fünf/zwanzigsiebzehn

Ein einziger Superlativ (hier: weiblich) –
der Wettbewerb hat offenbar Profil.
In jenem Jahr war dabei, kurz vorm Ziel,
das Renngeschehen ziemlich schwer beschreiblich.

Wobei: So’n Lapsus ist wohl unausbleiblich,
der Habitus gehört ja dort zum Stil.
Die Muskeln, die Gefahr: es wirkt viril,
um nicht zu sagen: ausgesprochen leiblich.

In jenem wilden Kampf an der Riviera,
zum Frühlingsauftakt (dorten: primavera),
hat einer sich zu siegen angeschickt.

Er kontrollierte kurz vor Schluss die Chose,
begab sich gradewegs in Jubelpose –
ach hätte er doch mal nach rechts geblickt!

______________

Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.

Wer Probleme hat, überhaupt zu kommentieren (ja, das passiert leider öfter mal), ist herzlich eingeladen, mir seinen oder ihren Kommentar per Mail an blog at heinzkamke.de oder auch per Twitter-DM zu schicken. 

vier/zwanzigsiebzehn

Er war in jenen Jahren meistens Spitze
und überzeugt, dass sich das so gehört.
Wenn’s anders war, hat ihn das sehr empört,
und jeder wusste: Mach jetzt keine Witze!

An einem Tag, es herrschte Affenhitze,
hat ihn ein ziemlich junger Mann verstört.
Ein jeder, der vor Ort dabei war, schwört:
Aus seinen Augen schossen Todesblitze!

Nach gutem Start hat er den Punch verloren –
der lahme Gegner hatte, sehr versiert,
nen Tiefschlag eingesetzt, den Mond beschworen.

Er selbst war davon mächtig enerviert
– ein andrer würd‘ zum Musketier erkoren –
und hat sich letztlich selber abserviert.

______________

Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.

Wer Probleme hat, überhaupt zu kommentieren (ja, das passiert leider öfter mal), ist herzlich eingeladen, mir seinen oder ihren Kommentar per Mail an blog at heinzkamke.de oder auch per Twitter-DM zu schicken. 

drei/zwanzigsiebzehn

Der Mann ist zweifellos recht unbekannt.
Kein Wunder! Denn fürs Fernsehn ist sein Sport
– manche eine(r) hinterfragt auch dieses Wort –
bloß bei Olympia leidlich intressant.

Wie dem auch sei: Grad im Olympialand
brilliert er seinerzeit in einem fort
und deklassiert die andern ebendort –
ob kniend, liegend oder auch im Stand.

Er ist, so scheint es, uneinholbar vorn,
doch nimmt dann plötzlich Nachbars Bahn aufs Korn,
zentriert ihm eine aus dem vollen Lauf.

Als er – besiegt – zur Siegertreppe stiert,
ahnt keiner, dass er nochmal repetiert:
Same same but different, heißt’s vier Jahre drauf.

______________

Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.

Wer Probleme hat, überhaupt zu kommentieren (ja, das passiert leider öfter mal), ist herzlich eingeladen, mir seinen oder ihren Kommentar per Mail an blog at heinzkamke.de oder auch per Twitter-DM zu schicken. 

zwei/zwanzigsiebzehn

Zwar fuhr er mit der Konkurrenz nicht Schlitten,
doch lief es ziemlich rund und meistens glatt:
So war er, großer Siege niemals satt,
als Favorit olympisch unbestritten.

Dort machte er erneut mit Riesenschritten
von Anfang an die Konkurrenten platt.
Doch als das Gold schon durchgeschimmert hat,
ist ihm der Sieg fast unbemerkt entglitten.

Es scheint absurd, dass er noch nicht mal ahnte,
dass er sich nicht den Weg zum Golde bahnte –
dem Trainer war er leider nicht vertraut.

Als jener das Schlamassel – bald – erkannte,
sein Schützling aber unvermindert rannte,
da hätt ich gerne nicht mehr hingeschaut.

______________

Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.

Wer Probleme hat, überhaupt zu kommentieren (ja, das passiert leider öfter mal), ist herzlich eingeladen, mir seinen oder ihren Kommentar per Mail an blog at heinzkamke.de oder auch per Twitter-DM zu schicken. 

Beschissen? Verkackt!

Mal ganz abgesehen von der Fäkalsprache, die hier in jüngster Zeit offenbar Einzug gehalten hat: Kennen Sie Luka Pibernik? Nicht? Da sind sie vermutlich nicht der einzige. Oder Limenih Getachew? Auch nicht? Hm. Aber Wolf-Dieter Ahlenfelder vielleicht? Frank Mill doch bestimmt? Ah, nur die Fußballleute erkannt. Kennt man ja.

Und ja, Sie sind auf der richtigen Spur. Diese Leute haben es mal so richtig verkackt. Gewiss, über Ahlenfelder und die mancherorts nach ihm benannte Getränkekombination lacht man heute, das war noch ne Type, ne, und dem Videoassistenten hätte er was gehustet, schon klar. Eine Glanzleistung war es trotzdem nicht, das mit den 32 Minuten. Frank Mill, ok, Folklore. Stürmer vergeben halt mal Chancen, auch etwas größere. Verkackt, aber anders.

Luka Pibernik. Das war dann schon ganz hübsch. Zieht beim Giro d’Italia den Zielsprint an, fährt als erster über die Linie, jubelt, wundert sich vielleicht ein wenig, dass ihm keiner folgen konnte, und dann ziehen sie alle an ihm vorbei, weil grade die letzte Runde begonnen hat. Nicht schön.

Limenih Getachew ist Langstreckenläufer. Marathon. Und, wie soll ich sagen, da ist halt die Streckenführung nicht zu jedem Zeitpunkt so eindeutig, und dann läuft man als Führender kurz vor Schluss schon mal fälschlicherweise den Kamera-Motorrädern hinterher, und zack – ist der Sieg dahin. Schon so’n bisschen verkackt, ne?

Und weil ich bei mir dachte, derlei Geschichten gebe es zu Hunderten, wollte ich sie vorweihnachtlich verwerten. Bestimmt gibt es sie auch. Allein: Ich kenne gar nicht so viele. Oder ich kenne – mittlerweile – zu viele, wo ich wiederum die Sportler gar nicht kenne und wo sie möglicherweise auch nicht jede(r) Mitlesende kennt.

Was in einem Adventskalender, wo man dann eben – zum mittlerweile sechsten Mal – 24 solcher Geschichten und – zum mittlerweile dritten Mal – ebenso viele Rätsel platzieren muss und möchte, unter Umständen zu einem Gesamtbild führt, das dem aus den Beispielen durchaus ähnelt: Die einen Namen und Geschichten muss man, wer auch immer „man“ sein mag, googeln, die anderen sind mehr als hinlänglich bekannt, ob der Geschichten neigt man zum Gähnen.

Bisschen unglücklich auch für die gemeine Leserin, die nicht wissen kann, an welchen Tagen eine kleine Googelei verpönt und an welchen sie nahezu unabdingbar ist. Als Faustregel gilt: verpönt. Aber ich gebe zu: Limenih Getachew hätte ich auch nicht, nun, so ganz auf Anhieb korrekt geschrieben, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Das Ahlenfelder-Beispiel oben legt nahe, dass es nicht immer nur die Sportler selbst sein können, denen ein hinreichend unglücklicher Lapsus unterlaufen ist; man denke beispielsweise an Christoph Daum. Und hat nicht mal ein Dritt- oder Viertligist vergessen, die Lizenz für die nächsthöhere Liga zu beantragen? Taucht eben dieser Ligist vielleicht sogar hinter einem Türchen auf? Gleich nach Luka Pibernik, mit dem jetzt ja eh keiner mehr rechnet?

Fußball ist übrigens möglich. Frank Baumann und Francis Kioyo kann ich aber ebenso ausschließen wie Goleos Outfittery.

Ach ja, und beschissen wird’s halt wieder. Sie wissen schon.

Beschissen ist mitunter übrigens auch der Umstand, dass meine Kommentarfunktion manchmal hakt. Wer Probleme hat, ist herzlich eingeladen, mir seinen oder ihren Kommentar per Mail an blog at heinzkamke.de oder auch per Twitter-DM zu schicken. Der Umstand, dass ein Kommentar nicht gleich angezeigt wird, ist indes kein relevantes Indiz für eine Fehlfunktion, es bedürfte schon einer Fehlermeldung. Tatsächlich werden die Kommentare erst im Lauf des Tages en bloc veröffentlicht, um die Lösung nicht vorschnell zu offenbaren – ältere Häsinnen und Hasen wissen Bescheid, jüngere verstehen sicher, was ich meine.

Wie immer wünsche ich Euch und Ihnen allen eine schöne Adventszeit, mit Marzipan, Nüssen und Mandarinen; zudem ein bisschen Besinnlichkeit und das eine oder andere Flötenkonzert, dazu Fußball, Wintersport und natürlich Drei Haselnüsse für Aschenbrödel.

Hier geht’s zum Kalender.

eins/zwanzigsiebzehn

Er zählte zweifelsohne zu den Größten,
war lang und stark und schnell, und überhaupt!
Drum hat man damals immer noch geglaubt,
er werfe, springe mal am weitsten, höhsten.

Die Fanschaft wartet auf die größten Gesten:
dass er sich auch mal Psychozeugs erlaubt
und seiner Nemesis den Titel raubt.
Dann wäre sie gewiss am allerfröhsten.

Doch diese Hoffnung ist schon früh dahin –
das Stichwort praecox kommt uns in den Kopf.
Er zieht sich an und geht davon, erbost.

Nach “Hand in Hand” steht ihm nun nicht der Sinn.
Er ging für Gold, kriegt Häme, armer Tropf!
Nur Jeanie – stets bezaubernd – spendet Trost.

______________

Hintergründe zum Kalender.
Über Kommentare zu den Sportler_innen und ihren Sportarten würde ich mich freuen. Sie blieben aber zunächst verborgen. Spannung und so.

Wer Probleme hat, überhaupt zu kommentieren (ja, das passiert leider öfter mal), ist herzlich eingeladen, mir seinen oder ihren Kommentar per Mail an blog at heinzkamke.de oder auch per Twitter-DM zu schicken. 

„Videobeweis, Videobeweis!“

Den Zusammenprall zwischen Koen Casteels und Christian Gentner konnte ich aus meinem Blickwinkel nur schlecht erkennen, die Heftigkeit und den Ort des Kontakts lediglich erahnen. Was ich sehen konnte, war eine sehr rasche und dringliche Reaktion von Casteels, als er einen ersten Eindruck von der Schwere der Verletzung gewonnen hatte, seinen Schrecken, sein Bemühen um eine rasche Unterbrechung und Behandlung. Ich sah Spieler beider Farben, die ihn, von seinen Aktivitäten aufgeschreckt, darin unterstützten und sah letztlich zwei Mitglieder des medizinischen Teams des VfB, die die Erlaubnis, den Platz zu betreten, nicht abzuwarten schienen, sondern eigenmächtig zu Gentner eilten, und ein bisschen dachte ich dabei an Rugby, der Behandlung während des Spiels wegen, und was das doch in mancherlei Hinsicht für ein kluger Sport sei.

Was ich nicht sah: einen Schiedsrichter, hier Guido Winkmann, der auf die Situation reagierte. Oder einen Assistenten. Einen vierten Offiziellen. Oder irgendeinen Hinweis darauf, dass der Videoassistent schnellen Handlungsbedarf signalisiert haben könnte, worauf der Schiedsrichter dann reagiert hätte. Natürlich lässt sich das im Nachhinein leicht sagen. Es war nicht auszuschließen, dass Gentner nur simulierte, man führte ja, und dass Casteels aus irgendeinem Grund darauf hereingefallen sei, und hätte der Schiedsrichter dann den Konter unterbrochen, wäre er in Erklärungsnot geraten. Mag sein. Ändert in meinen Augen nichts daran, dass das Schiedsrichterteam, und ich glaube sagen zu können, dass ich derlei selten leichtfertig behaupte, dass also Herr Winkmann und seine Gehilfen in dieser Situation schlichtweg versagt haben und ihrer Verantwortung für die Gesundheit der Spieler nicht gerecht geworden sind.

Was ich auch nicht gesehen habe: Die große Wolfsburger Ausgleichschance kurz vor Schluss. Meine Augen waren bei Dr. Raymond Best (der bei Sport im Dritten zum Entsetzen meiner Frau wie Chandler ausgesprochen wurde, nicht wie Steylaerts oder Ceulemans), der noch einmal zurück zur Bank spurtete, nachdem Christian Gentner bereits auf der Trage das Stadion verlassen hatte. Kaum einen Blick hatte ich mehr für das Spiel, zu bedrohlich erschien mir das Ganze, zu geschäftig die Sanitäter, zu ernst wirkten einzelne Akteure, zu lebhaft waren die Bilder in meinem Kopf, davon ausgehend, dass es ja nur um Gentners Kopf oder die (Hals-)Wirbelsäule gehen konnte.

Offensichtlich war ich damit nicht ganz allein. Ein Herr im Nachbarblock, den ich seit längerem im Verdacht habe, der klügste Mann der Kurve zu sein, hing ebenfalls noch länger bei der Gentner-Szene fest. Wenn auch aus anderem Grund. „Videobeweis! Videobeweis!“ krakeelte er, garniert mit einigen Beleidigungen für Schiedsrichter und Verband, sowohl während der Behandlungspause als auch nach der Spielfortsetzung, und speziell in der ersten Phase, als im Grunde alles die Luft anhielt, dachte ich ganz kurz, dass ich mich gerne einmal mit ihm über seine Prioritäten unterhalten würde, über Elfmeter, gelbe und rote Karten und möglicherweise lebensbedrohliche Verletzungen, was sie dann offenbar und glücklicherweise nicht waren, und ziemlich rasch wähnte ich mich wieder im Neckarstadion des Jahres 2006, als dem augenscheinlich schwer verletzten Bremer Torhüter Andreas Reinke nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Martin Stranzl ein choreografiertes „Steh auf, Du Sau!“ zugerufen wurde, für das ich mich, wiewohl nicht beteiligt, so geschämt habe wie niemals sonst in einem Fußballstadion.

Ich kam dann übrigens rasch wieder ab von dem Gedanken, mich mit ihm unterhalten zu wollen. Aber ja, so’n bisschen Empathie, das wär was. Völlig unabhängig von Schiedsrichterentscheidungen, von Vereinszugehörigkeiten und Animositäten. Aber ich schweife ab.

Das Spiel hatte übrigens Spaß gemacht. Santiago Ascacíbar spielte sich nicht ganz unerwartet in die Herzen der Stuttgarter Fans, Anastasios Donis begann wie einst Julian Green mit viel Zug nach innen, beweis dann aber, dass er im Gegensatz zu Green auch willens und in der Lage ist, außen vorbei zu gehen, Chadrac Akolo machte mit einer großartigen Aktion die ungelenken Vorläufer der ersten halben Stunde vergessen, und hinten hielt Benjamin Pavard den Laden zusammen. Ein andermal mehr.

Harald

Es ist einige Jahre her, dass die sogenannte Fußball-Blogosphäre einem für meine Begriffe idealen Zustand sehr nahe kam. Viele kreative Menschen schrieben auf sehr unterschiedliche Weise über das große Ganze und das kleine Spezielle, erzählten Geschichten, teilten Beobachtungen, mal komisch, mal nachdenklich, häufig spontan, mitunter ohne Maß und Ziel, mit viel Zeit, einer Menge Herzblut und nicht selten einem offenkundigen Mangel an Professionalität. Amateure im schönsten Wortsinne.

Irgendwann in dieser Zeit geriet das Freitagsspiel in mein Blickfeld. Genauer gesagt: Sein Macher, Harald, schrieb sich hinein, mit Texten, die noch einmal ganz anders waren als all die anderen, die ich sonst so kannte. Ich war beeindruckt. Und neidisch. So hätte ich auch schreiben können wollen. Es gelang Harald, eine Distanz zum Fußball zu halten, die ihm einen wahrhaft eigenen Blickwinkel ermöglichte, die ihn Gedanken entwickeln, häufig auch nur andeuten ließ, die wenig mit dem zu tun hatten, was wir anderen so von uns gaben, die klug waren und die doch nie den Eindruck vermittelten, da schreibe jemand von oben herab, ironisch vielleicht, den Fußball und seine Ernsthaftigkeit belächelnd. Im Gegenteil, er nahm ihn ernst, und er hatte die Gabe, seine Denkansätze auf leichte Weise zu vermitteln, in einer Sprache, die zum Punkt kam, ohne auf die Pointe aus zu sein.

Wir lernten uns kennen, rein virtuell, kommunizierten über unsere Blogs, bald via Twitter, irgendwann per Mail und auf vielen anderen Wegen, nachdem er eine gemeinsame Initiative von Fußballblogs gegen Homophobie im Fußball angeregt hatte, an der ich in einer kleineren Gruppe mitarbeiten durfte.

Das Thema war ihm wichtig, er nahm uns mit auf den Weg zur Gründung der Aktion Libero, die Ende 2011 nicht die Welt veränderte, aber doch für nennenswertes Aufsehen sorgte. Es war mir ein großer Gewinn, in diesem Kontext mit ihm zu arbeiten, zu sehen, wie hinter seinen stets bedacht formulierten Ideen eine sehr klare Vorstellung und der feste Wille stand, die Sache voranzutreiben, seine Sache, unsere Sache, innerhalb eines Rahmens, aus dem er nur auf Basis wirklich guter Argumente auszubrechen bereit war.

Nach dem Aktionstag im November 2011 nahm die Frequenz seiner Blogtexte rapide ab, seit dem Frühjahr 2012 kamen im Grunde keine neuen Texte mehr hinzu, er wandte sich neuen Dingen zu. Die alten Texte sind noch da, ich kann sie Ihnen nur ans Herz legen, die zu den Weltmeisterschaften 2010 und 2011, oder exemplarisch den über den Workaholić, den zur Aktion Libero sowieso, so viele andere, kleine wie große.

Drüben bei Twitter ließ er sich in unterschiedlicher Frequenz blicken, auch im Jahr 2017, seine Beobachtungen nach wie vor auf den Punkt bringend, mitunter absurd:

 

Wir hatten in den letzten Jahren sehr sporadischen Kontakt, Ende 2013 gewann ich ihn für einen Beitrag in meinem Adventskalender, oder was heißt gewann, er ließ zu keiner Sekunde Zweifel daran, dass er meine Bitte erfüllen würde. Wie eigentlich immer, wenn ich ihn um etwas bat.

Ich freute mich, wenn ich gelegentlich etwas von ihm las, wo auch immer, hin und wieder schimmerte etwas von diesem oder jenem aktuellen Projekt durch, mitunter stöberte ich im Freitagsspiel, des Vergnügens wegen, und stets ermöglichte er uns allen das, was er erst kürzlich, hier mit seinem anderen Twitter-Ego, explizit formulierte:

 

Heute habe ich erfahren, dass Harald vor wenigen Wochen unerwartet verstorben ist. Mein Entsetzen, meine Traurigkeit sind nicht in Worte zu fassen, und ich kann nur erahnen, wie sehr seine Lieben ihn vermissen müssen, seine Klugheit, seine Empathie, seine Überzeugung, und was sie sonst noch alles an ihm liebten. Meine Gedanken sind bei ihnen.

Träumerei

Samstag, 13 Uhr. In zweieinhalb Stunden beginnt das erste Erstligaheimspiel des VfB Stuttgart seit etwa 15 Monaten. 476 Tage. Der Gegner trägt denselben Namen wie damals, als die Trainer Schmidt und Kramny, die Sportvorstände Heidel und Dutt, die Präsidenten Strutz und Wahler hießen. Der FSV Mainz 05 besiegelte quasi den Abstieg jenes Vereins, gegen den er selbst knapp 12 Jahre zuvor sein allererstes Bundesligaspiel bestritten und standesgemäß verloren hatte. Heute tritt der VfB als Aufsteiger gegen einen etablierten Bundesligisten an, der seit 2013 stets vor dem VfB stand und zum Transferziel für ambitionierte Stuttgarter Leistungsträger avanciert ist.

Aber ich will nicht auf den Gegner schauen – der VfB bietet ganz allein hinreichend Stoff zum Nachdenken. Es ist ein anderer VfB als vor 15 Monaten, einer, der nicht gerade durch die zweite Liga cecruist ist, aber doch seiner Favoritenrolle, den Ansprüchen der Fans und der Einschätzung Fußballdeutschlands gerecht wurde. Trotz keineswegs überragender Leistungen war die Euphorie zum Zeitpunkt des Aufstiegs groß, die Aufbruchstimmung mit Händen zu greifen, die Erwartungshaltung selbstbewusst.

Mit der Zweitligasaison war, wie oben angedeutet, der Wechsel wichtiger Akteure einhergegangen, zum Teil mehr als einmal. Welchen Anteil diese Veränderungen bzw. die neuen handelnden Personen am Erfolg des letzten Jahres, den als bloßes Ausbügeln eines Betriebsunfalls zu betrachten en vogue und nicht gänzlich von der Hand zu weisen, vielleicht aber auch ein bisschen zu selbstverliebt und überheblich ist, lässt sich schwer sagen.

Über den Präsidenten will ich in diesem Kontext kein Wort verlieren, über die damalige Trennung von Robin Dutt und Jürgen Kramny zu reden ist müßig, und ob Jos Luhukay die Kurve noch bekommen hätte, nun, ich kann es nicht ausschließen. Aber wenn, und da bin ich mir relativ sicher, dann wäre es auf andere Art und Weise geschehen, mit anderen Protagonisten, und vermutlich auch, aber hier wird es in inakzeptablem Maße spekulativ, mit weniger Aufbruchstimmung.

Und nein, Hannes Wolfs Team hat kein Feuerwerk abgebrannt. Wir haben keine fußballtaktische Revolution erlebt, keinen überwältigenden Hochgeschwindigkeitsfußball, auch nicht die Geburt neuer Traumkonstellationen auf dem Feld. Nach heutigem Stand. Wir haben häufig solide, in Einzelfällen verheerende Spiele gesehen, kein faszinierendes Spielsystem, das die Taktikportale zu seitenlangen Artikeln und uns zu Lobpreisungen der neuen Stuttgarter Schule veranlasst hätte.

Wir konnten auf Simon Terodde und einige andere bauen, auf Pragmatismus, Leistungsbereitschaft und individuelle Klasse, mitunter auf klug geführte Spiele und passgenaue Vorgaben für einzelne Partien. Und auf einen Trainer, der in hohem Maße teamorientiert, entwaffnend ehrlich, erfreulich humorvoll und in der Sache kompetent ankommt, der aber das eine oder andere Mal auch deutlich danebenlag. Privileg der Jugend? Meines Erachtens: ja.

Auch wenn nicht alles danach klingt: Es war ein großartiges Jahr. Ein Jahr, in dem uns Carlos Mané verzückt hat, in dem Ebenezer Ofori andeutete, wie elegant ein moderner Sechser auf dem Platz agieren kann, in dem Josip Brekalo noch zu viele falsche Entscheidungen traf, wir aber eine Ahnung davon erhaschten, was da kommen könnte, wenn er noch öfter richtig entscheidet, ein Jahr auch, in dem Neuzugänge Burnic, Akolo, Pavard oder Grgic hießen statt Werner, Hosogaj oder Aogo, und in dem diese Neuzugänge vom Verein verkündet wurden, ohne tage- oder wochenlang durch die Presse getrieben worden zu sein.

Ich weiß nicht, ob die Herren Burnic, Akolo, Pavard und Grgic, auch Brekalo, Mané und andere dem VfB auf Sicht mehr helfen werden als Werner, Hosogaj, Aogo oder Badstuber, aber ich sage es gern: Es war eine schöne Reise, eine wunderbare Illusion. Die Vorstellung, mit einem jungen Trainer, einem unprätentiösen Sportvorstand, den ich bisher gar nicht nannte und der doch durch all die zitierten Namen mehr als nur durchschimmerte, und eben diesen jungen Spielern, deren Zukunft wir alle nicht so genau absehen können, in der Bundesliga zu bestehen, sie vielleicht über kurz oder lang auch ein bisschen aufzumischen, war fantastisch. Im Wortsinne.

Sie ist geplatzt, einer der Protagonisten ist nicht mehr hier, über die Gründe haben wir alle mehr als genug gelesen, oder eben gerade nicht, und nun hat also der nicht so unprätentiöse Präsident einen großen Namen präsentiert, von dem ich durchaus eine Menge erwarte, und mit ihm dann auch gleich die Badstubers und Aogos dieser Welt, von denen ich zum Teil einiges erwarte, zudem den jungen Mann aus Argentinien, von dem die Welt einiges zu erwarten scheint, und im Grunde mögen das alles Schritte in eine gute Richtung sein.

Und wenn der VfB dann am Ende der Saison sein Soll übererfüllt hat, dank Herrn Reschke, dank der genannten Spieler, dank eines Trainers, der vielleicht noch Hannes Wolf, vielleicht auch ganz anders heißt, größer, etablierter, dann werde ich nicht nur anerkennend den Hut ziehen, sondern auch jubeln, vielleicht begeistert sein, vermutlich Abbitte leisten. Und dabei denken, dass die andere Geschichte, die Träumerei, trotzdem die schönere gewesen wäre.

 

 

Systemtreu

Der Urlaub ist vorbei, der Sommer auch bald, die Bundesligasaison hat begonnen. In der zweiten Liga wurden bereits mehrere Trainer entlassen, Barcelona fahndet europaweit nach Spielern, die den Verein dazu animieren könnten, sich nicht nur einen Weg aus dem Geld heraus freizuschaufeln, mit dem man zugeschissen wurde, sondern dann auch selbst einen Teil dieses Geldes dafür zu verwenden, besagte andere Spieler bzw. insbesondere deren bisherige Vereine zuzuscheißen. Was, etwas überraschend, nicht alle mit sich machen lassen wollen.

Ich weiß nicht, ob alles noch viel schlimmer ist als früher, viel aufgeregter, hektischer, unstrukturierter, irgendwas muss man doch mit dem vielen Geld anstellen, das in den Markt gespült wurde und allein zwischen Neymars Transfer und dem Ende der Transferperiode drei, fünf oder auch zehn Mal den Besitzer wechseln mag. Die Begehrlichkeiten sind enorm, der Leidensdruck mitunter auch, wenn auch nicht so groß, dass zum Beispiel Hannover 96 auf die „maßlosen Forderungen“ eines seitens des Vereins namentlich genannten Spielerberaters eingehen würde.

In Köln bekommen sich derweil Fans in die Haare, weil sie sich nicht einig sind, ob es von Seiten ihres Vereins in Ordnung sei, demnächst für die noch nicht näher definierten Europapokal-Auswärtsfahrten konfektionierte Reisen anzubieten, die dem Vernehmen nach eine Ticketgarantie beinhalten sollen. Eine Diskussion, die wir so oder ähnlich auch schon andernorts erlebt haben und die mich ermüdet. Vermutlich bin ich nur neidisch.

Natürlich ist Ermüdung ein gutes Stichwort, eines, das wir immer wieder hören in diesen Zeiten, weil das Rad überdreht werde, zu viel Geld im Spiel sei, die Clubs sich zu sehr von den Fans entfernten. Die Blase werde platzen, Anzeichen seien ja schon zu erkennen, wie die einen behaupten und die anderen widerlegen zu können glauben, und bei genauer Betrachtung entfalten just diese Diskussionen ihrerseits eine ermüdende Wirkung, von der ich nicht weiß, wie sie sich zur zuvor genannten Ermüdung verhält, kumulierend womöglich.

Also halte ich mich raus, weitgehend. Die Gerüchteküche habe ich bereits früher weitestgehend zu ignorieren versucht; nunmehr gehen auch zahlreiche bereits abgewickelte Transfers mindestens bis zum Saisonstart an mir vorüber. Bundesliga-Sonderhefte kaufe ich für meinen Sohn, ohne selbst einen Blick hineinzuwerfen. Die 11 Freunde, die ich jahrelang abonniert hatte, habe ich im Frühjahr gekündigt. Auf sanften Druck meiner Frau, würde ich gerne sagen, doch so ist es nicht. Ich hatte selbst eingesehen, dass acht bis zehn noch in Folie verpackt herumliegende Hefte eine recht unmissverständliche Aussage über mein Interesse treffen.

Die Frage ist: woran? Der Umstand, dass ich die Freude an der Lektüre einer Zeitschrift verloren habe, die sich mit Fußball befasst, bedeutet nicht zwingend, dass mein Interesse am Fußball verloren gegangen ist. Was mich ganz offensichtlich nicht mehr packt, ist die Art und Weise, wie der Fußball dort erzählt wird, ist vielleicht der Humor, der sich anders entwickelt hat als meiner, ist womöglich die Absolutheit, mit der ich die Positionen zu Themen wie dem Videobeweis oder RB Leipzig wahrnehme – ohne dass ich zwingend konträre Meinungen vertreten würde. Wir haben uns wohl auseinandergelebt.

Vor ein paar Wochen mailte mich jemand von den 11 Freunden an, ich möge doch bitte wie in den vergangenen Jahren den vereinsbezogenen Fragebogen zur bevorstehenden Bundesligasaison ausfüllen und zurücksenden. Ich hatte das in den letzten Jahren gern gemacht und auch stets über Twitterkommentare hinweggelächelt, wonach Blogger ausgenutzt würden und für ein bisschen – kaum messbare – Publizität wertvolle Inhalte lieferten. Gleichzeitig hatte ich die Redaktion häufig darauf hingewiesen, dass es hinreichend andere geeignete, vermutlich geeignetere Kandidatinnen und Kandidaten gebe, ohne dass der jeweilige Redakteur darauf eingegangen wäre.

Hätte ich an seiner Stelle vielleicht auch so gehandhabt. Er wusste, was er von mir zu erwarten hatte: solide Antworten, mit einzelnen Ausreißern nach oben oder unten, das Ganze tendenziell zielgruppenkompatibel sowie nahezu innerhalb der vorgegebenen und in der Regel nicht allzu üppigen Frist – die Bloggerbeilage dürfte im Entstehungsprozess des Heftes nicht an der Spitze derjenigen Aufgaben stehen, die aufgrund ihrer Komplexität besonders viel Vorlauf benötigen.

Genau das habe ich auch dieses Jahr wieder abgeliefert. Glaube ich. Solide Antworten in überschaubarer Frist, und einige der solidesten wurden letztlich abgedruckt. Ich persönlich hätte anders ausgewählt, aber sei’s drum. Natürlich hätte ich auch absagen können. Wäre bestimmt konsequenter gewesen. Hätte den Aufwand des Redakteurs erhöht, aber das wäre a) überschaubar und b) nicht mein Problem gewesen. Hab ich aber nicht getan.

Hernach bat ich meinen Ansprechpartner allerdings explizit, im nächsten Jahr, so es diese Art der Beilage weiterhin gibt, jemand anderes anzusprechen. Weil mir die Originalität zunehmend abgehe. Schließlich, das schrieb ich so nicht, kann man, kann zumindest ich, ein und dieselbe Frage nur so und so oft annähernd kreativ und originell beantworten, und dieser Punkt ist, über den gesamten Fragebogen betrachtet, offenkundig überschritten. Die geneigte Leserin möge sich weiter unten gern davon überzeugen.

Zurück zum Fußball. Oder eben nicht zurück. Bisher schrieb ich ja vor allem von den ganzen anderen Dingen. Jenen, die mich ermüden. Erwähnte Transfergerüchte. Geld. Spielerberater und sonstige Gewinnler. Kommunikationsverhalten von Vereinen. Blase. Diskussionen über die Blase. Wahre und nicht so wahre Fans. Kommunikationsverhalten von Fans. Lauter Themen, über die man eine Menge sagen und intensiv diskutieren könnte. Wenn man denn Lust hätte. Vielleicht auch Zeit.

Ich hab keine. Zeit. Lust, vor allem. Aber ich freue mich auf und über Fußball. Habe auf den ersten Spieltag hingefiebert. Verfolgte im Sommer die U21-EM, die Frauen-EM, schreckte auch vor dem bösen Confed Cup nicht zurück. Nicht die Kirmesspiele, klar, nicht die hochdotierten Vorbereitungsturniere, aber wenn es um Punkte geht, bin ich dabei.

Zweifellos kann man mir vorwerfen, dem System zu dienen, wenn ich den Confed Cup anschaue, im nächsten Jahr auch die WM, obwohl sie in Russland stattfindet, wenn ich ganz selbstverständlich weiterhin ins Stadion gehe und kein Zeichen gegen so viele Dinge setze, die falsch laufen, wenn ich zuletzt, ganz entgegen meiner Gepflogenheit, mehrfach dafür bezahlt habe, Fußballspiele im Fernsehen anzuschauen, und dies künftig möglicherweise häufiger tun werde.

Es lässt sich wohl nicht anders sagen: Meine Lust auf Fußball, auf die 90 Minuten, ist ungebrochen. Bundesliga, Europapokal, Kreisliga, Länderspiele, suchen Sie es sich aus. Ermüdung hin, Begleiterscheinungen her. Steht übrigens auch in meinen Antworten für 11 Freunde, fällt mir grade auf:

Jetzt reicht’s: Das müsste passieren, damit ich nicht mehr ins Stadion gehe …

Solange dort Fußball gespielt wird, stellt sich die Frage auch weiterhin nicht.

Wie gesagt: systemtreu.

______________________________________

 

Die nächste Saison wird eventuell legendär, weil…

… es klugen Fans an allen Bundesligastandorten gelingt, rassistische, homophobe und ähnlich idiotische Wortmeldungen komplett zurückzudrängen. Danach: Weltfrieden.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann …

… möchte ich sie zwar in absehbarer Zeit nicht mehr erleben müssen; die zweite Liga hatte aber für den VfB zweifellos ihre Momente. Und Punkte, vor allem.

Auf diesen Videobeweis-Fauxpas freue ich mich besonders …

Ich stelle es mir ganz hübsch vor, wenn der vermeintlich unbeobachtete VAR, vielleicht Wolfgang Stark, bei der Analyse einer kniffligen Szene live und hochkonzentriert in der Nase bohrt. Via Großleinwand. Technische Kinderkrankheiten halt.

Für 50 Millionen in Richtung China verlässt uns im Winter …

Keiner. Der VfB hat sich ausgegliedert und ist jetzt selbst total reich.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil …

… sich die Fans der jüngsten DFB-Anweisung (RESPECT!) verweigern, liebliche Lobgesänge auf Funktionäre und Sponsoren der jeweiligen Gastmannschaft anzustimmen. Im Übrigen hoffe ich doch sehr, dass die Strafen dann nicht der Verein bezahlt, sondern die AG.

Die neue Vereinshymne sollte komponiert werden von…

Wie heißen schon wieder die, die dieses Troy singen? Das wär doch mal was!

Aus unserem Team unverzichtbar für Jogi Löw ist in Russland …

Der Doppelochsensturm. Echte Neuner sind bei der WM das taktische Element schlechthin.

Fußball schön und gut, aber Weltmeister würde unsere Truppe in …

#SpielerfrauenTV

Auswärts schmeckt gut: Die beste Bratwurst gibt es in …

München im Mai 2018. So ein entspanntes Saisonfinale hatten wir lange nicht.

Dieser Filmtitel beschreibt meinen Klub perfekt …

Die Antwort liegt irgendwo zwischen Zurück in die Zukunft und Stirb langsam.

Dieser Twitter-Account ist für Fußballfans unverzichtbar …

Der, der gerade anderer Meinung ist und an dem man sich ein bisschen abreagieren kann.

Deutscher Meister vor dem FC Bayern wird …

Angesichts der Vorjahresplatzierung und der Rahmenbedingungen vielleicht eine etwas mutige Prognose, aber ich bringe mal den SC Sand ins Spiel.

Noch eher als Schalke entlässt seinen Trainer …

Oh, da dürfte es einige geben. Sagen wir Eintracht Frankfurt.

Wenn der HSV nicht absteigt, dann eben …

… zwei oder drei andere. Solange der VfB nicht dabei ist, ist mir alles recht.