt gesehen.

Bei Twitter jagte ein Superlativ den vorhergehenden, und nicht selten las man sinngemäß Folgendes:

„[Lob des Spiels], [Lob der Darmstädter], [Lob des Fußballs], [Ungläubigkeit], [Faszination], aber Relegation ist trotzdem doof und gehört abgeschafft.“

Was ich, den Umstand außer Acht lassend, dass all diese Metazitate niemals in 140 Zeichen gepasst hätten, was arg an meiner Glaubwürdigkeit rüttelt, für eine völlig legitime Sichtweise halte. Die ich nicht im Geringsten teile, aber darum geht es ja nicht. Es gibt gute Argumente gegen die Relegation, zweifellos, und es gibt meines Erachtens auch gute Argumente dafür. Sie alle wurden vielerorts und häufig genug ausgetauscht.

Der einzige Aspekt, der mich in den vergangenen Tagen verwunderte, wohl weil er mir in den Vorjahren nicht so häufig begegnet war, so zumindest meine Erinnerung, war die Schlussfolgerung mancher Relegationsgegner, manchmal mehr, manchmal weniger explizit ausgeführt, dass man dann ja konsequenterweise auch dazu übergehen müsse, den Meistertitel in einer Play-Off-Phase, zumindest aber in einem Endspiel der beiden Punktbesten auszuspielen.

Das kann ich nicht nachvollziehen. Verzeihung, nachvollziehen kann ich es schon, aber ich empfinde es nicht als folgerichtig. Im einen Fall, der Meisterschaft, haben sich 18 Mannschaften in einem gemeinsamen, in sich (ab-)geschlossenen Wettbewerb ein Jahr lang gemessen. Am Ende steht ein Ergebnis, das die eine als objektiv besser als die andere ausweist.

Im anderen Fall, wenn es um Auf- und Abstieg geht, betrachten wir zwei (oder mehr) Mannschaften, die in getrennten, hierarchisch klar einzuordnenden Wettbewerben spielen und die sich im Lauf der Saison weder begegnet sind noch sich mit den gleichen Gegnern gemessen haben. Eine Aussage über die relative Stärke können wir nicht seriös treffen.

Implizit beschäftigen wir uns auch mit der Frage, wie groß der Unterschied, bzw. wie groß eine Schnittmenge zwischen den beiden Ligen ist, innerhalb derer nur geringe sportliche Unterschiede bestehen. Diese Frage wurde irgendwann dahingehend beantwortet, dass die beiden Besten der niedrigeren Klasse mit den beiden Schlechtesten der höheren Klasse die Plätze tauschen sollen. Jahre später hat man sich dann für deren drei entschieden, in anderen Ländern mag die Tauschliste länger oder kürzer sein.

Wo die optimale, je nach Interpretation leistungs- oder leistungsvermögensgerechteste Lösung liegt, weiß man nicht, vermutlich ändert es sich von Jahr zu Jahr, beziehungsweise, was in unserer Ligen- und Saisonstruktur nicht relevant ist, in kürzeren Abständen. Der Gedanke, am Ende einer jeden Saison ganz konkret in einem sportlichen Duell der Grenzgänger auszuloten, wo die Kante aktuell verläuft, ist in diesem Kontext kein abwegiger.

Dass man darin eine zu zeitpunktbezogene, tagesformabhängige, zugespitzte Form der Entscheidungsfindung sehen kann, die dem Spieljahresprinzip zuwider läuft, liegt auf der Hand. Oder dass man hinterfragen kann, ob jeweils zwei fixe und ein variabler Auf- bzw. Absteiger richtig gewählt sind. Wieso nicht drei plus eins, zum Beispiel? Legitime Sichtweise.

Ganz abgesehen davon, dass der Verdacht, es gehe DFL und DFB in erster Linie darum, zum Saisonende ein maximales Spektakel zu bieten, nicht auszuräumen ist, noch nicht einmal von der Hand zu weisen. Was man dann natürlich doch als Gemeinsamkeit mit einem Meisterschafts-Play-Off sehen kann, wenn man möchte. Auf einer aus meiner Sicht arg sportfernen Ebene.

Wie schaffe ich jetzt nur die Überleitung zum HSV? Nee, sorry, da muss ich passen. Muss es eben so gehen.

Der Hamburger Sportverein, der sich dem Vernehmen nach im abgelaufenen Jahr auf dem Platz häufig ähnlich sportfern betätigte wie der VfB Stuttgart, nahm ebenfalls an der Relegation teil, stand aber im Schatten der Darmstädter. Dennoch schlug er den Herausforderer aus Fürth aus dem Feld, der ebenfalls ausführlich diskutierten Auswärtstorregel geschuldet, was den geschätzten Kollegen vom Fürther Flachpass zu grundsätzlichen Aussagen zum Kräfteverhältnis zwischen erster und zweiter Liga und einer, wenn ich ihn recht interpretiere, systemimmanenten Benachteiligung der Zweitligisten animiert hat.

Ich kann das, wie auch dort per Kommentar geäußert, nicht ganz nachvollziehen (wohl wissend, dass die finanziellen Rahmenbedingungen in den beiden Ligen sehr unterschiedliche sind). Den Fürther Nichtaufstieg nach zwei unentschieden gestalteten Spielen empfinde ich unabhängig davon als bitter. Was andersherum analog gälte.

Wie auch immer: der Dino ist dem Abstieg von der Schippe gesprungen, die Uhr darf weiterlaufen, der HSV bleibt der einzige Bundesligist, der noch nie abgestiegen ist. So las ich zumindest. Und war, wie manch andere(r), nicht ganz einverstanden:

Die geneigte Leserin weiß natürlich, dass es da noch ein paar weitere Vereine gibt, die zwar nicht von Anfang an dabei gewesen sein mögen, die aber nie in die zweite Liga abgestiegen sind. Was für sich genommen wiederum eine problematische Aussage ist, da ja auch Preußen Münster, Tasmania Berlin, Borussia Neunkirchen und Rot-Weiß Oberhausen, vielleicht habe ich auch noch jemanden vergessen, für sich in Anspruch nehmen können, nie von der Bundesliga in die zweite (Bundes-)Liga abgestiegen zu sein, sondern nur in die jeweilige Regionalliga.

Aber das mag selbst der sachkundigen Leserschaft ein bisschen zu speziell sein, nicht im Sinne von „wissen wa nich“, eher von „Korinthenkacker!“ Beschränken wir uns also auf die Frage nach den aktuell Unabsteigbarengestiegenen, die leicht beantwortet ist, wie auch die (hier nicht dokumentierten) Reaktionen auf diesen Tweet zeigten:

Genau. Es handelt sich um den HSV, den FC Bayern, Bayer Leverkusen, den VfL Wolfsburg, die TSG Hoffenheim, den FC Augsburg und den SC Paderborn. Die eine oder andere Ungenauigkeit bei den Vereinsnamen bitte ich gönnerhaft hinzunehmen.

Sieben ist ne Menge, nicht wahr? Nicht zuletzt vor dem Hintergrund besagter (und historisch vollauf gerechtfertigter) HSV-Fokussierung, gerade auch wenn man das Ganze spätestens seit der Zeit verfolgt hat, als noch von vier verbliebenen Dinos, die damals noch nicht so genannt wurden, Hermann hieß ohnehin keiner von ihnen, die Rede war: dem HSV, Köln, Frankfurt und Kaiserslautern. Und jetzt sollen es plötzlich sieben sein?

Ja, ist so. Und vor zwei Jahren waren es auch so viele. Danach muss man aber schon bis 1995/96 zurückgehen, um auf gleich viele bzw. mehr unabgestiegene Bundesligisten zu stoßen. In den zwanzig Jahren zuvor lag man stets zwischen acht und elf, erstmalige Ab- und erstmalige Aufstiege hielten sich offensichtlich ungefähr die Waage, die stärkeren Veränderungen unmittelbar davor, also zu Beginn der 70er, mögen zum Teil mit dem Bundesligaskandal zu tun gehabt haben, vielleicht auch, abstrakter, mit der anstehenden bzw. erfolgten Einführung der zweiten Liga, aber so genau habe ich mir das nicht angesehen. In ihren ersten vier Jahren hatte die Bundesliga übrigens stets aus Vereinen bestanden, die noch nie abgestiegen waren.

Im ersten Jahr zudem, und das ist wahrlich eine Binsenweisheit, aus lauter Neulingen. Nach der Aufstockung 1965 waren nie mehr drei oder gar mehr Neulinge vertreten, bis 1980 aber zumindest so gut wie immer zumindest einer. Danach bröckelte das ein wenig, mit gelegentlichen Ausreißern, also gleich zwei Neulingen auf einmal. Menschen meiner Generation werden sich sogleich an Blau-Weiß 90 Berlin oder den FC Homburg erinnern, an die historische Besonderheit mit Dynamo und Hansa sowieso, und danach wurde es dünn.

Um die Jahrtausendwende hatten wir noch einmal eine, Verzeihung, Freaksaison mit Neulingen aus Unterhaching und Ulm, die derzeit recht weit von der Bundesliga entfernt sind, was im Ulmer Fall gerade in diesen Tagen ein König unter den Euphemismen ist. Sieht man dann noch von Energie Cottbus ab, so haben die meisten Vereine, die seit Ende der 90er erstmals aufgestiegen sind, beginnend mit Wolfsburg, die Klasse durchgehend gehalten, über die einjährige Mainzer Verschnaufpause sehe ich nonchalant hinweg, und Fürth, siehe oben.

Seit 2008 mit Hoffenheim darf man wohl sogar von einer kleinen Trendwende sprechen, einer Mini-Renaissance der Neulinge. Über die Bewertung dieses Umstands scheiden sich die Geister insofern, als insbesondere Hoffenheim, aber auch Augsburg mit ihren Finanzstrukturen nicht zwingend geeignet sind, das Herz all derer höher schlagen zu lassen, die sich eine Offenheit der Bundesliga für Underdogs wünschen. Wünsche ich mir auch. Was mich nicht daran hindert, das (Achtung, böses Wort!) „Projekt“ Hoffenheim interessiert und gelegentlich den Hut ziehend zu verfolgen.

Als Underdogs kann man sie indes nicht ernsthaft einordnen, und auch Augsburg nur bedingt. Leipzig wird in absehbarer Zeit recht laut an die Tür klopfen, Ingolstadt möglicherweise etwas leiser. Da freut man sich dann vielleicht besonders über die Fürths und Paderborns dieser Welt.

Kommt Heidenheim auch bald? Und sind sie dann gut oder böse? Werden sie gar eine neue „Region“ sein können? Die Zeit wird es weisen. In der Zwischenzeit kann ja der eine oder die andere nach Fehlern suchen:

Laufkundschaft

Der Disput zwischen den Herren Ulreich und Leitner, Sie wissen schon, bei diesem Abstoß, als Ulreich den sich anbietenden Leitner nach vorne winken wollte und Leitner den wild rudernden Ulreich eher fassungslos ansah, was Ulreich zu wilderem Rudern und Leitner zu wachsender Fassungslosigkeit und einsetzender Sturheit animierte, ehe Letzterer nach einer gefühlten Minute zur Mittellinie trabte, also dieser kleine Disput, der hat ja die Berichterstattung nach dem verheerenden 1:4 des VfB gegen Augsburg schon ein bisschen geprägt, und er hat selbstredend als Symbol für dies und jenes herhalten dürfen.

Ein Sympol für die Uneinigkeit in der Mannschaft, aber auch für deren Lebendigkeit, für die notwendige Reibung und für mangelnde Konzentration auf das Wesentliche, für Leitners Nassforschheit und Ulreichs Führungsanspruch, auch wenn ich das so nicht gelesen habe, und gewiss für manches mehr, und vielleicht fällt es ja auch gar nicht auf, wenn auch ich noch mein deutendes Scherflein beitrage und den Widerspruch zwischen Leitners Freude am Ballbesitzspiel und Ulreichs Freude am Ball-weg-Spiel beklage.

Was natürlich eine überspitzte und keineswegs faire Interpretation ist, was wiederum niemanden überraschen dürfte, der mein Faible für den Zocker Leitner und mein weniger stark ausgeprägtes Faible für den Spieleröffner Ulreich kennt. Gleichzeitig stellt sich natürlich die Frage, wen Leitner, so er denn in der Rechtsverteidigerposition angespielt worden wäre, hätte anspielen sollen, eingedenk des Umstandes, dass jener eine Spieler, den man im Aufbau in der Zentrale auch mal anspielen kann, der den Ball auch will und nicht vor lauter Schreck zum Torwart zurückspielt, dass also Leitner in jenem Moment gar nicht anspielbar gewesen wäre. Was den Schluss nahelegt, dass Ulreich augenscheinlich die richtige Strategie gewählt hatte.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich finde es nicht per se verwerflich, den Ball zum Torwart zurück zu spielen. Selbst bei der Partie gegen Augsburg dachte ich zum Ende der selbstbewussten Anfangsphase hin, als man verschiedentlich zurück zu Ulreich spielte, zumindest aber den Ball in der Viererkette zirkulieren ließ – was für sich genommen zweifellos ein furchteinflößender Gedanke ist –, dass es möglicherweise ganz sinnvoll sei, ein wenig Ruhe einkehren zu lassen, ehe man die Schlagzahl wieder erhöht. Einige der Umstehenden sahen das anders, bruddelten und schimpften zunehmend lautstark.

Natürlich hatten sie recht. Oder anders: natürlich hätte ich wissen müssen, dass es nur schwer möglich ist, den VfB-Motor nach einer derzeit recht verlässlich ansehnlichen Anfangsphase und dem ebenso verlässlich eintretenden Abfall noch einmal auf Touren zu bekommen, und natürlich hätte mir vor allem bewusst sein müssen, dass der Ansatz, den Ball ein bisschen zirkulieren zu lassen, angesichts der auch ohne Bedrängnis verlässlich auftretenden individuellen Fehler kein guter sein konnte. Was den Schluss nahelegt, dass Ulreich augenscheinlich die richtige Strategie gewählt hatte.

Wie auch immer: das Spiel war vor der Pause durch, war dann nach dem Platzverweis, über den alles gesagt ist, erst recht durch, und unmittelbar nach dem 1:3 fiel es, und fiel der VfB, noch einmal so richtig durch, als man im Gegenzug die endgültige Entscheidung zuließ.

Es war kein Spaß, ehrlich nicht. Ich kann mich nicht erinnern, bei laufendem Spiel, und zwar nicht erst in der 88. Minute, schon einmal einen derartigen Exodus aus unserem Block erlebt zu haben, einem Block, der nicht unbedingt im Verdacht steht, einen hohen Anteil ergebnisabhängiger Laufkundschaft zu beherbergen, und wenn ich in den letzten Tagen irgendwo gelesen habe, dass die Fans nicht wütend oder verärgert sind, sondern besorgt und von einer Enttäuschung erfasst, die phasenweise resignierte Züge hat, so trifft das meine Wahrnehmung (nicht: mein eigenes Empfinden) ganz gut.

Wenn ich anderswo lese, dass Labbadia schon wusste, was er tat, und wieso er nicht konsequent auf die Jugend gesetzt habe, so trifft das meine Wahrnehmung so gar nicht, aber das nur am Rande. Um dennoch kurz beim Nachwuchs zu bleiben: „Timo Werner, vor ein paar Wochen noch der große Hoffnungsträger, springt nahezu jeder Ball vom Fuß„, schreibt Stefan Rommel drüben bei Spox in einer vielfältigen Bestandsaufnahme, und hält damit pointiert einen Eindruck fest, den ich auch ich bei den letzten Spielen verschiedentlich beklagte. Dass auch Antonio Rüdiger nicht ganz auf der Höhe seines Schaffens ist, wurde allerorten hinreichend beleuchtet, natürlich war gerade das 1:4 verdammt billig, und bei Rani Khedira bewundere ich zwar, wie sehr er vorangehen will, glaube aber, dass ihm etwas mehr Zurückhaltung besser zu Gesicht stünde, als am gegnerischen Strafraum die Abwehrspieler anzulaufen.

Will sagen: ich sähe es gerne, wenn er Leitner den etwas offensiveren Part überließe und sich noch stärker auf die defensive Stabilität konzentrieren würde, ähnlich wie ich in der Nationalmannschaft über die Aufgabenverteilung von Bruder Sami und Bastian Schweinsteiger nicht immer glücklich bin. Wobei mir klar ist, dass sich Schweinsteiger wie Leitner in der Rolle des tief stehenden Ballverteilers sehr gut gefallen. Mir ja auch. Aber gerade Leitner ist, trotz seiner bemerkenswerten Ballgewandt- und -sicherheit, immer auch für einen Schlenker zu viel und den nachfolgenden Ballverlust gut, den ich in der gegnerischen Hälfte zwar auch nicht mag, aber wenigstens hat er dann, in aller Regel, noch Khedira hinter sich.

Bisschen viel Leitner, ne? Stimmt. Mag daran liegen, dass ich ihn derzeit für enorm wichtig halte, ohne so recht zu wissen, ob ich ihn überschätze, ob ich nur seine Ballfertigkeit, sein gutes Auge, seine Ideen so gerne sehe und dabei seine Wirkung für die Mannschaft positiver bewerte, als sie tatsächlich ist. Ganz abgesehen von der Frage, ob man zu viel Hoffnung auf einen jungen Leihspieler projizieren sollte, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass er seine Zukunft in Stuttgart sieht – wobei: als ob man derzeit wählerisch sein dürfte! Ich sehe ihm gerne zu, und am Wochenende sah ich auch erstmals Mohammed Abdellaoue recht gern zu, solange ich ihn noch wahrnahm. Dass dem irgendwann nicht mehr so war, dürfte nicht an mir gelegen haben.

Vorbei. Man könnte nun viel über grundsätzliche Themen sagen und – zuerst, möglichst – nachdenken, tun wir sicherlich auch alle, aber im Moment will ich einfach nur drei Punkte aus Hoffenheim. Wenn es sein muss, auch mit Ball-weg-Fußball.

Betriebswirtschaftliche Anreizproblematik

Man möge sich, so man möchte, vielleicht einmal vorstellen, dass es am letzten Spieltag der laufenden Bundesliga-Spielzeit noch um etwas geht, und zwar für Eintracht Frankfurt und den FC Augsburg, die an diesem 10. Mai aufeinandertreffen, in Augsburg. Um uns nicht mit allzu großen Umwälzungen in der Tabelle belasten zu müssen, gehen wir davon aus, dass Augsburg noch auf den Einzug in den Uefa-Cup, oder was aus ihm geworden ist, hoffen kann, während Frankfurt noch Punkte braucht, um den Abstieg auszuschließen. Stellen wir uns weiter vor, dass es auch für den VfB Stuttgart noch um etwas geht, sei es das eine oder das andere.

Und dann ruft Europameister Fredi Bobic Welt- und Europameister Stefan Reuter an, um ihm eine Prämie anzubieten, wenn der FCA in besagtem letztem Spiel einen bestimmten Spieler einsetzt. Ob der Spieler einen Augsburger Sieg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen sollte und würde, sei einmal dahingestellt.

Abwegig, nicht wahr? Der Aufschrei wäre groß. Der Fußball ist sensibilisiert für solche Themen, zu Recht natürlich. Ob es so weit gehen muss, dass – wie im vergangenen Herbst in Sachsen-Anhalt geschehen – ein Landesligaschiedsrichter suspendiert wird, weil er an einem nicht mit monetären Anreizen versehenen Tippspiel teilnimmt, in dem auch eigene Spiele vorkommen, ist einerseits diskutabel. Andererseits war es eben ein sehr unbedachtes Verhalten des jungen Mannes, und in manchen Bereichen kann es vielleicht nicht schaden, den Anfängen zu wehren.

Ich selbst tue mich ein bisschen schwer damit, dass die Verbände auch versprochene Siegprämien von Seiten Dritter unter Manipulation subsumieren und sanktionieren. Wohlgemerkt: bei Prämien für Niederlagen zögerte ich nicht. Aber auch hier: die Anfänge. Und der Einfluss von außen. Überhaupt, von außen: 50+1, Sie wissen schon. Dritteigentümerschaften an Spieler-Transferrechten. Manches mehr. Der Fußball schützt sich gegen die Einflussnahme Dritter, oder will seine Vereine schützen. Großes Fass, dickes Brett. Plötzlich sind wir bei der FIFA, auch bei der Frage, wem der Fußball gehöre, bei Verbänden und Hartplatzhelden – man könnte in viele Richtungen abzweigen.

Ein anderes Mal, vielleicht. Ich beschäftige mich lieber kurz mit Podcasts. Kommt jetzt eventuell etwas abrupt, ist aber so.

Dass ich recht spät einen Zugang zu Podcasts gefunden habe, äußerte ich hier bereits, und die geneigte Leserin kann das entweder technisch verstehen oder auf meine Präferenzen beziehen, oder auch auf eine Mischung aus beidem – recht hat sie auf jeden Fall. Oder er.

So mag es nicht überraschen, dass die Zahl der von mir gehörten Podcasts nach wie vor überschaubar ist. Wirklich regelmäßig höre ich nur Collinas Erben, wie verschiedentlich ausführlich dargelegt, etwas weniger regelmäßig ein paar vereinsbezogene Angebote, uneingeschränkt regelmäßig die nicht explizit fußballbezogenen Spezialexpertengespräche bei „Was wichtig ist“ (Kunststück, bei bisher genau zwei Ausgaben) und – ebenso regelmäßig, aber deutlich häufiger, der Erscheinungsfrequenz geschuldet – „Football Weekly“ des Guardian.

Schon klar, dass ich hinsichtlich Football Weekly keine Eulen in die werte Athener Leserschaft zu tragen brauche, und vielleicht sollte ich auch nicht weiter darauf eingehen, dass ich Barry Glendenning bei meinen ersten Hörversuchen für einen mittelwitzigen älteren Herrn mit Säuferstimme hielt, dessen Mitwirkungsberechtigung irgendwelche Senioritätsgründe haben musste. Immerhin: die Dinge ändern sich.

Mittlerweile bin ich stets ein bisschen enttäuscht, wenn er nicht dabei ist – auch seinem Humor geschuldet, ja, aber eben auch seinem Wissen, seiner Kompetenz, seinen Nachfragen. Ähnliches könnte man wohl über die meisten anderen Mitwirkenden sagen, aber aus irgendeinem Grund gelten meine Sympathien in besonderem Maße ihm, und so achte ich bei den Premier-League-Ergebnissen inzwischen stets auf Sunderland. So kann’s gehen.

Irgendwann im November sprach man bei Football Weekly über Gerard Deulofeu, bzw. konkret über die Modalitäten des Leihgeschäfts zwischen dem FC Barcelona und dem Everton FC, die dem Vernehmen nach vorsehen, dass sich die Leihgebühr, crikey!, mit jedem Spiel reduziere, das Deulofeu für Everton bestreite. Vielleicht hänge es auch noch davon ab, wie lang der jeweilige Einsatz dauere bzw. ob der Spieler in der Startelf stehe, so genau erinnere ich mich nicht.

Mich irritierte diese Regelung ein bisschen und ich frug bei Twitter herum, ob derlei üblich sei, auch in Deutschland, und las aus den Antworten heraus, dass ich offensichtlich nicht besonders gut informiert war. Zwar bezog sich nach meiner Erinnerung niemand auf offizielle Aussagen; gleichwohl legen die teils überzeugten, teils nur ahnenden Antworten sowie die Anzahl sofort präsenter Beispielfälle nahe, dass etwas dran ist.

Zu den Genannten zählten unter anderen die Herren Didavi, Füllkrug, Schieber und Alaba, im Web fanden sich ad hoc auch de Bruyne und Nordtveit sowie einige mehr. Der Austausch driftete dann, nicht ganz überraschend, zu den Rückkaufoptionen ab, die sozusagen das neue Leihen sind, mich aber im aktuellen Kontext nicht so sehr interessierten.

Kontext? Welcher Kontext? Nun, vielleicht kehre ich doch noch einmal nach Augsburg zurück. Wo Raphael Holzhauser vom VfB auf Leihbasis spielt, und wo man sich erzählt, die Leihgebühr verringere sich mit jedem Einsatz, wo also der FCA faktisch Geld sparen, oder anders: eine Prämie erhalten würde, setzte er Holzhauser gegen Frankfurt ein. Ob er einen Augsburger Sieg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher machen sollte und würde, sei einmal dahingestellt.

Möglicherweise stimmt diese Prämisse gar nicht, möglicherweise enthält Holzhausers Leihvertrag keine solche Klausel, möglicherweise mangelt es also meinem mehr oder weniger kunstvoll aufgebauten Spannungsbogen nicht nur an Spannung, sondern ist er noch nicht mal ein Bogen, der wieder zur Sehne zurückfindet, und möglicherweise verirre ich mich auch furchtbar in meinen Bildern.

Was indes kaum bestritten werden dürfte: im Fußball werden Leihverträge geschlossen, die die genannten Verabredungen in der einen oder anderen Form enthalten. Ob dies auch bei Leihen innerhalb einer Liga Usus ist, kann ich nicht mit Gewissheit sagen; es gibt entsprechende Meldungen, die aber auch nur Gerüchte sein mögen.

Bei mir bleibt auf jeden Fall ein nicht näher bestimmtes ungutes Gefühl hängen, ein Jucken, eine Irritation, wenn auch in etwas seriöserer Form, als mein Tweet von vor einigen Wochen, und dort insbesondere, aber nicht nur, der zweite Satz, nahelegt:

Natürlich gehe ich davon aus, dass Markus Weinzierl, so die Klausel bestünde, seine Aufstellung weder im letzten noch in irgendeinem anderen Saisonspiel davon abhängig machen würde, ob er dem Verein damit 10.000 Euro oder welchen Betrag auch immer einsparen könnte, dass er sich also nicht von seinem Controller die Aufstellung diktieren lassen würde.

Es ist nur so, dass die Möglichkeit solcher Rabatte nicht so recht in das Bild passt, das die Fußballfamilie mir spätestens seit 2009 vermittelt, vermitteln will – und an dem ich mit Blick auf Manipulationsthemen auch der Tendenz nach nichts auszusetzen habe. Unabhängig davon, dass ich das Ausloben einer Siegprämie durch Dritte per se nicht für geeignet halte, die Integrität des sportlichen Wettbewerbs zu unterlaufen.

Bei Alex Hleb war die Korrelation übrigens eine andere: Wolfsburgs Leihgebühr an Barcelona soll pro Einsatz fällig geworden sein, in nicht unerheblicher Höhe. Die betriebswirtschaftliche Anreizproblematik bleibt dabei allerdings bestehen, unabhängig vom Vorzeichen der Einsatzprämie. So weit die Theorie.

Stets pünktlich und bemüht

„Wenn ich sehe, dass jemand sehr akribisch arbeitet, sich aufopfert im Job und ambitioniert ist, dann decke ich ihm mit Überzeugung den Rücken.“

Das sagte Fredi Bobic vor dem letzten Bundesligaspieltag der Schwäbischen Zeitung, und er meinte Bruno Labbadia. Er sagte auch noch einiges mehr, zum Beispiel, dass Labbadia oftmals jungen Spielern „anhand von TV-Analysen zeigt, was sie besser machen können … das sind Dinge, die nicht mal der ein oder andere sogenannte Konzepttrainer macht.“

Nun weiß ich nicht genau, wen Bobic mit den sogenannten Konzepttrainern meint, und weiß demzufolge erst recht nicht, was diese in ihrer täglichen Arbeit so tun. Im Grunde würde es mich überraschen, wenn sie ihren Nachwuchsspielern nicht in Form von Videoanalysen den Spiegel vorhielten, aber Bobic wird schon wissen, was er sagt. Den obligatorischen Hinweis, dass ich noch immer hoffe, auch Bruno Labbadia orientiere sich an einem Konzept, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.

Ein bisschen erinnert mich das Interview an einen Arbeitgeber, der einem scheidenden Mitarbeiter ein gutes Zeugnis mit auf den Weg geben möchte, sich dabei aber ein wenig verheddert. Bobics Wertschätzung für den Trainer klingt durch, er geht auf die Rahmenbedingungen und Labbadias unbestrittene Verdienste ein, und doch: akribische Arbeit? Opfert sich im Job auf? Ist ambitioniert? War er vielleicht sogar pünktlich? Stets bemüht?

Sicher, ich übertreibe. Gewiss, ich habe selektiv zitiert. Aber so’n bisschen mehr über relevante Qualitäten des Trainers hätte er schon sagen können, so er sie denn sieht. Verzeihung, relevant ist Akribie schon. Auch Pünktlichkeit ist relevant. Notwendig, sogar. Nur nicht hinreichend. Die Weiterentwicklung junger Spieler und eine eigene Handschrift (wenn es denn eine geeignete wäre) könnten indes hinreichend sein. Leider liefert jedoch das Interview keine hinreichende Erklärung der Handschrift. Dabei wäre sie notwendig. Im Gegensatz zu diesem verqueren Absatz.

Vermutlich würde auch Bruno Labbadia unterschreiben, dass er mit der Handschrift, die man am Samstag möglicherweise hätte erahnen können, nicht in Verbindung gebracht werden möchte. Bei Thomas Tuchel, dessen Mannschaft einen Fußball spielte, der auf mich wesentlich strukturierter, vielleicht auch intelligenter, was immer das heißen mag, wirkte, könnte das anders sein. Er dürfte sich die durch das Mainzer Tun insbesondere zu Spielbeginn offenbarte Handschrift gerne – und zurecht – zuschreiben lassen. Dass den Mainzern die Stuttgarter Trägheit dabei wunderbar in die Karten spielte, ist unstrittig. Und dass Trägheit nicht unbedingt zu den Eigenheiten von Labbadias Handschrift zählt, will ich ihm hier gerne zugestehen. Die Mannschaft war einfach im Kopf nicht ganz da, und ich kann es ihr nicht einmal verdenken.

Dann bekommt man halt ein Tor, nachdem ein eigener Innenverteidiger zunächst noch an der Mittellinie protestierte, anstatt gegen den Ball zu spielen, ein Tor, bei dem 4 oder 5 Weiße den im Grund schon nicht mehr gefährlichen Angriff zu leichtfertig laufen lassen und zwei Blauen beim Torschießen zusehen. Dann bekommt man eben ein zweites Gegentor, bei dem einige keine gute und der Torwart eine, nun ja, lustige Figur abgeben. Jener Torwart, der zuvor schon Glück hatte, nicht vom Platz gestellt zu werden, als er einen Ball völlig falsch eingeschätzt und außerhalb des Strafraums mit der Hand gespielt hatte, und der sich kurz darauf einen hohen Ball selbst ins Netz statt über die Latte gelöffelt hätte, wäre ihm nicht ein Verteidiger zur Seite gesprungen. Wird bestimmt alles besser in Berlin.

Immerhin: man wehrte sich, spielte zwar noch immer verdammt viele Fehlpässe oder schaffte es, wie Gotoku Sakai, drei oder vier Bälle völlig unbedrängt bei der Annahme ins Aus springen zu lassen, zeigte aber auch, dass man das Spiel gelegentlich schnell machen und dann auch konsequent abschließen kann (Boka!). Faszinierend die zweite Hälfte, als man sich wünschte, dass wenigstens eine der beiden Mannschaften in der Lage wäre, mal einen schnellen Angriff – Räume waren im Überfluss vorhanden – konsequent zu Ende zu spielen. Kurz: ein typisches letztes Saisonspiel bei nahezu entsprechenden Temperaturen.

Typisch für einen letzten Spieltag war auch das Geschehen auf den anderen Plätzen. Tore im Minutentakt, speziell in der ersten Hälfte, entschädigten für vieles, was man im Neckarstadion an Aktivität und Attraktivität vermisste, und ein bisschen fühlte man sich wie in der guten (?) alten Radiokonferenz. Champions League, Europa League, Abstieg – es ging hin und her, die Spannung war groß, die Ereignisse zahlreich, die Präferenzen im Stadion deutlich vernehmbar. Bei Schalke und Freiburg schienen sich viele schwer zu tun, Frankfurt hatte wohl leichte Vorteile gegenüber dem HSV, nur bei Hoffenheim schien sich der Großteil der Zuschauer in seiner Aversion einig. Umso spannender, dass sich gerade dort die Ereignisse zum Ende hin überschlugen, sodass die Fans, die das Treiben ihres VfB über weite Strecken vergleichsweise teilnahmslos verfolgten, auf diesem Wege einige Aggressionen loswerden konnten.

Nach dem Spiel äußerte ich meine Begeisterung über das nachmittägliche Geschehen via Twitter:

– was, nicht nur aus Sicht der gerade Abgestiegenen oder anderweitig Gescheiterten verständlich, keine uneingeschränkte Zustimmung erfuhr. Gleichwohl: solche Geschehnisse, gerade die in Dortmund, sind es doch, die einen ganz erheblichen Teil dessen ausmachen, was uns am Fußball so fasziniert. Freiburger Fans werden ihren Enkeln dereinst davon erzählen, wie Julian Schusters kurioses Eigentor die erste Champions-League-Qualifikation ihres Vereins verhinderte (wobei: möglicherweise erzählen Freiburger Fans ihren Enkeln auch auf Jahrzehnte hinaus nur von Christian Streichs Pressekonferenzen), und den nächsten Generationen Hoffenheimer Anhänger (hier darf sich jeder, dem so etwas gefällt, gerne einen beliebigen Witz mit den Schlagworten Hoffenheim, Fans, Tradition und Hopp denken) könnten, ein erfolgreiches Bestreiten der Relegation vorausgesetzt, ob der Namen Gisdol, Schipplock, Salihovic und nicht zuletzt Großkreutz irgendwann die Ohren bluten.

Ich selbst bin, um damit nicht hinter dem Berg zu halten, recht zufrieden mit dem Ausgang des letzten Spieltags. Ich freue mich, dass Frankfurt und Armin Veh für ihre starke Saison belohnt wurden. Freiburg hätte ich Platz vier gegönnt, verhehle aber nicht, dass auch Jens Kellers Weg mit den Schalkern aller Ehren wert ist. Dass ich letztlich ohnehin jede Platzierung, die man nach 34 Spielen erreicht, für verdient halte, wissen diejenigen, die hier mit einer gewissen Regelmäßigkeit mitlesen, ohnehin.

Und so verneige ich mich ziemlich tief vor Markus Weinzierl und seinen Augsburgern, bedaure die Düsseldorfer Fans, deren Verein zu lange eine zu schlechte Figur abgegeben hat, um bei mir einen nennenswerten Abschiedsschmerz auszulösen, und beglückwünsche Hoffenheim, das nicht nur den Trend und möglicherweise ein wenig den Spielplan zum Freund hatte, das auch nicht nur die sich bietende Chance entschlossen beim Schopf packte, sondern das auch seit Wochen Anzeichen einer einkehrenden Vernunft und entsprechenden Neuorientierung aussendet. Dass mich ganz nebenbei auch die Bayern mit ihrer überragenden Saison beeindruckt haben, ergänze ich gerne, auf all die anderen will ich jetzt nicht weiter eingehen.

Kurz eingehen möchte ich aber noch auf die VfB-Spieler, die sich mit einem sehr gelungenen Video bei den Fans bedankten (wie mittlerweile wohl jeder weiß):

Interessant, wie sie sich am Spieltag nach der Ankündigung des Videos im Mittelkreis sammelten, in – wie ich meine – gespannter Erwartung der Reaktion derjenigen, die sie da porträtierten (der Umstand, dass mir kein passendes Verb aus der Wortfamilie der »Hommage« bekannt ist, ersparte mir die Entscheidung, ob ich das Porträt vielleicht gar zur eben genannten erheben solle), in gespannter Erwartung, wie sie Kindern eigen ist, die etwas für ihre Eltern gebastelt haben und eigentlich wissen, dass diese begeistert reagieren werden, die aber doch, wegen irgendeiner Kleinigkeit (Mamas gute Stoffreste verwendet?), einen Ticken © Nervosität verspüren. Was natürlich völlig unnötig ist.

Was mir tatsächlich am besten gefallen hat: die Trikotvielfalt. Cacau mit diesem furchtbaren goldstichigen Göttinger-Gruppe-Verbrechen, Röcker als Verlaat, dann natürlich Südmilch, selbst das weinrote Gazi, Ulreich im gelben debitel – fast wie im richtigen Leben, die einfache Variante mit aktuellen Trikots (und dem aktuellen Sponsor) vermeidend.

Und am allerbesten, einmal mehr: Martin Harnik. Ich hatte überlegt, diesen Text ganz anders zu schreiben, unter der Überschrift „Ode an Martin Harnik“. Allein: ich weiß nicht, wie man eine Ode schreibt. Sagte ich hier übrigens schon einmal, in anderem Zusammenhang. Irgendwann muss ich mich wohl doch mal daran versuchen. Bis dahin sammle ich einfach weiterhin öffentliche Auftritte von und mit Martin Harnik, mit dem Wunsch, dass sie jedem anderen Berufsfußballspieler zum Selbststudium ans Herz gelegt werden mögen. Könnte allerdings auch deprimierend werden.

Rekordhinrunde

Der VfB Stuttgart setzt seine Rekordjagd fort. Nachdem die Schwaben bereits am Mittwoch die alte Bestmarke aus der Saison 1966/67 (zum wiederholten Male) egalisiert hatten, gelang es ihnen durch den Sieg am Wochenende erstmals, in einer einzigen Bundesligahinrunde 9 Punkte gegen die Bayern zu sammeln.

Dies ist insofern umso bemerkenswerter, als die neue Rekordmarke zum einen bereits zwei Spieltage vor Abschluss der Vorrunde erreicht werden konnte, und als zum anderen die Wettbewerber aus dem Freistaat nicht nur Rekordmeister sind, sondern ihrerseits in den ersten 15 Spieltagen bereits 70 Punkte anhäufen konnten.

Angesichts dieser beeindruckenden Bayern-Bilanz ist sicherlich auch die eher zurückhaltende Art und Weise („Videotext-Fußball“), mit der der VfB seine Punkte errang, nicht nur nachvollziehbar, sondern aller Ehren Wert. Einmal mehr zeigte sich am Samstag, dass das Offensivspektakel der letzten Jahre schlichtweg überholt ist. Eine solide Defensive, die sich mit großer Verve bis zur letzten Minute dem vermeintlich übermächtigen bayerischen Gegner in den Weg stellt, und ein guter Stürmer – das reicht. Wie man auch in Bayern weiß.

„Kaum spielt man mal ohne Kvist und Tasci, schon steht hinten die Null“, bemerkte anschließend ein Sympathisant aus dem Umfeld des Vereins, ehe er nochmals einen kritischen Blick auf das Spiel gegen die Bayern vom vergangenen Mittwoch warf:

„Ich hab genau auf die Uhr gesehen: 12 Minuten und 12 Sekunden lang zeigten sie gleichermaßen sehenswerten wie zielgerichteten Fußball, danach aber wirkten sie wie paralysiert. Das reicht nicht.“

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Ja, ich weiß, dass Bundesländer zum Teil mehrere Regionen umfassen.
Kann ich nichts für.

Berückende Bundesliga

Betrachtet man die zurückliegende Saison des VfB Stuttgart noch einmal etwas intensiver und beschäftigt sich insbesondere mit der ausnehmend guten Rückrundenbilanz, so kommt man keinesfalls umhin, Gotoku Sakai, Vedad Ibisevic und Georg Niedermeier in absoluter Objektivität als ausschlaggebend zu bezeichnen, bzw. vor allem den Umstand, dass sie Boulahrouz, Maza und Cacau bzw. Pogrebnyak verdrängen konnten. War man in der Hinrunde auf der einschlägigen 11er-Skala meist noch zwischen 4 und 6 gependelt, so erreichte man in der Rückrunde dank der drei genannten Herren regelmäßig Werte von 7 oder 8.

Besonders bemerkenswert, wenn auch nicht im Einklang mit dem Startelfgebot, war die Phase zwischen der 46. und 58. Minute am 30. Spieltag in Augsburg, als der VfB tatsächlich mit den Nummern 1-9 auf dem Platz stand. Bedenkt man zum einen, dass die 10 nicht vergeben und die 11, Audel, das ganze Jahr über verletzt war, und zum anderen, dass von den beiden Ergänzungsspielern der eine, Hajnal, als klassischer Zehner ebendort spielte und der andere, Schieber, als Linksaußen auf der 11 agierte, darf man wohl ohne Übertreibung von den besten gut zwölf Minuten der Saison sprechen.

Beeindruckend auch der 34. und 25. Spieltag, als zunächst sowohl der HSV als auch der VfB mit jeweils 8 aus 11 in die Partie gingen und eine Woche darauf der VfB mit acht der ersten elf begann, während Kaiserslautern gar mit deren neun aufhörte. Aufschlussreich war dabei nicht zuletzt, dass die beiden Mannschaften noch in der Hinrunde mit vier gegen vier ins Spiel gegangen waren.

Der eben schon angesprochene HSV trat bei mindestens 5 Partien mit 9 klassischen Nummern an, am 16. Spieltag fehlte zwischen der 69. und 84. Minute gar nur die 3, Michael Mancienne, um ein rundum stimmiges Bild abzugeben. Im Saisonschnitt standen beim HSV pro Spiel knapp 8 Spieler mit Rückennummern zwischen 1 und 11 beim Anpfiff auf dem Platz, was angesichts der durchwachsenen Hamburger Saison dem Schluss, dass eine Orientierung an traditionellen Werten nicht zwingend zum Erfolg führt, nicht im Wege steht.

Wenn man dann noch bedenkt, dass Absteiger Hertha den zweithöchsten Wert erreicht (ohne Berücksichtigung der Nummerierung in der Relegation, vor Gericht und auf hoher See), lässt das bereits tief blicken. Möglicherweise hat also der VfB seinen Uefa-Cup-Platz letztlich eher trotz als wegen seiner noch immer deutlich über 6 Klassiker in der, man muss es so sagen, Durchschnittself erreicht.

Darüber hinaus lassen auch die Bilanzen von Kaiserslautern, das in der Hinrunde, als man (zugegeben: nur stichprobenartig überprüft) häufiger mit höheren Nummern antrat, immerhin noch den einen oder anderen Zähler holte, und des SC Freiburg, der in der ersten Saisonhälfte mit den Herren Bastians (Nr. 3), Butscher (5), Abdessadki (6), Cissé (9) und Nicu (10) eher überschaubar punktete, in der Rückrunde aber, als aus den ersten elf zum Teil nur noch Baumann und Makiadi aufliefen, eine bemerkenswerte Bilanz erzielte, aufhorchen.

Sicher, all das sind nicht mehr als schwache Indizien, wenn überhaupt, man könnte vielleicht auch von Scharlatanerie sprechen. Und doch möchte man es sich ja nicht nehmen lassen, auch einmal an jenes Ende der Skala zu schauen, wo die Mannschaften erscheinen, die nur wenige Spieler aus den ersten elf zum Einsatz kommen lassen. So wie der FC Bayern im vorletzten Saisonspiel gegen den VfB, als nur einer auflief, noch dazu die 11, die halt grade noch so dazugehört.

Ja, ja, ich weiß, gegen den VfB reichte auch die B-Elf der erfolgsverwöhnten Münchner, war ein nicht repräsentatives Beispielspiel.

Betrachtet man nämlich die gesamte Saison, so stellt sich die Situation völlig anders dar. Also fast. Immerhin 2,8 Bayern standen im Schnitt beim Anpfiff mit einer Standardnummer auf dem Feld, was – ich verkneife mir Sätze, die mit immerhin oder wenigstens beginnen – den ligaweiten Spitzenwert darstellt. Knapp dahinter Schalke, das 2,9 klassische Starter zu verzeichnen hatte. Der einzige weitere Verein, der weniger als 4 Spieler mit einer Traditionsnummer auf das Feld schickte, war mit einem Wert von 3,8 wer? Genau: Borussia Dortmund.

Schlussfolgerungen bezüglich Korrelationen oder gar Kausalitäten zwischen sportlichem Erfolg und dem Einsatz der von mir so geschätzten Spieler zwischen 1 und 11 seien der geneigten Leserin selbst überlassen.

Man könnte sich natürlich überlegen, was das für die Duelle Schmelzer (3) – Boateng (20), Hummels (5) – Mertesacker (17), Klose (11) – Gomez (23) oder gar Neuer (1) – Wiese (12) bedeuten mag.

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Falls sich jemand für die Bilanzen der anderen Bundesligisten interessiert: Ich hatte mir überlegt, sie in Form einer 18-teiligen Klickstrecke, möglicherweise um die eine oder andere Werbeeinblendung ergänzt, zur Verfügung zu stellen. Leider fehlt mir die technische Kompetenz. Ergo.

Fehler sind wahrscheinlich, Hinweise willkommen.

Farbverwirrung

Das Spiel lief seit wenigen Minuten. Die beiden kamen zur Tür herein, der Nachbartisch sprang kollektiv auf, ohne jedoch die erwarteten Begrüßungsrituale ausführlich zelebrieren zu können – man hatte sie mit einem kurzen „Du kommst gerade rechtzeitig, um einen unsinnigen Elfmeter zu sehen“ sogleich in medias res geholt.

Natürlich ist der geneigten Leserin, und insbesondere ihr, sofort die Inkongruenz der Pronomina aufgefallen, aber das soll jetzt nicht unser Thema sein. Der Herr, dem der durch keinerlei Hintergrundwissen belastete Kneipengänger unterstellen würde, sich als Edelfan zu verstehen, ließ also die Begrüßungsszenen Begrüßungsszenen sein und setzte sich rasch hin, um besagten Elfmeter nicht zu verpassen.

Nando Rafael lief an und schoss in die linke untere Ecke, Sven Ulreich streckte sich vergebens, und der Neuankömmling setzte zur Jubelsäge an. Ich gebe zu, zunächst ein wenig irritiert gewesen zu sein. Weniger ob des Umstands, dass sich ein Anhänger der Augsburger in die Fußballkneipe meines Vertrauens verirrt hatte, den ich noch dazu aufgrund seines Idioms der Brustringfraktion zugerechnet hatte, sondern vielmehr darüber, dass er dies auch so offen zur Schau trug.

Gerade wollte ich mit meinem Nebensitzer einen tadelnden Blick wechseln, hatte selbigen, ohne Tadel, aber noch nicht von besagtem Herrn abgewandt, der den Jubel, an seine Mitsitzer gewandt, nun auch noch verbal unterlegte:

„Cacau!“

Ah, ja. Und plötzlich musste ich an jenen Amateurfußballer von damals denken, der einen neuen Mitspieler nach dessen sportlicher Herkunft fragte:

„Ach was, Du hast in Soundsohausen gespielt?“
„Ja, ich wohne auch noch da und schau mir deren Spiele an.“
„Dann grüß mal den Sokolov von mir.  Mit dem hab ich früher höherklassig gekickt, war ein guter Kumpel. Und ein klasse Fußballer.“
„Sokolov, genau. Ich habe jetzt aber den Namen meiner Frau angenommen.“

Der Blick zum Nebensitzer fiel dann weniger tadelnd aus als vielmehr belustigt den Kopf schüttelnd. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten, übrigens – Sven Ulreichs elfmeterreifes Foul hatte zuvor eine ähnliche Reaktion hervorgerufen, vielleicht etwas harscher. Noch unbeherrschter war eigentlich nur jenes Kopfschütteln gewesen, das der Gewissheit folgte, dass erneut Arthur Boka beginnen würde.

Immerhin: Zur Pause durfte er sich seiner, wenn ich Bruno Labbadia recht verstehe,  gegenwärtigen Kernkompetenz widmen, dem Videostudium, und Cristian Molinaro nahm seinen Platz ein – nicht ohne sich an einem Boka-Gedächtnisdribbling in den eigenen Strafraum hinein zu versuchen, aber eben auch mit einer großartigen Rettungstat und vor allem ohne das Gefühl beim Zuschauer, bei jedem Ballkontakt den Atem anhalten zu müssen. Ist zur Zeit leider so bei Boka, war aber, so viel Ehrlichkeit muss sein, auch schon ganz anders.

Irgendwie bezweifle ich, dass man sich an dieses Spiel allzu lange erinnern wird. Was sich, zumindest auf mich bezogen, schon wenige Stunden nach Abpfiff bestätigt. Ein Pflichtsieg, letztlich, was man jetzt, da es tatsächlich einer geworden ist, leicht sagen kann. Zwischendurch sah das auch mal anders aus. Wobei „zwischendurch“ den Großteil des Spiels ausmachte, in unterschiedlichen Schattierungen von „anders“.

Harnik traf endlich wieder einmal, die Erleichterung war seinem Jubel anzusehen, Augsburg ließ den kurzen Pfosten frei, Hajnal machte das Spiel vereinzelt wunderbar schnell, später tat Ibisevic, was er am besten kann, der „japanische Philipp Lahm“ (so Marco Hagemann) hatte gegen Bellinghausen und Ostrzolek phasenweise zu kämpfen, Bibiana Steinhaus lachte irritiert ob Molinaros Einwechselritual, und Cacau kam dann auch noch zum Einsatz.

Sieht Nando Rafael ja auch ganz schön ähnlich.