Fantasie

Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollte es wieder einmal gelingen, dem FC Bayern die Deutsche Meisterschaft streitig zu machen? So oder ähnlich lautet der Tenor in Teilen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung, dem ich mich in den nächsten Minuten für ein kurzes Gedankenspiel anschließen werde. Vielleicht möchte mich ja jemand durch meine Überlegung begleiten.

Gehen wir also davon aus, dass der FC Bayern München nach dem 33. Spieltag auf Rang fünf liegt, mit einem Punkt Rückstand auf den FC Schalke 04 und die TSG Hoffenheim, gar deren vier auf Borussia Dortmund und noch einem mehr auf RB Leipzig. Dortmund tritt am letzten Spieltag in Hoffenheim an, keine ganz unbekannte Konstellation, und muss dort mehr Punkte erzielen als Leipzig in Berlin, um den Titel zu erringen. Die Hertha spielte ihrerseits keine herausragende Saison, doch auf Davie Selke war das ganze Jahr über Verlass. Nach seiner Verletzung zu Saisonbeginn zeigte er endlich einmal über einen längeren Zeitraum hinweg, wieso er als eines der größeren Versprechen des deutschen Fußballs gilt, sicherte seinem Verein die Qualifikation für das europäische Geschäft, und wenn es der Mannschaft des FC Bayern nicht gelingen sollte, ihrem Mittelstürmer am letzten Spieltag vier Tore mehr aufzulegen, als der junge Berliner erzielt, sichert sich Letzterer mit über 30 Treffern die Torjägerkanone.

Am Donnerstag vor dem letzten Spiel ist es ein Berliner Boulevardblatt, das als erstes über einen angeblichen Ausfall Selkes für das Spiel gegen Leipzig berichtet, und sehr rasch springen Medien und Fußballinteressierte aus der ganzen Republik darauf an. Zunächst ist von einer Muskelverletzung die Rede, die möglicherweise gar seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft gefährden könne, doch sowohl Michael Preetz als auch Joachim Löw widersprechen so rasch wie glaubhaft, und auch kurzzeitige Gerüchte über eine allgemeine körperliche Erschöpfung werden zunächst dementiert.

Tags darauf äußert sich Peter Bosz zuversichtlich, für das Spiel in Hoffenheim gut gerüstet zu sein. Der BVB müsse das tun, was in seiner Hand liege, nämlich zunächst durch einen Punktgewinn Platz zwei zu sichern, tatsächlich aber – seine Mannschaft könne gar nicht anders – voll auf Sieg spielen und gleichzeitig hoffen, dass Leipzig in Berlin nicht gewinne. Die Frage, ob es ihm Sorgen bereite, dass die Hertha womöglich ohne ihren Torjäger antrete, der de facto die Hälfte aller Berliner Treffer erzielt habe, beantwortet er mit einem gequälten Lächeln und dem Hinweis, dass er die medizinische Abteilung der Hertha für exceptionnel halte und deshalb fest von Selkes Einsatz ausgehe, der doch sicherlich seinen Torrekord noch ausbauen wolle. Aber auch andernfalls verfüge Berlin über hinreichend Offensivkraft, um den Leipzigern das Leben schwer zu machen, fügt er hinzu, um schließlich die Medienvertreter zu bitten, sich doch wieder auf das Dortmunder Gastspiel in Hoffenheim zu konzentrieren, das eine immense Aufgabe darstelle.

Am Nachmittag wird Hans-Joachim Watzke dahingehend zitiert, dass es ja wohl nicht angehen könne, dass ein junger Mann wie Selke möglicherweise wegen allgemeiner körperlicher Erschöpfung passe, um für die Weltmeisterschaft wieder fit zu werden oder aus welchem Grund auch immer, so habe man ja nicht gewettet. Immerhin ist Watzke klug genug, nicht auch noch eine parallele Traditionsdiskussion anzuzetteln, doch das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung macht die Runde und ist kaum mehr aus der Welt zu schaffen.

Hertha BSC möchte diese Unterstellung nicht auf sich sitzen lassen und informiert am Vormittag des Saisonfinales die Presse, dass Torschützenkönig Davie Selke keineswegs an allgemeiner Erschöpfung und auch an keinem anderen körperlichen Gebrechen leide. Vielmehr sei es schlichtweg so, und an dieser Stelle wird auf eine gemeinsame Erklärung mit RB Leipzig verwiesen, dass der Spieler aufgrund einer gängigen Vertragsklausel ein Jahr lang nicht gegen seinen ehemaligen Verein antreten dürfe und deshalb am Nachmittag nicht im Kader stehe.

„Ach sooo, das ist natürlich was anderes“, diktiert ein nun sichtlich beruhigter Aki Watzke den angesichts der eher langweiligen Auflösung zunehmend desinteressierten Medienvertretern in die Blöcke. Peter Bosz hebt noch einmal die Qualitäten von Vedad Ibišević hervor, und Fußballfans im ganzen Land – von Freiburg im Süden, wo man den FC Augsburg erwartet, bis nach Hamburg im Norden, wo Borussia Mönchengladbach mit Raúl Bobadilla zu Gast sein wird – zeigen sich erfreut, dass man sich nun endlich auf den sportlichen Wettstreit konzentrieren könne.

Vielen Dank, dass Sie mich auf diesem kleinen Exkurs begleitet haben. Gerne weise ich darauf hin, dass sowohl das Tabellenszenario als auch Davie Selkes Vertragsklausel lediglich Produkte meiner kranken Fantasie sind.

Kein Fantasieprodukt ist indes eine etwas ältere Veröffentlichung der Uefa, die zu der seltenen Situation führt, dass ich einem der großen internationalen Fußballverbände vorbehaltlos zustimme: UEFA statement on integrity of competitions.

Keine Lust

Am Montagabend gewann der VfB Stuttgart gegen einen unmittelbaren Konkurrenten mit 3:1, und das war ziemlich schön. Neutrale Beobachter zogen den Hut, Fans, soziale Netzwerke und Medien überschlugen sich vor Begeisterung, rund um das Stadion blickte man in verzückte Gesichter, deren Strahlen man bisweilen auch tags darauf beim Bäcker oder im Büro noch erahnen konnte.

Und wie sie alle darüber redeten! Menschen, mit denen ich so gut wie nie über Fußball spreche, die vermutlich von meinem Interesse ebenso wenig wussten wie ich von ihrem, konnten nicht an sich halten, die Begeisterung platzte buchstäblich aus ihnen heraus, ob sie nun nur ferngesehen oder die gemeinschaftliche Freude im Stadion erlebt hatten.

Meensch, der VfB! Endlich! So hatten wir uns das von Anfang vorgestellt! Der Maxim, meine Fresse! Und Brekalo, dieses Büble, aber mit allen Wassern gewaschen. Fällt a bissle leicht, Jugo halt, woisch, und dann noch Asano, schnell wie d’Sau, kommt ja von Arsenal. Der Gintschek und sein Kollege, der Terodde, was für ein Sturm, da wäre in der Bundesliga so mancher froh, und die können ja auch richtig gut miteinander, und sie schwärmen und schwelgen, und fast erschrecken sie darob ein bisschen.

Aber, sagen sie dann, und jeden Tag ist es seither ein bisschen deutlicher zu vernehmen, noch ist ja nichts  … und auch am Montag hätte ja, wenn Union oder der Schiedsrichter  … hoffentlich heben Sie jetzt nicht … und wir kennen ja alle unsern VfB, Sie wissed scho, die haben schon so oft …

Ach, lasst mich doch in Ruhe! Ja, die Saison ist noch nicht zu Ende. Ja, da kann noch ne Menge schiefgehen. Aber ganz ehrlich: Ich werde es nicht verhindern können. Ob ich heute am Rad drehe, mir schon mal das Outfit für die Aufstiegsfeier zurechtlege und dem Chef sage, dass ich am 22. Mai keine Lust habe, vielleicht auch schon am 15. oder gar am 8., oder ob ich mich zur Ordnung rufe und mir für jeden überschwänglichen Satz den Mund mit Seife auswasche, ehe ich mich als Flagellant versuche, nun, es macht keinen Unterschied.

Kein Spieler, kein Trainer, niemand aus dem Funktionsteam wird wegen meiner Euphorie auch nur einen Hauch unkonzentrierter an die nächsten Aufgaben herangehen. Auch dann nicht, wenn es da draußen 50.000 andere wie mich gibt. Und wenn mein Stadionnachbar vom Uefa-Cup-Finale 2019 im Neckarstadion träumt, nun, dann sei es eben so. Maxim ist es egal. Brekalo auch, und Insúa erst recht.

Montag war toll, es folgen noch vier weitere Spiele in der zweiten Liga, auf die das Trainerteam die Spieler in aller gebotenen Ernsthaftigkeit vorbereiten und die diese Mannschaft dann mit hinreichendem Erfolg bestreiten wird, oder eben nicht, aber das hat dann nichts mit mir zu tun. Ich freue mich riesig auf diese Spiele, hoffe, wie es Fußballfans eben tun, auf ähnliche Auftritte wie am Montag, und am Ende steht der Aufstieg. Falls nicht, erfahre ich es noch früh genug. Aber Chef, am 22. Mai hab ich keine Lust.

 

 

 

Egozentrische Quengelei

Ich möchte das nicht. Will mich nicht schon wieder an einen neuen Trainer gewöhnen. Nicht mit etwas anderen Variationen bekannter Floskeln, wie sie eben zum Geschäft gehören, vertraut werden. Keinen neuen Kleidungsstil diskutiert wissen und auch kein anderes Seitenlinienverhalten analysiert sehen.

Der Gedanke, dass der Verein einen Feuerwehrmann („letzte Patrone!“) holen könnte, lässt mich erschaudern. Ich möchte nicht, dass sich Timo Werner auf der Bank und Robin Yalcin in der dritten Liga wiederfinden, weil sie noch Zeit brauchen.

Ich will nicht, dass der Präsident, das Symbol für den neuen, weniger autokratischen VfB, klein beigeben und von seinem Weg, pathetischer: seiner Philosophie abrücken muss. Möchte nicht, dass der Trainer, der wie kein anderer Cheftrainer in den letzten soundsoviel Jahren für das VfB-Jugendkonzept steht, von allem abrücken muss.

Es widerstrebt mir, darüber nachzudenken, vielleicht sogar aufzuschreiben, wieso der neue Mann, oder die neue Frau, doch ganz gut zum Verein passen könnte. Und es widerstrebt mir noch viel mehr, mir diese Frage von Fredi Bobic beantworten zu lassen, begleitet, das ist ganz klar, von einem Bekenntnis zum eigentlich eingeschlagenen Weg.

Ich hätte gerne, dass Thomas Schneider die Kurve kriegt. Von mir aus auch den Bock umstößt, damit kann ich umgehen. Dass er all diejenigen, die gerne seine Herkunft (Jugendtrainer!) betonen, eines Besseren belehrt. Ohne ihnen eine lange Nase zu drehen. Ich möchte, dass Thomas Schneider ein guter und erfolgreicher Trainer ist. Hier in Stuttgart.

Und wünschte mir, dass der Verein zu ihm stünde, der ganze, weiterhin, und dass dessen Führung deutlich machte, im Zweifel auch mit ihm in die zweite Liga zu gehen.

Unter der Bedingung, dass dieser Fall nicht eintritt.

Der ganz normale Selbstschutz

Jüngst hatte ich kurz darüber nachgedacht, bis auf Weiteres all meinen Texten hier ein ceterum censeo anzuhängen, kam dann aber wieder davon ab, in der Annahme, dass die hier Mitlesenden über dessen Inhalt ohnehin bestens im Bilde wären:
„… dass Labbadia weggeschickt werden muss.“

Mir ist klar, dass das Argument, meine Meinung sei – hier – ohnehin bekannt, leicht mit dem Hinweis entkräftet werden könnte, dass der Senat seinerseits auch wusste, was Cato wollte, ohne dass dieser auf die stete Wiederholung verzichtet hätte. Dessen Meinung indes, von allem anderem abgesehen, im Gegensatz zu meiner, Gewicht und Relevanz hatte. Wie auch immer: ich fand die Idee dann doch nicht so gut.

Gleichwohl: meine Meinung zu Bruno Labbadia bzw. insbesondere zu der Frage, wie lange er noch beim VfB wirken sollte, ist klar. Insofern dürfte es niemanden verwundern, dass ich seine öffentlichen Äußerungen möglicherweise besonders kritisch betrachte, und dass ich mich vielleicht auch ein bisschen freue, wenn die Stuttgarter Nachrichten in ihrer aktuellen Ausgabe unterschiedliche Wahrnehmungen der Herren Labbadia und Bobic hinsichtlich der Saisonziele, des Kaders oder der Attraktivität des in Cannstatt gezeigten Fußballs sowie das daraus möglicherweise erwachsende Konfliktpotenzial aufzeigen.

Es gäbe manchen Grund, die jüngsten Äußerungen des Trainers zu hinterfragen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass man den Eindruck gewinnen kann, er sei bereits wieder dabei – nach der Kadergrößengebetsmühle des Vorjahres – das Fundament seiner Verteidigungsstrategie für den Misserfolgsfall zu legen. Mir fehlt aktuell die Zeit, und vielleicht auch die Lust, vertiefter darauf einzugehen. Ganz davon abgesehen, dass sich der Aufwand wegen der paar Restwochen nicht lohnt.

Auf zwei Aussagen, bzw. deren Zusammenspiel, möchte ich gleichwohl kurz hinweisen. Im Artikel „Die ungleichen Tempomacher des VfB“ (so die Überschrift im Print, online wurde umbenannt) zitieren die Stuttgarter Nachrichten Labbadia dahingehend, dass der Verein nicht „Lionel Messi oder Neymar“ verpflichtet habe, sondern personell „nur nachgeholt, was wir in den vergangenen zwei Jahren nicht gemacht haben. Jetzt ist nur die Normalität eingekehrt.

Normalität also. Einverstanden. Nicht dass ich der Meinung wäre, der Kader der Vorsaison sei einer für Platz 12 gewesen, aber sei’s drum. Jetzt hat der VfB also einen normalen Kader. Nun könnte man auf die Idee kommen, zu fragen, was denn „Normalität“ bedeute, hier in Stuttgart. Beim Viertplatzierten der ewigen Tabelle der Bundesliga. Ok, das war unsachlich, da spielen dann doch ein paar zu alte Ergebnisse mit rein.

Aber vielleicht könnte man sich ja mal die zehn Spielzeiten vor Labbadias Ankunft ansehen. Ganz kurz nur, und oberflächlich. 2000/01 war’s mit Platz 15 nicht so dolle, im Jahr darauf als Achter auch noch nicht so. Danach dann: 2, 4, 5, 9, 1, 6, 3, 6. Ein Ausrutscher mit Platz 9, zweimal die 6, fünfmal besser als 6. Gar nicht so schlecht. Danach folgte, zugegeben, noch die Halbsaison mit dem beschädigten Christian Gross und dem umhertapsenden Jens Keller, die auf Rang 17 endete. Dennoch:

Irgendwie fällt es mir schwer, die Stuttgarter „Normalität“ mit Labbadias zweiter Aussage auf einen Nenner zu bringen:

Aber wir haben nicht die Mannschaft, um zu sagen, wir werden Sechster.

Ja, was denn sonst? In meiner kleinen Welt beginnen die Ausläufer der Prä-Labbadia-Normalität für den VfB, ganz vorsichtig ausgedrückt und mit viel Wohlwollen, bei Platz 8. Normal im engeren Sinn wären die Plätze 4-7, mit der 7 als Enttäuschung. Das ist der Anspruch. Ein Anspruch, den sich der Verein über Jahre hinweg hart erarbeitet hat. Oder anders: Stuttgarter Normalität, jahrelang.

Mir ist klar, dass meine oberflächliche Betrachtung finanzielle und sonstige Rahmenbedingungen sowie zahlreiche weitere Aspekte außer Acht lässt. Sie ist unseriös, polemisch und vielleicht auch unfair. Mir ist ebenso klar, dass ich den von Bruno Labbadia verwendeten Begriff „Normalität“ womöglich etwas zu wörtlich interpretiere und schlaumeiernd gegen ihn wende.

Und all das nur, weil ich es schlichtweg nicht ertragen kann, wie dieser Mann den VfB als einen dahergelaufenen Zaungast im Konzert der Großen darstellen will, um sich selbst im Vorgriff auf den möglichen Misserfolgsfall zu schützen. Aufbruchstimmung my ass!

Im Übrigen …

Rhythmusprobleme

Ein wenig mag es bei den Stuttgartern an ihrer defensiven Grundhaltung gelegen haben, die sie nur schwer ablegen konnten, vielleicht trug auch ein gewisser Mangel an Kreativität seinen Teil bei, doch wenn wir ehrlich sind, lag es im Endeffekt schlichtweg daran, dass man seinen Rhythmus nicht fand.

Es passte einfach nicht. Nicht einmal mit der Brechstange schien es möglich, „Labbadia raus!“ in die übliche Form zu pressen.

Der eine oder andere griff in seiner Verzweiflung zur großen Lösung und schrie „Vorstand raus!„, einzelne entschieden sich für die in diesem Kontext etwas zu vertraut wirkende Variante „Bruno raus!„, wieder andere versuchten es mit Ironie und dem Klassiker Vamos a la playa in der Bruno-Labbadia-Adaption.

Letztlich fehlte jedoch der Mut, fehlte die Kreativität, fehlte wohl auch die Überzeugung, fehlte, wie gesagt, der Rhythmus.

Möglicherweise könnte man es am Samstag in Nürnberg mal mit Where’s your mama gone* versuchen.

* Ja, es heißt Chirpy Chirpy Cheep Cheep

Eine Gruppe wollte nach Bingen

Eine Gruppe wollte nach Bingen
mit zwanzig gar niedlichen Dingen:
einer Baskenmütze, einem Bayer-Buch,
einem Brägenbesteck, einem Auswärtsfluch,
einem Effzehschal mit Getränkefleck
– 5 Bier eine Cola geh’n schlecht weg –,
je einem Pferde- und Lockenkopf,
einer Küchenmaschine mit Ausschaltknopf,
einem Rechtschreibduden, einem Kugelblitz,
einer Stehtribüne, einem Altbierwitz,
einem Husen-Kurl, was immer das sei,
zwei Kisten Getränke war’n auch dabei.
Zum Spielen vier Förmchen: zwei lang, zwei rund –
allein: es fehlte der reizende Hund.

Man sagt, er sei verhindert gewesen
und habe stattdessen Goethe gelesen.

Der Franz, der Bruno, der Fredi und der Raphael

Ich weiß nicht, wie viel Franz Wohlfahrt vom Fußball versteht. Abseits des Torwartspiels, vor allem. Kann nicht einschätzen, inwieweit die mit dem ÖFB-Trainerwechsel hin zu Marcel Koller einhergehende Versetzung vom A- zum U21-Tormanntrainer (ja, so heißt das, sagt der ÖFB) fachlich begründet war, und selbst wenn dem so wäre, ob das etwas über seinen Fußballverstand aussagen würde. Habe keine Ahnung, wie intensiv sich der landesweite Torwarttrainer-Lehrwart um die U21-Torhüter kümmern kann und wie viel Zeit darüber hinaus noch bleibt, sich mit den Feldspielern zu befassen. Mir ist nicht bekannt, ob Äußerungen eines Mitglieds des Trainerteams, gerade wenn es sich „nur „um den Tormanntrainer handelt, über einzelne (Feld-)Spieler innerhalb der Verantwortlichen abgestimmt und mehrheitsfähig sein müssen.

Aber es gibt mir zu denken, wie sich Franz Wohlfahrt über Raphael Holzhauser äußert. Und dabei eine Melodei anstimmt, die dem Lied der Herren Bobic und Labbadia in einzelnen Takten recht ähnlich ist.

„Raphael Holzhauser soll bei uns in der U 21 eine Führungsrolle übernehmen, wozu er von der Qualität her in der Lage wäre. Er hat zurzeit wenig Spielpraxis, das ist natürlich nicht gut. Daher unterstützen wir ihn. Doch dann muss auch mal eine positive Antwort von ihm auf dem Platz kommen.

(Quelle: Stuttgarter Nachrichten, Hervorhebung durch mich.)

Ich möchte daran glauben, dass Raphael Holzhauser unrecht getan wird. Bin überzeugt, dass man ihm eine Chance geben sollte, sich „oben“ zu beweisen, wobei ein 15-minütiger Einsatz in einem bereits verlorenen Spiel meinen Vorstellungen von einer Chance nur sehr bedingt entspricht.

Gleichzeitig kann ich nicht komplett ignorieren, was ich gelegentlich höre und lese. Natürlich kann man Bruno Labbadia für einen Jugendverweigerer aus Prinzip und Franz Wohlfahrt für einen Torwart klassischer Prägung halten, oder auch für einen Vollpfosten, kann meinetwegen auch unterstellen, dass sich Journalisten und andere Trainingsgäste keine eigene Meinung bilden, sondern die Position der sportlichen Leitung gerne ungeprüft übernehmen.

Und doch: manchmal überkommen mich Zweifel. Nicht zuletzt dann, wenn unterschiedliche Quellen, von denen man zumindest einen Teil a priori als voneinander unabhängig betrachten darf, zu ähnlichen Urteilen kommen oder sie zumindest andeuten. So wie der Bruno und der Franz.

Gerne würde ich mir mein eigenes Urteil bilden. Nicht nur auf Basis von Drittligaspielen (von denen ich, kein Zweifel, zuletzt zu wenige gesehen habe). Und bin, gelegentlichem Grübeln zum Trotz, davon überzeugt, Bruno Labbadia keine Abbitte leisten zu müssen. Wird ihm egal sein.

Verpasste Rekomposition des Mythos Magath

Rants seien ja etwas aus der Mode. Also halten wir weiterhin den Ball flach. Das Interview in der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ vom 2. September (hier online), das sich knappe fünf Bildschirmseiten lang mit Felix Magaths Image beschäftigt, ist gleichwohl ein schönes Beispiel dafür, wie sinnlos der Versuch ist, seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit neu zu komponieren, wenn die Faktenlage allzu eindeutig ist.

Dabei findet man in diesem über viele Jahre hinweg aufgebauten Magath-Bild bestimmt einige Punkte, bei denen ihm unrecht getan wird. So will ich nicht ausschließen, dass er seit 1995 im Schnitt unterdurchschnittlich viele Spieler transferiert hat (Ernsthaft? Hat er so wirklich argumentiert?), vielleicht geht es ihm wirklich nur darum, Spieler besser zu machen, möglicherweise leidet er auch wie ein Hund, wenn irgendwo ein Provinzblatt noch immer mit dem ollen „Quälix“ um die Ecke kommt (auch wenn er das nicht zugeben würde, es also gar nicht Teil des Rekompositionsversuchs sein kann), und vermutlich zählt sein „Ich bin Sportler“ zu den besseren Antworten, die ich bis dato auf die Frage nach dem Selbstverständnis eines Trainers gelesen habe.

Aber letztlich war all das, war jede Chance auf eine offene, wohlwollende Auseinandersetzung mit Magaths Einlassungen zu seinem Image bereits in jenem Moment vertan, in dem die aufmerksame Leserin die allererste Antwort gelesen hatte und gewahr wurde, wohin der Hase lief: zum Gemüse:

„[…] ich erlaube mir schon den Luxus einer gesunden Ernährung. Ich hatte das Glück, dass meine Mutter Wert auf gesundes Essen legte. Bei ihr habe ich das früh mitbekommen, das war damals im Grunde schon biologisch. Nicht viel Fleisch, einmal die Woche Fisch, viel Gemüse. „

 
 
Das ist ja alles gut und schön.
Allein, ich zweifle am Wahrheitsgehalt.
 
 

 
Jaja, ich weiß, möglicherweise musste er in den frühen 80ern kompensieren. Er sagt ja, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch im Interview, er habe „das dann irgendwann wieder“ für sich entdeckt.

Aber wenn sich nach so vielen Jahren die Gelegenheit ergibt, zum einen eine Überschrift (und einen halben Absatz) des Trainers und zum anderen die von Herrn jon dahl so gerne zitierte und auch aktuell zur Verfügung gestellte Magath’sche Fleischantwort zu rekomponieren, ist es halt um so manches und manchen geschehen. Fairness, Seriosität, Bildqualität, Humoranspruch, mich, um deren fünf zu nennen.

Und irgendwann werde ich mich bestimmt auch Robert Long widmen. Oder Toni Schumachers Lieblingsessen. Allen Lieblingsessen, am besten, unter besonderer Berücksichtigung der Kriterien Professionalität, Außendarstellung und Plagiarismus.

Pressemitteilung (Entwurf)

»Frankfurt am Main, 9. Februar 2012.  Der Deutsche Fußball-Bund e. V. (DFB) stellt mit Bedauern fest, dass der Spieler Roman Hubník im gestrigen Spiel des DFB-Pokalwettbewerbs zwischen Hertha BSC und Borussia Mönchengladbach zu Unrecht des Feldes verwiesen wurde. Folglich wird auch keine Sperre gegen Herrn Hubník ausgesprochen.

Der Möglichkeit einer Intervention des Fußballweltverbandes sind wir uns bewusst und sind darüber hinaus bereit, das zugrunde liegende Unfehlbarkeitsprinzip des Schiedsrichters über den vorliegenden Einzelfall hinaus in Frage zu stellen.

Wir betonen vielmehr, dass Schiedsrichter nicht nur sehr wohl fehlbar sind, sondern auch dazu stehen können und sollen. Dr. Felix Brych ist ein herausragender Vertreter seiner Zunft und wird auch künftig als souveräner Spielleiter auf höchstem Niveau überzeugen. Dass es im gestrigen Spiel einem Akteur gelungen ist, ihn zu hintergehen, ärgert niemanden mehr als Dr. Brych selbst.

Die während und nach dem Spiel zum Teil laut gewordenen Vorwürfe, die Fußballmafia DFB habe Einfluss auf den Ausgang der Viertelfinalspiele genommen, sind infam und – eingedenk des ehrenvollen Ausscheidens der TSG 1899 Hoffenheim – nachgerade ehrabschneidend.

Im Lichte der zurückliegenden Pokalspiele wird der DFB an die Fernsehanstalten appellieren, künftig keine Spiele mehr zu übertragen, bei denen unüberbrückbare Unterschiede von drei (Kiel) oder mehr (Stuttgart) Klassen den Gebührenzahler zu beleidigen drohen.

Im Übrigen sind wir der Meinung, dass Igor de Camargo eine erbärmliche Wurst ist.«

Auf allen Bühnen zu Hause.

Der hiesige Hausherr ist ja blogmäßig eher so ein Stubenhocker. Einer, der bei seinen Leisten bleibt, mit einer gewissen Regelmäßigkeit Texte schreibt und veröffentlicht, ab und zu auch mal ein wenig Statistik einfließen lässt, und das war’s dann auch. Andere sind da vielseitiger. Drehen Videos, podcasten, erstellen Infografikmassaker, interviewen, oder:

lesen.

Der Trainer macht Sachen. Wer ihn selbst und seine Radiostimme kennt, dürfte wie ich davon ausgehen, dass er auch im djäzz eine hervorragende Figur abgeben wird. Und sich wie ich darüber ärgern, dass es nichts wird mit einer Duisburgreise am Donnerstag. Viel Spaß all jenen, die diesbezüglich in einer komfortableren Situation sind.

Wieder andere wollen drucken. So zum Beispiel @gses, der früher im Rasenschach-Magazin gebloggt hat und jetzt eine gedruckte Bloggerzeitschrift in Angriff nimmt:

Der Blogger“ soll ein neues monatliches Printmagazin werden und die Qualität der deutschen Blogosphäre in einem Druckwerk bündeln.
Wer Artikel ohne politischen Druck oder verlagsinterne Vorgaben lesen möchte, ist hier richtig.
Eine Zeitschrift von Bloggern für alle, die Meinungen und Hintergründe zu Politik, Wirtschaft, Sport, Kultur, Technik und gesellschaftskritischen Themen lesen möchten.

Das Projekt soll über Crowdfunding verwirklicht werden, von dem ich keine Ahnung habe. Aber inhaltlich gefällt mir der Gedanke und ich bin sehr gespannt, was draus wird. Wer ähnlich denkt, möge „Fan werden“ (für die Formulierung kann vermutlich auch @gses nichts) und so dazu beitragen, dass „der Blogger“ zur Förderung freigegeben werden kann.

Da wir grade beim Drucken sind: es ist mir furchtbar unangenehm und völlig unerklärlich, dass in diesem Blog noch nie ein Hinweis auf Janniks wunderbares Buch stand, in dem er seine Blogtexte zum letztjährigen Gladbacher Klassenerhalt sammelte und veröffentlichte. Jannik, Ihr wisst schon, Entscheidend is auf’m Platz, eines der besten Blogs der Welt, das leider seit Monaten brach liegt. Wer eine Schwäche für die Borussia, für eine gute Story oder einfach für gelungene Texte hat, liegt mit seinen Werken genau richtig. Und wenn einem all das abgehen sollte, kann man immer noch eine gutes Werk tun und den Kindertraum Nettetal e.V. unterstützen: „So weit die Raute trägt

Ballpod. Oder Ballpodder. Remember? Genau. Einige Menschen, die gerne mal die eine oder andere Zeile über Fußball schreiben, haben vor einiger Zeit auch ein paar Versuche unternommen, darüber zu reden. Sebastian Fiebrig hat das Ganze noch einmal aufgegriffen, in sehr angenehmer Form, wie ich finde, und wie ich ihn kenne, wird es nun mit weitaus mehr Entschlossenheit voran getrieben. Für die Nullnummer hat er sich vergangene Woche Herrn @probek eingeladen, um ein wenig über die Bayern zu reden.

Vielleicht sollte ich irgendwann auch mal sprechen lernen.