Das große Ganze

Es war gerade mal eine halbe Stunde gespielt zwischen dem VfB Stuttgart und den Gästen aus Hoffenheim, als es zum Schwur kam. Der VfB führte, hatte also in der virtuellen Tabelle gerade Rang sieben erklommen, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zur Teilnahme an der Qualifikation zum Europapokal berechtigt, als das vertraute Geräusch ertönte, das einen Treffer auf einem der anderen Plätze ankündigt, derer es in diesem Fall reichlich gab. Also anderer Plätze, vorletzter Spieltag, Sie wissen schon. Ob viele Tore fielen, weiß ich jetzt gar nicht so recht.

Beim VfB Stuttgart hält man es in solchen Fällen für eine gute Idee, sei es, um die Spannung zu erhöhen, sei es, um die Sponsoren angemessen ausführlich ins Bild zu rücken, sei es, um die Zuschauer etwas länger vom Geschehen auf dem Rasen abzulenken, in mehreren Schritten vorzugehen und zunächst nur die Wappen der beiden Vereine einzublenden, ehe man nach einem imaginären Trommelwirbel den aktuellen, neuen Spielstand anzeigt. Im vorliegenden Fall erschienen die Wappen der Eintracht aus Frankfurt und des Hamburger SV auf der Tafel, es ging also um das Spiel des unmittelbaren Tabellennachbarn, mithin des Wettbewerbers um den oben angesprochenen Qualifikationsplatz für den Europapokal.

Mir war klar, dass ein nennenswerter Anteil der Stuttgarter Anhänger zwar kurz zuvor minutenlang das Hohelied auf den Europapokal! Europapokal! gesungen hatte, der mit einer Qualifikation einhergehenden zusätzlichen Belastung indes eher zurückhaltend gegenüberstand. Einerseits. Andererseits ging es ja um einen besseren Tabellenplatz, und wie oft haben wir gelesen, und welcher Fußballfan wäre heutzutage dafür nicht empfänglich, dass jede Platzierung, um die man besser abschneidet, bares Geld wert sei, und so wäre selbstverständlich ein Tor gegen die Eintracht, und jetzt kulminiert der Trommelwirbel, und zack:

1:0. Für Frankfurt. Nicht mehr Geld. Kein Europapokal. Und: Jubel. Nicht überall, aber doch verbreitet. Ok, kein europapokalberauschter Abstiegskampf, vielleicht. Trotzdem. Was ist da los?

Nun, der gemeinen Leserin brauche ich nichts vorzumachen, natürlich kennt sie längst den Grund: Es geht um etwas Größeres, da kann so ein mickriges Plätzchen in der Tabelle nicht gegen anstinken, es geht um nicht mehr und nicht weniger als – einige Umstehende lassen keinen Zweifel daran – den Abstieg des HSV. Das große Ganze. Und ja, das ist quasi ein Zitat.

Kurz bin ich fast geneigt, jenen HSV-Fans Abbitte zu leisten, denen ich im Lauf der Jahre einen ausgeprägten Verfolgungswahn unterstellt hatte ob ihrer Überzeugung, alle wollten dem HSV nur Schlechtes, kann dann aber doch nicht so weit gehen. Aber fasziniert, ja, das bin ich. Siebter oder Achter, Sechster oder vielleicht auch noch Neunter, ach, das ist doch einerlei, Hauptsache, der HSV geht endlich runter! Nun denn, jeder so, wie er mag. Mit besten Grüßen an Udo Jürgens.

Tatsächlich gewann Frankfurt am Ende, der VfB auch, Neunter wird man also nicht mehr, und Platz sechs ist in der Theorie auch noch drin, und ich kann kaum nicht adäquat in Worte fassen, welchen Spaß mir dieses Spiel bereitet hat. Gegen eine Mannschaft aus Hoffenheim, die phasenweise sehr eindrucksvoll darlegte, wieso sie in der Tabelle da steht, wo sie steht, nämlich ziemlich weit vorne, und weshalb sie speziell in den letzten Wochen verdammt viele Punkte geholt hatte.

Eine Mannschaft, die nach zwanzig Minuten mit etwas mehr Glück und ohne Übertreibung 4:0 hätte führen können, wenn jenes Glück nicht vielmehr auf Seiten der Stuttgarter gewesen wäre. Dann ging der VfB in Führung, eher gekonnt als glücklich, und fortan brauchte er zunächst einmal gar kein Glück mehr, später nochmal ein bisschen, aber nie mehr so wie zu Beginn, und irgendwie wirkte dann auch das durchaus gekonnt.

Kann man anders sehen, wie ich der einen oder anderen Äußerung nach dem Spiel entnahm, von B-Noten gar nicht zu reden, aber eigentlich geht’s ja auch mir eher so ums große Ganze. Den Fußball im Allgemeinen, die Bundesliga im Besonderen, und ja, das mag schon damit zu tun haben, dass die Ergebnisse des VfB seit Wochen so irrelevant waren wie seit Jahren nicht. Das Thema Abstieg war durch, unabhängig von rechnerischen Spitzfindigkeiten, und so nahm ich die sonstigen Schlagzeilen rund um die Liga möglicherweise etwas intensiver wahr. Von denen wir alle wissen, dass sie sehr ungleich verteilt waren, und zwar zugunsten der, Trommelwirbel, Schiedsrichter.

Das lag an vielerlei Dingen und Akteuren. An den Medien, klar, an Spielern und Trainern, am vielerorts und in diesem Text der Einfachheit halber auch hier gerne mal so genannten Videobeweis per se, am DFB und dem IFAB, am einen oder anderen Videoassistenten (w/m), an der Sportgerichtsbarkeit, an technischen Unzulänglichkeiten und ein bisschen auch an den Schiedsrichtern selbst.

Der VAR. Es ist ja fast alles über ihn geschrieben, im Guten wie – deutlich häufiger – im Schlechten, wie es halt so ist. Vor einigen Wochen schrieb ich bei Twitter folgendes:

In Teilen hatte ich das fast wortgleich auch schon ein Dreivierteljahr zuvor geschrieben, und so gilt es auch weiterhin. Klar kann man entgegnen, dass er keinen Spaß zu machen braucht, dass – wie ein sehr geschätzter Mittwitternder bemerkte – der “Kringel am Strafraum, der 9,15-Abstand vom Elferpunkt markiert”, auch keinen Spaß macht. Stimmt. Aber er verdirbt ihn mir auch nicht. Beim Videobeweis ist das manchmal anders. Wenn ich im Stadion nicht weiß, was los ist, wenn ich vor dem Fernseher über die Auslegung des berühmten klaren Fehlers oder die den Videoassistenten gesetzten Grenzen sinniere, wenn vermeintliche Experten ohne jene Ahnung über den Videobeweis fachfremdsimpeln, was natürlich nicht in erster Linie dessen Schuld ist, wenn Twitter oder dessen Pendant fern der Tastatur anlässlich einer VAR-beeinflussten Entscheidung durchdreht, und nicht zuletzt dann, wenn diejenigen, die sachlich und mit der sprichwörtlichen Engelsgeduld zu erklären versuchen, wieso eine Entscheidung so getroffen worden sein könnte, wie sie eben getroffen wurde, in gänzlich inakzeptabler Art und Weise attackiert werden. Ja, natürlich schaue ich Euch an, @collinaserben. Und die anderen, also die mit der vergessenen Kinderstube.

Einiges von dem, was ich grade ansprach, hat nur mittelbar mit dem Videobeweis zu tun. Natürlich würde ich diese Aspekte nicht als Argument gegen den VAR-Einsatz anführen. Und doch sind es auch diese Begleiterscheinungen, die eben dazu führen, dass er mir keinen Spaß macht.

Ob er den Schiedsrichtern Spaß macht? Ich weiß es nicht. Was ich zu wissen glaube, ist, dass er die Schiris mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert hat, auf die sie nach meiner Wahrnehmung nicht hinreichend vorbereitet waren. Die neue Komplexität der Entscheidungsfindung dürfte zumindest ihren Anteil daran gehabt haben, dass erfahrene Schiedsrichter ganz grundlegende Dinge falsch gemacht haben, Dinge, tatsächliche Regelverstöße, von denen ich glaube, dass sie ihnen ohne Videobeweis nie unterlaufen wären.

Wie zu Saisonbeginn in Dortmund, als mit Dr. Felix Brych am Bildschirm und Patrick Ittrich auf dem Feld wahrlich keine Grünschnäbel am Werk waren und doch Grundregeln des Spiels verletzten, indem sie ein Tor nachträglich anerkannten, obwohl die Situation zuvor abgepfiffen worden war. Dass dem nicht so sein darf, weiß Patrick Ittrich mit Sicherheit auch zu Zeiten, zu denen man normalerweise Olaf Thon für einen Elfmeter aufweckt.

Genau wie sich Guido Winkmann zweifellos darüber im Klaren ist, dass er keine Entscheidung mehr revidieren kann, nachdem er das Spielfeld zur Pause verlassen hat. Wenn, ja wenn er sich nicht in einer Situation befände, die in all seinen Jahren als Schiedsrichter so nicht vorkommen konnte und auf die er vermutlich nicht adäquat vorbereitet werden konnte.

Ich hätte es sehr gerne gesehen, wenn einer der beiden in den genannten Fällen benachteiligten Vereine, der 1. FC Köln oder der SC Freiburg, die jeweilige Situation sportgerichtlich hätte klären lassen. Aus dem niederen Beweggrund, dass ich dem DFB eine krachende Niederlage von Herzen gegönnt hätte, und aus der etwas konstruktiveren Überlegung heraus, dass die öffentlich notwendige Einsicht in die eigene Fehlbarkeit den Verband auf dem Weg zu einem weniger selbstgefälligen Duktus hätte unterstützen können.

Ja, zur Kommunikation im Kontext des Videobeweises ist im Grunde alles gesagt. Transparenz, zudem Transparenz, dazu ein bisschen Transparenz, gerne ergänzt um etwas mehr Demut und etwas weniger “Ich erklär’s mal”. Und vielleicht, ganz vielleicht, das wäre der Punkt, der mir beim Thema Sportgerichtsbarkeit einfällt, wäre ein bisschen mehr Anstand nicht schlecht. Für die Chuzpe, mit der man unmittelbar nach dem Winkmann-Steinhaus-Elfmeter gegen Freiburg das Vorgehen des Schiedsrichters als regelgerecht darstellte, und das spätere partielle Zurückrudern, wohlgemerkt nach Ablauf der Einspruchsfrist, suche ich seit Wochen nach Worten. Bis dato schwanke ich noch immer zwischen schäbig und infam.

Da überrascht es dann auch gar nicht mehr, wenn sich in einer nicht annähernd so gravierenden Angelegenheit, dem Platzverweis von Santiago Ascacíbar gegen Hoffenheim und der folgenden Geldstrafe ob seines Verhaltens beim Verlassen des Spielfelds, der VfB Stuttgart bemüßigt fühlt, dem Verband leidlich verklausuliert Drohgebärden zu unterstellen: “… weil uns von Seiten des DFB explizit mitgeteilt wurde, dass ‚in einer eventuellen mündlichen Verhandlung die Frage einer zusätzlichen Sperre zu erörtern sei‘.”

Und dann war da ja noch die Causa Petersen. Oder die Causa Stieler, wenn man so möchte. Ein Novum in vielerlei Hinsicht. Was mir, der ich gedanklich in meiner Welt als langjähriger Spieler und so gut wie nie Schiedsrichter verhaftet bin, enorm gut gefallen hat, war die Entscheidung, die Aussagen des Schiedsrichters nicht mehr als sakrosankt hinzunehmen, sondern auf Basis anderer Quellen und Indizien einfach mal zu sagen, dass der Spieler recht hatte. Oder ihm zumindest nicht guten Gewissens eine Lüge unterstellt werden konnte. Dass ich letztere für wahrscheinlich halte, steht auf einem anderen Blatt.

Wenn dann in ein paar Jahren herauskommen sollte, dass die rasch herbeikonstruierten Fälle, in denen Spieler künftig nicht nur, wie es seit Jahrzehnten allerorten auf Fußballplätzen geschieht, dem Schiedsrichter ostentativ den Rücken zukehren, wenn sie verwarnt werden, sondern in denen sie damit, oder gar mit aktivem Wegrennen, tatsächlich eine regelgerechte Verwarnung umgehen können, seit diesem Vorfall exponentiell (oder auch nur linear) angestiegen sein werden, überdenke ich meine Position. Bis dahin aber freue ich mich einfach darüber, dass sich auch einmal ein Spieler erfolgreich zur Wehr setzen konnte. Und ja, ich denke in diesem Moment auch an kolportierte Beleidigungen von Schiedsrichtern gegenüber Spielern, gegen die es keine Handhabe gab.

Weiter oben sprach ich von Argumenten gegen den VAR, die man vorbringen könne oder auch nicht. Das ist natürlich völlig irrelevant. Das Thema Argumente ist durch, seitdem das IFAB die Testphase für beendet erklärt und ihn in die offiziellen Regeln aufgenommen hat. Zu einem Zeitpunkt, zu dem noch nicht einmal das grundlegende Handwerkszeug für einen der typischsten und im Grundsatz mit am besten für den VAR-Einsatz geeigneten Anwendungsfälle vorliegt: die zu trauriger Berühmtheit gekommenen kalibrierten Linien für Abseitsentscheidungen. Deren Verfügbarkeit den einen Videoassistenten anficht, den anderen nicht. Oder den einen mal nicht und mal schon, es menschelt, natürlich.

Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie das IFAB, das in der Vergangenheit nicht immer dafür bekannt war, Entscheidungen übers Knie zu brechen, dem man mitunter gar unterstellte, eben nicht mit der Realität Schritt zu halten, diese Entscheidung treffen konnte. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Testphase auszudehnen und sich das Ganze noch etwas länger anzusehen, dann auch inklusive Handwerkszeug, ehe man Nägel mit Köpfen macht. Dass man dem entgegnen kann, die Entscheidung sei ohnehin von Anfang an klar gewesen, die Evaluierung nicht mehr als ein Feigenblatt, ist mir klar.

Ganz subjektiv kommt erschwerend hinzu, dass ich mich nun in der unglücklichen Situation befinde, die Uefa, die sich dem Einsatz des VAR in der Champions League weiterhin verwehrt, in diesem Kontext als Inbegriff rationalen Handelns betrachten zu müssen, als diejenigen, die erst das ganze, funktionierende Bild vor Augen haben wollen, ehe sie die Spieler und Schiedsrichter damit konfrontieren. Irgendwo in meiner Erinnerung tauchen Fragmente aus jener Zeit auf, als Supermärkte begannen, mit Scannerkassen zu experimentieren, und dabei zunächst manches schiefging. Bei allen, außer bei denen, die sich auf den Tag vorbereiteten, an dem die Technik ausgereift und verlässlich sein würde, und vielleicht bereitet mir der Gedanke an die Champions League als den Aldi unter den Fußballwettbewerben ein gewisses Vergnügen.

Oh, wo ich grade dabei bin: das IFAB und die Schiedsrichter. In den letzten Jahren hat ein Begriff Eingang in den Fußball-Diskurs gefunden, den die meisten von uns ohne Collinas Erben nie kennengelernt hätten: die Taktik des Schiedsrichters. Ein Begriff, über den man zunächst stolpert, der aber sehr wohl sinnvoll erscheint, bzw. die Idee dahinter. Es ist legitim, dass sich die Schiedsrichterin das Leben, zumindest aber das Spiel, nicht unnötig schwer macht, indem sie ihre Spielräume beispielsweise durch einen früh im Spiel zwar möglichen, aber für den Fortgang der Partie sehr herausfordernd gesetzten Ton zu sehr einschränkt. Was ich sagen will: Es ist aus meiner Sicht ok, sich selbst keine Steine in den Weg zu legen, wo sie nicht notwendig sind.

Ob das IFAB das im Sinne der Schiedsrichter auch so sieht, weiß ich nicht. Kürzlich las ich von folgender Klarstellung durch das Gremium: „Bei der Beurteilung einer Abseitsstellung ist der erste Kontakt beim Spielen oder Berühren des Balls entscheidend.” Mal ganz davon abgesehen, dass diese Differenzierung für die meisten Beobachter wie Kai aus der Kiste gekommen sein dürfte: Warum? Warum so schwierig, so uneindeutig?

Es kommt nicht von ungefähr, dass – so ich Collias Erben recht verstanden habe – Dr. Markus Merk einer der ersten war, der auf Situationen hinwies, in denen der Ball vergleichsweise lange berührt wird, so zum Beispiel, wenn die Spielerin den Fuß auf den Ball stellt und ihn dann in einer fließenden Bewegung mit der Sohle weiterleitet. Wird dem Videoassistenten dann die – nicht erwünschte – detektivische Arbeit zufallen, zu prüfen, ob es sich wirklich nur um eine Ballberührung handelte oder ob der Kontakt möglicherweise im Zuge der Aktion kurzzeitig abgebrochen war, sodass der erste Kontakt beim tatsächlichen Spielen des Balles in Wahrheit erst viel später eintrat?

Wäre es nicht klug gewesen, hier aus taktischen Erwägungen den wesentlich eindeutiger zu bestimmenden Moment als entscheidend zu betrachten, nämlich den, in dem der Fuß den Ball zuletzt berührt, letzterer ersteren also verlassen hat, unabhängig davon, wie lange der Kontakt dauerte? Ich könnte dem einiges abgewinnen, aber vielleicht ist das auch viel zu einfach gedacht.

Ach, genug. Ich wünsche mir, dass in den nächsten Tagen, wenn die Entscheidung über die Abschlusstabelle der Bundesliga gefallen sein wird, die Schiedsrichter im Allgemeinen und ihre Videoassistenten im Speziellen in der Öffentlichkeit nur eine Nebenrolle spielen werden, mal abgesehen von den allfälligen Verschwörungstheoretikern welcher Couleur auch immer und von den sonstigen üblichen Verdächtigen.

Und ich freue mich, den Spieltag entspannt verfolgen zu können. Ohne irgendeinen höheren Zweck, den ich gerne verwirklicht sähe. Wenn der Hamburger SV absteigen sollte, dann wird er es sich ebenso erarbeitet haben wie jeder andere mögliche Absteiger. Ich hätte sicherlich meine Schwierigkeiten, mich daran zu gewöhnen.

Was ich allerdings nicht erleben möchte, ist eine verlorene Relegation des Bundesligisten, der dann wegen einer verweigerten Kieler Lizenz oben bliebe. Auch wenn es zum Beispiel ganz hübsch in das gängige HSV-Narrativ passen würde.

Mors, Mors

Im Frühjahr 2015 erhielt ich eine E-Mail, in der mich jemand frug, ob ich einen Text zu einem Buch beitragen wolle, einem Buch über Fußball. Und Sprache. Begriffe der Fußballrhetorik. Ich wolle gern, antwortete ich, so ich denn in der Lage sei, einen hinreichend guten und dem Verständnis der Herausgeber entsprechenden Text zu verfassen. 

Wir mailten noch ein paar Mal hin und her, irgendwann hatte ich dann eine Version, mit der ich zwar nicht uneingeschränkt glücklich war, die ich aber nach meiner Einschätzung aus der Hand geben konnte, ohne mich zu blamieren. Also gab ich sie weiter, durchaus damit rechnend, eine mehr oder weniger freundliche Absage zu erhalten – die das seitens der Herausgeber aufgezeigte Prozedere auch vorsah. Allein: sie kam nicht.

Keine Absage. Auch keine Zusage. Keine Bitte um Geduld. Ich habe nie mehr etwas von der betreffenden Person gehört. Auch eine zumindest nicht unfreundliche Nachfrage meinerseits Monate später rief keine Reaktion hervor, und nach und nach verschwand der Vorgang in einer selten besuchten Sektion meines Gedächtnisses.

Und so war ich dann doch überrascht, als mich kürzlich jemand auf eben dieses Buch hinwies, das Anfang des Jahres offenbar tatsächlich erschienen ist. Ohne meinen Text, vermutlich. Völlig in Ordnung. Nur die Kommunikation, die war eher so mittel.

Da mein Text aber noch immer hier rumliegt, und weil sich in diesem Blog ohnehin viel zu selten etwas tut, nun, Sie wissen schon. Hier also ein Text aus dem Jahr 2015, dem man sein Alter an der einen oder anderen Stelle auch anmerkt, allein schon von den Namen her.

 

Wasserträger

Wasserträger. Ein Begriff, der uns beim Fußball – spielend wie schauend – seit Jahrzehnten begegnet. Begegnete, muss man heute vielleicht korrekter sagen. Vergangenheit. Abgeschlossen. Oder können Sie sich noch an Ihre letzte Begegnung mit dieser Spezies erinnern? Sprachen die Béla Réthys dieser Welt, oder zumindest unserer Fernsehlandschaft, in diesem Jahrtausend schon einmal vom selbstlosen Einsatz oder den unterschätzten Qualitäten eines Wasserträgers?

Und wenn ja: wie hieß er? Denn ist es nicht so, dass die meisten von uns, je nach Alter und fußballerischer Sozialisierung, diesen Begriff mit mindestens einem konkreten Spieler in Verbindung bringen? Herbert Wimmer zählt zu den üblichen Verdächtigen, gilt vielleicht gar als Hauptverdächtiger, Heinz Simmet war sein Pendant auf der anderen Seite des Netzer-Overath-Grabens. Spätere Exponenten heißen Wolfgang Dremmler, Steffen Freund, Claude Makélélé, Rolf Aldag oder Thomas Häßler.

„Moment!“, höre ich Sie sagen, und ja, Sie haben recht, doppelt: Häßler? Der Thomas Häßler? Der mit dem Zauberfuß? Ein Mann für die großen Momente als Wasserträger? Ja, in der Tat. Damals, in Dortmund, als Trainernovize Michael Skibbe dem nicht allzu wohlgelittenen Weltmeister immerhin Talent bescheinigte und Schnappschüsse des eine Wasserkiste tragenden Häßler mit der passenden Bildunterschrift versehen wurden. Vom Weltmeister zum Wasserträger, oder Variationen davon. Das Ausmaß des entstandenen Spotts, aber auch der von Häßler empfundenen Kränkung, wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die mediale Berichterstattung, sondern auch auf die Wertschätzung, die dem gemeinen Wasserträger in aller Regel zuteilwurde.

Und, gewiss: Auch Rolf Aldag passt nicht recht in die Reihe. Ein Wasserträger war er schon, par excellence und im Wortsinn sogar, nur nicht beim Fußball. Aldag fuhr Rad, wir erinnern uns, und trug seinen Teil dazu bei, dass der eine oder andere unter uns bis heute davon ausgeht, der Fußballbegriff des Wasserträgers habe seinen Ursprung im Radsport. Dort leisten die etwas weniger begabten Athleten Zubringerdienste für ihren Kapitän – darunter ganz konkret auch das Herantragen von Wasserflaschen –, auf dass jener, von derlei profanen Tätigkeiten befreit, explizit für die ganz großen Momente sorgen möge. Eine Erwartungshaltung, der Exponenten wie Ullrich oder Indurain, aber auch Netzer oder Zidane dann ja durchaus gerecht wurden.

Gut möglich, dass der Wasserträger tatsächlich aus dem Radsport herübergeschwappt ist, doch de facto ist der Begriff wesentlich älter als, sagen wir, die Tour de France – Wikipedia spricht von einem historischen Dienstleistungsberuf, seine Vertreter werden gelegentlich als niedere Arbeiter beschrieben. Zahllose religiöse Texte in diesem unserem Internet verweisen zudem auf die Hochzeit von Kana und das „Wunder der Verwandlung“, das die ungebildeten Wasserträger nicht sehen, nicht begreifen. Oder anders, heruntergebrochen und adaptiert: Wie sollte ein schnöder Wasserträger jene Wunder durchschauen, die beispielsweise eine deutsche Lichtgestalt oder ein niederländischer König auf der Höhe ihrer jeweiligen Schaffenskraft uns allen, Gläubigen wie Ungläubigen, auf dem Feld, den Rängen oder an den Bildschirmen schenkten?

Den Kontrast zu ihrer Kunst bildet das Wassertragen: eine profane Dienstleistung sei es, mitunter auch eine Zuarbeit. Aber, zweifellos, eine wichtige. Historisch gesehen, als sich das Wasser noch nicht selbstverständlich aus dem Hahn ergoss und lebensechte Wasserträger Abhilfe schafften – in Hamburg denkt man womöglich an Hans Hummel –, aber auch in unserem übertragenen Kontext, wiewohl weniger existenziell, im Peloton oder auf dem Fußballplatz – in Hamburg denkt man vielleicht an Jürgen Groh oder Wolfgang Rolff.

Womit wir beim heutigen Wasserträgerdilemma angekommen wären: Da, wo früher Namen wie Rolff, Groh oder Eilts standen, lesen wir heute Modrić, Alcántara, Busquets oder Touré. Oder, um auf der heimischen Scholle zu bleiben, Lahm, Gündoğan oder
Schweinsteiger. Wasserträger klingen anders, nicht wahr?

Natürlich ist das eine Zuspitzung, gewiss besetzen die genannten Spieler unterschiedliche Positionen und Räume auf dem Feld, und vor allem: auf unterschiedliche Art und Weise. Das Spiel hat sich gewandelt, die Rollen ebenso, die Anforderungen erst recht. Oder anders: Wenn Andrea Pirlo oder Xabi Alonso in einem taktischen Schema just dort verortet werden, wo sich klassische Wasserträger gemeinhin tummelten, dann liegt der spontane Quervergleich zu Guido Buchwald nur wenigen Beobachtern auf der Zunge.

Die Aufgaben, die ein “defensiver” Mittelfeldspieler heute erfüllt, haben zwar noch eine nennenswerte Schnittmenge mit dem Selbstverständnis von, sagen wir, Jens Jeremies; dass sie aber weit darüber hinausgehen, dürfte als Binsenweisheit durchgehen. Und dass mit den sportlichen Veränderungen auch ein sprachlicher Wandel einherging, wird ebenfalls niemanden überraschen.

Gut möglich, dass sich schon Jeremies nicht als „Wasserträger“ bezeichnet hätte. Ging mir selbst ja auch so, einem um viele Größenordnungen unbegabteren Fußballspieler als Jens Jeremies, als ich Mitte der Neunziger „vor der Abwehr“ spielte: Natürlich war ich ein Dienstleister für die Mannschaft, keine Frage, aber doch kein reiner Zuarbeiter für den großen Helden und seine strahlenden Auftritte, wo denken Sie hin?! Zumal wir damals alle unter dem Eindruck von Matthias Sammer standen, dem Libero vor der Abwehr, der erste Schritte unternahm, den deutschen Fußball wieder auf die Höhe der Zeit zu heben. Und dabei, wenn man so will, die Wasserträgerposition gleich mit vereinnahmte.

Der Wasserträger hat sich überlebt. Dass es ihn im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr gibt, mag dem ehrenwerten namensgebenden Beruf nicht gerecht werden, dem Selbstverständnis des gemeinen Sechsers indes sehr wohl: Vermutlich sieht er sich, um noch einmal eine Anleihe beim Radsport zu nehmen, vielmehr als Edelhelfer. Mindestens.

Und das zu Recht. Es reicht nicht mehr, das Wasser zu reichen. Im Idealfall ist der Edelhelfer in der Lage, es auch gleich zu Wein zu verwandeln, zumindest aber sollte er in der Lage sein, es einzugießen und mundgerecht zu servieren.

Das Wunder der Verwandlung mag mitunter noch immer den einstigen Helden, den Nachfahren des Spielmachers klassischer Prägung, den Zehnern obliegen. So sie denn noch mitspielen dürfen. De facto müssen sie in zunehmendem und beträchtlichem Maße bereit sein, ihr Wasser selbst zu tragen. Und es gegebenenfalls zu teilen oder gar weiterzugeben. Wie einst Thomas Häßler.

Frenchy

Herr F. war ein freundlicher Mann. Vermutlich ist er es noch immer. Damals war er mein Chef. Er schätzte mich und meine Arbeit, auch wenn er mir (und vielen anderen) regelmäßig Gelegenheit gab, just daran zu zweifeln. Sagen wir es, wie es ist: Er war ein Trampel. Seine geheime Superkraft bestand darin, selbst ein noch so ernst gemeintes Kompliment so verpacken zu können, dass es sich wie ein übler Diss, zumindest aber vergiftet anhörte. Ohne dass er es gewollt oder bemerkt hätte.

Oder seine Sitzungsführung, insbesondere bei konträren Meinungen. Selten habe ich jemanden wie ihn erlebt, dem es ohne jede Anstrengung gelang, alle Seiten zu verprellen, unabhängig davon, ob man letztlich eine gute Lösung gefunden hatte oder nicht. Und ohne dass er es gewollt oder bemerkt hätte.

Oder nehmen wir seine Scherze. Sie bedienten keinen -ismus, waren nicht frauen- oder fremdenfeindlich, häufig sogar nett gemeint, und doch so oft schlichtweg gedankenlos. Immer auf der Suche nach dem nächsten Fettnäpfchen, ohne je eines zu erkennen, weder davor noch danach. Und: Sie waren nicht witzig. Oder aber: Sie waren witzig, aber er trug sie so vor, dass niemand darüber lachen mochte. Ein Jammer.

Oder anders: Sie erinnern sich an Lieutenant Hauk? Adrian Cronauers, nun, Vertretung? Seinen ersten Auftritt on air, den seine Soldaten zuvor verzweifelt zu verhindern versucht hatten? Lieutenant Steve, Frenchy? Oh, oh, oh, Frenchy? Wie er sich, als dann das erste Musikstück läuft, zurücklehnt, die Arme selbstbewusst verschränkt und die fassungslosen Soldaten mit herausforderndem Blick anspricht: “I think some apologies are in order.”

You get the picture.

In meinem Kopf sagt Lieutenant Hauk dieser Tage etwas ganz Anderes. “Mit welcher Ruhe und Klarheit wir im Klub Entscheidungen getroffen haben, das war beeindruckend.”

Und dann würden die Apologies eintrudeln. Vom kritischen Teil der VfB-Fans, der auch langsam anfängt zu überlegen und umschwenkt. Schließlich hat der neue VfB-Trainer, den Michael Reschke verpflichtet hat, aus seinen ersten drei Spielen sieben Punkte geholt.

Das ist aller Ehren wert. Und es wäre eine wunderbare Gelegenheit für Herrn Reschke, im Stillen die Hände zu reiben und sich einmal kurz auf die Schulter zu klopfen, dem Trainer sowieso, und dann wieder an die Arbeit zu gehen. Dass damit der Wunsch nach mehr Anerkennung oder zumindest weniger Feindseligkeit seitens eines Teils der VfB-Anhänger eingehen darf, ist unstrittig. Klar kann man sich das wünschen. Natürlich arbeitet es sich leichter, wenn einem diejenigen, von denen man sich Unterstützung erhofft, etwas mehr zutrauen.

Andreas Beck kann bestimmt ein Lied davon singen. Er ist kein Dummkopf, kein als Söldner verschrieener Abzocker, kein Blender, der nur in den sozialen Netzwerken glänzt, ist gar einer, dem man einst manche Träne nachweinte, kurz: keiner, der so recht zum Feindbild taugt. Gewiss, er brennt auf dem Platz kein Offensivfeuerwerk ab, spielt zu viele Fehlpässe, regt unsere Phantasie nicht an. Vor allem aber ist er, wenn nicht das, dann doch ein Gesicht der, falls man so sagen will, Ära Reschke.

Und dieser Herr Reschke ist, Verzeihung, Herr F., ein Trampel. Ein Mann, der es in Stuttgart von Anfang an geschafft hat, Leute vor den Kopf zu stoßen, die ihm gerne wohlgesinnt begegnen würden, es aber nicht mehr hinbekommen, zum Teil sicherlich auch nicht hinbekommen wollen. Weil er sie beispielsweise ohne einen Anflug von Souveränität als ahnungslose Vollidioten bezeichnet hat, oder eben weil er sich nach drei relativ erfolgreichen Spielen hinstellt und von der eigenen beeindruckenden Entscheidungsfindung schwadroniert. Zu einem Zeitpunkt, da nichts gewonnen ist, da man ein paar Pünktchen oberhalb der roten Linie steht, mit der Aussicht, bereits kurz vor Schluss voraussichtlich ein gewisses Polster zu benötigen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Im Fachmagazin Kicker wird die von ihm geäußerte Hoffnung auf umschwenkende Fans als Aufruf zur Versöhnung gedeutet. Ich halte das, wie oben angedeutet, nicht für abwegig. Wäre doch schön für ihn, mehr Vertrauen, mehr Anerkennung, mehr Unterstützung zu genießen. Für den Trainer auch, klar. Wenn er es einem nur nicht so schwer machen würde. Nicht der Trainer, der schlägt sich nicht nur auf bzw. neben dem Platz wacker, sondern auch in seiner medialen Darstellung.

Oder können Sie sich vorstellen, dass Tayfun Korkut nach dem Spiel öffentlich die beeindruckende Klarheit seiner Entscheidungen zu Aufstellung, Taktik und Auswechslungen hervorhebt? Oder irgendein anderer Trainer? Ein Sportdirektor? Zumindest nicht viele, vermute ich?

Michael Reschke ist da offenbar anders. Und ich fürchte, er weiß es nicht. Vielleicht hoffe ich es auch. Da muss ich noch drüber nachdenken.

tmi

Das ist ja mal ne Überraschung: Noch nicht mal Mitte Februar, und schon ist die Advents-Startseite im Blog der ganz gewöhnlichen Aneinanderreihung von Beiträgen gewichen. Mein ganz persönlicher Blog-Knutstag, sozusagen. Advents-Kehraus.

Kehraus. Und schon sind wir gedanklich bei Hannes Wolf. Und wären womöglich viel lieber bei Michael Reschke und Wolfgang Dietrich. Aschermittwoch steht ja quasi vor der Tür. Oje, ich schweife schon wieder ab. Lange nichts mehr hier reingeschrieben, nech? Nun denn, vielleicht hilft es ja, mir einfach selbst ein paar Stichwörter (hier: Namen) zu geben und ein paar lose Gedanken dazu zu formulieren. Nun denn:

Hannes Wolf

Ein Jammer! Und damit meine ich zunächst einmal nicht sein, wenn man den Vereinsgranden glauben darf, jämmerliches Erscheinungsbild als Trainer, der die Mannschaft nicht mehr erreicht und es nur noch einmal versuchen würde, wenn die Vereinsführung explizit darum bäte. Oder so ähnlich.

Aber nein, ein Jammer, dass es nicht gelungen ist, mit diesem intelligenten, sympathischen jungen Mann eine dauerhaftere Erfolgsgeschichte zu schreiben. Eine Träumerei, Sie erinnern sich. Es sollte nicht sein, und ich würde gerne den bösen Leuten aus dem Vorstand die Alleinschuld geben, denen der unerfahrene, dummerweise aber erfolgreiche und noch dazu beliebte Trainer stets ein bisschen suspekt gewesen ist, allein: Ich kann es nicht.

Viel eher gehe ich davon aus, erwarte es gar, dass sich die Herren in verantwortlicher Position spätestens seit der zweiten Hälfte der Vorrunde hin und wieder Fragen zur sportlichen Entwicklung gestellt haben, zur geringen Torgefahr, zu den Defiziten im Offensivspiel, zu mancher taktischen Anpassung im laufenden Spiel. Da konnte man durchaus Aspekte und Argumente finden, die die Position des Trainers nicht eben gestärkt haben. Ob man diesen Argumenten dann folgt oder nicht, ob man dem Trainer dann zusätzliches Personal an die Hand gibt, und wenn ja, welches, darüber kann man zweifellos diskutieren.

Ob ich mir das anders gewünscht hätte? Natürlich. Ob ich Hannes Wolf für eine wohltuende Erscheinung in Bad Cannstatt gehalten habe? Unbedingt! Ob er hinterrücks und bösartig gemeuchelt wurde? Tendenziell nicht. Ob die Vereinsführung den möglicherweise – eine Bestätigung seitens Wolf selbst habe ich bisher nicht vernommen – zweifelnden jungen Trainer hätte stützen und zum Weitermachen drängen sollen? Ich weiß es nicht. Das lässt sich aus der Entfernung nicht einschätzen. Ich war nicht dabei, weiß nicht, ob sich Wolf tatsächlich zweifelnd geäußert hat und wenn ja, wie, in welchem Tonfall, mit welcher Körpersprache, Sie wissen schon.

Fakt ist: Er ist weg, genau wie Jan Schindelmeiser, genau wie Simon Terodde, und glücklich macht mich das alles nicht. Und natürlich wünsche ich ihm alles Gute und eine großartige Karriere.

Tayfun Korkut

Ich habe es bedauert, als er damals den VfB verlassen hat, zu einer Zeit, als ich noch mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu den Spielen der U19 des VfB ging, die noch dazu häufig gute Ergebnisse und nicht selten sehenswerte Leistungen brachten. Die bekannte Entwicklung späterer Jahre liegt gewiss nicht daran, dass man damals Korkut ziehen ließ; meine Sympathie für ihn habe ich mir indes über die Jahre bewahrt und freute mich für ihn, als er als Cheftrainer in der Bundesliga anheuerte, mit zunächst gutem, später nachlassendem Erfolg.

Irgendwann nahm ich ihn dann eher als Ritter von der traurigen Gestalt wahr, eine Rolle, die er angesichts der Umstände des Trainerwechsels beim VfB nicht unmittelbar ablegen konnte: Er war ganz offensichtlich nicht die erste Wahl, sein Name weckte im Umfeld nicht die geringste Euphorie, sondern verstärkte im Gegenteil die aus der Entlassung herüber genommene Abwehrhaltung, und dass seine ersten medialen Auftritte im Vergleich zum rhetorischen Sonntagskind Hannes Wolf tendenziell verblassten, dürfte auch kaum jemand bestreiten.

Unabhängig davon habe ich mir, was selten genug vorkommt, das Video der Spieltags-PK vor seinem Debüt in Wolfsburg angesehen. Kein Auftritt, mit dem er uns alle in seinen Bann gezogen hat, gewiss, aber ein grundsolides, an der Sache orientiertes Auftreten, in dem er die eine oder andere Klippe erfolgreich umschiffte und die von den Medienvertretern erhofften Vergleiche zum Vorgänger vermied, oder dort, wo man einen Vergleich hineinlesen konnte, sich eben diesen verbat. Sehr interessant diesbezüglich folgende Ausführungen, auch und gerade, zumindest in meinem Kopf, vor dem Hintergrund mancher Diskussion um Handball-Bundestrainer Christian Prokop und dessen Arbeitsweise bei der zurückliegenden Europameisterschaft:

Wichtig, das kann ich sagen, ist, dass ich nicht zu viel Informationen an die Mannschaft weitergeben werde, versuchen werde, sehr, sehr viel zu sieben, also das heißt zu komprimieren, mit wenig Informationen sie auf den Platz zu schicken, weil einfach ich auch aus eigener Erfahrung gesehen habe, dass, wenn Druck da ist, dass zu viel Informationen auch wieder Verwirrung auslösen können.[…] Aber das hat nichts mit meinem Vorgänger, und auch nichts mit der Art und Weise, wie mein Vorgänger war, zu tun.”

 

Michael Reschke

Der Mann, der Jan Schindelmeiser abgelöst, Hannes Wolf weggeschickt und Tayfun Korkut geholt hat. Und dann haben wir noch nicht einmal über Spieler gesprochen. Noch Fragen?

Ok, im Ernst: Es fällt nicht ganz leicht, ihn zu mögen. Das liegt zum Teil an einigen der ex- oder implizit genannten Personalien, zu einem nicht unerheblichen Teil zudem an seinem Auftreten in der Öffentlichkeit, das im einen oder anderen Fall an den sprichwörtlichen Besucher eines Porzellanladens erinnert. Aktuell befindet er sich nach meiner Kenntnis auf medialer Schadensbegrenzungstour, und möglicherweise schlagen die PR-Verantwortlichen des Vereins, ganz oben angefangen, drei Kreuze, wenn der Schaden hernach zumindest nicht größer geworden ist.

Ich will nicht weiter auf den Trainerwechsel eingehen, ein paar Punkte habe ich oben angesprochen, aber was mich in den letzten Tagen tatsächlich irritiert hat, war der sogenannte Deadline Day. Seit Jahren wünschte ich mir, das Ende einer Transferperiode einmal völlig entspannt begleiten zu können, weil beim VfB diesbezüglich schlichtweg nichts zu erwarten ist. Nun, neulich war es so weit, und irgendwie hatte mir das anders ausgemalt. Keine Baustellen im Kader, so hatte ich es mir erhofft, weder auf den immer schwierigen Außenverteidigerpositionen noch im offensiven Kreativbereich, wo ebenfalls beinahe traditionell Bedarf besteht, keine akuten Lücken aufgrund bitterer Verletzungen, eher so dieses “Macht Ihr anderen ruhig mal, an der Mercedesstraße ist man bestens aufgestellt.”

Nun, ganz so war’s nicht, ehrlich gesagt. Vielmehr konnte ich nicht glauben, dass gerade angesichts der unmittelbar zurückliegenden verheerenden Auftritte in Mainz und gegen Schalke kein hinreichend dringender Handlungsbedarf gesehen wurde. Aber vielleicht wollte man dem neuen Trainer auch erst etwas Zeit geben, sich seinen Kader genauer anzusehen, was weiß denn ich?

 

Mario Gómez 

Klar freue ich mich. Kurz nach seinem Abschied gen München hatte ich ein “Bloggerinterview” gegeben, das der Betreiber des gastgebenden Blogs damals mit meinem Zitat “Gómez war eine Naturgewalt” überschrieben hatte, und ja, das traf meine Einschätzung ziemlich gut. Ich wünschte, er hätte in der Nationalmannschaft etwas mehr Fortune gehabt, auch etwas weniger Scholl, aber natürlich hatte auch er seinen Anteil an diesem Los. Meine Freude über seine Rückkehr war und ist enorm, wenn auch mit mehr als einem Wermutstropfen versehen, den der Abschied von Simon Terodde hineingegossen hat, aber wer braucht schon drei Ochsen?

Wenn ich aber ehrlich bin: Die Naturgewalt ist er bisher nicht wieder. Immer wieder ertappe ich mich dabei, von ihm Durchbrüche wie von jenem jungen Mann zu erwarten, dessen athletische Möglichkeiten grenzenlos schienen, und bin dann kurz enttäuscht, um wenige Sekunden später wieder festzustellen, dass er anderswo ein deutlich versierterer Fußballspieler geworden ist. Solange er trotzdem trifft, will ich mal nichts dagegen sagen.

Berkay Özcan

Ich habe ein bisschen Sorge, dass er ein Verlierer des Trainerwechsels sein könnte. Gewiss, es ist erst eine Partie gespielt, und ja, wir müssten dann auch über Chadrac Akolo reden. Bei Özcan schmerzte es mich ein bisschen mehr. Weil er aus der Region ist, Sie verstehen schon. Ernsthaft: Ich sähe ihn mittelfristig gern in zentraler Position beim VfB, vielleicht gar auf der Sechs, entsprechende taktische Fortschritte unterstellt. Im Moment allerdings sehe ich nicht recht, wo in Korkuts Elf sein Platz sein könnte. Vielleicht kann ich es auch nachvollziehen, wenn er im Abstiegskampf öfter mal außen vor bleibt. In der Hoffnung, und das kann ich nun wahrlich nicht einschätzen, dass der Trainer diese Sache gut moderiert. Wir haben nicht so viele Leute mit seinem Talent bei unserem Verein. Wie er den Ball behauptet mit seinen 19 Jahren. Wie er den Ball – manchmal, und viel zu selten – schnell macht. Und wie er arbeitet. Gefällt mir.

Erik Thommy

Eckstöße, halleluja! Möge es keine Eintagsfliege gewesen sein. Wenn das Herrn Reschkes Plan war: Chapeau! Aber Josip Brekalo vermisse ich trotzdem.

Wolfgang Dietrich

Vor ein paar Wochen habe ich ihn als Redner in einem völlig anderen Kontext erlebt. Was nicht bedeutet, dass er über etwas anderes gesprochen hätte, nein, da ging es schon um den VfB. Vielmehr stand der Rest der Veranstaltung unter einem ganz anderen Motto. Zahlreiche Referentinnen und Referenten trugen zu zahlreichen Facetten eines Gesamtthemas vor, waren häufig bestens vorbereitet und noch dazu wirklich gute Redner/-innen, die Themen waren spannend. Der VfB-Vortrag wirkte angeflanscht, Herr Dietrich hatte keine ausgearbeitet Präsentation im Gepäck, gab aber ein paar Einblicke in das Innenleben des Vereins und ging auf mediale Herausforderungen ein, plauderte über diesen oder jenen Transfer, ohne allzu viel Verve oder Esprit. Dem Publikum, das einem ganz anderen Lebensbereich zuzuordnen ist, war es egal. Es hing an seinen Lippen, applaudierte laut und lange, und die Selfiequote – der Präsident und ich! – beim anschließenden gemeinsamen Imbiss war bemerkenswert hoch. Der Mann ist wichtig. Dass ihn das nicht stört, mag ich ihm per se nicht verübeln. Da gibt es anderes.

Dennis Aogo

Instagram! Spielerfrauen-TV! Was weiß ich was alles! Außerdem Reschkerampe, Alibi-Fußball, you name it. Ok, sein Alibi-Fußball, der stört mich wirklich. Die Auswahl an Gelegenheiten, in denen der gemeine Zuschauer (hier: ich) die Chance wittert, den Raum sieht, in den er, Aogo, hineinsprinten könnte, um Gefahr über die linke Bahn zu erzeugen, oder wenigstens die gegnerische Defensive zu irgendeiner Art von Bewegung zu zwingen, die anderswo Möglichkeiten eröffnen könnte, und in denen er dann doch lieber stehen bleibt und absichert, oder, so er selbst den Ball am Fuß hat, ihn elegant mit der Sohle zurückzieht und nach hinten abdreht, das aber in einer lässigen Art und Weise, die früher auf dem Schulhof oder im Freibad bewundernde Blicke mit sich gebracht hätte, ist reichhaltig. Man könnte ein hübsches Youtube-Video damit füllen.

Er geht nicht ins Risiko. Vielleicht weiß er, dass er nicht schnell genug zurückliefe. Oder zumindest nicht oft. Und vielleicht ist das besser als ein Linksverteidiger, der zu oft ins Risiko geht. Vielleicht hat Hannes Wolf deshalb häufig – zu meinem Missfallen – auf Aogo statt Insua gesetzt, oder Aogo und Insua: Eben weil Aogo solide spielt, in der Regel verlässlich. Und auch, wenn er nicht gerade Elfmeter verursacht, immer wieder mal in brenzligen Situationen zur Stelle ist.

Eventuell teile ich diese Meinung nicht mit allzu vielen Menschen. Zumindest nicht mit VfB-Fans, scheint mir. Oder auch den Eindruck, dass seine Partie in Wolfsburg so schlecht nicht war. Er ist insgesamt nicht sonderlich beliebt, was an ihm ebenso liegen mag wie daran, dass er als Paradebeispiel eines Reschke-Transfers gilt, neben Andreas Beck, der aber eben nicht so auftritt wie Aogo und keine unverschämten Interviews gibt. Wie gestern, als er folgendermaßen zitiert wurde:

“Der Trainer hat nicht versucht, uns mit Informationen zu überfrachten. Das war der richtige Weg. Man merkt, dass er erfahren ist.“

Der Aufruhr war groß, was für eine Frechheit! Übles Nachtreten! Und natürlich lassen die Witze über seine geistigen Möglichkeiten nicht auf sich warten. Kann man natürlich mal machen. Oder man fragt sich, woher so eine Aussage kommen mag. Wie sollte er überhaupt auf so etwas kommen, mit seinen eingeschränkten geistigen Möglichkeiten? Vielleicht hat er es ja einfach nur jemandem nachgeplappert?

Am Ende gar dem Trainer? Wollte er sich bei ihm lieb Kind machen? Oder ihm einfach nur recht geben? Fand er vielleicht, dass die Strategie aufgegangen sei? Ich weiß es nicht. Ja, ich habe gezuckt ob des zweiten Satzes, dieses “Man merkt, dass er erfahren ist.” Fand ich nicht nett Hannes Wolf gegenüber. Mittlerweile glaube ich nicht mal mehr, dass dieser Satz ein Seitenhieb gegen Wolf sein sollte. Der erste sowieso nicht.
Aber ich bin halt auch eher so der leichtgläubige Typ.

Benjamin Pavard

Träumchen. Großartige Entwicklung. Aber wem sage ich das? Wäre schon schön, ihn noch ein Weilchen hier zu sehen. Auch nach Holger Badstubers abzusehendem Abgang. Der, also Badstuber, aufpassen muss, dass sein zur Schau getragenes Selbstbild ihm nicht irgendwann auf die Füße fällt.

No rage, no running. But still …

Öhm? Englisch? Und überhaupt? Running? Rage? Nee, nee. Nur eine Reverenz.

Das ging dann ja doch ein bisschen rasch, irgendwie. Der Advent kam, mit ihm wieder mal ein Kalender und ganz nebenbei ein neues Blog. Der Name ist geblieben, die alten Texte sind es auch, die Blogroll ist verschollen, kommt aber bestimmt wieder. Die Adresse hat sich ein bisschen verändert, die Optik deutlich, ohne dass ich so genau sagen könnte, was weshalb wie aussieht und wie es sich wie ändern ließe.

Der Adventskalender hat mir auch in diesem Jahr großen Spaß bereitet. Dies gilt  erfreulicherweise auch für eine in ihrer Größe nicht so genau einzuschätzende Gruppe, die vermutlich eine gewisse Affinität für sportgeschichtliche Ausflüge oder für Reimereien oder für Rätsel oder für Teile davon oder auch für alles miteinander eint. Ich war versucht, von einem Nischenpublikum zu reden, was aber selbstredend völliger Unsinn ist: Sie sind alles andere als ein bloßes Publikum, sondern vielmehr ganz entscheidender Bestandteil der “Show”, also dessen, woran ich so große Freude hatte.

Und weil eben dieser Adventskalender dann doch nicht nur eine gewisse Aufmerksamkeit inhaltlicher Art erfahren, sondern zudem einige Leute hierher geführt hat, die sich zuvor selten bis gar nicht in mein Blog verirrt hatten, spielten der Umzug und das neue Äußere kaum eine Rolle. Geschickt eingefädelt, so wurde ich weder in Diskussionen über Schriftgrößen und -farben verwickelt, noch musste ich mir Antworten auf die Frage nach dem Warum aus den Fingern saugen.

Doch wie das halt so ist: Die Frage stellte sich trotzdem. Will sagen: Ich stellte sie. Wieso bin ich mit meinem darbenden Blog umgezogen, weshalb habe ich mich gar im Rahmen meiner Möglichkeiten mit gestalterischen Fragen befasst, warum den Aufwand betrieben? Für ein Blog, das – so ehrlich muss man mit Blick auf das abgelaufene Jahr sein, so gnadenlos ehrlich sind die fabulösen Herren vom Vertikalpass dankenswerterweise auch gewesen – kaum mehr als einen Adventskalenderblogger beherbergt?

Nun, ich weiß es nicht. Vielleicht war es das Bestreben, dann doch wenigstens dem Adventskalender ein neues Kleid zu kredenzen, vielleicht der Wunsch, in höherem Maße Herr über die eigenen Daten (hier: Texte) zu sein, ganz sicher steckt zum Teil das Ansinnen dahinter, die hinter meinem Rücken außerhalb meiner Kontrolle durch WordPress platzierte Werbung loszuwerden, und vielleicht, ganz vielleicht ist es einfach nur ein letztes Aufbäumen. Sie kennen das: Die Beziehung siecht so ein bisschen dahin: Heiraten? Kind? Neues Kleid? Ok, Letzteres.

Vielleicht, ganz vielleicht wird dieses Blog ja doch noch einmal regelmäßiger befüllt. Vielleicht werden ja auch diese (oder gar jene) Fünfzeiler irgendwie eingegliedert, das neue Gewand ist schließlich recht großzügig geschnitten. Modular, quasi. Und möglicherweise geht’s einfach öfter mal wieder um was anderes. Nicht nur um den VfB Fußball Fünfzeiler und Sonette, sondern einfach um Dinge, die mir grade so im Kopf rumschwirren, die ich, hüstel, angedacht habe, ohne weitergekommen zu sein, Sie wissen schon, damals. Der Herr @_catenaccio macht das übrigens auch grade, gefällt mir. Und ich habe auch noch im Ohr, wie er mir vor einiger Zeit sagte, besser: schrieb, dass mein Blog seinem Namen früher auch mehr Ehre gemacht habe, oder so ähnlich. Und das wesentlich freundlicher, als es in meinen Worten klingen mag.

Ganz aktuell schwirrt mir zum Beispiel die Frage im Kopf herum, ob ich schon heute wieder anfangen soll zu twittern, oder erst morgen, oder in ein paar Tagen. Grade im Advent war es doch ein bisschen viel, und so zog ich mich unmittelbar nach Weihnachten erst einmal zurück – aus meiner besten, schnellsten, wichtigsten Informations- und häufig auch Inspirationsquelle. Ok, gelegentlich schaute ich rein, still, mehr oder weniger, mit gelegentlichen Herzchen als Lesenszeichen.

Dass der Beginn der Abstinenz just mit dem Start der Abstimmung über den Austragungsort des diesjährigen #tkdingens (mir geht der andere Begriff so schwer über die Finger) zusammenfiel, war eher kein Zufall. Den sich über Monate in Zyklen aufschaukelnden Wahlkampf empfand ich im besten Fall als ermüdend, in jedem als unnötig. Aber ich mag ja auch den Vergabeprozess vergleichbarer Großereignisse nicht, man denke an (nicht nur Fußball-) Weltmeisterschaften oder Olympische Spiele und ihre Anforderungskataloge.

Dass ich dann auch nicht abgestimmt habe, mag mich bei Trainer Baade und dem Team des @tkschlaendle ein wenig in Misskredit bringen, aber nun gut. Meinetwegen könnte man den nächsten Austragungsort während des sonntäglichen #tkdingens-Katerfrühstücks über einer Deutschlandkarte auspendeln, oder das Los ebenda zwischen all jenen Orten entscheiden lassen, die Interesse signalisiert haben. Und wenn das Ergebnis lautete, dass wir zweieinhalb Tage lang in einer schäbigen Eckkneipe in Itzehoe, in Königsmünster oder Berlin miteinander reden sollen, hätte ich halt dort meinen Spaß mit vielen wunderbaren Leuten aus meiner Timeline, oder auch noch nicht aus meiner Timeline. Nun aber: München. Schön.

Einige wenige Male hatte ich in den letzten Tagen schon die Hand am Tweet. Die Gründe und Anlässe waren sehr unterschiedlicher Art, und in einem Fall schickte ich dann zumindest eine Direktnachricht, weil ich mich nicht nur dringend irgendwie artikulieren musste, sondern auch noch Verständnis ernten wollte, was im Kreis der mit mir Urlaubenden wesentlich ausführlicherer Erläuterungen als jener vier Worte bedurft hätte, die den Kern meiner Nachricht an @sport_thies ausmachten: “Ashton Eaton? Ashton Eaton!”

Womit ich doch schon wieder beim Adventskalender wäre. Weil Herr Thies dort stellenweise versagt hat. Weil ich mich dort etwas intensiver mit dem Mehrkampf befasst hatte, einige werden sich erinnern: André Niklaus, Bryan Clay und Sabine Braun versteckten sich hinter je einem halben Türchen, Sabine Everts, Torsten Voss und Christian Schenk waren ebenfalls in der engeren Wahl gewesen. Und natürlich sah ich mir ein paar andere große Athletinnen und Athleten an, Daley Thompson natürlich, Jackie Joyner-Kersee, Dan O’Brien, Erki Nool, Ghada Shouaa, die Tschechen um die Jahrtausendwende, die begeisternde Carolina Klüft.

Und am Ende blieb immer die Selbstverständlichkeit, die von Ashton Eaton ausgeht, jene Selbstverständlichkeit, mit der er ein gutes halbes Jahrzehnt lang wahrlich alles gewann, die Leichtigkeit, die Abwesenheit prätentiösen Gehabes – auch wenn diese, um der Wahrheit die Ehre zu geben, im Mehrkampf gewiss kein Alleinstellungsmerkmal ist. Ich wollte, dass das immer so weitergeht. Verlässlichkeit, Sie wissen schon. Küchenpsychologie, Ihr Einsatz! Und überhaupt: 45.00 über die 400! In einem Zehnkampf! Der letzte deutsche Spezialist unter 45 war Ingo Schultz, danach müssen wir in die 80er zurück, zu Schönlebe, Skamrahl, Weber et al.

Verzeihung, ich ließ mich ein bisschen mitreißen. Der Urlaub wirkt nach. Schön war’s. Wenig Schnee, viel Familie, auch viel leichte Lektüre. Erstmals las ich ein Buch von Sebastian Fitzek, einen geschenkten Gaul, sozusagen. Es mag an dem speziellen Werk gelegen haben, sein jüngstes, wenn ich nicht irre, aber aus eigenem Antrieb werde ich in absehbarer Zeit eher keines erwerben. Ein paar andere Sachen waren nicht der Rede wert; eine Menge Freude hatte ich indes zu meiner nennenswerten Überraschung mit und an Marc Hofmanns „Alles kann warten“, das eigentlich ziemlich viele Komponenten enthält, die mich im Regelfall abschrecken (Männer, die nicht erwachsen werden wollen; die Beschreibung ihrer Vertrautheit, die eigentlich nur im echten Leben funktioniert; fortwährende Musikzitate; etc. …), und wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich möchte mich zügig dem jüngsten Werk von Adrian McKinty widmen, das seit einigen Tagen unberührt auf meinen Lesegerät bereitliegt.

Spalter!

Ein großer Mann, so aufgewühlt er auch gewesen sein mag, hätte es sich geschenkt, denjenigen, die ihn nach dem Wahlsieg einen Spalter heißen, ins Stammbuch zu schreiben, sie mögen doch einmal hinterfragen, wer denn hier spalte. Ein noch nicht einmal großer, lediglich in diesem Moment von seinem Anstand geleiteter Mann hätte darauf verzichtet, einen kritischen Gratulanten nach getaner Arbeit einen Drecksack zu schimpfen. Wolfgang Dietrich zeigte die Größe nicht, und vermutlich vergaß er nur für einen Augenblick seinen Anstand.

Mir ist das zuwider, aber es menschelt, und ich kann damit umgehen, gerade am Ende eines zweifellos aufwühlenden, anstrengenden, von vielfältigen Unterstellungen und Anschuldigungen geprägten Wahlkampfes. Da schießt man dann auch mal übers Ziel hinaus, möglicherweise deutlich, nachdem vielleicht auch die Gegenseite zuvor die eine oder andere Grenze etwas freier interpretiert hat.

Mist, jetzt sage ich es auch schon: Gegenseite. Wie mich das ärgert! Und wie treffend es leider ist. Irgendjemand spaltet. Die einen sagen, es sei der Dietrich. Die anderen zeigen auf die bösen Ultras. Wieder andere auf den Aufsichtsrat, der diese Situation ja erst heraufbeschworen habe, indem er nur einen Kandidaten zuließ, und zwar einen, der in besonderem Maße polarisiere. Polarisiert. Nicht zu vergessen auch Teile der lokalen Medien, die unmittelbar vor der Versammlung eine bemerkenswert spaltfreudige Kampagne pro Schäfer, Dietrich et al und contra Ultras führten.

Wer nun welchen Anteil an der Spaltung für sich beanspruchen darf? Ich weiß es nicht. Es interessiert mich auch nicht. Was mich schon eher interessiert: Wer sorgt dafür, dass der Spalt geschlossen wird? Oder sagen wir verringert? Dass er wenigstens nicht weiter wächst? Auch das weiß ich nicht, und die gestrige Veranstaltung hat mir eher wenig Hoffnung gemacht, dass das Interesse an der Beantwortung dieser Frage, und vor allem das Interesse, diesen Weg dann zu gehen, besonders ausgeprägt ist.

Wobei: Das stimmt so nicht. Einige Wortbeiträge rund um die vorgeschlagenen Satzungsänderungen waren sehr vielversprechend. Ruhig vorgetragen, strukturiert, durchdacht, erkennbar den Willen transportierend, kein Öl ins Feuer zu gießen, vielmehr nach Wegen suchend, den Verein mitzugestalten, im Zweifel auch mit einem Präsidenten, den man selbst nicht gewählt hat. Sehr angenehm, wie sich einige jener Fans, die vermeintlich gegen alles und jeden seien, hier präsentiert haben.

Umso ernüchternder, dass sich besagter Präsident nicht entblödete, hernach vor der versammelten Presse zu behaupten, die Mitglieder hätten die Schaffung eines Vereinsbeirates nicht gewollt. Hatte er zuvor irgendjemandem zugehört? Hatte er schlichtweg nicht verstanden, dass das wohlweislich geschnürte Gesamtpaket verschiedenster Satzungsänderungen für den allergrößten Teil der Mitglieder nicht zustimmungsfähig war, oder hat er einfach bösartig interpretiert? Nun, für dumm halte ich ihn nicht.

Weiter oben ging es um menschliche Größe, oder weniger staatstragend darum, ein guter Gewinner zu sein. Am Sonntag hat sich der neue Präsident diesbezüglich nicht nennenswert hervorgetan, aber vielleicht ist das auch nicht so wichtig. “Souveränität im Sieg wie in der Niederlage” stand vermutlich nicht in dem von Martin Schäfer gerne zitierten präsidialen Anforderungsprofil. Dass ich sie gerne sähe: geschenkt.

Die Frage ist also weniger, ob Wolfgang Dietrich ein großer Mann ist, sondern ob er ein guter Präsident sein kann. Was natürlich wiederum davon abhängt, wie man einen solchen definiert.

Denn ganz ehrlich: Ich glaube, dass Herr Dietrich den VfB voranbringen kann, sportlich wie strukturell. Ich bin überzeugt, dass er Dinge anpackt und professionalisiert, dass er nicht davor zurückscheut, Abläufe zu hinterfragen und über den Haufen zu schmeißen, und dass es ihm gelingen kann, sie durch bessere zu ersetzen. Ich traue ihm zu, wie angekündigt die schwächelnde Jugendarbeit wieder flottzumachen und die hierfür notwendigen Mittel aufzutreiben.

Leider traue ich ihm auch zu, sich bei all diesen Bemühungen wenig darum zu scheren, welches Porzellan er möglicherweise zerdeppert und wer es zusammenkehrt, und ich traue ihm eine Agenda zu, die ich gegenwärtig bestenfalls erahnen kann und bei der eine Einigung der verschiedenen Strömungen innerhalb des Vereins eine eher untergeordnete Rolle spielt.

Oder anders: Ja, ich glaube, dass er den Verein sportlich und strukturell voranbringen wird. Während “voranbringen” in sportlicher Hinsicht jedoch recht klar definiert ist, kann man im strukturellen, vielleicht auch strategischen Bereich sehr viele unterschiedliche Dinge darunter verstehen. Und ich befürchte, dass die Meinung der Mitglieder in dieser Frage ebenfalls eine eher untergeordnete Rolle spielen soll.

Ich habe keine klare Meinung, um das prominenteste Thema zu nennen, zu einer möglichen Ausgliederung, geschweige denn zu den verschiedenen Ausprägungen, die sie annehmen kann. Aber wir sollten darüber reden, alle miteinander. Und uns nicht vom Präsidenten sagen lassen müssen, dass wir die Möglichkeit zu mehr Mitsprache in Form des Vereinsbeirats mehrheitlich abgelehnt hätten, “und deswegen … ist es halt jetzt so”.

Apropos Mitsprache: Die Teilnahme an der Mitgliederversammlung ist auch eine Form der Beteiligung. Ob man Mitgliedern, die dort nicht zugegen sein können oder wollen, die Möglichkeit eröffnen soll, sich an den Entscheidungen des höchsten Vereinsorgans zu beteiligen, halte ich für eine sehr schwierige Frage, die ich für mich noch nicht beantwortet habe. Dass es allerdings lediglich eines simplen Antrags und einer einfachen Mehrheit (sowie im Idealfall eines satzungskundigen Vorstands) bedarf, um den Mitgliedern innerhalb der Versammlung das Rederecht zu entziehen, entsetzt mich vereinsrechtlichen Laien sehr.

Dabei ist unstrittig, dass konkretere Spielregeln, um in einem gewissen zeitlichen Rahmen zu bleiben, sinnvoll und gänzlich in meinem Sinne wären. Angesichts der Zusammensetzung der nach welchem System auch immer vorne platzierten und so noch zum Zuge gekommenen Redner liegt es mir auch fern, dem Verein zu unterstellen, er habe Kritiker mundtot machen wollen; den Ablauf am Sonntag empfand ich gleichwohl als äußerst befremdlich.

Befremdlich schließlich auch der Vorgang, dass ein Redner öffentlich behauptete, sich mit Fanvertretern getroffen und ausgetauscht zu haben, und auf Basis der angeblichen Gespräche eine Wahlempfehlung abgab, um anschließend von einem Vertreter eben jener Gruppierung der Lüge bezichtigt zu werden. Ich meine: Wo sind wir denn? Einer der beiden hat offensichtlich glatt gelogen, und angesichts der gut ausgeleuchteten Szenerie glaube ich einschätzen zu können, dass er noch nicht einmal rot wurde. Es ist erbärmlich. Welcher der beiden Herren die Wahrheit wie sehr gebeugt hat, weiß ich natürlich nicht. Einen Verdacht habe ich schon.

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Ja, der Verein ist gespalten, ohne dass es eine klare Grenze zwischen nur zwei Gruppen gäbe. Grenzen verschwimmen, Übergänge sind fließend, und doch: Mein Glaube daran, dass es gelingen wird, die beiden Pole so weit anzunähern, dass ein vernünftiges Miteinander möglich wird, ist gegenwärtig nicht sonderlich ausgeprägt. Zu weit liegen die Grundüberzeugungen auseinander.

Der sportliche Erfolg, von dem ich fest ausgehe, wird vieles übertünchen. Und vielleicht gelingt ihm auch mehr als das, vielleicht sind die Streithähne in einer sportlich guten Phase, begleitet von glaubwürdigen Schritten hin zu einem Verein, der die ebenso darbende wie symbolträchtige Jugendarbeit nicht mehr nur verbal hochhält, eher bereit, aufeinander zuzugehen. Ich würde es mir wünschen.

Vielleicht kann ja Hannes Wolf ein Beispiel geben. Die Art und Weise, wie er in seinem Interview am Sonntag, wie er im Grunde in all seinen Interviews konsequent “wir” oder “uns” sagt, wenn die Fragenden wieder einmal nur ihn allein ansprechen, wie er bei jeder Gelegenheit deutlich macht, dass er Teil eines Teams ist, ohne dass es in irgendeiner Weise aufgesetzt wirkt, hat meinen allerhöchsten Respekt. Es wäre schön, wenn auch der – vermutlich notwendige – “Präsident mit Ecken und Kanten” dereinst bei seiner einstimmigen Entlastung ein solches Gefühl vermitteln könnte.

Träumen wird ja wohl erlaubt sein.

 

Normalität

Gestern fand das Hinspiel der diesjährigen Relegation um den letzten verbleibenden Bundesligaplatz für die kommende Saison statt. Es wurde überschattet von den Geschehnissen um den offenbar schwer erkrankten Marco Russ, und vor allem anderen wünsche ich ihm von Herzen eine baldige und vollständige Genesung.

Nicht ganz unerwartet verschob sich das öffentliche Interesse im Vorfeld des Spiels zusehends weg vom rein Sportlichen hin zum Schicksal des Spielers; die als bewusste Geste interpretierte Entscheidung, ihn und nicht den etatmäßigen, aber lange verletzten Spielführer Alex Meier die Kapitänsbinde tragen zu lassen, verstärkte diese Tendenz weiter. Die Geschichte des Spiels ist bekannt: Russ brachte seine Mannschaft durch ein Eigentor in Rückstand, das bundesweite Aufstöhnen war zu erahnen, das Bedauern schmerzte körperlich. Der Wille, seinen Lapsus auszumerzen, war ihm fortan deutlich anzumerken – es war schließlich ein Relegationsspiel – und später sah er nach einem Foul eine gelbe Karte, die eine Sperre für das Rückspiel zur Folge hat.

Dass die sportliche Betrachtung angesichts der Vorgeschichte ein wenig in den Hintergrund rückte, war wohl unvermeidlich und ist im Grunde zu begrüßen: natürlich steht die Gesundheit über allem, und es ist beruhigend, dass die individuellen Kompasse hier in der Regel verlässlich funktionieren. Gleichzeitig boten die Begleitumstände – der Dopingverdacht, der Zeitpunkt der Veröffentlichung, die Kapitänsbinde – auf der einen Seite zu viel Gesprächsstoff. Auf der anderen Seite zeigten sie auch echten Diskussionsbedarf auf: zum Vorgehen der Staatsanwaltschaft angesichts des Dopingverdachts, vielleicht auch zu den dahinter liegenden Regularien, zum kolportierten Veröffentlichungsdruck, der – wieder einmal – von mindestens einem Medium ausgeübt worden sei, oder zum fernsehjournalistischen Umgang mit der Thematik vor, während und nach dem Spiel. Zu all diesen Facetten liegt bestimmt eine Vielzahl von Einschätzungen und Analysen vor; mein Thema sollen sie im Einzelnen nicht sein.

Dies gilt analog für die Äußerungen der Herren Weiler und Schäfer nach dem Spiel. Auch dazu ist man, gewünscht oder nicht, vielfältigen Meinungen und Einlassungen begegnet. Eine angemessen differenzierte Betrachtung fand ich beispielsweise beim geschätzten Herrn @Surfin_Bird:

Ich weiß, Herr Schäfer hat sich in recht deutlichen Worten von seinem dummen Interview distanziert, immerhin, und wer wäre ich, ihm zu widersprechen?

So etwas darf mir nicht passieren, das ist absolut nicht in Ordnung.

Stimmt. Das hätte ihm auch vorher bewusst sein müssen. Vielleicht hat er etwas daraus gelernt und denkt künftig einen Schritt weiter. Auch René Weiler wurde mit vernünftigen Worten zitiert, mehr Zeit möchte ich darauf nicht verwenden.

Was mich indes seit gestern Abend immer wieder beschäftigt, ist die Frage, die @Dagobert 95 gestellt hat, bzw. die Antwort von @ColliniSue:

Ist das so? Ist es so außergewöhnlich, dass Marco Russ spielen wollte? Also ganz abgesehen davon, dass eine solche Erkrankung per se im Profifußball eher außergewöhnlich ist? Seit gestern versuche ich mir vorzustellen, wie sehr er aus der Bahn geworfen war und ist. Er hatte das verstörende Ergebnis einer Dopingkontrolle erhalten, das entweder seine berufliche Existenz oder, viel schlimmer, seine Gesundheit massiv bedrohte. Ärztliche Untersuchungen, juristische Erwägungen, Gespräche mit der Familie natürlich, Überlegungen zu einer Veröffentlichung, und über alledem: Ängste. So stelle ich mir das vor, und die Realität dürfte eher drastischer sein als meine Gedanken.

Liegt es da nicht nahe, sich ein wenig Normalität zu wünschen? Ist es vielleicht beruhigend, all jene Rituale ablaufen zu lassen, die man in vielen Jahren als Profi für die 24 Stunden vor einem Fußballspiel verinnerlicht hat, voll fokussiert, zumal vor einem besonderen Spiel? 24 Stunden, in denen es gelingen könnte, diese beschissene Diagnose, deren Auswirkungen man nicht so ganz greifen kann, die vielleicht auch die Ärzte nur unzureichend einschätzen und beschreiben können, phasenweise ein wenig in den Hintergrund zu rücken?

Ich weiß nicht, ob dem so ist; glücklicherweise war ich noch nie in einer derart existenziellen Situation. Aber überraschen würde es mich nicht. Und wenn dann noch die Ärzte sagen, dass es keinen Unterschied ausmache, ob die Therapie drei Tage früher oder später beginnt, ob die Operation morgen oder erst in der kommenden Woche stattfindet, und wenn man sich als Betroffener gar vorstellt, dass – was eine höhere Macht verhüten möge – das bevorstehende Spiel möglicherweise das letzte auf diesem Niveau sein könnte, dann finde ich es, auf Basis all dieser Vermutungen und Hypothesen, alles andere als ungewöhnlich, dieses Spiel bestreiten zu wollen.

Eine ganz andere Frage ist die, ob die Verantwortlichen in Frankfurt, der Trainer, die Ärzte, vielleicht die Psychologen, eine Pflicht gehabt hätten, Russ von vornherein herauszunehmen, ihn zu schützen vor all dem, was da auf ihn einstürzen würde. Kann ich nicht beantworten. Ich kann mir allerdings nur schwer vorstellen, dass bzw. wie Niko Kovač, sofern keine medizinische Indikation vorliegt, Marco Russ hätte sagen wollen, dass er ihn nicht berücksichtigen werde.

Aber letztlich ist das alles irrelevant. Vielleicht ist es unangemessen, diese Überlegungen hier öffentlich zu machen, bloße Spekulationen um einen erkrankten Menschen und dessen Beweggründe, an einem Fußballspiel mitzuwirken. Bitte entschuldigen Sie, wenn ich Ihre Zeit gestohlen habe.

Abschließend wünsche ich Marco Russ nochmals alles Gute für die nächsten Wochen und Monate. Ich würde mich unsagbar freuen, ihn in absehbarer Zeit vollständig genesen wieder irgendwo mit seinen beiden Kindern an der Hand zu sehen. Wenn er noch dazu Fußballschuhe trägt: schön.

Bleierne Todesser, die ihr Lachen verkauft hatten

[Inhaltlich irrelevante Nach- und Vorbemerkung: Ich hätte in der Überschrift, wie weiter unten im Text gehandhabt, beim Begriff „Death Eater“ bleiben sollen, anstatt mich auf die akustische Erinnerung an einen Fernsehabend zu verlassen: zunächst stand hier Totesser, die oder der URL spricht noch Bände.]

Samstag, 17 Uhr 30, so ungefähr. Die Cannstatter Kurve leerte sich ganz allmählich, das Gemurmel auf den Treppenabgängen ertönte komplett in Dur, an der einen oder anderen Ecke wurden Gesänge angestimmt, die weder Beleidigungen noch Fäkalien enthielten, auch keine Forderungen nach der Freisetzung einzelner Führungskräfte, sondern zuallererst Freude zum Ausdruck brachten, vielleicht auch ein wenig Genugtuung, gepaart mit übermütigen Einschätzungen zur Rückkehr des VfB. Schön.

Und so ungewohnt. Wäre ich poetisch veranlagt, spräche ich wohl von einem bleiernen Mantel, der sich seit geraumer Zeit über das Neckarstadion gelegt und alle Freude erstickt zu haben schien, und der nun, nach einem biederen 1:0 gegen Hannover 96, wie weggeblasen war.

Ja, um einen solchen Mantel wegzublasen, bedarf es eines sehr starken Atems oder eines besonders schiefen Bildes. Und vor allem einer Reihe von Faktoren, die über das reine Ergebnis hinausgehen. Wobei bereits der Umstand, dass es gelang, eine Führung zu verteidigen, beziehungsweise dass es möglich war, eine Schlussphase ohne Gegentreffer zu überstehen, obwohl man sich große Mühe gegeben hatte, ihn doch noch einzustecken, einem Meilenstein gleichkam.

Man hatte gesehen, dass der VfB in der Lage war, gegen einen Gast, der die Ankündigung seines Sportdirektors, mit einem Punkt zufrieden zu sein, mit viel Leben füllte, dennoch alle drei Punkte einzubehalten. Dies war, abseits aller taktischen Winkelzüge, nicht zuletzt einer insgesamt zupackenderen Leistung als in den Heimspielen zuvor geschuldet, und einer augenscheinlichen Entschlossenheit, das Spiel gewinnen zu wollen, die eine ihrer Symbolfiguren in Filip Kostic fand.

Vermutlich taugt auch Thorsten Kirschbaum zur Symbolfigur, wiewohl der von ihm ersetzte Sven Ulreich eher nicht im Ruch steht, nicht entschlossen genug um die Punkte gekämpft zu haben. Gewiss, die Formulierung „nicht entschlossen genug“ mag nach dem Dortmunder Ausgleich vom vergangenen Mittwoch an der einen oder anderen Stelle gefallen sein und zählte noch zu den wohlmeinenderen, aber das ist wohl eher eine kleine ironische Wendung des Schicksals.

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass Ulreich bei einer Hereingabe schlecht aussah, und diesmal hatte die Situation nicht nur besonders unglücklich ausgesehen, sondern sich auch als besonders folgenreich erwiesen: sowohl für die Mannschaft als auch für ihn selbst, der bereits in den Wochen zuvor vom Trainer angezählt worden war, von der gemeinsamen Historie nicht zu reden.

Ich mache keinen Hehl daraus – alles andere ließe sich auch niemandem vermitteln, der oder die hier annähernd regelmäßig mitliest und meine Vorbehalte gegen Sven Ulreich kennt –, dass ich Vehs Entscheidung begrüßt habe, ohne aber genau zu wissen, was wir von Kirschbaum zu erwarten haben, über die Eindrücke aus einer Handvoll Spielen hinaus. Heute sind wir schlauer, wenigstens ein bisschen: der Neue hat solide gespielt, kurz vor Schluss eine Matchwinnerparade gezeigt, die, da habe ich keine Zweifel, auch Ulreich hinbekommen hätte, und er stand weiter vorn.

Was ganz gut in das Argumentationsmuster von Typen wie mir passt, die Ulreich fußballerische Schwächen ankreiden, die auch nach Jahren noch nicht ausgemerzt sind, begleitet von Defiziten in Sachen Gedankenschnelligkeit und Entscheidungsfindung, die uns immer wieder kollektiv aufstöhnen lassen, wenn die Möglichkeit, das Spiel von hinten heraus schnell zu machen, ungenutzt bleibt und wir uns fragen, was Ulreich eigentlich in den zwei Jahren gemacht hat, in denen er Jens Lehmann aus nächster Nähe studieren durfte.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben: auch Kirschbaum tat das am Samstag nicht. Was in diesem Fall schlichtweg daran lag, dass sich nur selten (nie?) überhaupt die Option auftat, gegnerische Angriffe abzufangen und eine schnelle eigene Offensivaktion einzuleiten. Es fiel lediglich auf, dass er in der Regel, so redeten wir uns das zumindest ein, etwa 10-15 Meter weiter im Feld stand als Ulreich, aktiver am Spiel teilnehmen zu wollen schien, aber wie gesagt: es passte halt auch ganz gut in unser Narrativ.

Was indes nicht ganz so gut passte, oder eben doch, je nachdem, wie man gestrickt ist: die Einstiegsfrage des Kurzinterviews mit Sven Ulreich, das im Stadionheft zum Spiel veröffentlicht wurde:

„Hallo Ulle, der Saisonstart ist nicht nach Wunsch verlaufen. An welchen Hebeln ist nun anzusetzen?“

Faust. Auge. Realsatire?

Als recht hübsche Realsatire empfand ich auch den Moment, als sich ein Stuttgarter beim Einwurf nicht sonderlich beeilte und sich der Gast darüber empörte. Jener Gast, der seit Mitte der ersten Halbzeit jede Gelegenheit genutzt zu haben schien, sich etwas länger auf den Boden zu legen und die Uhr herunterlaufen zu lassen, und der nun seine Strategie ein bisschen ändern musste. Ich gebe zu: ich schmunzelte, lachte gar. Ob das schon unter Häme läuft, die ich sonst so gerne kritisiere? Vielleicht.

Vielleicht war’s aber auch nur ein großer Selbstbetrug. Vielleicht lachte ich schlichtweg hysterisch, weil mich die Fahrlässigkeit entsetzte, mit der der VfB den Gast ins Spiel kommen ließ, der zuvor in überzeugender Art und Weise die Basisstrategie gegen den VfB verfolgt hatte: Räume eng machen, gut verschieben, den Stuttgartern den Ball überlassen und zusehen, wie sie scheitern. Irgendwann die eigenen Räume nutzen, in Führung gehen, gewinnen.

Ich weiß nicht, wie bewusst die VfB-Spieler dazu übergingen, einen Schritt weiter zurückzuweichen, etwas weniger Mut zu zeigen, das Heft des Handelns weitgehend aus der Hand zu geben. Eine gute Idee war es auf jeden Fall nicht. Um nicht falsch verstanden zu werden: auch in der ersten Halbzeit hatte der VfB kein Feuerwerk abgebrannt.

Immerhin hatte ich aber den Eindruck, dass die Kurz- und Querpässe, derer man sich mangels größerer Lücken in der Hannoveraner Defensive behalf, einige Zeit lang schneller, druckvoller, entschlossener gespielt wurden als zuletzt und so den Gast stärker forderten. Der Mut, in die gelegentlich entstehenden kleinen Lücken zu stoßen, war dabei noch nicht sonderlich ausgeprägt, aber das mag auch viel mit dem nicht so sehr vorhandenen Selbstvertrauen zu tun haben.

Weiter oben hatte ich von mehreren Faktoren gesprochen, die dazu führten, dass man gegen Hannover nicht nur drei Punkte holte, sondern dass vor allem auch eine ganz andere Stimmung im und später um das Stadion herum herrschte. Nicht mehr so, als sei der gesamte Neckarpark von Death Eaters heimgesucht worden. Nun möchte ich keineswegs behaupten, Fredi Bobic sei irgendwann auf die schiefe Bahn und die falsche Seite geraten, praktiziere dunkle Magie und habe nur willfährige Genossen um sich versammelt, oder höchstens zum Teil.

Dass aber der unter der Woche vollzogene Schritt zur befreiten Stimmung auf den Rängen beitrug, dürfte auch von jenen, die nicht nur den Stil, sondern auch die Trennung an sich für kritikwürdig halten, nur schwer verneint werden können. Ganz wesentlich beitrug, wenn man mich früge.

„I don’t want anyone to lose their job“, so oder ähnlich sagt es Barry Glendenning, ich zitierte ihn gelegentlich in anderem Kontext, regelmäßig bei „Football weekly“, und ich sehe mich in aller Regel nicken. Grundsätzlich gilt das auch für Fredi Bobic. Dennoch brachte die Cannstatter Kurve (genauer: das dortige Commando) mein Empfinden ganz gut auf den Punkt: „Fredi, es war Zeit zu geh’n!“, ergänzt um den Dank für seine Verdienste und seine Treue. Passt.

Gerne würde ich mich an dieser Stelle Armin Veh anschließen, der am Mittwoch seine Zuversicht zum Ausdruck brachte, dass Bobic gewiss seinen Weg als Manager machen werde; allein: ich glaube es nicht. Ich glaube noch nicht einmal, dass man mit Bobic, wie Veh ebenfalls sagte, die vier Punkte aus den letzten beiden Spielen geholt hätte. Vielleicht will ich es auch nur nicht glauben.

Dass man sich die Trennung von Bobic anders hätte vorstellen können, steht außer Frage. Früher, vielleicht, nach dem Klassenerhalt zum Beispiel, oder auch später, einen Tag, und auf jeden Fall so, dass man all jenen, die mangelnden Stil unterstellten, nicht ebenso zähneknirschend wie überzeugt zustimmen hätte müssen. Ob die Entlassung letztlich telefonisch erfolgt ist oder doch erst im persönlichen Gespräch, weiß ich nicht, und auch nicht, ob der Unterschied im vorliegenden Fall letztlich doch nur eine Marginalie wäre. Peinlich ist es allemal.

In den ersten Tagen nach der Entlassung hatte ich den Stil kritisiert, grundsätzlich aber gelobt, dass die Vereinsführung getroffene Entscheidungen auch dann konsequent umsetzt, wenn der Zeitpunkt ungewöhnlich oder gar falsch erscheint. Der Begriff “Überzeugungstäter“ war in meinem Kopf herumgeschwirrt, wie möglicherweise auch in dem von Armin Veh.

Da mittlerweile jedoch relativ klar scheint, dass die handelnden Personen de facto von mindestens einem ganz besonders wichtig(tuend)en Menschen zu diesem raschen Schritt gedrängt wurden, der sein Wissen nicht für sich behalten konnte oder wollte, bin ich, abseits der inhaltlichen Entscheidung, in erster Linie verärgert. Ich möchte weiterhin über die kommunikativen Auswüchse der Aufsichtsräte anderer Vereine lachen können, ohne ständig an den Balken im eigenen Auge zu denken.

Und nun, wie geht es weiter? Mir gefällt, dass Bernd Wahler an Ralf Rangnick denkt. Aber ich mag es ja auch, wenn er von der Champions League redet, irgendwie. Illusionen machen das Leben rosarot.

Tatsächlich habe ich das Gefühl, dass wir uns derzeit auf dem Sportdirektorenmarkt in einer Situation befinden, wie wir sie jahrzehntelang bei den Trainern erlebt haben: bloß nicht außerhalb des Karussells denken! Vielleicht liegt das auch nur an mir, der ich keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft und –markt habe. Allein: den anderen TeilnehmerInnen an der öffentlichen Diskussion scheint es ganz ähnlich zu gehen.

Ich habe keine Ahnung, wer es könnte, und vor allem: wer es gut könnte. Natürlich ist der Name Rangnick attraktiv. War er Ende der Neunziger übrigens auch, wir erinnern uns. Ich weiß noch nicht einmal, wer es nicht könnte. Vielleicht wäre Jens Todt ja ein guter, auch wenn ich es a priori nicht glaube. Oder Bruno Hübner, frisurunabhängig. Vielleicht wartet Christian Heidel ja nur auf die Gelegenheit, sich außerhalb von Mainz zu beweisen, wer weiß? (Ich habe eine Vermutung.)

Und womöglich wäre eine Doppelspitze aus Guido Buchwald und Thomas Berthold das Nonplusultra, beraten von Uwe und Hansi Müller. Auch hier habe ich eine Vermutung. Letztlich aber keine Ahnung vom Sportdirektorengeschäft. Hoffentlich hat sie Herr Wahler. Oder die Menschen, mit denen er sich berät.

Nihil nisi bene, quasi*

Als Horst Heldt vor gut vier Jahren bei Nacht und Nebel nur mal kurz Zigaretten holen ging, wäre Fredi Bobic nicht meine Wahl als Nachfolger gewesen. Die Gründe riss ich damals kurz an, um dann recht rasch zu den Überlegungen überzugehen, deretwegen ich dennoch ein gutes Gefühl hatte. Einiges davon bestätigte sich, anderes, wie das halt so ist, nicht so sehr. Seit einigen Tagen ist die Ära Bobic Geschichte.

Dirk Dufner sagte in diesen Tagen sinngemäß, dass selbst die größten Kritiker des VfB-Sportvorstands nicht in Zweifel ziehen würden, wie sehr dessen Herz am Verein hänge. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob diese Aussage so stimmt; zwischenzeitlich hatte mancher Beobachter sehr wohl den Eindruck, dass dem Sportvorstand das eigene Hemd, sprich: der Job, durchaus auch recht nahe sind. Auch ich. Dennoch stimme ich Dufner zu, dass der VfB Bobic eine Herzensangelegenheit gewesen sein dürfte und vermutlich auch weiterhin ist. So lässt sich nicht zuletzt Bobics jüngste Wortmeldung deuten.

Natürlich ist mir klar, dass die erste öffentliche Äußerung des Ex-Sportvorstands unter mancherlei Vorbehalten betrachtet werden muss. Arbeitsrechtliche Erwägungen sind ebenso ins Kalkül zu ziehen wie Überlegungen zur Imagepflege – Karriereplanung in Krisenzeiten, sozusagen. Ich gehe fest davon aus, dass sich Bobic ganz gehörig auf die Zunge beißen, vielleicht auch die Faust in der Tasche ballen musste, als er das Facebook-Statement freigab, und doch bin ich überzeugt, dass man ihn zwar des Weglassens bezichtigen kann, nicht aber der Unwahrheit: der VfB liegt ihm am Herzen.

So wie ich vor einem Jahr schrieb, dass ich Bruno Labbadia stets für den Klassenerhalt im Jahr 2011 dankbar sein würde, so gilt das analog auch für Fredi Bobic, der diesen Trainer damals installiert und damit gewiss keine Lösung aus dem Hut gezogen hatte, mit der er die Stuttgarter Seele streicheln würde. Und wer wäre ich, ihm für die nächste Trainerentscheidung böse zu sein, jene für Thomas Schneider, für die interne, nachwuchsorientierte, erhofft junge und wilde Lösung?

Im Gegenteil: Bobic erfüllte eine Sehnsucht zahlreicher Anhänger, und auch wenn man die Frage, ob die Befriedigung von Fansehnsüchten zum originären Aufgabenprofil eines Sportvorstands zählt, getrost verneinen kann, bin ich ihm dankbar für die Illusion, die er mir einige Wochen lang gönnte. Über Huub Stevens brauchen wir ohnehin nicht zu reden, und Armin Veh ist bekanntlich eine magische Lichtgestalt, sodass man mit einer gewissen Berechtigung zu dem Schluss kommen mag, dass Bobic bei der Bestellung der VfB-Trainer gar nicht so viel verkehrt gemacht haben kann.

But where did it all go wrong, könnte man fragen, and when, und würde beispielsweise im Fall von Bruno Labbadia spätestens bei der Vertragsverlängerung im Frühjahr 2013 recht eindrucksvoll fündig, von der drohenden Inauguration seines, also Bobics, Dreieckspartners aus Bulgarien ganz zu schweigen – hier greift dann wohl die Überschrift: nihil nisi bene, quasi.

Wenn aber Labbadias Verlängerung schon angesprochen wurde, lässt sich das Ziehen von Analogien zu Vedad Ibisevic dann doch nicht ganz verhindern, und schon sind wir bei der Transferpolitik. Es ist einfach, dem Manager Bobic eine Reihe von Fehlschlägen nachzuweisen. Gleichzeitig fällt es auch nicht schwer, ihm einige gute Griffe zu bescheinigen, sei es der bereits genannte Ibisevic, seien es Traoré, Maxim und Gruezo, sei es vielleicht auch der eine oder andere Zugang zur laufenden Saison.

Ja, keine Kracher im engeren Sinne, stimmt. Zu wenig Mut, vermutlich. Mit kleinen Transfers macht man auch nur kleine Fehler, könnte man meinen, meinte vielleicht auch er – die Stuttgarter Nachrichten listeten bei ihrer Auflistung der fünf größten Transferflops der Ära Bobic mit Sararer und Torun deren zwei auf, die ablösefrei zum VfB gekommen waren, dazu Haggui, für den eine halbe Million geflossen sei. Nach hemmungsloser Geldverbrennung sieht das eher nicht aus; Flops sind sie dennoch, und vielleicht ist ja gerade der Verzicht auf „Königstransfers“, die diesen Namen rechtfertigen, eines der Kernprobleme der letzten Jahre, ob die Schuld nun bei Bobic oder bei den Sparfüchsen in der Vereinsführung lag.

Ich weiß es zu schätzen, dass sich Bobic immer öffentlich gestellt hat (sein Auftreten und die gesandten Botschaften fallen dabei zum Teil unter den Überschriftsvorbehalt, gewiss), auch dann, wenn eigentlich seine Vorgesetzten gefragt gewesen wären, sich aber nicht so recht dazu durchringen konnten. Und seien wir ehrlich: wer hätte schon Herrn Mäuser oder Herrn Professor Hundt bei der Öffentlichkeitsarbeit zusehen wollen? Bei Herrn Wahler hält sich die Freude des Zuhörers bis dato auch eher in Grenzen, ungeachtet aller Champions-League-Fantasien, aber vielleicht wird das ja noch.

Bobic ist weg, auch wenn er niemals so ganz gehen mag, und das ist aus meiner Sicht auch gut so, spätestens seit der Causa Balakov. Viel besser ist indes der Umstand, dass Herr Mäuser nicht mehr da ist. Dass er nicht mehr in Amt und Würden sein darf (und mit ihm der Aufsichtsratsvorsitzende), ist nicht zuletzt das Verdienst von Fredi Bobic. Nicht alleine seines, gewiss, und zweifellos hat er auch selbst davon profitiert, aber wenn es nur einen Punkt in seiner Bilanz gäbe, für den ich Fredi Bobic uneingeschränkt dankbar sein dürfte, dann wäre es dieses Revirement.

Jetzt ist er selbst weg, und ich bin wieder dankbar. Nur nicht über den Ablauf. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie lässt nichts Gutes vermuten.

* Nein, Fredi Bobic ist nicht gestorben. Ja, das mag manche(r) geschmacklos finden. Nein, ich empfinde das nicht so. Ja, es ist mir ein Anliegen, die positiven Aspekte zu betonen. Nein, ich finde die Entscheidung nicht falsch.

Unendlicher Spaß

Neulich (tatsächlich ist „neulich“ während der stockenden Entstehungsgeschichte dieses Textes zu einem veritablen „vor einiger Zeit“ herangewachsen) habe ich den WM-Rückblick von The Football Ramble gehört. Er hieß ein bisschen anders, nicht nur der Sprache wegen, aber es war ein WM-Rückblick. Zum Ende hin ging es um die BBC, die sich wohl gedacht hatte, dass sie, wenn sie schon dieses fußballaffine Publikum vor den Fernsehern sitzen habe, doch gleich Werbung für die neue Premier-League-Saison machen könnte, Match of the Day, Sie wissen schon, Ähnliches galt für Sky. Die Antwort der Podcaster lautete, sinngemäß:

„Respect the mode we’re all still in […] Give us a break! […] We love the Premier League, we’re gonna be into it … but just … give us a moment!“

Dem möchte ich nichts entgegensetzen. Noch immer nicht, auch nicht nach einiger Zeit. Im Gegenteil: „Give us a moment!“ bringt meine Stimmungslage sehr gut auf den Punkt. Gewiss, der VfB Stuttgart hat noch viele Baustellen im Kader. Andernorts tut sich diesbezüglich sogar einiges. Auch manches, über das man den Kopf schütteln möchte, wie es der vierte Offizielle vehement tut.

Unabhängig davon möchte ich das alles im Moment überhaupt nicht hören. Möchte vielmehr schwelgen und schwärmen, dieser Weltmeisterschaft huldigen, sie als beste aller Zeiten verklären. Allein diese Gruppenphase! Die Niederlande gegen Spanien! Die „kleineren“ Südamerikaner! Die Concacaf-Teams (ja, ja, Honduras)! Sie alle haben mich, wie soll ich sagen, geblitzdingst, nein: geflasht.

Geflasht waren auch die jungen Männer beim Fehlpass, Sie wissen schon, jenem (bitte die Stimme kurz etwas anheben) fast (senken) täglichen WM-Podcast von und mit Yalcin Imre (@fehlpass), der während der WM häufig zu unchristlichen Zeiten aufgenommen wurde und doch so viele sinnvolle Gespräche zu Wege gebracht hat.

Diese jungen Männer blickten also begeistert auf die WM zurück und ließen mich kurz schmunzeln, als Herr @GNetzer Wert darauf legte, dem Schwelgen eine sehr deutliche, sehr angemessene Kritik an den nicht sportlichen Aspekten der Weltmeisterschaft in Brasilien voranzustellen, insbesondere mit Blick auf das Gebaren der FIFA, das an kolonialistische Zeiten gemahne. Wie gesagt: ich fand das gut. Besagtes Schmunzeln ließ sich dennoch nicht vermeiden, als nach gut fünf Minuten die „Alibi-fünf-Minuten-Einspieler“ im Fernsehen zur Sprache kamen.

Es ist ein Dilemma. Oder, wie ich drüben in der #doppelfuenf zu Turnierbeginn in fünf Zeilen darzulegen versuchte, ein

WM-Paradoxon

Das Geschehen vor Ort: schwer erträglich.
Die FIFA (per se?): rundum kläglich.
Das Gebaren: rigide.
Die Kritik: sehr valide.
Heut geht’s los, und ich freu mich unsäglich!

Wo waren wir? Ach ja, ich schmunzelte. Und distanziere mich auf das Entschiedenste von der Schlussfolgerung, ich stellte die einführenden letztlich siebeneinhalb Fehlpass-Minuten auf eine Stufe mit den Alibis der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung. Aber lustig war’s schon.

Nicht zwingend lustig, aber eine große Freude war indes tatsächlich die – fast – tägliche Fehlpass-[hier bitte ein auf das Hören bezogenes Pendant zu Lektüre einfügen], gerade mit den vielen verschiedenen Gesprächspartnern, und ich stelle gerne fest, dass gerade besagter @GNetzer viel zu selten zu hören ist in diesem meinem Internet. Die Stimme angenehm, der Stil ruhig, die Argumentation schlüssig, der Mann gescheit. Was nicht heißen soll, dass seine Gesprächspartner nicht auch gut gewesen seien.

Klar gab’s noch viele andere Podcasts, und vermutlich komme ich weiter unten auch noch darauf zu sprechen, weil das ganze Zeug, das sich so in meinem Kopf angesammelt hat, letztlich scho au irgendwie raus muss, oder zumindest ein Teil davon, um dann doch wieder Platz für die Bundesliga zu schaffen.

Zuerst aber: der Sport. Ein bisschen. Im Grunde ist ja alles gesagt. Die WM ist durchanalysiert, wir kennen den goldenen Handschuh, den goldenen Schuh, den goldenen Ball, die goldene Mannschaft, vermute ich, und auch das goldene Tor, will sagen: das schönste. Geschossen von James Rodriguez, diesem jungen, aufstrebenden 80-Millionen-Mann, der den Ball so wunderbar auf seiner Brust tanzen ließ und dann an und unter Musleras Latte schmetterte.

Weil wir Fußballfans aber gerne mal zur Distinktion neigen, gelegentlich auch zum Hipstertum, hab ich mich zwar auch für ein Tor jenes jungen Mannes entschieden, aber eben ein anderes; auch nicht jenes, das von der Jury zum drittschönsten Turniertreffer gewählt wurde, noch vor dem titelbringenden, technisch sehr bemerkenswerten von Herrn Götze, das die drei jungen Männer vom Fehlpass irgendwann einmal in einer umjubelten Inszenierung nachzustellen versuchen werden.

Mein höchstpersönliches Lieblingstor, das mir zumindest in der Livebetrachtung ganz außergewöhnlich vorkam, bei der nochmaligen Beschau indes, so ehrlich will ich sein, ein bisschen von seiner ursprünglichen Brillanz eingebüßt hat, weil es doch nur elf kolumbianische Ballkontakte waren, darunter ein eher zufälliger, die letztlich zum Torerfolg führten, war das 2:0 gegen Uruguay.

Sie erinnern sich? Der Angriff über rechts, die Verlagerung, die Räume, die geschaffen wurden, die Flanke auf das lange Fünfereck, die Kopfballablage, der banale Abschluss. Ich weiß nicht, ob es unter Hipstertum fällt, der relativen Geringschätzung schön herausgespielter Tore mit vergleichsweise gewöhnlichem Abschluss etwas überdrüssig zu sein und ihm möglicherweise übertriebene Lobhudeleien entgegensetzen zu wollen; unter Distinktionsbestreben dürfte es gleichwohl abzulegen sein.

Und ja, es gibt natürlich Ausnahmen, ganz herausragende Ausnahmen, Argentinien 2006 zum Beispiel, oder Brasilien 1970 (da war der Abschluss selbst auch nicht so schlecht), und natürlich auch Brasilien 1982, wobei man sich auch dort fragen kann, wieso ein Ranking aller brasilianischen Tore am Ende eine Art Antiklimax erfährt, zumindest aus Sicht einzelner distinguierter Möchtegern-Hipster, indem die vordersten Plätze schnöden Fernschüssen vorbehalten sind.

Ob ich ein Video von Rodriguez‘ 2:0 zu bieten habe? Na ja, nicht explizit. Die Zusammenschnitte im Videoportal meiner Wahl räumen dem 1:0 in der Regel so viel Platz bzw. Zeit ein, dass kein Speicherplatz mehr für eine ausführlichere Würdigung des 2:0 (sprich: den kompletten Angriff) übrig bleibt. Immerhin: die ARD-Mediathek hilft bis Ende Januar 2015, ab 03:55.

Genug überhöht. Das Tor, meine ich. Die WM überhöhe ich gerne auch weiterhin. Nenne sie einen unendlichen Spaß, ohne David Foster Wallace‘ Buch gelesen zu haben oder das Hamlet-Zitat einordnen zu können, und somit Gefahr laufend, den literarischen Kniff nicht zu erkennen, der dann möglicherweise gegen meinen Willen in meine Bewertung einfließt. Tja. Ich mein’s aber wörtlich, also fast.

Natürlich gab’s Spaßbremsen, und damit versuche ich nicht, einen Alibi-fünf-Minuten-Einspieler zu platzieren – Verzeihung, das klingt vermutlich viel zu flapsig für das wahrlich ernsthaft Thema jener Schere, die sich in Brasilien abseits des Sports so beschissen weit öffnete –, sondern bleibe beim Sport, beim einen oder anderen langweiligen Spiel, beim Schiedsrichter-Dilemma, das ich jüngst kürzlich vor einiger Zeit bereits ansprach, auch bei den brasilianischen Jagdszenen gegen Herrn James.

Und doch: was für eine Freude! Was für eine Gruppenphase! Und was sind die süd- und mittelamerikanischen Mannschaften gerannt, wie haben sie gespielt, sich taktisch geschickt verhalten, ihre Gegner mit zum Teil unerwarteten Aufgaben konfrontiert. Man denke an Chile, das Spanien aufgefressen hat, oder aus der Concacaf Costa Rica, das sich in der Dreiweltmeistergruppe lächelnd an die Spitze gesetzt hat. Wunderbar.

Ja, wissen Sie alles, ich weiß. Und was hatten wir, also Teile von uns, gejammert vor dem Turnier! Kolumbien ohne Falcao? Abgeschrieben. Deutsche Titelchancen ohne Reus? Dahin! Die Niederlande ohne Strootman? Puh. La France ohne Ribéry? Mon Dieu! Von den außen vor Gelassenen oder nicht Qualifizierten gar nicht zu reden. Indes: so richtig schmerzhaft würde es schon nicht werden:

Hicks!

Ein Jammer: die ganzen Absenzen,
abseits aller Flaggen und Grenzen!
Für Verletzte: bescheiden.
Das Turnier? Wird auch leiden –
wie bei Schluckauf und – hicks! – Flatulenzen.

Will sagen: schade für Falcao, um bei einem der genannten Beispiele zu bleiben, ziemlich schade für Kolumbien, aber dem Turnier ist’s letztlich egal.

Natürlich war der unendliche Spaß auch ganz stark mit der deutschen Mannschaft verknüpft, über die nun ja doch ziemlich viel geschrieben wurde, und nicht selten ziemlich Positives. Über Neuer. Über Schweinsteiger und Hummels und Boateng und so weiter. Darüber, dass jenes Halbfinale viele Leben lang in Erinnerung bleiben wird.

Und über Herrn Löw natürlich. Faszinierend, wie viele Menschen sich freuen, dass nun das ständige Gerede über seine Titellosigkeit, um es harmlos auszudrücken, ein Ende hat. Faszinierend zudem und vielmehr, wie viele Menschen demnach tatsächlich schon immer gewusst haben, wie gut er ist. Vielleicht waren also jene fünf Zeilen, die ich vor Turnierbeginn dem einen oder anderen Skeptiker widmete, fernab jeder Realität und irgendeiner realen Person, sondern nur eine böse Fantasie:

Fangedanken: So nicht!

Der Kader: nicht mehr als ein Torso.
Wie stellt sich der Trainer das vor, so?
Kaum Stürmer, so’n Dreck –
der Jogi muss weg!
Im Juli dann: Auto raus, Korso!

 

Schöne Geschichte natürlich auch für Mario Götze. Ich hatte mir im Vorfeld des Finales eigentlich einen spielentscheidenden Özil gewünscht, aber ich nahm auch Götze recht klaglos hin. Auch er soll ja zwischenzeitlich gar nicht mal so gut gelitten gewesen sein, hörte ich. Quatsch. Natürlich habe ich das mitbekommen, und es stimmt ja auch, dass er nicht immer überzeugte, nachdem der Auftakt gegen Portugal durchaus vielversprechend gewesen war.

Was ich aber sagen wollte: mein unendlicher Spaß hatte gewiss auch damit zu tun, dass ich mich meist auf das Wesentliche konzentrierte: die Spiele. Die TV-Vorberichterstattung zu den Partien ging fast komplett an mir vorüber, was unter anderem dazu führte, dass mich die von meinem Sohn kurz vor Anpfiff übermittelte Information, dass Kramer für Khedira auf dem Platz stehe, aus ziemlich heiterem Himmel traf, nachdem eine knappe Stunde zuvor noch eine unveränderte Aufstellung vermeldet worden war.

Auch nach den Spielen zog ich mich meist recht rasch zurück, aber wenn ich doch was sah, dann war dies in aller Regel besser als ich erwartet hatte. Natürlich hat das mit Erwartungen zu tun, vielleicht auch mit einer deutsch-polnischen Ostseeinsel, doch ganz im Ernst: ich hatte mir die Olis schlimmer und die Herren Scholl und Opdenhövel genau so vorgestellt. Schlecht wäre, auf Basis einer überschaubar großen Stichprobe, anders gewesen.

Selbst die Kommentatoren ließen mich weitgehend kalt. Vielleicht waren sie wirklich besser als in früheren Jahren, vielleicht filterte ich schlichtweg effektiver, ich weiß es nicht. Am liebsten hörte ich erwartungsgemäß dem unaufgeregten Oliver Schmidt zu, auch dem sehr unaufgeregten Thomas Wark, der gefühlt seit Jahrzehnten die Back-Office-Spiele auffängt. Eigentlich hatte ich auch auf den vermeintlich unaufgeregten Gerd Gottlob gehofft, doch sein hemmungsloses „Wirzen“ bei zumindest einer Partie der deutschen Mannschaft ließ mich diese Hoffnung rasch begraben und in Sorge vor einem weiteren solchen Auftritt umwandeln.

Tom Bartels habe ich nur aus dem Finale in schlechter Erinnerung, und bei Steffen Simon kann ich schlichtweg nicht objektiv sein. Wenn ich es dennoch versuche, komme ich rasch an den Punkt, wo ich mich frage, ob es Erbsenzählerei meinerseits oder ein Mangel an Professionalität seinerseits ist, wenn ich mich darüber aufregen muss, dass er den italienischen Nationaltrainer Prandelli, einen Mann, der nicht nur in der jüngeren deutschen Fußballhistorie tiefe Spuren hinterlassen hat, sondern der auch außerhalb des Feldes eine bemerkenswerte Persönlichkeit darstellt, konsequent Pandrelli nennt. Hab’s mir überlegt: ja, ich zähle Erbsen. Und es ist unprofessionell.

Während also mein TV-Konsum für eine WM überschaubar blieb, was natürlich auch familiären Freuden und Zwängen geschuldet war, verbrachte ich ungewöhnlich viel Zeit mit dem Hören von Podcasts. Dem Fehlpass, wie gesagt, oder als zweitem, nein, sorry, eigentlich erstem fixem Programmpunkt, World Cup Football Daily, hinzu kamen mit zunehmender Regelmäßigkeit „Fear and Loathing in Sao Paulo“ beim Sportradio 360, und gelegentlich 5 live’s Football Daily. Tägliche Sachen halt. Und die Erben, eh klar. mit anderem Fokus.

Wohingegen ich das Gemeinschaftsprojekt des Textilvergehens mit den Mikrodilettanten nur selten hörte, wiewohl ich es mochte: es passte nur so überhaupt nicht zu meinem WM-Rhythmus. Immerhin lernte ich dort fürs Leben: „Die FIFA ist kein empathischer Mensch.“

Was übrigens auch nicht zu meinem Rhythmus passte: Blogs. Peinlich, nicht wahr? Im Grunde las ich überhaupt nichts systematisch, auch nicht in Sportportalen, ja noch nicht einmal die Link11 bei Fokus Fussball, die sonst mein steter Ausgangspunkt ist. Bei der WM war das anders, war diese Rolle anders besetzt: von Twitter. Twitter war meine völlig willkürliche Informationszentrale. Was dort zu einem günstigen Zeitpunkt in Linkform vorbeitrieb, wurde gelesen, alles andere nicht. War gut.

Auch abseits des Medienkonsums habe ich nicht so wirklich viel mitbekommen. Die Spiele sah ich zumeist zuhause, im Schoß der Familie, gewissermaßen. In zwei, höchstens drei Fällen, verfolgte ich die Partien in kleineren Gruppen von vielleicht 10 Leuten, eher weniger. Danach traf man mich nicht in der Stadt an, die Schlandisierung, von der ich immer wieder las, ging weitgehend an mir vorüber. Ich wollte nur Fußball. Pur, nahezu. Ein unendlicher Spaß!

Fußballgespräche mit beruflichen Kontakten, die sich meines Wissens sonst nicht besonders für Fußball interessieren, lenkte ich in der Regel so rasch in professionelle Bahnen, dass der eine oder die andere gedacht haben mag, ich interessierte mich nicht für Fußball. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass ich selbst jahrelang eine ebensolche falsche Vorstellung von deren Fußballaffinität hatte bzw. noch immer habe. In Einzelfällen, meine ich.

Der Kollege, der mich als sehr fußballaffinen Menschen einschätzt und mich am Tag des Brasilien-Spiels frug, ob ich mir trotz der Uhrzeit gegebenenfalls auch noch eine Verlängerung ansehen würde, ehe er tags darauf verkündete, es auch gesehen zu haben und dass es ja sehr spannend gewesen sei, dürfte nicht zu denjenigen zählen, in denen ich mich getäuscht hatte.

Das heißt nicht, dass ich nichts mit solchen Leuten zu tun haben will, dass ich mich gar als würdigeren, echteren Fan begreife. Vielmehr haben wir schlichtweg keine gemeinsame Ebene, auf der wir über Fußball reden können. Ok, Fragen und Antworten wären eine, und gelegentlich betrete ich sie auch, mit Leuten, die ernsthaft fragen und Antworten suchen. Aber ich bin nicht in der Lage, mit Menschen über Fußball zu reden, die so tun, als kennten sie sich aus, und die auf dieser Basis ein bisschen fachsimpeln wollen. So wie jener Kommilitone, damals, der sich als großer Fußball-Fan gerierte und mir von VfB-Legende Effi Buttmayer erzählen wollte. Ein weites Feld. Oder war es Etty Buffmayer? Ich weiß es nicht mehr.

Überheblich? Vielleicht. Zumal mir klar ist, dass ich bei weitem nicht so viel (mehr oder weniger) nützliches Fußballwissen angehäuft habe wie manch(e) andere(r). Zweifellos habe ich Schwächen in der Beschreibung und oft genug auch im Erkennen taktischer Winkelzüge, und, um zum nützlichen Wissen zurückzukehren, kenne mich beispielsweise im Weltfußball um die Jahrtausendwende längst nicht so gut aus, wie ich es gerne hätte. Aber ich erinnere mich doch an manches, informiere mich zumeist recht aktuell und ausführlich, und bilde mir auch ein, zum einen das Spiel ganz gut zu verstehen, und dass zum anderen die eigene praktische Erfahrung durchaus hilft, den einen oder anderen Ablauf auf dem Spielfeld einzuordnen.

Um es kurz zu machen: ich möchte nicht mit Leuten über Abseits diskutieren, die nicht verstehen, inwiefern die Abseitslinie bei Freds Tor gegen Kamerun falsch war.

Was ich übrigens auch nicht so gern möchte, wenn auch in ganz anderem Kontext und auf ganz anderer Ebene: tagelang über eine kontrovers aufgenommene Feierchoreographie der frischgebackenen Weltmeister diskutieren bzw. Diskussionen darüber lesen. Ich hatte meinen ersten Eindruck in einem Tweet zusammengefasst:

Diese Sichtweise hat im Grunde nach wie vor Bestand. Das, was mich stört, ist die Häme, ist das Auslachen des unterlegenen Gegners. Beides gäbe es auch, und gibt es immer wieder, in deutlicherer Form. Aber es ginge auch ohne. Was mich nicht stört, weil ich es nicht erkenne, ist jener Nationalismus oder gar Rassismus, den manche darin zu sehen glauben. Kann ich nicht nachvollziehen, aber das ist wohl eine Frage der Lesart.

Dass diese Diskussion dann allerdings tagelang tobte, dass man bei Twitter auch am vierten Tag noch mit einem morgendlichen #gauchogate begrüßt wurde, konnte ich zunächst noch viel weniger nachvollziehen. Bis ich die Diskussion bei den bereits genannten Textilvergehensmikrodilettanten hörte, von der ich den Eindruck gewann, dass sie einen Großteil dessen, was ich online über Tage gelesen hatte, in der vielzitierten nutshell abbildete. Gescheite Menschen mit vernünftigen, diskussionswürdigen, aber nicht unvereinbaren Positionen, und doch zog sich das Ganze ewig in die Länge, mit deutlich abnehmendem  Grenznutzen, hier: Erkenntnisgewinn.

Was mich an der Diskussion, und damit entferne ich mich wieder von besagtem Podcast, mitunter dann doch zum Schmunzeln brachte, war der eine oder andere Beleg, der bei Twitter oder sonst wo ins Feld geführt wurde; exemplarisch sei kurz auf zwei verwiesen:

Zum einen auf einen Twitternutzer, der ein argentinisches Medium verlinkte und auf ironische Weise deutlich machte, dass das dort zum Ausdruck gebrachte Gefühl, verhöhnt zu werden, nicht überraschen könne. Mich überraschte das durchaus ein bisschen, sodass ich nachlas:

„El cántico terminó con los jugadores erguidos y gritando „Así caminan los alemanes„, lo cual ha sido señalado como un gesto de burla, según algunos comentaristas alemanes que transmitían los festejos.“
(Fettdruck wie im Original, kursive Hervorhebung durch mich)

Nun ist mein Spanisch kein besonders gutes, mit südamerikanischen Varianten kenne ich mich erst recht nicht aus, aber ich lese das ungefähr so, dass die Einlage der deutschen Spieler eine höhnische Geste gewesen sei, „laut einigen deutschen Kommentatoren, die die Feierlichkeiten übertrugen„. Für mich klingt das gar nicht so sehr nach argentinischer Empörung über den Spott, aber ich mag mich irren.

Zum anderen irritierte mich, auch dies exemplarisch und auch dies bei Twitter, der Hinweis, dass Dante, jener brasilianische Nationalspieler des FC Bayern München, in seinem Buch „Ich, Dante“, davon berichtet habe, wie seine Mannschaft dereinst mit dem Spruch „So geh’n die Dortmunder, die Dortmunder geh’n so“ gefeiert hätte, was beweise, dass #gauchogate Schwachsinn sei. Quod esset demonstrandum, möchte ich anfügen.

Genug. Nun also auch hier: zu viel über besagtes Thema. Sind jetzt doch wieder ein paar Zeilen mehr geworden, so insgesamt. Und, der eine oder die andere wird es ungern hören: so ganz ist die WM hier noch nicht abgeschlossen. Eine kleine Retrospektive zur #doppelfuenf, die ein unendlicher Spaß war, wird noch folgen.