Mors, Mors

Im Frühjahr 2015 erhielt ich eine E-Mail, in der mich jemand frug, ob ich einen Text zu einem Buch beitragen wolle, einem Buch über Fußball. Und Sprache. Begriffe der Fußballrhetorik. Ich wolle gern, antwortete ich, so ich denn in der Lage sei, einen hinreichend guten und dem Verständnis der Herausgeber entsprechenden Text zu verfassen. 

Wir mailten noch ein paar Mal hin und her, irgendwann hatte ich dann eine Version, mit der ich zwar nicht uneingeschränkt glücklich war, die ich aber nach meiner Einschätzung aus der Hand geben konnte, ohne mich zu blamieren. Also gab ich sie weiter, durchaus damit rechnend, eine mehr oder weniger freundliche Absage zu erhalten – die das seitens der Herausgeber aufgezeigte Prozedere auch vorsah. Allein: sie kam nicht.

Keine Absage. Auch keine Zusage. Keine Bitte um Geduld. Ich habe nie mehr etwas von der betreffenden Person gehört. Auch eine zumindest nicht unfreundliche Nachfrage meinerseits Monate später rief keine Reaktion hervor, und nach und nach verschwand der Vorgang in einer selten besuchten Sektion meines Gedächtnisses.

Und so war ich dann doch überrascht, als mich kürzlich jemand auf eben dieses Buch hinwies, das Anfang des Jahres offenbar tatsächlich erschienen ist. Ohne meinen Text, vermutlich. Völlig in Ordnung. Nur die Kommunikation, die war eher so mittel.

Da mein Text aber noch immer hier rumliegt, und weil sich in diesem Blog ohnehin viel zu selten etwas tut, nun, Sie wissen schon. Hier also ein Text aus dem Jahr 2015, dem man sein Alter an der einen oder anderen Stelle auch anmerkt, allein schon von den Namen her.

 

Wasserträger

Wasserträger. Ein Begriff, der uns beim Fußball – spielend wie schauend – seit Jahrzehnten begegnet. Begegnete, muss man heute vielleicht korrekter sagen. Vergangenheit. Abgeschlossen. Oder können Sie sich noch an Ihre letzte Begegnung mit dieser Spezies erinnern? Sprachen die Béla Réthys dieser Welt, oder zumindest unserer Fernsehlandschaft, in diesem Jahrtausend schon einmal vom selbstlosen Einsatz oder den unterschätzten Qualitäten eines Wasserträgers?

Und wenn ja: wie hieß er? Denn ist es nicht so, dass die meisten von uns, je nach Alter und fußballerischer Sozialisierung, diesen Begriff mit mindestens einem konkreten Spieler in Verbindung bringen? Herbert Wimmer zählt zu den üblichen Verdächtigen, gilt vielleicht gar als Hauptverdächtiger, Heinz Simmet war sein Pendant auf der anderen Seite des Netzer-Overath-Grabens. Spätere Exponenten heißen Wolfgang Dremmler, Steffen Freund, Claude Makélélé, Rolf Aldag oder Thomas Häßler.

„Moment!“, höre ich Sie sagen, und ja, Sie haben recht, doppelt: Häßler? Der Thomas Häßler? Der mit dem Zauberfuß? Ein Mann für die großen Momente als Wasserträger? Ja, in der Tat. Damals, in Dortmund, als Trainernovize Michael Skibbe dem nicht allzu wohlgelittenen Weltmeister immerhin Talent bescheinigte und Schnappschüsse des eine Wasserkiste tragenden Häßler mit der passenden Bildunterschrift versehen wurden. Vom Weltmeister zum Wasserträger, oder Variationen davon. Das Ausmaß des entstandenen Spotts, aber auch der von Häßler empfundenen Kränkung, wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die mediale Berichterstattung, sondern auch auf die Wertschätzung, die dem gemeinen Wasserträger in aller Regel zuteilwurde.

Und, gewiss: Auch Rolf Aldag passt nicht recht in die Reihe. Ein Wasserträger war er schon, par excellence und im Wortsinn sogar, nur nicht beim Fußball. Aldag fuhr Rad, wir erinnern uns, und trug seinen Teil dazu bei, dass der eine oder andere unter uns bis heute davon ausgeht, der Fußballbegriff des Wasserträgers habe seinen Ursprung im Radsport. Dort leisten die etwas weniger begabten Athleten Zubringerdienste für ihren Kapitän – darunter ganz konkret auch das Herantragen von Wasserflaschen –, auf dass jener, von derlei profanen Tätigkeiten befreit, explizit für die ganz großen Momente sorgen möge. Eine Erwartungshaltung, der Exponenten wie Ullrich oder Indurain, aber auch Netzer oder Zidane dann ja durchaus gerecht wurden.

Gut möglich, dass der Wasserträger tatsächlich aus dem Radsport herübergeschwappt ist, doch de facto ist der Begriff wesentlich älter als, sagen wir, die Tour de France – Wikipedia spricht von einem historischen Dienstleistungsberuf, seine Vertreter werden gelegentlich als niedere Arbeiter beschrieben. Zahllose religiöse Texte in diesem unserem Internet verweisen zudem auf die Hochzeit von Kana und das „Wunder der Verwandlung“, das die ungebildeten Wasserträger nicht sehen, nicht begreifen. Oder anders, heruntergebrochen und adaptiert: Wie sollte ein schnöder Wasserträger jene Wunder durchschauen, die beispielsweise eine deutsche Lichtgestalt oder ein niederländischer König auf der Höhe ihrer jeweiligen Schaffenskraft uns allen, Gläubigen wie Ungläubigen, auf dem Feld, den Rängen oder an den Bildschirmen schenkten?

Den Kontrast zu ihrer Kunst bildet das Wassertragen: eine profane Dienstleistung sei es, mitunter auch eine Zuarbeit. Aber, zweifellos, eine wichtige. Historisch gesehen, als sich das Wasser noch nicht selbstverständlich aus dem Hahn ergoss und lebensechte Wasserträger Abhilfe schafften – in Hamburg denkt man womöglich an Hans Hummel –, aber auch in unserem übertragenen Kontext, wiewohl weniger existenziell, im Peloton oder auf dem Fußballplatz – in Hamburg denkt man vielleicht an Jürgen Groh oder Wolfgang Rolff.

Womit wir beim heutigen Wasserträgerdilemma angekommen wären: Da, wo früher Namen wie Rolff, Groh oder Eilts standen, lesen wir heute Modrić, Alcántara, Busquets oder Touré. Oder, um auf der heimischen Scholle zu bleiben, Lahm, Gündoğan oder
Schweinsteiger. Wasserträger klingen anders, nicht wahr?

Natürlich ist das eine Zuspitzung, gewiss besetzen die genannten Spieler unterschiedliche Positionen und Räume auf dem Feld, und vor allem: auf unterschiedliche Art und Weise. Das Spiel hat sich gewandelt, die Rollen ebenso, die Anforderungen erst recht. Oder anders: Wenn Andrea Pirlo oder Xabi Alonso in einem taktischen Schema just dort verortet werden, wo sich klassische Wasserträger gemeinhin tummelten, dann liegt der spontane Quervergleich zu Guido Buchwald nur wenigen Beobachtern auf der Zunge.

Die Aufgaben, die ein “defensiver” Mittelfeldspieler heute erfüllt, haben zwar noch eine nennenswerte Schnittmenge mit dem Selbstverständnis von, sagen wir, Jens Jeremies; dass sie aber weit darüber hinausgehen, dürfte als Binsenweisheit durchgehen. Und dass mit den sportlichen Veränderungen auch ein sprachlicher Wandel einherging, wird ebenfalls niemanden überraschen.

Gut möglich, dass sich schon Jeremies nicht als „Wasserträger“ bezeichnet hätte. Ging mir selbst ja auch so, einem um viele Größenordnungen unbegabteren Fußballspieler als Jens Jeremies, als ich Mitte der Neunziger „vor der Abwehr“ spielte: Natürlich war ich ein Dienstleister für die Mannschaft, keine Frage, aber doch kein reiner Zuarbeiter für den großen Helden und seine strahlenden Auftritte, wo denken Sie hin?! Zumal wir damals alle unter dem Eindruck von Matthias Sammer standen, dem Libero vor der Abwehr, der erste Schritte unternahm, den deutschen Fußball wieder auf die Höhe der Zeit zu heben. Und dabei, wenn man so will, die Wasserträgerposition gleich mit vereinnahmte.

Der Wasserträger hat sich überlebt. Dass es ihn im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr gibt, mag dem ehrenwerten namensgebenden Beruf nicht gerecht werden, dem Selbstverständnis des gemeinen Sechsers indes sehr wohl: Vermutlich sieht er sich, um noch einmal eine Anleihe beim Radsport zu nehmen, vielmehr als Edelhelfer. Mindestens.

Und das zu Recht. Es reicht nicht mehr, das Wasser zu reichen. Im Idealfall ist der Edelhelfer in der Lage, es auch gleich zu Wein zu verwandeln, zumindest aber sollte er in der Lage sein, es einzugießen und mundgerecht zu servieren.

Das Wunder der Verwandlung mag mitunter noch immer den einstigen Helden, den Nachfahren des Spielmachers klassischer Prägung, den Zehnern obliegen. So sie denn noch mitspielen dürfen. De facto müssen sie in zunehmendem und beträchtlichem Maße bereit sein, ihr Wasser selbst zu tragen. Und es gegebenenfalls zu teilen oder gar weiterzugeben. Wie einst Thomas Häßler.

„Videobeweis, Videobeweis!“

Den Zusammenprall zwischen Koen Casteels und Christian Gentner konnte ich aus meinem Blickwinkel nur schlecht erkennen, die Heftigkeit und den Ort des Kontakts lediglich erahnen. Was ich sehen konnte, war eine sehr rasche und dringliche Reaktion von Casteels, als er einen ersten Eindruck von der Schwere der Verletzung gewonnen hatte, seinen Schrecken, sein Bemühen um eine rasche Unterbrechung und Behandlung. Ich sah Spieler beider Farben, die ihn, von seinen Aktivitäten aufgeschreckt, darin unterstützten und sah letztlich zwei Mitglieder des medizinischen Teams des VfB, die die Erlaubnis, den Platz zu betreten, nicht abzuwarten schienen, sondern eigenmächtig zu Gentner eilten, und ein bisschen dachte ich dabei an Rugby, der Behandlung während des Spiels wegen, und was das doch in mancherlei Hinsicht für ein kluger Sport sei.

Was ich nicht sah: einen Schiedsrichter, hier Guido Winkmann, der auf die Situation reagierte. Oder einen Assistenten. Einen vierten Offiziellen. Oder irgendeinen Hinweis darauf, dass der Videoassistent schnellen Handlungsbedarf signalisiert haben könnte, worauf der Schiedsrichter dann reagiert hätte. Natürlich lässt sich das im Nachhinein leicht sagen. Es war nicht auszuschließen, dass Gentner nur simulierte, man führte ja, und dass Casteels aus irgendeinem Grund darauf hereingefallen sei, und hätte der Schiedsrichter dann den Konter unterbrochen, wäre er in Erklärungsnot geraten. Mag sein. Ändert in meinen Augen nichts daran, dass das Schiedsrichterteam, und ich glaube sagen zu können, dass ich derlei selten leichtfertig behaupte, dass also Herr Winkmann und seine Gehilfen in dieser Situation schlichtweg versagt haben und ihrer Verantwortung für die Gesundheit der Spieler nicht gerecht geworden sind.

Was ich auch nicht gesehen habe: Die große Wolfsburger Ausgleichschance kurz vor Schluss. Meine Augen waren bei Dr. Raymond Best (der bei Sport im Dritten zum Entsetzen meiner Frau wie Chandler ausgesprochen wurde, nicht wie Steylaerts oder Ceulemans), der noch einmal zurück zur Bank spurtete, nachdem Christian Gentner bereits auf der Trage das Stadion verlassen hatte. Kaum einen Blick hatte ich mehr für das Spiel, zu bedrohlich erschien mir das Ganze, zu geschäftig die Sanitäter, zu ernst wirkten einzelne Akteure, zu lebhaft waren die Bilder in meinem Kopf, davon ausgehend, dass es ja nur um Gentners Kopf oder die (Hals-)Wirbelsäule gehen konnte.

Offensichtlich war ich damit nicht ganz allein. Ein Herr im Nachbarblock, den ich seit längerem im Verdacht habe, der klügste Mann der Kurve zu sein, hing ebenfalls noch länger bei der Gentner-Szene fest. Wenn auch aus anderem Grund. „Videobeweis! Videobeweis!“ krakeelte er, garniert mit einigen Beleidigungen für Schiedsrichter und Verband, sowohl während der Behandlungspause als auch nach der Spielfortsetzung, und speziell in der ersten Phase, als im Grunde alles die Luft anhielt, dachte ich ganz kurz, dass ich mich gerne einmal mit ihm über seine Prioritäten unterhalten würde, über Elfmeter, gelbe und rote Karten und möglicherweise lebensbedrohliche Verletzungen, was sie dann offenbar und glücklicherweise nicht waren, und ziemlich rasch wähnte ich mich wieder im Neckarstadion des Jahres 2006, als dem augenscheinlich schwer verletzten Bremer Torhüter Andreas Reinke nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Martin Stranzl ein choreografiertes „Steh auf, Du Sau!“ zugerufen wurde, für das ich mich, wiewohl nicht beteiligt, so geschämt habe wie niemals sonst in einem Fußballstadion.

Ich kam dann übrigens rasch wieder ab von dem Gedanken, mich mit ihm unterhalten zu wollen. Aber ja, so’n bisschen Empathie, das wär was. Völlig unabhängig von Schiedsrichterentscheidungen, von Vereinszugehörigkeiten und Animositäten. Aber ich schweife ab.

Das Spiel hatte übrigens Spaß gemacht. Santiago Ascacíbar spielte sich nicht ganz unerwartet in die Herzen der Stuttgarter Fans, Anastasios Donis begann wie einst Julian Green mit viel Zug nach innen, beweis dann aber, dass er im Gegensatz zu Green auch willens und in der Lage ist, außen vorbei zu gehen, Chadrac Akolo machte mit einer großartigen Aktion die ungelenken Vorläufer der ersten halben Stunde vergessen, und hinten hielt Benjamin Pavard den Laden zusammen. Ein andermal mehr.

Zidane schweigt, Rebiger nicht

Sie kennen das, nicht wahr? Man möchte noch schnell was schreiben, und eigentlich auch noch was zweites, ganz anderes, und ständig kommt was dazwischen, aber es ist einem ja wirklich ein Anliegen, beides, vielleicht könnte man das ja in einen Topf, Sie wissen schon, und eine hübsche Überschrift hat man ja auch schon, geklaut natürlich, aber schön, doch sie deckt den zweiten Teil nicht ab, und überhaupt passen die Inhalte ja eh nicht recht zusammen, aber, puh, gleich zwei Sachen veröffentlichen, muss ja auch nicht sein, ne, und, dann, tja, ach egal.

Vor ein paar Tagen hatte ich das Vergnügen, ein elektronisches Buch zu lesen. Der geschätzte Frédéric Valin („Wäre ihr Spielstil eine Sprache, es gäbe keine Relativsätze, Adjektive nur an Sonntagen.“ Über wen er das gesagt hat, in seiner EM-Vorschau? Schlagen Sie nach!) hat mir dieses Buch an die Hand gegeben, elektronisch, wie gesagt, aus der Elektrobibliothek, und ich wusste zwar ungefähr, worum es gehen und dass es mich interessieren, nicht aber, dass er mich bereits mit dem Titel komplett für das Büchlein einnehmen würde. Dieser Titel lautet eben, Sie mögen es geahnt haben, „Zidane schweigt“, auch wenn er, Zidane, wie auch im Text zur Sprache kommt, sich in mindestens einem Fall dann doch nicht daran halten konnte und reden musste, und vielleicht sollte ich hinzufügen, dass der Diminutiv „Büchlein“ einzig und allein darauf hinweisen soll, dass es sich, wäre das Buch ein physisches, um einen eher dünnen, rasch zu lesenden Band handelt, keineswegs aber um leichte, gar seichte Kost.

Gut zu lesen sind seine Texte ohnehin, wenn man seinen Stil mag, und ich gebe zu, dass mir kaum Gründe einfielen, ihn nicht zu mögen. Inhaltlich sieht das schon ein bisschen anders aus, also zumindest dann, wenn man wie ich große Stücke auf Mario Gomez hält, aber das soll an dieser Stelle nichts zur Sache tun, denn in besagtem Buch geht es zwar auch um Fußball, ganz intensiv um Fußball, aber zum einen nur bedingt um deutschen Fußball und zum anderen auch weit darüber hinaus um eine politische und vor allem gesellschaftliche Komponente, die dem Autor ganz offensichtlich am Herzen liegt.

Frédéric Valin, der Name lässt es erahnen, ist nach eigenen Angaben „sehr französisch sozialisiert“, und so befasst er sich in „Zidane schweigt“ mit dem französischen Fußball der letzten Jahrzehnte und in besonderem Maße seit 1998, seit jenem Sieg, den der Klappentext als „Beweis für ein Gelingen des Multikulturalismus in Frankreich“ anführt und der auch den Ausgangspunkt des Textes darstellt. Frédéric begleitet diese französische Nationalmannschaft durch die folgenden Jahre bis hin zum Kulminationspunkt in Knysna, einem Ort, der im französischen Fußball einen Klang hat wie hierzulande Gijón oder Córdoba, tatsächlich aber weit über den sportlichen Aspekt hinausreicht – anders als die beiden genannten Tiefpunkte deutscher Fußballhistorie bezieht sich Knysna nicht auf ein konkretes Fußballspiel, sondern auf die verheerenden, großteils fußballfremden Geschehnisse im französischen Quartier während der WM 2010. Und nein, den Schlucksee akzeptiere ich nicht als Vergleich.

Knysna, so der Autor, war für die extreme Rechte, und damit sind wir also deutlich im politischen Bereich „ein Geschenk des Himmels“. Sie konnte die dortigen Vorgänge in ihrem Sinne deuten und auch rasch die öffentliche Wahrnehmung dominieren, in Frédérics Worten zeigten „die Medien ein Zerrbild einer Gesellschaft, die – so die Moral von Knysna – nicht funktionieren kann: eine voller Einwanderer, unterentwickelten Schulabbrechern, Leuten, die in den Straßenschluchten der Banlieues abhängen.“

Dieser Weg, von 1998 bis 2010, von ganz oben in einer keineswegs linearen Bewegung nach ziemlich weit unten, steht im Zentrum des Buches, mit viel Fußball, aber auch mit vielen gesellschaftlichen und politischen Betrachtungen, die deutlich weiter zurückreichen, zu Mitterrand, zu Tapie, und natürlich zum Aufstieg Jean-Marie Le Pens und seines Front National, und von dort dann wieder chronologisch nach vorne zur Ankunft von dessen Tochter in der Mitte der Gesellschaft.

Ich glaube, mich im französischen Fußball der letzten zwanzig Jahre ganz gut auszukennen, und auch gesellschaftspolitische Entwicklungen bei unseren Nachbarn verfolge ich stets interessiert. Dass dennoch mit der Zeit manches verloren geht, liegt auf der Hand, und auch vor diesem Hintergrund war es sehr aufschlussreich, sowohl sportliche als auch gesellschaftliche als auch politische Ereignisse nochmals vor Augen geführt, erläutert und eingeordnet zu bekommen. Dabei laufen die einzelnen Ebenen mitunter nebeneinander her, mit gelegentlich recht abrupten Themen- und Schauplatzwechseln, die einem Thriller zur Ehre gereichen würden; zum Teil werden aber auch von Anfang an die Querverbindungen zwischen Fußball bzw. ganz konkret der französischen Nationalmannschaft und der französischen Gesellschaft hergestellt. Besonders deutlich werden sie meines Erachtens etwa ab der Hälfte des Buches, wenn es verstärkt auf Knysna zusteuert und wenn der Autor, und damit der Leser, vielleicht auch schlichtweg von den Grundlagen profitiert, die im ersten Teil gelegt wurden.

Das Buch „Zidane schweigt“ von Frédéric Valin ist im Verbrecher Verlag erschienen, und das, wie bereits erwähnt, ausschließlich elektronisch im Rahmen der neuen „Edition Elektrobibliothek“ des Verlags. In dieser Reihe sollen künftig Romane, Erzählungen und Essais lebender Autorinnen und Autoren in ausschließlich elektronischer Form veröffentlicht werden. Ich habe keine Beziehung zu dem Verlag, bin aber Frédéric Valin bereits begegnet und schätze sein Werk sehr.

Eine andere Person, deren Werk ich sehr schätze, ist Herr Rebiger. Oder @rebiger, bei Twitter. Dieser Herr Rebiger hat sich zu meiner großen Freude und analog zur Weltmeisterschaft 2014 bereit erklärt, wiederum gemeinsam mit mir und interessierten Gästen das Turnier in Fünfzeilern zu begleiten: in der Doppelfünf.

Wir sind mit einer kurzen Historie der Europameisterschaften eingestiegen, haben dies und jenes kommentiert und zuletzt eine kurze Prognose zu den einzelnen Gruppen vorgelegt. Nun wird es Zeit, dass es losgeht, und wenn alles nach Plan läuft, sollte in den nächsten Wochen, Ausnahmen bestätigen die Regel, jedes Spiel der EM von mindestens zwei Leuten in je fünf Zeilen kommentiert werden. Vielleicht möchte ja jemand mal reinschauen und am liebsten auch noch mitreimen. Bei Twitter gibt’s uns unter @doppelfuenf2016.

Hier ein kleiner Vorgeschmack, ein Outtake sozusagen, der in der historischen Betrachtung einen Tick zu spät kam und unveröffentlicht blieb (die Sprachwahl ist hier dem Veranstaltungsort geschuldet, stellt aber eher die Ausnahme dar):

1996
Thanks to Shearer, they seemed on their way,
but Germany’s Kuntz countered: Nay.
Darren Anderton missed
So football (the twist!)
had come home, but the cup didn’t stay.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wellenreiter

Das Flüchtlingsthema bewegt mich. Ja, schon klar, das ist nichts Besonderes, geht uns wohl allen so, vielleicht nicht in jedem Fall so, wie ich es mir wünschen würde, aber es bewegt. Wie ich es mir denn wünschen würde? Gute Frage. Da wollte ich schon lange mal was zu gesagt haben, brachte es aber bisher nicht auf den Punkt. Es ist ja leider nicht ganz so einfach, wie wir es gerne hätten. Wenn es aus Bayern heißt, man müsse wegen des Oktoberfestes einen Riegel vorschieben, dann lässt sich das erst einmal leicht von der Hand weisen, garniert mit dem Hinweis auf die CSU und ihr Weltbild. Hab ich auch getan. Wenn aus dem hiesigen Staatsministerium ein vorübergehender Aufnahmestopp verkündet wird, und sei er nur von kurzer Dauer, echauffieren wir uns zwar reflexartig, aber auch begründet. Schließlich gilt die Maxime Refugees welcome!

Gleichzeitig wissen wir, der Vernunft und unserem gesunden Menschenverstand folgend, dass es im einen wie im anderen Fall, und nicht nur in den genannten, objektiv gesehen stichhaltige Gründe gibt. Hinsichtlich des Oktoberfestes haben die taz und die Süddeutsche, die beide nicht zwingend im Verdacht stehen, Herrn Seehofer über die Maßen zu verehren, deutlich gemacht, dass München die Belastungen nicht stemmen könnte. Und dass Verwaltungen und Standorte, so auch in Baden-Württemberg, kurzzeitig an Grenzen stoßen können und in dieser Zeit andere noch etwas stärker in der Pflicht stehen, sollte selbstverständlich sein. Was zum Beispiel für Baden-Württemberg in der vergangenen Woche galt, aber eben auch für München in den kommenden Wochen gelten sollte – nicht zuletzt im Lichte der mehr als bemerkenswerten Arbeit, die dort in den letzten Wochen geleistet wurde.

Aber ich wollte gar nicht in die Grundlagen der deutschen und europäischen Asylpolitik einsteigen. Zum einen mangels vertiefter Kenntnisse, zum anderen in der Überzeugung, dass aktuell nicht binnen Tagen in vernünftige Bahnen gebracht werden kann, was man über Jahre versäumt hat. Natürlich muss man konzeptionell Dinge verbessern, und zweifellos muss man anerkennen, dass es eine theoretische Grenze der Belastbarkeit gibt, über deren Verortung man trefflich streiten kann. Dass sie, bundes- und EU-weit betrachtet, noch lange nicht erreicht ist, darüber besteht, wenn ich nicht furchtbar irre, in meinem Umfeld weitgehend Konsens.

Doch wie gesagt: die Priorität liegt gegenwärtig nicht bei Grundsatzfragen, oder sollte sie zumindest nicht. Vielmehr geht es, wir wissen es alle, haben die Sondersendungen verfolgt, die Bilder gesehen, uns in der einen oder anderen Form eingebracht, um schnelle, tatkräftige Hilfe, um die Verhinderung von Katastrophen, vielleicht auch nur deren Milderung, um Menschlichkeit und, ja, Nächstenliebe. Große Worte, die nicht ohne Grund groß sind.

Deshalb steht über allem im Moment die rasche, unmittelbare Hilfe für Menschen, deren Verzweiflung wir vermutlich nicht begreifen können. Die „Reisen“, die sie auf sich genommen haben, die sie ihren Familien und Kindern aufbürden, und die mit Adjektiven wie „abenteuerlich“, „wahnwitzig“ oder „lebensgefährlich“ nicht einmal ansatzweise beschrieben sind, dürften uns aber eine Ahnung vermitteln. Sie brauchen unseren Beistand, und viele haben ihn in den letzten Wochen bekommen. Gleichzeitig wissen wir alle, dass die beeindruckende Hilfswelle nicht ewig anhalten kann, nicht zuletzt deshalb, weil sie nach wie vor auf zu wenigen wirklich tragfähigen Schultern ruht.

Umso wichtiger ist es, dass die Botschaft nach draußen getragen wird, auch zu jenen, die in den vergangenen Wochen und Monaten keinen rechten Grund sahen, sich mit dem Thema zu beschäftigen, oder zu jenen, denen wieder und wieder suggeriert wurde, dass die Not leidenden Menschen vor unserer Tür gar nicht Not litten, dass sie nicht in erster Linie von Zuhause weg wollen (was per se eine starke Vermutung ist), sondern dass sie im Grunde in erster Linie hierher wollen, zu uns, nach Deutschland, weil es ihnen hier, weit weg von daheim, noch besser geht als dort, weil sie uns unseren Wohlstand streitig machen, unsere Arbeit rauben, unsere Frauen und Männer wegnehmen und unsere Kinder fressen wollen.

Dass Menschen so etwas glauben, liegt zu einem ganz wesentlichen Teil an der BILD. Andernorts werden Sie B*LD lesen, oder ZEITUNG, oder die Zeitungsattrappe mit den vier Buchstaben, oder das Springer-Hetzblatt, oder das Organ der Niedertracht. Letzteres schreibe ich auch gerne mal, Max Goldt zitierend, Sie wissen schon. Grundsätzlich neige ich gleichwohl dazu, aber das nur am Rande, sie beim Namen zu nennen. Wir wollen sie dann ja auch nicht mystifizieren und Herrn Diekmann zum Dark Lord stilisieren.

Wie auch immer: diese BILD ist seit Jahr und Tag ganz weit vorne dabei, um es sehr zurückhaltend ausdrücken, wenn es darum geht, gegen ausländische Mitbürger, Migranten, Asylbewerber, Flüchtlinge, kurz: „kriminelle Ausländer“ zu hetzen. Ich werde das nicht mit Verweisen belegen, zähle es vielmehr zum Kanon unseres Allgemeinwissens.

Und eben diese BILD hat kürzlich eine Kehrtwende vollzogen. Eine Kehrtwende, die der wunderbare Wochenendrebell, dessen Verve und Entschlossenheit beim Einsatz für Flüchtlinge und gegen Nazis, Rassisten und so weiter mich Tag für Tag aufs Neue beeindrucken, sehr treffend als die „[aktuelle], zeitlich wie immer [befristete] Bild-Botschaft, Flüchtlinge wären in Deutschland willkommen“ bezeichnet. Schließlich wissen wir alle, dass sich der Wind gerade dort recht zügig wieder drehen wird.

Im Moment aber inszeniert man sich, ich sagte es, als Begründer einer neuen Empfangskultur, und, ja, erreicht damit auch Menschen. Es mag sein, dass sich diese Menschen darüber wundern, dass all das, was ihnen seit Jahren eingetrichtert wurde, nun gar nicht mehr stimmt. Es sollte nur nicht sein, dass diese Menschen in einigen Wochen die erneute Kehrtwende hin zur Diffamierung der bösen Asylanten auch wieder mitmachen.

Für den Moment aber: hey, super, BILD! Schöne Botschaft. Und weil wir grade dabei sind, Öffentlichkeit zu schaffen für „Refugees welcome“, spielt BILD gleich den höchsten Trumpf: sie koaliert mit der Bundesliga. Und die macht freudig mit. Ist doch klasse! Nirgends erreicht man so viele Menschen wie beim Fußball, und möglicherweise findet man auch kaum irgendwo anders so viele, sagen wir, in Flüchtlingsfragen Unentschlossene oder bisher nur leicht in die andere Richtung Geneigte, die zu sensibilisieren sich lohnen würde.

Abgesehen von der etwas unglücklichen Verwendung von „sensibilisieren“ im Zusammenhang mit der BILD bleibt festzuhalten, dass das vermutlich stimmt. Die Bundesliga ist in der Pflicht, diese Menschen zu erreichen, der VfB Stuttgart, der wie viele andere Vereine schon einiges tut, ist in der Pflicht, und wenn es der Sache dient, dann sollen sie halt in Gottes Namen mit dem Teufel paktieren, solange er noch das Engelsgewand trägt.

So kann man es sehen. Und ich gebe zu, im Grundsatz bin ich ein großer Anhänger der Haltung, dass es um die Sache geht und nicht darum, wer sich einen Erfolg letztlich auf die Fahnen schreibt. Ergebnis schlägt Eitelkeit, und Ergebnis schlägt bis zu einem gewissen Grad sogar den fauligen Geschmack im Mund, wenn man sich mit einem Organ der Niedertracht eingelassen hat, dem man keine zwei Millimeter über den Weg traut. Schließlich geht es um die Flüchtlinge, und wer wäre ich, wer wäre der VfB Stuttgart, wer wäre Hermes, wer die Bundesliga, sich der Fansensibilisierung mit Hilfe der BILD zu verschließen?

Schließlich geht es um die Flüchtlinge, sagte ich. Ist das denn wirklich so? Oder ist es vielmehr so, dass die BILD eine Welle reitet, die zufällig gerade, bitte verzeihen sie die Formulierung, ein paar Flüchtlinge an Land spült, an ein fürs Erste rettendes Ufer? Eine Welle, die bei der nächsten Flaute, und die kommt gerne mal ziemlich schnell, längst vergessen ist, an einem Strandabschnitt, den die Wellenreiter längst wieder verlassen haben, nicht ohne noch ein bisschen, im Zweifel auch lautstark, über den ganzen Dreck zu schimpfen, den die Welle dort hingetragen hat. Ach, Metaphern! Aber Sie verstehen mich, hoffe ich.

BILD zumindest geht es eher am Rande um die Flüchtlinge, wie Chefredakteur Diekmann heute in bemerkenswerter Weise deutlich machte, als bekannt wurde, dass der FC St. Pauli keinen von BILD gesponserten Aufnäher mit der Aufschrift „Wir helfen“ bzw. #refugeeswelcome tragen wird. Der Verein verwies durch Andreas Rettig auf bestehende diesbezügliche Aktivitäten. Er verwies nicht auf seine grundsätzliche Haltung zur BILD, aber selbst der kicker, der sich nicht entblödete, von einem „Boykott“ durch St. Pauli zu sprechen, bemerkte, zwischen den Zeilen, dass der offizielle Grund nicht der einzige sein dürfte.

Wie auch immer: als St. Paulis Ablehnung bekannt wurde, äußerte sich Diekmann bei Twitter dahingehend, dass der FC St. Pauli „kein Herz für Flüchtlinge“ habe, bzw. noch direkter, dass „#refugeesnotwelcome“ seien. Auf bild.de garnierte man zudem einen Artikel, in dem Vertreter einiger Bundesligavereine die BILD-Aktion und sich selbst ein bisschen feierten, mit einem unverschämten Kommentar:

„‚… Wir helfen – #refugeeswelcome‘ ist eine großartige Initiative, die wir sehr gern unterstützen!‘

Schade, dass das nicht alle so sehen…“

Wie kommt dieses Organ der Niedertracht, und wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass es eines ist, wäre dieser spätestens heute erbracht gewesen, dazu, die Aktivitäten des FC St. Pauli, eines Vereins, dem man manches nachsagen kann, der einem zu kultig und in Marketingfragen zu kreativ sein mag, dessen Engagement in sozialen Fragen und auch und gerade bei Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Rassismus oder eben der Hilfe für Flüchtlinge aber nicht nur völlig außer Frage steht, sondern vielmehr weithin als führend gilt, wie kommt konkret dieser spätberufene Zwischendurchflüchtlingsversteher dazu, St. Pauli derart zu diskreditieren? Ach ja, klar: die Welle. Um die geht es. Und kurzfristig werden ein paar Flüchtlinge an Land gespült.

Lieber VfB Stuttgart, liebe Bundesliga, mal im Ernst: das könnt Ihr doch alleine, das mit dem Engagement für die Flüchtlinge? Da braucht Ihr doch keine BILD? Und keine Welle. Ein langer, ruhiger Fluß, das wär doch was. Der in diesen Tagen gerne etwas zügiger fließen darf, der aber vor allem nicht in einigen Wochen versiegt.

Blog, Stock und 20 fragwürdige Fakten*

Zu den Dingen, die man hier eher selten findet, zählt das, was gemeinhin Stöckchen genannt wird, also einen Fragebogen, der von verschiedenen Blogautorinnen und Blogautoren ausgefüllt wird. Möglicherweise fand bis dato noch gar keines den Weg in dieses Blog, aber ich würde es nicht beschwören wollen.

Der Grund dafür könnte darin bestehen, dass mir niemand Stöckchen zuwirft. Oder dass ich mir nicht so viel aus solchen Aktionen mache. Was sich leicht unter Verweis auf mein mehrfaches Ausfüllen des 11Freunde-Blogger-Fragebogens, so man dieses nicht unter Narzissmus und Eitelkeit ablegen möchte, widerlegen lässt. Und mit meiner Freude am Lesen Proust’scher Fragebögen.

Worauf man wiederum entgegnen könnte, dass Lesen und Ausfüllen etwa so viel gemein haben wie das Lesen und das Schreiben von Büchern. Ersteres nimmt einen beträchtlichen Teil meiner Zeit in Anspruch, Letzteres überfordert mich. Wie die geneigte Leserin gerade erahnen mag, überfordert mich tendenziell auch das Beantworten eines Stöckchens.

Ach komm, geh wech, hatte ich gesagt, womöglich etwas voreilig, als ich erstmals über das hier umschwurbelte Stöckchen gestolpert war.

Dem nachfolgenden Donnerhallen wagte ich mich dann nicht mehr zu widersetzen. (Einzelne Leser (sic!, ohne -innen) mögen an dieser Stelle eine Damoklesaxt vor Augen haben.)

[Nachtrag, 3.11.: Möglicherweise hätte ich explizit darauf hinweisen sollen, dass genau hier ein Perspektivwechsel stattfindet. Vom Blogbetreiber @heinzkamke zur literarischen Figur Heini Kamke. Verschiedene Reaktionen legen nahe, dass dieser Wechsel nicht selbsterklärend ist.]

20 Dinge über mich

  1. Ich bin zu nicht viel anderem nütze als zum Fußball. Alles, was ich sonst anfasse, wird nichts. Ein Armutszeugnis, nicht wahr? Ist aber so. Selbst mein Vater bestärkt mich – auch das ist nicht im engeren Sinne schmeichelhaft – in dieser Einschätzung. Immerhin: ich habe es eingesehen. Und spiele in letzter Zeit häufiger mit dem Gedanken, mein Geld damit zu verdienen. Darüber schreibend. Ist bestimmt besser als so ein Versicherungsjob.
  2. Die Helden meiner Jugend hießen Tazio Nuvolari, Louis Chiron und Raimondo Orsi. Aus Motorsport mache ich mir seit einer schicksalhaften Begegnung mit einem Lastwagen-Anhänger nicht mehr viel, beim Fußball bin ich geblieben.
  3. Mein Elternhaus ist nicht sehr wohlhabend. Meine Mutter machte bei Professor Gerlach sauber, auch um mir neben dem einen paar Straßenschuhe noch das Luxusgut „Fußballschuhe“ bieten zu können. Waren die Straßenschuhe kaputt, musste ich warten, bis mein Vater Zeit hatte, sie zu flicken oder neu zu besohlen. Mangels Alternativen ging ich einmal mit dem Luxusgut zur Schule. Kam nicht gut an.
  4. Es liegt auf der Hand, dass ich auch kein Taschengeld bekam. Aber ich fand Mittel und Wege, mir das Geld für die wirklich wichtigen Dinge zu verdienen. Outfit und so. Auch wenn sie mir manchmal peinlich waren. Die Mittel und Wege, meine ich. Das so verdiente Outfit nicht.
  5. Anders als mein Papa bin ich eine handwerkliche Niete. Wenn ich ihm dereinst bei häuslichen Arbeiten zur Hand gehen sollte, optimierten wir die Aufgabenverteilung dahingehend, dass er arbeitete und ich ihm dabei aus der Zeitung vorlas.
  6. Ich bin nicht nachtragend. So gar nicht. Der Wallner aus Pankow ist mein Zeuge. Donnerwetter!
  7. Mein bester Freund heißt Matze. Wir verstehen uns, wie sich das für beste Freunde gehört, meist ohne Worte. Und ähneln uns irgendwie. In der Schule nannte man uns die beiden Kleinen. Wie Hanne Berndt und Otto Sienholz sehen wir eher nicht aus.
  8. In Wahrheit heißt Matze Fritz. Und ich Heinz. Die sagen aber alle Heini zu mir.
  9. Mein Magen funktioniert wie ein Uhrwerk. Wenn es darauf ankommt, wird mir nach genau einer Stunde flau und ich muss ein bisschen an die frische Luft gehen.
  10. Einst war ich der ungekrönte Baumkletterkönig unserer Straße. Die große Linde am S-Bahnzaun bezwang ich als einziger in einem halbstündigen Aufstieg. Beim Abstieg musste allerdings eine fasst neue Hose daran glauben, was meine Mama körperlich sanktionierte. Tja, so war das damals.
  11. In kritischen Situationen, so sagt man mir nach, bin ich mitunter für ein kühnes und geniales Umgehungsmanöver gut. Na ja, eigentlich stammt die Umschreibung von mir selbst, ein Geschichtsbuch zitierend. Aber es war, in aller Bescheidenheit, schon kühn und genial, wie wir diese Spandauer Sache geregelt bekamen, als wir uns endlich vom Joch der Obrigkeit befreit hatten.
  12. Die einzige Sportart (Klettern habe ich aufgegeben), für die ich ein gewisses Talent mitbringe, ist Fußball. Am Barren versage ich auf ganzer Linie und am Reck bekomme ich nicht einmal eine einfache Bauchwelle hin. Und beim Tennis tauge ich bestenfalls zum Balljungen. Immerhin: Für Herrn Direktor Marquardt finde ich auch die unmöglichen Bälle wieder.
  13. Eine meiner leichteren Übungen besteht darin, mich unter schwierigsten Bedingungen umzuziehen. So erinnere ich mich an eine hernach als „Sensationsfahrt“ titulierte Taxifahrt von Wilmersdorf nach Spandau, in deren Verlauf sich vier junge Männer, die sich das Taxi mit zwei Erwachsenen und einem weiteren jungen Mann teilten, von Kopf bis Fuß umzogen.
  14. Ich habe ein Faible für die eher klassischen Wahrzeichen unserer Hauptstadt. Wer braucht schon den Funkturm, die Hochhäuser oder die Untergrundbahn, wenn er sich jenes kleinen Stückchens Alt-Berlin erfreuen kann, das noch vom vorvergangenen Jahrhundert erzählt, der Nikolai-Kirche oder, natürlich, der Museumsinsel?
  15. Auch mein persönlicher Wertekanon ist eher klassisch ausgeprägt. Kameradschaft zählt dazu, Verlässlichkeit sowieso, Sportsgeist natürlich, wie die Pfalzburger vermutlich bestätigen werden, auch wenn es ein Weilchen dauerte, bis ich ein mit der Hand erzieltes Tor gerade noch zu deren Gunsten ungeschehen machte. Und dass man für seine Überzeugungen eintritt, gegenüber Vorgesetzten bis hin zu Schulrektoren – selbst wenn man Letzteren sagen muss, dass der Schulrat von manchen Themen keine Ahnung hat.
  16. Manchmal singe ich lange und laut. Am liebsten Lieder, die sich endlos wiederholen lassen. Auf dem Tisch stehend. Wir haben die Ehr gerettet!
  17. Konflikte machen mir zu schaffen. Insbesondere dann, wenn sie dem Erreichen gemeinsamer Ziele im Wege zu stehen drohen. In der Regel bemühe ich mich dann, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Was nicht immer hilft, vor allem, wenn man selbst mittendrin steckt.
  18. Gelegentlich vergesse ich Verabredungen. Komplett. Mit etwas Glück habe ich dann den Ausredenkoffer dabei.
  19. In der Druckbranche habe ich mir eine gewisse Bekanntheit erarbeitet. Zack, zack, sozusagen. Wer aus der Branche kommt, wird vielleicht wissen, wovon ich rede. Und zur Bierflasche greifen.
  20. Wenn ich mal für eine Weile untertauche, dann habe ich meine Gründe. Können Sie mir glauben. Mussten meine Freunde aber auch erst lernen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Identität des Torschützen gegen Nord-Ost ein Geheimnis bleiben soll.

* Mit bestem Dank an Sammy Drechsel.
Und der Bitte um Nachsicht.

Wasen, Werder, Weltklasse

Es ist ja nicht so, dass ich alles gut finde, was in der Cannstatter Kurve, wo ich mich heimisch fühle, so gesagt, getan, gesungen und irgendwie auch gespielt wird. Manches ist mir inhaltlich fern, anderes gar zuwider. Bei vielem bin ich inhaltlich völlig einer Meinung mit den aktiveren Fans, ohne dass unsere Wortwahl übereinstimmen würde. Bestimmt hätte ich auch nicht von „Bazi“-Trachten gesprochen, einfach weil der Begriff Bazi nicht zu meinem aktiven Wortschatz zählt, ich hätte ihn bis zu einer vorhin durchgeführten Kurzrecherche inhaltlich nicht einmal einordnen können.

Aber hey, „Bazitrachten raus aus Stuttgart„! Selten hatte ich so große Sympathien für ein Spruchband. Ok, das mag übertrieben sein, ich bin ja immer wieder mal sehr angetan von der Kreativität der jungen Leute, die, also die Kreativität, und nicht nur die, am Wochenende auch die Spieler noch einmal würdigten.

Aber ich hatte schlichtweg nicht damit gerechnet. Nicht zuletzt der Zusammensetzung der Kurve wegen, und so war es in der Tat auch ein diebisches Vergnügen, so manche(n) Kurvenbesucher(in) beim hoffnungslosen Versuch zu beobachten, gute Miene zum gar nicht bösen Banner zu machen, vielleicht gar das eigene Karohemdchen oder das porneuse Möchtegerndirndl zu verbergen. Verzeihung, möglicherweise vermischen sich jetzt auch die Eindrücke mit jenen aus dem tags darauf gemeinsam mit dem Sohnemann absolvierten Volksfestbesuch. Zumindest lag die „Trachten“-Dichte auch in der Kurve, um es sehr vorsichtig auszudrücken, im deutlich messbaren Bereich.

Zugegeben: so wirklich sympathisch finde ich meine ablehnende Haltung gegenüber der Volksfesttrachtenbewegung auch nicht. Ist ja irgendwie intolerant. Fast hätte ich was von Randgruppen gesagt; tatsächlich scheint die Realität aber eine andere zu sein, zumindest vor Ort in der Volksfest-Filterblase: allseits Trachten und deren Attrappen im trauten Stelldichein, die meisten fiktiv, manche württembergisch, viele bayrischen Ursprungs, wie auch das Volksfest-Merchandising weiß:

„Das Cannstatter Volksfest und Stuttgarter Frühlingsfest sind immer mehr von Besuchern geprägt, die das große Württemberger Volksvergnügen in Tracht besuchen. Sehr häufig tragen sie dabei Trachten bayrischen Ursprungs. Doch auch in Württemberg gibt es eine breite Trachten-Vielfalt.“

Trachten bayrischen Ursprungs. Ich verstehe das nicht, ehrlich nicht. Irritierte LeserInnen mögen sich fragen, ob ich nicht eigentlich was über Fußball schreiben wollte, ich würde antworten, dass ich ein bisschen vom Weg abgekommen sind, und besonders aufmerksame Mitlesende mögen zudem darauf hinweisen, dass ich Ähnliches schon einmal zu Papier (sie wissen schon) gebracht habe:

„Grundsätzlich sollen die Leute auf dem Cannstatter Volksfest meinetwegen anziehen, was sie wollen. Und wenn es Betreiber und Gäste gemeinsam für erstrebenswert halten, zu einer billigen Kopie des Münchner Oktoberfestes […] zu verkommen, dann sollen sie das halt tun. Es ist mir egal, ob sie tatsächlich die Zelte seit neuestem nach Münchner Vorbild angeordnet haben, und ich muss es nicht gutheißen, wenn Gott und die Welt in Dirndlgwand, Lederhose oder anderen Elementen der Brauchtumspflege auf den Wasen geht.“

Klingt nach meiner Einleitung ein bisschen so, als hätte ich mich mit der Zeit ein wenig radikalisiert, ne? Ist aber nicht so. Sollen sie machen. Was mir ein wenig auf die, Verzeihung, Eier, geht, ist der Versuch, so zu tun, als eifere man dem großen Bruder im Süden gar nicht nach, als habe man auf dem Volksfest schon immer Tracht getragen, württembergische natürlich. Zumindest in den 90ern scheint das eher nicht der Fall gewesen zu sein:

Ich räume gerne ein, nicht die ganzen fünfzehn Minuten angesehen zu haben, und möchte auch niemanden dazu auffordern, aber ganz ehrlich: ich habe keine Trachten entdeckt. Vielleicht waren natürlich die 90er ganz besonders „anders“, wollte man damals mit Trachten und Traditionen nichts zu tun haben.

Übrigens, um der Wahrheit die Ehre zugeben, auch in München nicht, wenn analoge Aufnahmen nicht täuschen. Was meine Plagiatsthese zunächst einmal eher in den Bereich des Kloppesken rückt. Wo sie auch bleibt, mangels Interesse an weitergehender Recherche. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn das weitere Herumtreiben auf dem Videoportal meiner Wahl zu dem Ergebnis führen würde, dass die Dirndlquote in Stuttgart seit zehn Jahren stets höher lag als in München. man denke nur an die diplomatischen Verstrickungen!

Dann doch lieber Fußball. Da habe ich nicht so viel zu meckern, und kenne mich zudem ein bisschen besser aus. Weiß zumindest einzuschätzen, dass das sehr ordentlich war, was der VfB am Samstag gegen Bremen geboten hat. Wenn die VfB-Verantwortlichen in der Vergangenheit davon sprachen, dass man ein Spiel überlegen geführt habe und nur an der Chancenverwertung gescheitert sei, schüttelte ich häufig den Kopf, nachdem die Mannschaft zuvor ohne selbigen, also ihren, angerannt und lediglich durch eine geeignete Aneinanderreihung von Zufällen zu einigen Gelegenheiten gekommen war.

Auch am Samstag waren zwar klare und wirklich zwingende Chancen Mangelware, und wenn der Trainer meint, man könne keine Kreativität wie bei den Bayern erwarten, hat er zweifellos recht, ohne sich gleich labbadiahafter Kleinmacherei verdächtig zu machen; gleichwohl meinte ich, ein Konzept zu erkennen, Schemata, aber auch spontane Ideen und letztlich sehr wohl Elemente, die man guten Gewissens unter Kreativität rubrizieren darf.

Dass die Flanke oder der Querpass, wenn man es, wie sehr häufig, über außen versuchte, mitunter zu früh kam, zu ungenau sowieso, dass aus ganz guten (häufig Kopfball-) Chancen keine sehr guten oder gar Tore wurden, ist unstrittig, dass aus 13 Eckbällen, die allesamt nicht schlecht getreten waren, nicht mehr Gefahr erwuchs, bedauerlich, vielleicht auch ein bisschen enttäuschend, und doch: ich mache mir keine Sorgen, Die Richtung stimmt.

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass ich dabei in erster Linie von der zweiten Halbzeit spreche. Die erste war, von den Anfangsminuten mit dem frühen Tor abgesehen, insgesamt dann doch eher beschaulich, um nicht gleich das böse Wort träge zu verwenden, eventuell gar mit Hilfe der Vokabel Selbstzufriedenheit illustriert. Naja, irgendwie ging’s und wohl allen so. Die Bremer stellten sich als, mit Verlaub, Klassenerhaltsaspirant vor, der hinten – zunächst – mit dem Stuttgarter Tempo über die Außenpositionen nicht klarkam und auch Angriffe durch die Mitte nur bedingt unterbinden konnte. Der VfB war gut gestartet und irgendwie glaubte man, dass die weiteren Treffer dann schon fallen würden.

Tatsächlich fiel nur noch eines, und ich frage mich noch immer, was Antonio Rüdiger nach der ersten, von Arthur Boka noch abgewehrten Hereingabe so dachte. An dieser Stelle könnte man sich eine absurde Top-Ten-Liste des frühen Harald Schmidt, meinetwegen auch des frühen oder auch späteren David Letterman, vorstellen, die einen träumend auf dem Rücken liegenden Rüdiger mit Gedankenblasen in der Art von „Soll ich nachher erst mit dem Riesenrad oder mit der wilden Maus fahren?“ zeigen, untermalt von passendem Sitcomgelächter. Hat man zudem seine beiden hanebüchenen Abspielfehler kurz vor Schluss vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die durch Niedermeiers Rückkehr verschärfte Konkurrenzsituation kein Fehler ist.

Ganz nebenbei verblüfft mich immer wieder, wie sehr sich die Karrieren zweier Protagonisten einer großen Nürnberger Bundesligasaison (und eines schönen Doppelinterviews, bei dem ich damals als eigentlicher Ekici-Sympathisant erstmals das nicht näher zu bestimmende Gefühl entwickelte, dass Gündogan deutlich weiter und vielleicht auch bereiter sei) voneinander entfernt zu haben scheinen: der eine auf dem Weg in die Weltklasse, phasenweise auch schon dort angekommen, und der andere, nun ja, ich hätte mich am Samstag als Bremer Fan spätestens zur Pause gefragt, weshalb er noch auf dem Platz, bzw. wo er in den 45 Minuten zuvor gewesen ist.

Entschuldigung, ich hätte mich nicht gefragt, ich tat es tatsächlich, auch ohne Bremer Fan zu sein. Schon klar: so eine Bewertung auf Basis eines Spiels und sonst einiger Sportschau-Eindrücke ist unseriös. Ich bin wohl einfach ein bisschen enttäuscht darüber, dass er meinen hohen einstigen Erwartungen so deutlich hinterherhinkt.

Zurück zum VfB. Die absolute Schlussphase verlief ein bisschen enttäuschend, weil es nicht gelang, noch einmal echte Torgefahr zu entwickeln. Vielmehr schafften es die Bremer mit einem intensiven Lauf- und Verschiebespiel, den VfB in den letzten Minuten zu zahlreichen Rück-, Quer- und Fehlpässen zu zwingen – und dem Zuschauer eine Ahnung davon zu vermitteln, dass es hier des einen oder anderen Spielers mit den Fähigkeiten, zumindest der Passgenauigkeit, oder auch nur dem Mut, eines Mats Hummels beziehungsweise, etwas weiter vorne, eines Toni Kroos bedurft hätte, um die Bremer Verteidigungsreihen zu durchstoßen, anstatt den Ball nur handballähnlich kreiseln zu lassen. Auf Höhe der Mittellinie. Vielleicht schwang auch das bei Thomas Schneiders Kreativitätsvergleich mit.

Möglicherweise hätte ein etwas früherer Wechsel hier noch einmal für Impulse sorgen können. Aber ganz ehrlich: ich hätte mich auch schwergetan, Traoré oder Harnik herauszunehmen, eben weil sie, trotz gelegentlicher unglücklicher Aktionen, noch immer für den einen entscheidenden Querpass oder Abschluss (der eine fürs eine, der andere fürs andere) hätten gut sein können. Am ehesten hätte ich – in diesem Spiel – von den Offensivkräften wohl noch Ibisevic herausgenommen, aber was wäre das für ein Signal gewesen? Zumal die zwischenzeitliche Platzverweisgefahr zum Ende hin wieder verflogen schien. Der Trainer macht das schon richtig.

Und dann war da ja noch Thorsten Kirschbaums Heimdebüt. Ein gelungenes, finde ich. Quervergleiche zu Ulreich verbieten sich zum einen aufgrund der allem Anschein nach klaren Rollenverteilung, zum anderen, speziell auf Samstag bezogen, schlichtweg deshalb, weil er kaum geprüft wurde – und auch zuvor bei seinen beiden Auswärtspartien nicht in dem Maße Gelegenheit hatte, sein Können zu zeigen, wie es bei Ulreich in den letzten Monaten leider häufig der Fall war, Auch wenn er, also Kirschbaum, in Freiburg ein paar schöne Reflexe zeigte.

Dann vergleiche ich halt anderweitig quer. Zu Raphael Schäfer. Nicht nett, ne? Es ist nur so, dass mich die Art und Weise, wie Kirschbaum den Ball mehrfach so lange auf sich zu und an sich vorbei laufen ließ, bis er perfekt vor seinem linken Fuß lag, fatal an Schäfer erinnerte. Die hohe Genauigkeit der dann folgenden Pässe war indes keineswegs mit Schäfers zu vergleichen. Und auch nicht mit Ulreichs.

Wenn diese Unart des langen Wartens nicht wäre, könnte ich mich glatt zu der Behauptung versteigen, dass ich mich bei Rückpässen, vielleicht auch insgesamt fußballerisch, mit Kirschbaum ein wenig wohler fühle. Aber ich bin nur ein Sack Reis, der irgendwo in Asien umkippt. Und auf der Linie sowie in Eins-gegen-eins-Situationen müsste er noch einige sehr bemerkenswerte Spiele abliefern, um ernsthaft an Ulreich gemessen werden zu können.

Ganz zum Schluss noch ein letzter Eindruck vom Wochenende. Kein eigener, sondern einer von Herrn Rotebrauseblogger, der sich, kreative Leser mögen es erraten, sachkundige Leserinnen gewusst haben, gerne, oft und sachkundig mit Rasenballsport Leipzig befasst, wo der zu meinem großen Bedauern „geparkte“ (so es denn so ist) Joshua Kimmich bei seinem Startelfdebüt in Liga drei einen prächtigen Eindruck hinterlassen zu haben scheint. Das weiß nicht nur die dortige Presse zu berichten, sondern eben auch der nicht zu unbegründetem Überschwang neigende Rotebrauseblogger: „Phänomenale Granate“ ist doch mal eine Ansage.

(Ein kleines persönliches Drittligadilemma, von einem Drama möchte ich nicht reden, deutet sich an, nachdem ich kürzlich an dieser Stelle das Stehblog als mein „Lieblingsdrittligablog“ bezeichnet hatte, das Rotebrauseblog aber in ähnlicher, und doch ganz anderer Weise schätze. Vielleicht sag ich den beiden einfach nichts davon.)

 

Le roi de l'Europe

Kürzlich sprach mich, was relativ selten geschieht, jemand von außerhalb meiner Blogosphärenblase auf mein Blog an. Frei interpretiert sagte er ungefähr, dass ich mich – etwas überraschend, wenn man mich sonst primär von der gemeinsamen Freizeitgestaltung her kenne – schriftlich ja doch ganz nett ausdrücken könne. Er sagte das ein bisschen anders, aufrichtig freundlich, als Kompliment, als das es auch bei mir ankam, aber ein daraus entstehendes kurzes Nachdenken öffnete mir die viel zu lange verschlossenen Augen:

Natürlich! Daran lag es. Deshalb musste die Lesereise scheitern: ich kann nicht sprechen. Ich hab da keine Zeit, Sätze zu Ende zu denken, und in aller Regel enden sie dann ungefähr so wie jene von Piet Klocke, weil ich auf halbem Wege merke, dass der Satzanfang nicht zum vorgesehenen Verb passt, Sie wissen schon, und dann laviert man sich so …, Verzeihung: labert man halt so vor sich hin. Von der Aussprache ganz zu schweigen. Dem süddeutschen Idiom. Der optischen Wirkung.

Also engagierte ich mir einen Interpreten. Jemanden, der Texte vortragen kann. Inszenieren, nachgerade. Sie auch an der einen oder anderen Stelle noch ein wenig schleifen. Auf ein anderes Niveau heben. Peters. Den Christian Brückner der Bloggerei, wenn man solche Vergleiche mag. Und sein Filmteam. Profi(s) halt.

Ok, meine Geschichte stimmt nicht ganz. Tatsächlich war Herr Peters derjenige, der mir einen Auftrag erteilte. Ich revanchierte mich, beide lieferten wir. Er hat das ganz wunderbar gemacht, und ich bin ein kleines bisschen stolz, ihn dazu gedrängt (naja, leicht angestupst) zu haben und irgendwie beteiligt zu sein. Etwas mehr zu den Hintergründen gibt’s drüben in seinem Blog, meinen Text hier.

Dass ich in nächster Zeit lieber niemandem aus dem Umfeld Rio Reisers begegnen möchte (oder mich zumindest nicht zu erkennen geben würde), steht indes auf einem ganz anderen Blatt. Und hat nichts mit Herrn Peters‘ Performance zu tun.

Eine Art Lesereise

War ja fast so’n bisschen kryptisch, was ich da vergangene Woche über mein verlängertes Wochenende geschrieben hatte, über eine auswärtige Begegnung mit Löwenfans, ein beinahe komplett verpasstes VfB-Aufbruchstimmungsspiel und ein paar Stuttgarter Abschiedstränen. Man hätte auf den Gedanken kommen können, ich eierte herum oder hätte gar etwas zu verbergen.

Eben diesen Gedanken scheint auch ein gelegentlich als zweitklassig verunglimpfter und gerne mal die Hardboiled-Karte ziehender Schnüffler gehabt zu haben, der in der Folge nicht nur der Sache auf den Grund ging, sondern ganz nebenbei besagte Verunglimpfungen als haltlos enttarnte. Vielmehr offenbarte seine erstklassige Recherche den Grund meiner Zurückhaltung: ich war auf Lesereise gewesen.

Eigentlich hatte ich das Thema totschweigen wollen, zu unbefriedigend war die Erfahrung gewesen. Aber man weiß ja, wie das ist, wenn die Spürhunde erst einmal Witterung aufgenommen haben – zumal dieser Dembowski wenig Zweifel daran lässt, dass er die ganze bittere Wahrheit nach und nach ans Tageslicht zu zerren gedenkt.

Das kann ich nicht zulassen. Zumindest nicht unkommentiert. Deshalb hier und in aller Offenheit: ja, ich war in Landau, Blaubeuren und Luckenwalde. Dass die Erfahrungen eher so mittelprächtig waren: geschenkt. Man zahlt halt Lehrgeld. Geht auch den Besten so, fragen Sie doch mal den Baade. Der war auch nicht immer die Rampensau, die er heute ist. Ok, natürlich war es ein Fehler, in Landau in einem vermeintlichen Anfall von Originalität „Dicke Kinder in kurzen Hosen“ auf die Plakate zu schreiben und damit sowohl die Einheimischen als auch die Baade-Jünger zu brüskieren. Aber hey, wie gesagt: Lehrgeld.

Zu Blaubeuren hat der Ermittler alles gesagt (Wilken!), und Luckenwalde, nun ja, ist halt Luckenwalde. Klingt in meinen Ohren immer so’n bisschen nach Wecker’schem Sprechgesang: Und Luckenwalde schweigt dazu. War zwar Programm, hatte ich aber, lernfähig wie ich bin, wenigstens nicht auf die Plakate gesudelt.

Und dann war ich noch in, Dingenskirchen, Sie wissen schon (also insbesondere Sie, Herr @rebiger), Hamburg. Wo, wenn nicht dort, sollten fünf Fußballzeilen vorgetragen werden, nicht wahr, von Dinos und Uhren und Torhütern und Dorschen, Sie verstehen? Aber darüber wird dann ja der Schnüffler berichten. Vielleicht auch darüber, dass ich es spätestens in jenem Moment hätte wissen müssen, als mein Techniker vor Ort bei dem Versuch, den Sky-Decoder (heißt das so?) zum Laufen zu bringen, um das Spiel des VfB gegen Hoffenheim zu sehen, nun ja, Lehrgeld bezahlte. Wer mit solchen Technikern auf Lesereise geht, hat, abseits aller Rüttelreime, ein Problem.

War ja eigentlich ein netter Zug gewesen von der Angestellten, uns in Abwesenheit des Chefs und eingedenk eigener Ahnungslosigkeit da ran zu lassen, wobei sicherlich die Selbstverständlichkeit, mit der mein Begleiter seine technische Kompetenz verbal durchscheinen ließ, jeden Zweifel im Keim erstickte. Dass uns der Chef kurz nach Anpfiff, eilends herbeigerufen und fluchend resettend, kein Hausverbot erteilte, war dann ja immerhin etwas.

Das Spiel entschädigte. Uns alle, und insbesondere uns alle, die wir es schon immer gewusst haben. Seit Jahren wollten wir schon den Werner sehen. Den Maxim sowieso, von Kvist, diesem elendigen Rückpassspieler großartigen Stabilisator gar nicht zu reden. Und dass der Schneider es drauf hat, wussten ja eh alle. Im Verein und drumrum. Schon immer. Schön auch, dass nun alle voneinander wissen, dass sie es schon immer … ach, egal.

Tags zuvor (ja, zwei Abende in einer Stadt – ein Privileg der ganz ganz Großen, irgendwo beim S-Bahnhof Othmarschen) hatte ich ebenfalls Fußball gesehen. So richtig live, im Stadion, in bemerkenswert ausdauernder, lautstarker und vor allem hingebungsvoller blau-gelber Gesellschaft. Man nimmt ja alles, was man so an Karten bekommt vor dem Stadion, zumal ich jenes im Volkspark einfach gerne mag, unabhängig vom jeweiligen Platz.

Ohnehin war die Konstellation für mich weniger problematisch als für meinen vor Ort ansässigen Mitstadiongänger, der die ungewohnt zahlreichen Jubelmomente mit dem Hintern auf den Händen sitzend verbrachte. Was dem unmittelbar vor uns sitzenden Nacken geschuldet gewesen sein dürfte, der Gerd Müllers Oberschenkel (oder selbst die von Gerd Wiesemes!*) wie einen Unterarm des jungen „Spillo“ Altobelli wirken ließ.

Nicht dem Nacken allein, gewiss, sondern auch der ihn umgebenden beeindruckenden Erscheinung, die nicht unwesentlich dazu beitrug, dass eine einmalige Intervention des jungen Mannes die vor ihm sitzenden Braunschweiger fortan davon abhielt, spiel- und supportabhängig aufzuspringen – und ihm damit die Sicht zu versperren.

Dumm nur (und diese Einschätzung schließt explizit das Sicherheitskonzept des Gastgebers mit ein), dass eine anhaltende Sichtbehinderung von einem ungeschickt platzierten Ordner ausging, der tatsächlich durch seine bloße Präsenz immer wieder Verrenkungen der Zuschauer erforderlich machte. Was den Nacken zu einer Schimpftirade, andere zu fliegenden Bierbechern animierte, ohne den Herrn jedoch aus der Ruhe bringen zu können. Hut ab, aber vielleicht hat er ja zwischenzeitlich doch noch mal mit seiner Chefin über die Platzierung gesprochen.

Nebenbei sah ich auch gelegentlich auf den Platz. Was ich dabei konkret sah, hat Herr @nedfuller meines Erachtens treffend auf den Punkt gebracht. Den Spielverlauf, meine ich, nicht die anscheinend sehr aufwändige Choreo, die leider nicht für spätentschlossene Stadiongänger wie mich gedacht war. Maximilian Beister hat mich überzeugt, so körperlich hatte ich ihn bisher nie wahrgenommen, und bei Zoua, von dem ich nach den ersten Minuten dachte, seine Bewegungsabläufe schlössen ein Talent für Ballsportarten aus, muss ich Abbitte leisten. Oder zumindest gedanklich ein wenig zurückrudern.

Ob ich hinsichtlich der während des Spiels aus meiner Sicht unvermeidlichen Einschätzung, dass Braunschweig schlichtweg nicht konkurrenzfähig sei, ebenfalls zurückrudern muss, wage ich zu bezweifeln. Ich täte es gerne. Allein schon, um es den Besserwissern ins Gesicht schleudern zu können: „Nicht konkurrenzfähig, Kamke, oder wie?“ oder „Piss-Verein, wa, Lieberknecht?!“

Oh, ich vergaß Hakan Çalhanoğlu. Bzw. seinen Freistoß, der mir im Stadion, ohne Zeitlupenwissen sozusagen, die Behauptung entlockte, diese Mischung aus Schärfe und Effet hierzulande seit Thomas Häßler nicht mehr gesehen zu haben. Mit ein bisschen Recherche käme ich davon vielleicht ab; aber ich verzichte gern darauf. Man muss auch mal schwelgen können.

Nun bin ich ein bisschen vom Thema Lesereise abgekommen. Darf gern so bleiben, der Schnüffler wird sich früh genug wieder zu Wort melden. Oh, hat er ja schon wieder getan. Aber wer ist dieser Peters?

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* Genau genommen war die Hamburgfahrt tatsächlich eine Lesereise. Ich las in jeder freien Minute. Aber keine Fünfzeiler, sondern Ronald Rengs „Spieltage„. Ein wunderbares Buch, ein großes Lesevergnügen, und hinreichend Wissenshäppchen für künftige Kneipendiskussionen. Zum, Beispiel, wenn mal wieder einer Gerd Müllers Oberschenkel bemüht.

Der diskrete Charme der Meinungseinfalt

„Wir werden ab dem ersten Spieltag der neuen Saison eine einheitliche Sportschau in den 3. Programmen der ARD anbieten. Die wird eine Länge von 20 Minuten haben. Wir haben in der letzten Rechteperiode unseren föderalen Charme in der ganzen Breite sonntags ausgespielt. Das führte aber auch dazu, dass man in dem einen Sender die Information vom Reporter bekam: Das ist auf jeden Fall ein Elfmeter‘. Die gleiche Szene ist in einem anderen Sender vielleicht anders beurteilt worden.“

So wird WDR-Sportchef Steffen Simon in einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst zitiert, das bei merkur-online.de veröffentlicht wurde und auf das mich die geschätzten Herren von Fokus Fussball aufmerksam gemacht haben. Der Umstand, dass ich gerade heute zu Fokus Fussball verlinke, wird dessen Mitbegründer @sportkultur, der ja nebenbei ein formidables eigenes Blog befüllt, das vor wenigen Tagen Geburtstag feierte, möglicherweise ein wissendes, vielleicht auch mit einem leisen „der Schlingel“ einhergehendes Lächeln entlocken, auf dessen Gründe ich an dieser Stelle, man möge es mir verzeihen, nicht weiter einzugehen gedenke.

In seiner Einleitung zur jüngsten Fokus-Fussball-#Link11 geht Klaas, wie Herr sportkultur sonst so heißt, auf eine aktuelle Interviewattrappe zwischen Mario Götze und seinem Arbeitgeber ein, die ich an dieser Stelle, man möge es mir verzeihen, nicht zu verlinken gedenke. Klaas belässt es nicht bei besagtem Hinweis, sondern hat auch eine Meinung:

„Auch der Umgang der Medien mit den Veröffentlichungen des FC Bayern ist kritisch zu beobachten, denn hier wird ein Interview vielfach in die Berichterstattung aufgenommen, das nicht mehr als PR ist. Wenn die Presselandschaft sich mit den Bröckchen zufrieden gibt, die die Presseabteilung hinwirft, dann wird es einfach für die Bayern sich die Berichterstattung so zu lenken wie es sich die Granden des Vereins wünschen.

Hoffen wir auf kritischen Sportjournalismus, der sich gegen Einschränkungen der Berichterstattung durch die Fußballclubs wehrt.“

Unter den vielfältigen Verdiensten, die sich der ehemalige DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger im Lauf seiner Amtszeit erworben hat, ragt jener, den Begriff der „Kommunikationsherrschaft“ in die Sportberichterstattung eingebracht zu haben (man möge mich bitte korrigieren, sofern anderweitige Urheberrechtsansprüche bestehen), heraus. Kommunikationsherrschaft verhält sich, wenn man so will, und ich will, seit einigen Jahren zu Theo Zwanziger wie der sprichwörtliche tödliche Pass zu Uwe Bein.

Genau wie Bein – man möge mir an dieser Stelle verzeihen, dass ich mich von meinem eigenen schiefen Bild davontragen lasse und gleich auch noch eine schiefe Überleitung anhänge – sieht auch Theo Zwanziger nunmehr vielen Akteuren zu, die ihm nacheifern: die einen gut, die anderen weniger, die einen talentiert, die anderen dilettantisch, die einen auf höchster Ebene, die anderen in der Kreisliga. Der FC Bayern, um das obige Beispiel aufzugreifen, beschäftigt keine Dilettanten (Mario-Gomez-Kritiker mögen sich an dieser Stelle zurückhalten), die PR-Strategie verfängt vielerorts, wie Klaas bereits in seinem oben verwendeten Zitat kritisiert.

Natürlich ist das, wie wir alle wissen, gang und gäbe, ohne jeden Zweifel wird es bei anderen Vereinen ähnlich gehandhabt, in vielen anderen Bereichen ebenso. Man könnte nun auf den Niedergang des Journalismus eingehen, wenn man könnte, auf dortige Rahmenbedingungen, auf betriebswirtschaftlich bedingte Arbeitserschwernisse für ernsthaften, engagierten und kompetenten Journalismus, auf all das, was man immer wieder liest, was ich aber nicht seriös beurteilen kann. Was ich indes beurteilen kann: dass mich die von Klaas angesprochenen Auswüchse des PR-Journalismus unzufrieden zurücklassen.

Eigentlich wollte ich ja etwas über Steffen Simon sagen, den ich zu Beginn des Textes zitierte. Dass ich kein allzu großer Anhänger seiner Leistungen als Fußballkommentator bin, ist für die regelmäßige Leserin vermutlich kein Geheimnis, soll aber hier nichts zur Sache tun. Was mich irritiert, ist vielmehr das von ihm zum Ausdruck gebrachte Bemühen um eine ARD-weite Einheitsdeutung (Kommunikationsherrschaft ist möglicherweise dann doch ein etwas zu großes Wort) strittiger Szenen aus der Bundesliga.

Gerade jener föderale Charme, den die dritten Programme in der letzten Rechteperiode sonntags ausgespielt hätten, verlieh der Bundesligaberichterstattung eben dies: Charme. Er gab mir – leicht zeitversetzten Sportsendungen sei Dank – die Möglichkeit, einen fragwürdigen Elfmeterpfiff bei, sagen wir, Gladbach gegen Wolfsburg aus nordrhein-westfälischer wie auch aus niedersächsischer oder zumindest NDR-Perspektive bewertet zu sehen, oder auch nur von zwei mehr oder weniger neutralen Berichterstattern aus Bayern und Baden-Württemberg, die die Szene dennoch unterschiedlich beurteilten.  Und er gab mir, ja, auch das, die Gelegenheit, mich ob der völligen Fehlinterpretation beim MDR zu ereifern.

Möglicherweise verstünde ich die ARD, wenn es objektiv „richtige“ und „falsche“ Bewertungen gäbe. Wenn man Sorge hätte, kakophonisch den Eindruck zu vermitteln, die Regeln nicht zu kennen bzw. sie unterschiedlich gut zu kennen, sie falsch auszulegen. Zumal die Perspektive objektiver Richtigkeit von Schiedsrichterentscheidungen mit einem Schlag den sonntäglichen Fernsehdoppelpass obsolet machen würde. Manche würden vielleicht auch sagen: … bloßstellen würde, wie obsolet der sonntägliche Fernsehdoppelpass ist.

Aber so ist es nicht. Schiedsrichterentscheidungen sind nicht immer objektiv richtig oder falsch, Angriffsaktionen nicht immer objektiv vielversprechend oder zum Scheitern verurteilt, taktische Maßnahmen nicht objektiv innovativ oder vorhersehbar. Unterschiedliche Bewertungen gehören dazu. Sie wohnen dem Spiel und dessen Kommentierung inne, regen an und auf, tragen zum besonderen Reiz ‚unserer‘ Sportart bei. Was kein Plädoyer gegen die möglicherweise objektive Richtigkeit der Torlinientechnik sein soll. Eher eines für föderalen Charme.

Es mag Leute geben, die Regionalpatriotismus in der Sportberichterstattung für den Inbegriff des Bösen halten, oder auch nur für falsch. Was völlig in Ordnung ist. Ich zähle nicht zu ihnen. Mir gefällt es, bis zu einem gewissen Grad, wenn die Moderatoren und auch die Reporter getönte Brillen tragen. In den per definitionem regional gefärbten dritten Programmen, klar. Ob ich dann zustimme oder nicht, habe ich selbst in der Hand. SWR-Brille hin, Deutungshoheit her.

Vielleicht hat das Ganze aber auch gar nichts mit Charme und Deutungshoheit zu tun, sondern mit Geld. Produktionskosten. Synergien. Und so weiter. Eigentlich ein ganz charmantes Argument aus Sicht der Gebühren Zahlenden.

Werbung

Mittlerweile gibt es dieses Blog ja auch schon ein paar Tage. Phasenweise wird es recht regelmäßig befüllt, phasenweise übertrieben regelmäßig, phasenweise gar nicht. Völlig frequenzunabhängig wohnt es recht nah am Herzen des Hausherrn, auch wenn der sich, wie es wohl so üblich ist, gelegentlich Fragen zum Sinn und Zweck seines Tuns, zur Verhältnismäßigkeit des betriebenen Aufwands, zu Opportunitätskosten nicht monetärer Art stellt.

Naturgemäß kamen im Lauf der Jahre immer wieder einmal Anfragen und Angebote, Werbung zu machen. Abgezockte Angebote, die mit Linktauschvarianten aufmachten, freundliche Anfragen, unverschämte Mails, attraktive Anfragen – das Ganze ist ziemlich heterogen, manchmal wirkt es sehr ermüdend, gelegentlich entsteht ein durchaus erquicklicher Austausch, und hin und wieder bleibt einem schlicht der Mund offen stehen ob der Erkenntnis, für wie dumm man von anderen Menschen gehalten werden kann.

Dass ich derlei Ansätze bis dato konsequent ablehnte – hoffentlich kramt niemand ein Gegenbeispiel heraus – , mag man mit Prinzipientreue, Unabhängigkeitsbestrebungen, Idealismus, Naivität, technischer Inkompetenz oder Faulheit begründen, gerne auch mit sonst was.

Wie auch immer: es war so. Keine Werbung im Blog. Hilft ungemein, so eine Entscheidung ganz grundsätzlich getroffen zu haben und so nicht Gefahr zu laufen, die Thematik bei jeder weiteren Anfrage von Neuem aufzurollen, das Für und Wider abzuwägen, die thematische Relevanz fürs Blog, den Bosheits- oder Unterstützenswürdigkeitsgrad oder auch ganz banal die Seriosität des potenziellen Partners einzuschätzen, kurz: Zeit darauf zu verwenden, die der oben genannten und in erster Linie familienzentrierten Opportunitätskostenuntersuchung gewiss nicht standhielte.

Heute wird das alles anders. Heute kommt Werbung ins Blog. Unaufgefordert zwar, und unbezahlt, aber sie kommt:

Trainer Baade im Libero

Genau: der Trainer liest im Libero. Da wirbt man doch gerne für. Wer, fragen Sie? Kann nicht sein, Sie lesen doch hier mit, dann werden Sie ja wohl den Trainer kennen? Eben.

Vielleicht dennoch ein paar Zeilen, für den Fall, dass sich jemand zufällig hierher verirrt und noch nicht weiß, was er oder sie am 20. März in Stuttgart tun soll:

Der Duisburger Synonymiker liest in zwei Halbzeiten von und über, Sie sahen es, Drama Queens in kurzen Hosen. Was sich dahinter genau verbirgt, weiß der gemeine Interessierte vermutlich erst einmal nicht so recht; es darf jedoch davon ausgegangen werden, dass es um Fußball geht und dass sich die Edelfeder aus dem Ruhrpott aus ihrem reichhaltigen Fundus an Blog- und sonstigen Texten bedienen und gewiss auch mit der einen oder anderen unveröffentlichten Perle aufwarten wird.

Der Mitbegründer der auch international hoch angesehenen Duisburger Schule, zu deren profiliertesten Exponenten neben dem Dramamonarchisten himself der Königsblogger Torsten Wieland und Kees Jaratz vom Zebrastreifenblog zählen und die seit Jahr und Tag als unbestrittener sprachlicher wie auch inhaltlicher Referenzpunkt für die deutsche Fußballblogszene gelten muss, ist nicht nur der Betreiber (und in aller Regel alleinige Autor) des nach Ansicht der 11 Freunde „besten Fanmediums“, sondern auch – und aus guten Gründen – Rekordnominierter des jährlich vergebenen Sportbloggerawards.

Der Schwarmwissensapologet besticht in seinen Texten durch sprachliche Akkuratesse, die sich gerne auch einmal hinter vermeintlich kruden Formulierungen verbirgt, durch geistreiche Pointen und ungewöhnliche Herangehensweisen, aber ebenso durch die Bereitschaft, wie auch das Händchen, den Finger in Wunden zu legen, von deren Existenz die Leserin mitunter noch gar nichts wusste. Dabei ist der klassische Linksaußen gleichermaßen versiert im Umgang mit Florett und Fallbeil, mit Baseballschläger und Dolch, vor allem aber mit der Tastatur und, selbstredend, mit dem Fußball.

Man darf gespannt sein, ob die regelmäßigeren Protagonisten des Duisburger Buchautors, so zum Beispiel der kleine Philipp, der Dummschwätzer oder Lothar Herbert, zum Themenstrauß seiner Lesung zählen werden, oder ob sich der begnadete Geschichtenerzähler in erster Linie und ohne Punkt und Komma seiner Aschenplatzvergangenheit erinnern und uns alle daran teilhaben lassen wird, oder ob uns der Fußballpurist Einblicke in sein zweifellos renommiertestes Konzept gewährt, die (einer bedauerlicherweise unvermeidlichen Kürzung anheimgefallene) »Schweinsteiger’sche Zahl«, inklusive der Debatte, ob sie noch zeitgemäß sei. Vermutlich von allem ein bisschen, möchte man meinen, oder auch: egal – dem Mann mit der Radiostimme höre ich auf jeden Fall zu. Nicht nur der Stimme wegen, aber auch.

Der langjährige Listenliebhaber, der im Übrigen Länderspiele als Hochämter des Fußballs bezeichnet (allein dafür möchte ich ihm huldigen), wird uns, das möchte ich nicht unter den Tisch fallen lassen, präsentiert vom hiesigen Online-Fußballmagazin Kick-S.

Ebenso wenig möchte ich die Offenlegung vergessen, dass ich Trainer Baade kenne und deutlich mehr schätze, als ich hier zum Ausdruck bringen konnte. Käme ja sonst keiner drauf.

[Nachträglicher Einschub: Der folgende Schlusssatz gerät zum Eigentor, wenn man – anders als ich – bedenkt, dass WordPress selbst ohne Möglichkeit der Einflussnahme meinerseits am Ende der Texte regelmäßig Werbung für Drittprodukte einblendet. Bzw. nur eine kostenpflichtige Möglichkeit bietet, die mir keine Überlegung wert ist.]

(Jetzt reicht’s dann auch mal wieder mit Werbung im Blog, ne?)