Das große Ganze

Es war gerade mal eine halbe Stunde gespielt zwischen dem VfB Stuttgart und den Gästen aus Hoffenheim, als es zum Schwur kam. Der VfB führte, hatte also in der virtuellen Tabelle gerade Rang sieben erklommen, der mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit zur Teilnahme an der Qualifikation zum Europapokal berechtigt, als das vertraute Geräusch ertönte, das einen Treffer auf einem der anderen Plätze ankündigt, derer es in diesem Fall reichlich gab. Also anderer Plätze, vorletzter Spieltag, Sie wissen schon. Ob viele Tore fielen, weiß ich jetzt gar nicht so recht.

Beim VfB Stuttgart hält man es in solchen Fällen für eine gute Idee, sei es, um die Spannung zu erhöhen, sei es, um die Sponsoren angemessen ausführlich ins Bild zu rücken, sei es, um die Zuschauer etwas länger vom Geschehen auf dem Rasen abzulenken, in mehreren Schritten vorzugehen und zunächst nur die Wappen der beiden Vereine einzublenden, ehe man nach einem imaginären Trommelwirbel den aktuellen, neuen Spielstand anzeigt. Im vorliegenden Fall erschienen die Wappen der Eintracht aus Frankfurt und des Hamburger SV auf der Tafel, es ging also um das Spiel des unmittelbaren Tabellennachbarn, mithin des Wettbewerbers um den oben angesprochenen Qualifikationsplatz für den Europapokal.

Mir war klar, dass ein nennenswerter Anteil der Stuttgarter Anhänger zwar kurz zuvor minutenlang das Hohelied auf den Europapokal! Europapokal! gesungen hatte, der mit einer Qualifikation einhergehenden zusätzlichen Belastung indes eher zurückhaltend gegenüberstand. Einerseits. Andererseits ging es ja um einen besseren Tabellenplatz, und wie oft haben wir gelesen, und welcher Fußballfan wäre heutzutage dafür nicht empfänglich, dass jede Platzierung, um die man besser abschneidet, bares Geld wert sei, und so wäre selbstverständlich ein Tor gegen die Eintracht, und jetzt kulminiert der Trommelwirbel, und zack:

1:0. Für Frankfurt. Nicht mehr Geld. Kein Europapokal. Und: Jubel. Nicht überall, aber doch verbreitet. Ok, kein europapokalberauschter Abstiegskampf, vielleicht. Trotzdem. Was ist da los?

Nun, der gemeinen Leserin brauche ich nichts vorzumachen, natürlich kennt sie längst den Grund: Es geht um etwas Größeres, da kann so ein mickriges Plätzchen in der Tabelle nicht gegen anstinken, es geht um nicht mehr und nicht weniger als – einige Umstehende lassen keinen Zweifel daran – den Abstieg des HSV. Das große Ganze. Und ja, das ist quasi ein Zitat.

Kurz bin ich fast geneigt, jenen HSV-Fans Abbitte zu leisten, denen ich im Lauf der Jahre einen ausgeprägten Verfolgungswahn unterstellt hatte ob ihrer Überzeugung, alle wollten dem HSV nur Schlechtes, kann dann aber doch nicht so weit gehen. Aber fasziniert, ja, das bin ich. Siebter oder Achter, Sechster oder vielleicht auch noch Neunter, ach, das ist doch einerlei, Hauptsache, der HSV geht endlich runter! Nun denn, jeder so, wie er mag. Mit besten Grüßen an Udo Jürgens.

Tatsächlich gewann Frankfurt am Ende, der VfB auch, Neunter wird man also nicht mehr, und Platz sechs ist in der Theorie auch noch drin, und ich kann kaum nicht adäquat in Worte fassen, welchen Spaß mir dieses Spiel bereitet hat. Gegen eine Mannschaft aus Hoffenheim, die phasenweise sehr eindrucksvoll darlegte, wieso sie in der Tabelle da steht, wo sie steht, nämlich ziemlich weit vorne, und weshalb sie speziell in den letzten Wochen verdammt viele Punkte geholt hatte.

Eine Mannschaft, die nach zwanzig Minuten mit etwas mehr Glück und ohne Übertreibung 4:0 hätte führen können, wenn jenes Glück nicht vielmehr auf Seiten der Stuttgarter gewesen wäre. Dann ging der VfB in Führung, eher gekonnt als glücklich, und fortan brauchte er zunächst einmal gar kein Glück mehr, später nochmal ein bisschen, aber nie mehr so wie zu Beginn, und irgendwie wirkte dann auch das durchaus gekonnt.

Kann man anders sehen, wie ich der einen oder anderen Äußerung nach dem Spiel entnahm, von B-Noten gar nicht zu reden, aber eigentlich geht’s ja auch mir eher so ums große Ganze. Den Fußball im Allgemeinen, die Bundesliga im Besonderen, und ja, das mag schon damit zu tun haben, dass die Ergebnisse des VfB seit Wochen so irrelevant waren wie seit Jahren nicht. Das Thema Abstieg war durch, unabhängig von rechnerischen Spitzfindigkeiten, und so nahm ich die sonstigen Schlagzeilen rund um die Liga möglicherweise etwas intensiver wahr. Von denen wir alle wissen, dass sie sehr ungleich verteilt waren, und zwar zugunsten der, Trommelwirbel, Schiedsrichter.

Das lag an vielerlei Dingen und Akteuren. An den Medien, klar, an Spielern und Trainern, am vielerorts und in diesem Text der Einfachheit halber auch hier gerne mal so genannten Videobeweis per se, am DFB und dem IFAB, am einen oder anderen Videoassistenten (w/m), an der Sportgerichtsbarkeit, an technischen Unzulänglichkeiten und ein bisschen auch an den Schiedsrichtern selbst.

Der VAR. Es ist ja fast alles über ihn geschrieben, im Guten wie – deutlich häufiger – im Schlechten, wie es halt so ist. Vor einigen Wochen schrieb ich bei Twitter folgendes:

In Teilen hatte ich das fast wortgleich auch schon ein Dreivierteljahr zuvor geschrieben, und so gilt es auch weiterhin. Klar kann man entgegnen, dass er keinen Spaß zu machen braucht, dass – wie ein sehr geschätzter Mittwitternder bemerkte – der “Kringel am Strafraum, der 9,15-Abstand vom Elferpunkt markiert”, auch keinen Spaß macht. Stimmt. Aber er verdirbt ihn mir auch nicht. Beim Videobeweis ist das manchmal anders. Wenn ich im Stadion nicht weiß, was los ist, wenn ich vor dem Fernseher über die Auslegung des berühmten klaren Fehlers oder die den Videoassistenten gesetzten Grenzen sinniere, wenn vermeintliche Experten ohne jene Ahnung über den Videobeweis fachfremdsimpeln, was natürlich nicht in erster Linie dessen Schuld ist, wenn Twitter oder dessen Pendant fern der Tastatur anlässlich einer VAR-beeinflussten Entscheidung durchdreht, und nicht zuletzt dann, wenn diejenigen, die sachlich und mit der sprichwörtlichen Engelsgeduld zu erklären versuchen, wieso eine Entscheidung so getroffen worden sein könnte, wie sie eben getroffen wurde, in gänzlich inakzeptabler Art und Weise attackiert werden. Ja, natürlich schaue ich Euch an, @collinaserben. Und die anderen, also die mit der vergessenen Kinderstube.

Einiges von dem, was ich grade ansprach, hat nur mittelbar mit dem Videobeweis zu tun. Natürlich würde ich diese Aspekte nicht als Argument gegen den VAR-Einsatz anführen. Und doch sind es auch diese Begleiterscheinungen, die eben dazu führen, dass er mir keinen Spaß macht.

Ob er den Schiedsrichtern Spaß macht? Ich weiß es nicht. Was ich zu wissen glaube, ist, dass er die Schiris mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert hat, auf die sie nach meiner Wahrnehmung nicht hinreichend vorbereitet waren. Die neue Komplexität der Entscheidungsfindung dürfte zumindest ihren Anteil daran gehabt haben, dass erfahrene Schiedsrichter ganz grundlegende Dinge falsch gemacht haben, Dinge, tatsächliche Regelverstöße, von denen ich glaube, dass sie ihnen ohne Videobeweis nie unterlaufen wären.

Wie zu Saisonbeginn in Dortmund, als mit Dr. Felix Brych am Bildschirm und Patrick Ittrich auf dem Feld wahrlich keine Grünschnäbel am Werk waren und doch Grundregeln des Spiels verletzten, indem sie ein Tor nachträglich anerkannten, obwohl die Situation zuvor abgepfiffen worden war. Dass dem nicht so sein darf, weiß Patrick Ittrich mit Sicherheit auch zu Zeiten, zu denen man normalerweise Olaf Thon für einen Elfmeter aufweckt.

Genau wie sich Guido Winkmann zweifellos darüber im Klaren ist, dass er keine Entscheidung mehr revidieren kann, nachdem er das Spielfeld zur Pause verlassen hat. Wenn, ja wenn er sich nicht in einer Situation befände, die in all seinen Jahren als Schiedsrichter so nicht vorkommen konnte und auf die er vermutlich nicht adäquat vorbereitet werden konnte.

Ich hätte es sehr gerne gesehen, wenn einer der beiden in den genannten Fällen benachteiligten Vereine, der 1. FC Köln oder der SC Freiburg, die jeweilige Situation sportgerichtlich hätte klären lassen. Aus dem niederen Beweggrund, dass ich dem DFB eine krachende Niederlage von Herzen gegönnt hätte, und aus der etwas konstruktiveren Überlegung heraus, dass die öffentlich notwendige Einsicht in die eigene Fehlbarkeit den Verband auf dem Weg zu einem weniger selbstgefälligen Duktus hätte unterstützen können.

Ja, zur Kommunikation im Kontext des Videobeweises ist im Grunde alles gesagt. Transparenz, zudem Transparenz, dazu ein bisschen Transparenz, gerne ergänzt um etwas mehr Demut und etwas weniger “Ich erklär’s mal”. Und vielleicht, ganz vielleicht, das wäre der Punkt, der mir beim Thema Sportgerichtsbarkeit einfällt, wäre ein bisschen mehr Anstand nicht schlecht. Für die Chuzpe, mit der man unmittelbar nach dem Winkmann-Steinhaus-Elfmeter gegen Freiburg das Vorgehen des Schiedsrichters als regelgerecht darstellte, und das spätere partielle Zurückrudern, wohlgemerkt nach Ablauf der Einspruchsfrist, suche ich seit Wochen nach Worten. Bis dato schwanke ich noch immer zwischen schäbig und infam.

Da überrascht es dann auch gar nicht mehr, wenn sich in einer nicht annähernd so gravierenden Angelegenheit, dem Platzverweis von Santiago Ascacíbar gegen Hoffenheim und der folgenden Geldstrafe ob seines Verhaltens beim Verlassen des Spielfelds, der VfB Stuttgart bemüßigt fühlt, dem Verband leidlich verklausuliert Drohgebärden zu unterstellen: “… weil uns von Seiten des DFB explizit mitgeteilt wurde, dass ‚in einer eventuellen mündlichen Verhandlung die Frage einer zusätzlichen Sperre zu erörtern sei‘.”

Und dann war da ja noch die Causa Petersen. Oder die Causa Stieler, wenn man so möchte. Ein Novum in vielerlei Hinsicht. Was mir, der ich gedanklich in meiner Welt als langjähriger Spieler und so gut wie nie Schiedsrichter verhaftet bin, enorm gut gefallen hat, war die Entscheidung, die Aussagen des Schiedsrichters nicht mehr als sakrosankt hinzunehmen, sondern auf Basis anderer Quellen und Indizien einfach mal zu sagen, dass der Spieler recht hatte. Oder ihm zumindest nicht guten Gewissens eine Lüge unterstellt werden konnte. Dass ich letztere für wahrscheinlich halte, steht auf einem anderen Blatt.

Wenn dann in ein paar Jahren herauskommen sollte, dass die rasch herbeikonstruierten Fälle, in denen Spieler künftig nicht nur, wie es seit Jahrzehnten allerorten auf Fußballplätzen geschieht, dem Schiedsrichter ostentativ den Rücken zukehren, wenn sie verwarnt werden, sondern in denen sie damit, oder gar mit aktivem Wegrennen, tatsächlich eine regelgerechte Verwarnung umgehen können, seit diesem Vorfall exponentiell (oder auch nur linear) angestiegen sein werden, überdenke ich meine Position. Bis dahin aber freue ich mich einfach darüber, dass sich auch einmal ein Spieler erfolgreich zur Wehr setzen konnte. Und ja, ich denke in diesem Moment auch an kolportierte Beleidigungen von Schiedsrichtern gegenüber Spielern, gegen die es keine Handhabe gab.

Weiter oben sprach ich von Argumenten gegen den VAR, die man vorbringen könne oder auch nicht. Das ist natürlich völlig irrelevant. Das Thema Argumente ist durch, seitdem das IFAB die Testphase für beendet erklärt und ihn in die offiziellen Regeln aufgenommen hat. Zu einem Zeitpunkt, zu dem noch nicht einmal das grundlegende Handwerkszeug für einen der typischsten und im Grundsatz mit am besten für den VAR-Einsatz geeigneten Anwendungsfälle vorliegt: die zu trauriger Berühmtheit gekommenen kalibrierten Linien für Abseitsentscheidungen. Deren Verfügbarkeit den einen Videoassistenten anficht, den anderen nicht. Oder den einen mal nicht und mal schon, es menschelt, natürlich.

Es ist mir ein absolutes Rätsel, wie das IFAB, das in der Vergangenheit nicht immer dafür bekannt war, Entscheidungen übers Knie zu brechen, dem man mitunter gar unterstellte, eben nicht mit der Realität Schritt zu halten, diese Entscheidung treffen konnte. Es wäre ein Leichtes gewesen, die Testphase auszudehnen und sich das Ganze noch etwas länger anzusehen, dann auch inklusive Handwerkszeug, ehe man Nägel mit Köpfen macht. Dass man dem entgegnen kann, die Entscheidung sei ohnehin von Anfang an klar gewesen, die Evaluierung nicht mehr als ein Feigenblatt, ist mir klar.

Ganz subjektiv kommt erschwerend hinzu, dass ich mich nun in der unglücklichen Situation befinde, die Uefa, die sich dem Einsatz des VAR in der Champions League weiterhin verwehrt, in diesem Kontext als Inbegriff rationalen Handelns betrachten zu müssen, als diejenigen, die erst das ganze, funktionierende Bild vor Augen haben wollen, ehe sie die Spieler und Schiedsrichter damit konfrontieren. Irgendwo in meiner Erinnerung tauchen Fragmente aus jener Zeit auf, als Supermärkte begannen, mit Scannerkassen zu experimentieren, und dabei zunächst manches schiefging. Bei allen, außer bei denen, die sich auf den Tag vorbereiteten, an dem die Technik ausgereift und verlässlich sein würde, und vielleicht bereitet mir der Gedanke an die Champions League als den Aldi unter den Fußballwettbewerben ein gewisses Vergnügen.

Oh, wo ich grade dabei bin: das IFAB und die Schiedsrichter. In den letzten Jahren hat ein Begriff Eingang in den Fußball-Diskurs gefunden, den die meisten von uns ohne Collinas Erben nie kennengelernt hätten: die Taktik des Schiedsrichters. Ein Begriff, über den man zunächst stolpert, der aber sehr wohl sinnvoll erscheint, bzw. die Idee dahinter. Es ist legitim, dass sich die Schiedsrichterin das Leben, zumindest aber das Spiel, nicht unnötig schwer macht, indem sie ihre Spielräume beispielsweise durch einen früh im Spiel zwar möglichen, aber für den Fortgang der Partie sehr herausfordernd gesetzten Ton zu sehr einschränkt. Was ich sagen will: Es ist aus meiner Sicht ok, sich selbst keine Steine in den Weg zu legen, wo sie nicht notwendig sind.

Ob das IFAB das im Sinne der Schiedsrichter auch so sieht, weiß ich nicht. Kürzlich las ich von folgender Klarstellung durch das Gremium: „Bei der Beurteilung einer Abseitsstellung ist der erste Kontakt beim Spielen oder Berühren des Balls entscheidend.” Mal ganz davon abgesehen, dass diese Differenzierung für die meisten Beobachter wie Kai aus der Kiste gekommen sein dürfte: Warum? Warum so schwierig, so uneindeutig?

Es kommt nicht von ungefähr, dass – so ich Collias Erben recht verstanden habe – Dr. Markus Merk einer der ersten war, der auf Situationen hinwies, in denen der Ball vergleichsweise lange berührt wird, so zum Beispiel, wenn die Spielerin den Fuß auf den Ball stellt und ihn dann in einer fließenden Bewegung mit der Sohle weiterleitet. Wird dem Videoassistenten dann die – nicht erwünschte – detektivische Arbeit zufallen, zu prüfen, ob es sich wirklich nur um eine Ballberührung handelte oder ob der Kontakt möglicherweise im Zuge der Aktion kurzzeitig abgebrochen war, sodass der erste Kontakt beim tatsächlichen Spielen des Balles in Wahrheit erst viel später eintrat?

Wäre es nicht klug gewesen, hier aus taktischen Erwägungen den wesentlich eindeutiger zu bestimmenden Moment als entscheidend zu betrachten, nämlich den, in dem der Fuß den Ball zuletzt berührt, letzterer ersteren also verlassen hat, unabhängig davon, wie lange der Kontakt dauerte? Ich könnte dem einiges abgewinnen, aber vielleicht ist das auch viel zu einfach gedacht.

Ach, genug. Ich wünsche mir, dass in den nächsten Tagen, wenn die Entscheidung über die Abschlusstabelle der Bundesliga gefallen sein wird, die Schiedsrichter im Allgemeinen und ihre Videoassistenten im Speziellen in der Öffentlichkeit nur eine Nebenrolle spielen werden, mal abgesehen von den allfälligen Verschwörungstheoretikern welcher Couleur auch immer und von den sonstigen üblichen Verdächtigen.

Und ich freue mich, den Spieltag entspannt verfolgen zu können. Ohne irgendeinen höheren Zweck, den ich gerne verwirklicht sähe. Wenn der Hamburger SV absteigen sollte, dann wird er es sich ebenso erarbeitet haben wie jeder andere mögliche Absteiger. Ich hätte sicherlich meine Schwierigkeiten, mich daran zu gewöhnen.

Was ich allerdings nicht erleben möchte, ist eine verlorene Relegation des Bundesligisten, der dann wegen einer verweigerten Kieler Lizenz oben bliebe. Auch wenn es zum Beispiel ganz hübsch in das gängige HSV-Narrativ passen würde.

Mors, Mors

Im Frühjahr 2015 erhielt ich eine E-Mail, in der mich jemand frug, ob ich einen Text zu einem Buch beitragen wolle, einem Buch über Fußball. Und Sprache. Begriffe der Fußballrhetorik. Ich wolle gern, antwortete ich, so ich denn in der Lage sei, einen hinreichend guten und dem Verständnis der Herausgeber entsprechenden Text zu verfassen. 

Wir mailten noch ein paar Mal hin und her, irgendwann hatte ich dann eine Version, mit der ich zwar nicht uneingeschränkt glücklich war, die ich aber nach meiner Einschätzung aus der Hand geben konnte, ohne mich zu blamieren. Also gab ich sie weiter, durchaus damit rechnend, eine mehr oder weniger freundliche Absage zu erhalten – die das seitens der Herausgeber aufgezeigte Prozedere auch vorsah. Allein: sie kam nicht.

Keine Absage. Auch keine Zusage. Keine Bitte um Geduld. Ich habe nie mehr etwas von der betreffenden Person gehört. Auch eine zumindest nicht unfreundliche Nachfrage meinerseits Monate später rief keine Reaktion hervor, und nach und nach verschwand der Vorgang in einer selten besuchten Sektion meines Gedächtnisses.

Und so war ich dann doch überrascht, als mich kürzlich jemand auf eben dieses Buch hinwies, das Anfang des Jahres offenbar tatsächlich erschienen ist. Ohne meinen Text, vermutlich. Völlig in Ordnung. Nur die Kommunikation, die war eher so mittel.

Da mein Text aber noch immer hier rumliegt, und weil sich in diesem Blog ohnehin viel zu selten etwas tut, nun, Sie wissen schon. Hier also ein Text aus dem Jahr 2015, dem man sein Alter an der einen oder anderen Stelle auch anmerkt, allein schon von den Namen her.

 

Wasserträger

Wasserträger. Ein Begriff, der uns beim Fußball – spielend wie schauend – seit Jahrzehnten begegnet. Begegnete, muss man heute vielleicht korrekter sagen. Vergangenheit. Abgeschlossen. Oder können Sie sich noch an Ihre letzte Begegnung mit dieser Spezies erinnern? Sprachen die Béla Réthys dieser Welt, oder zumindest unserer Fernsehlandschaft, in diesem Jahrtausend schon einmal vom selbstlosen Einsatz oder den unterschätzten Qualitäten eines Wasserträgers?

Und wenn ja: wie hieß er? Denn ist es nicht so, dass die meisten von uns, je nach Alter und fußballerischer Sozialisierung, diesen Begriff mit mindestens einem konkreten Spieler in Verbindung bringen? Herbert Wimmer zählt zu den üblichen Verdächtigen, gilt vielleicht gar als Hauptverdächtiger, Heinz Simmet war sein Pendant auf der anderen Seite des Netzer-Overath-Grabens. Spätere Exponenten heißen Wolfgang Dremmler, Steffen Freund, Claude Makélélé, Rolf Aldag oder Thomas Häßler.

„Moment!“, höre ich Sie sagen, und ja, Sie haben recht, doppelt: Häßler? Der Thomas Häßler? Der mit dem Zauberfuß? Ein Mann für die großen Momente als Wasserträger? Ja, in der Tat. Damals, in Dortmund, als Trainernovize Michael Skibbe dem nicht allzu wohlgelittenen Weltmeister immerhin Talent bescheinigte und Schnappschüsse des eine Wasserkiste tragenden Häßler mit der passenden Bildunterschrift versehen wurden. Vom Weltmeister zum Wasserträger, oder Variationen davon. Das Ausmaß des entstandenen Spotts, aber auch der von Häßler empfundenen Kränkung, wirft nicht nur ein Schlaglicht auf die mediale Berichterstattung, sondern auch auf die Wertschätzung, die dem gemeinen Wasserträger in aller Regel zuteilwurde.

Und, gewiss: Auch Rolf Aldag passt nicht recht in die Reihe. Ein Wasserträger war er schon, par excellence und im Wortsinn sogar, nur nicht beim Fußball. Aldag fuhr Rad, wir erinnern uns, und trug seinen Teil dazu bei, dass der eine oder andere unter uns bis heute davon ausgeht, der Fußballbegriff des Wasserträgers habe seinen Ursprung im Radsport. Dort leisten die etwas weniger begabten Athleten Zubringerdienste für ihren Kapitän – darunter ganz konkret auch das Herantragen von Wasserflaschen –, auf dass jener, von derlei profanen Tätigkeiten befreit, explizit für die ganz großen Momente sorgen möge. Eine Erwartungshaltung, der Exponenten wie Ullrich oder Indurain, aber auch Netzer oder Zidane dann ja durchaus gerecht wurden.

Gut möglich, dass der Wasserträger tatsächlich aus dem Radsport herübergeschwappt ist, doch de facto ist der Begriff wesentlich älter als, sagen wir, die Tour de France – Wikipedia spricht von einem historischen Dienstleistungsberuf, seine Vertreter werden gelegentlich als niedere Arbeiter beschrieben. Zahllose religiöse Texte in diesem unserem Internet verweisen zudem auf die Hochzeit von Kana und das „Wunder der Verwandlung“, das die ungebildeten Wasserträger nicht sehen, nicht begreifen. Oder anders, heruntergebrochen und adaptiert: Wie sollte ein schnöder Wasserträger jene Wunder durchschauen, die beispielsweise eine deutsche Lichtgestalt oder ein niederländischer König auf der Höhe ihrer jeweiligen Schaffenskraft uns allen, Gläubigen wie Ungläubigen, auf dem Feld, den Rängen oder an den Bildschirmen schenkten?

Den Kontrast zu ihrer Kunst bildet das Wassertragen: eine profane Dienstleistung sei es, mitunter auch eine Zuarbeit. Aber, zweifellos, eine wichtige. Historisch gesehen, als sich das Wasser noch nicht selbstverständlich aus dem Hahn ergoss und lebensechte Wasserträger Abhilfe schafften – in Hamburg denkt man womöglich an Hans Hummel –, aber auch in unserem übertragenen Kontext, wiewohl weniger existenziell, im Peloton oder auf dem Fußballplatz – in Hamburg denkt man vielleicht an Jürgen Groh oder Wolfgang Rolff.

Womit wir beim heutigen Wasserträgerdilemma angekommen wären: Da, wo früher Namen wie Rolff, Groh oder Eilts standen, lesen wir heute Modrić, Alcántara, Busquets oder Touré. Oder, um auf der heimischen Scholle zu bleiben, Lahm, Gündoğan oder
Schweinsteiger. Wasserträger klingen anders, nicht wahr?

Natürlich ist das eine Zuspitzung, gewiss besetzen die genannten Spieler unterschiedliche Positionen und Räume auf dem Feld, und vor allem: auf unterschiedliche Art und Weise. Das Spiel hat sich gewandelt, die Rollen ebenso, die Anforderungen erst recht. Oder anders: Wenn Andrea Pirlo oder Xabi Alonso in einem taktischen Schema just dort verortet werden, wo sich klassische Wasserträger gemeinhin tummelten, dann liegt der spontane Quervergleich zu Guido Buchwald nur wenigen Beobachtern auf der Zunge.

Die Aufgaben, die ein “defensiver” Mittelfeldspieler heute erfüllt, haben zwar noch eine nennenswerte Schnittmenge mit dem Selbstverständnis von, sagen wir, Jens Jeremies; dass sie aber weit darüber hinausgehen, dürfte als Binsenweisheit durchgehen. Und dass mit den sportlichen Veränderungen auch ein sprachlicher Wandel einherging, wird ebenfalls niemanden überraschen.

Gut möglich, dass sich schon Jeremies nicht als „Wasserträger“ bezeichnet hätte. Ging mir selbst ja auch so, einem um viele Größenordnungen unbegabteren Fußballspieler als Jens Jeremies, als ich Mitte der Neunziger „vor der Abwehr“ spielte: Natürlich war ich ein Dienstleister für die Mannschaft, keine Frage, aber doch kein reiner Zuarbeiter für den großen Helden und seine strahlenden Auftritte, wo denken Sie hin?! Zumal wir damals alle unter dem Eindruck von Matthias Sammer standen, dem Libero vor der Abwehr, der erste Schritte unternahm, den deutschen Fußball wieder auf die Höhe der Zeit zu heben. Und dabei, wenn man so will, die Wasserträgerposition gleich mit vereinnahmte.

Der Wasserträger hat sich überlebt. Dass es ihn im heutigen Sprachgebrauch kaum mehr gibt, mag dem ehrenwerten namensgebenden Beruf nicht gerecht werden, dem Selbstverständnis des gemeinen Sechsers indes sehr wohl: Vermutlich sieht er sich, um noch einmal eine Anleihe beim Radsport zu nehmen, vielmehr als Edelhelfer. Mindestens.

Und das zu Recht. Es reicht nicht mehr, das Wasser zu reichen. Im Idealfall ist der Edelhelfer in der Lage, es auch gleich zu Wein zu verwandeln, zumindest aber sollte er in der Lage sein, es einzugießen und mundgerecht zu servieren.

Das Wunder der Verwandlung mag mitunter noch immer den einstigen Helden, den Nachfahren des Spielmachers klassischer Prägung, den Zehnern obliegen. So sie denn noch mitspielen dürfen. De facto müssen sie in zunehmendem und beträchtlichem Maße bereit sein, ihr Wasser selbst zu tragen. Und es gegebenenfalls zu teilen oder gar weiterzugeben. Wie einst Thomas Häßler.

Frenchy

Herr F. war ein freundlicher Mann. Vermutlich ist er es noch immer. Damals war er mein Chef. Er schätzte mich und meine Arbeit, auch wenn er mir (und vielen anderen) regelmäßig Gelegenheit gab, just daran zu zweifeln. Sagen wir es, wie es ist: Er war ein Trampel. Seine geheime Superkraft bestand darin, selbst ein noch so ernst gemeintes Kompliment so verpacken zu können, dass es sich wie ein übler Diss, zumindest aber vergiftet anhörte. Ohne dass er es gewollt oder bemerkt hätte.

Oder seine Sitzungsführung, insbesondere bei konträren Meinungen. Selten habe ich jemanden wie ihn erlebt, dem es ohne jede Anstrengung gelang, alle Seiten zu verprellen, unabhängig davon, ob man letztlich eine gute Lösung gefunden hatte oder nicht. Und ohne dass er es gewollt oder bemerkt hätte.

Oder nehmen wir seine Scherze. Sie bedienten keinen -ismus, waren nicht frauen- oder fremdenfeindlich, häufig sogar nett gemeint, und doch so oft schlichtweg gedankenlos. Immer auf der Suche nach dem nächsten Fettnäpfchen, ohne je eines zu erkennen, weder davor noch danach. Und: Sie waren nicht witzig. Oder aber: Sie waren witzig, aber er trug sie so vor, dass niemand darüber lachen mochte. Ein Jammer.

Oder anders: Sie erinnern sich an Lieutenant Hauk? Adrian Cronauers, nun, Vertretung? Seinen ersten Auftritt on air, den seine Soldaten zuvor verzweifelt zu verhindern versucht hatten? Lieutenant Steve, Frenchy? Oh, oh, oh, Frenchy? Wie er sich, als dann das erste Musikstück läuft, zurücklehnt, die Arme selbstbewusst verschränkt und die fassungslosen Soldaten mit herausforderndem Blick anspricht: “I think some apologies are in order.”

You get the picture.

In meinem Kopf sagt Lieutenant Hauk dieser Tage etwas ganz Anderes. “Mit welcher Ruhe und Klarheit wir im Klub Entscheidungen getroffen haben, das war beeindruckend.”

Und dann würden die Apologies eintrudeln. Vom kritischen Teil der VfB-Fans, der auch langsam anfängt zu überlegen und umschwenkt. Schließlich hat der neue VfB-Trainer, den Michael Reschke verpflichtet hat, aus seinen ersten drei Spielen sieben Punkte geholt.

Das ist aller Ehren wert. Und es wäre eine wunderbare Gelegenheit für Herrn Reschke, im Stillen die Hände zu reiben und sich einmal kurz auf die Schulter zu klopfen, dem Trainer sowieso, und dann wieder an die Arbeit zu gehen. Dass damit der Wunsch nach mehr Anerkennung oder zumindest weniger Feindseligkeit seitens eines Teils der VfB-Anhänger eingehen darf, ist unstrittig. Klar kann man sich das wünschen. Natürlich arbeitet es sich leichter, wenn einem diejenigen, von denen man sich Unterstützung erhofft, etwas mehr zutrauen.

Andreas Beck kann bestimmt ein Lied davon singen. Er ist kein Dummkopf, kein als Söldner verschrieener Abzocker, kein Blender, der nur in den sozialen Netzwerken glänzt, ist gar einer, dem man einst manche Träne nachweinte, kurz: keiner, der so recht zum Feindbild taugt. Gewiss, er brennt auf dem Platz kein Offensivfeuerwerk ab, spielt zu viele Fehlpässe, regt unsere Phantasie nicht an. Vor allem aber ist er, wenn nicht das, dann doch ein Gesicht der, falls man so sagen will, Ära Reschke.

Und dieser Herr Reschke ist, Verzeihung, Herr F., ein Trampel. Ein Mann, der es in Stuttgart von Anfang an geschafft hat, Leute vor den Kopf zu stoßen, die ihm gerne wohlgesinnt begegnen würden, es aber nicht mehr hinbekommen, zum Teil sicherlich auch nicht hinbekommen wollen. Weil er sie beispielsweise ohne einen Anflug von Souveränität als ahnungslose Vollidioten bezeichnet hat, oder eben weil er sich nach drei relativ erfolgreichen Spielen hinstellt und von der eigenen beeindruckenden Entscheidungsfindung schwadroniert. Zu einem Zeitpunkt, da nichts gewonnen ist, da man ein paar Pünktchen oberhalb der roten Linie steht, mit der Aussicht, bereits kurz vor Schluss voraussichtlich ein gewisses Polster zu benötigen. Wie kommt man auf so eine Idee?

Im Fachmagazin Kicker wird die von ihm geäußerte Hoffnung auf umschwenkende Fans als Aufruf zur Versöhnung gedeutet. Ich halte das, wie oben angedeutet, nicht für abwegig. Wäre doch schön für ihn, mehr Vertrauen, mehr Anerkennung, mehr Unterstützung zu genießen. Für den Trainer auch, klar. Wenn er es einem nur nicht so schwer machen würde. Nicht der Trainer, der schlägt sich nicht nur auf bzw. neben dem Platz wacker, sondern auch in seiner medialen Darstellung.

Oder können Sie sich vorstellen, dass Tayfun Korkut nach dem Spiel öffentlich die beeindruckende Klarheit seiner Entscheidungen zu Aufstellung, Taktik und Auswechslungen hervorhebt? Oder irgendein anderer Trainer? Ein Sportdirektor? Zumindest nicht viele, vermute ich?

Michael Reschke ist da offenbar anders. Und ich fürchte, er weiß es nicht. Vielleicht hoffe ich es auch. Da muss ich noch drüber nachdenken.

tmi

Das ist ja mal ne Überraschung: Noch nicht mal Mitte Februar, und schon ist die Advents-Startseite im Blog der ganz gewöhnlichen Aneinanderreihung von Beiträgen gewichen. Mein ganz persönlicher Blog-Knutstag, sozusagen. Advents-Kehraus.

Kehraus. Und schon sind wir gedanklich bei Hannes Wolf. Und wären womöglich viel lieber bei Michael Reschke und Wolfgang Dietrich. Aschermittwoch steht ja quasi vor der Tür. Oje, ich schweife schon wieder ab. Lange nichts mehr hier reingeschrieben, nech? Nun denn, vielleicht hilft es ja, mir einfach selbst ein paar Stichwörter (hier: Namen) zu geben und ein paar lose Gedanken dazu zu formulieren. Nun denn:

Hannes Wolf

Ein Jammer! Und damit meine ich zunächst einmal nicht sein, wenn man den Vereinsgranden glauben darf, jämmerliches Erscheinungsbild als Trainer, der die Mannschaft nicht mehr erreicht und es nur noch einmal versuchen würde, wenn die Vereinsführung explizit darum bäte. Oder so ähnlich.

Aber nein, ein Jammer, dass es nicht gelungen ist, mit diesem intelligenten, sympathischen jungen Mann eine dauerhaftere Erfolgsgeschichte zu schreiben. Eine Träumerei, Sie erinnern sich. Es sollte nicht sein, und ich würde gerne den bösen Leuten aus dem Vorstand die Alleinschuld geben, denen der unerfahrene, dummerweise aber erfolgreiche und noch dazu beliebte Trainer stets ein bisschen suspekt gewesen ist, allein: Ich kann es nicht.

Viel eher gehe ich davon aus, erwarte es gar, dass sich die Herren in verantwortlicher Position spätestens seit der zweiten Hälfte der Vorrunde hin und wieder Fragen zur sportlichen Entwicklung gestellt haben, zur geringen Torgefahr, zu den Defiziten im Offensivspiel, zu mancher taktischen Anpassung im laufenden Spiel. Da konnte man durchaus Aspekte und Argumente finden, die die Position des Trainers nicht eben gestärkt haben. Ob man diesen Argumenten dann folgt oder nicht, ob man dem Trainer dann zusätzliches Personal an die Hand gibt, und wenn ja, welches, darüber kann man zweifellos diskutieren.

Ob ich mir das anders gewünscht hätte? Natürlich. Ob ich Hannes Wolf für eine wohltuende Erscheinung in Bad Cannstatt gehalten habe? Unbedingt! Ob er hinterrücks und bösartig gemeuchelt wurde? Tendenziell nicht. Ob die Vereinsführung den möglicherweise – eine Bestätigung seitens Wolf selbst habe ich bisher nicht vernommen – zweifelnden jungen Trainer hätte stützen und zum Weitermachen drängen sollen? Ich weiß es nicht. Das lässt sich aus der Entfernung nicht einschätzen. Ich war nicht dabei, weiß nicht, ob sich Wolf tatsächlich zweifelnd geäußert hat und wenn ja, wie, in welchem Tonfall, mit welcher Körpersprache, Sie wissen schon.

Fakt ist: Er ist weg, genau wie Jan Schindelmeiser, genau wie Simon Terodde, und glücklich macht mich das alles nicht. Und natürlich wünsche ich ihm alles Gute und eine großartige Karriere.

Tayfun Korkut

Ich habe es bedauert, als er damals den VfB verlassen hat, zu einer Zeit, als ich noch mit einer gewissen Regelmäßigkeit zu den Spielen der U19 des VfB ging, die noch dazu häufig gute Ergebnisse und nicht selten sehenswerte Leistungen brachten. Die bekannte Entwicklung späterer Jahre liegt gewiss nicht daran, dass man damals Korkut ziehen ließ; meine Sympathie für ihn habe ich mir indes über die Jahre bewahrt und freute mich für ihn, als er als Cheftrainer in der Bundesliga anheuerte, mit zunächst gutem, später nachlassendem Erfolg.

Irgendwann nahm ich ihn dann eher als Ritter von der traurigen Gestalt wahr, eine Rolle, die er angesichts der Umstände des Trainerwechsels beim VfB nicht unmittelbar ablegen konnte: Er war ganz offensichtlich nicht die erste Wahl, sein Name weckte im Umfeld nicht die geringste Euphorie, sondern verstärkte im Gegenteil die aus der Entlassung herüber genommene Abwehrhaltung, und dass seine ersten medialen Auftritte im Vergleich zum rhetorischen Sonntagskind Hannes Wolf tendenziell verblassten, dürfte auch kaum jemand bestreiten.

Unabhängig davon habe ich mir, was selten genug vorkommt, das Video der Spieltags-PK vor seinem Debüt in Wolfsburg angesehen. Kein Auftritt, mit dem er uns alle in seinen Bann gezogen hat, gewiss, aber ein grundsolides, an der Sache orientiertes Auftreten, in dem er die eine oder andere Klippe erfolgreich umschiffte und die von den Medienvertretern erhofften Vergleiche zum Vorgänger vermied, oder dort, wo man einen Vergleich hineinlesen konnte, sich eben diesen verbat. Sehr interessant diesbezüglich folgende Ausführungen, auch und gerade, zumindest in meinem Kopf, vor dem Hintergrund mancher Diskussion um Handball-Bundestrainer Christian Prokop und dessen Arbeitsweise bei der zurückliegenden Europameisterschaft:

Wichtig, das kann ich sagen, ist, dass ich nicht zu viel Informationen an die Mannschaft weitergeben werde, versuchen werde, sehr, sehr viel zu sieben, also das heißt zu komprimieren, mit wenig Informationen sie auf den Platz zu schicken, weil einfach ich auch aus eigener Erfahrung gesehen habe, dass, wenn Druck da ist, dass zu viel Informationen auch wieder Verwirrung auslösen können.[…] Aber das hat nichts mit meinem Vorgänger, und auch nichts mit der Art und Weise, wie mein Vorgänger war, zu tun.”

 

Michael Reschke

Der Mann, der Jan Schindelmeiser abgelöst, Hannes Wolf weggeschickt und Tayfun Korkut geholt hat. Und dann haben wir noch nicht einmal über Spieler gesprochen. Noch Fragen?

Ok, im Ernst: Es fällt nicht ganz leicht, ihn zu mögen. Das liegt zum Teil an einigen der ex- oder implizit genannten Personalien, zu einem nicht unerheblichen Teil zudem an seinem Auftreten in der Öffentlichkeit, das im einen oder anderen Fall an den sprichwörtlichen Besucher eines Porzellanladens erinnert. Aktuell befindet er sich nach meiner Kenntnis auf medialer Schadensbegrenzungstour, und möglicherweise schlagen die PR-Verantwortlichen des Vereins, ganz oben angefangen, drei Kreuze, wenn der Schaden hernach zumindest nicht größer geworden ist.

Ich will nicht weiter auf den Trainerwechsel eingehen, ein paar Punkte habe ich oben angesprochen, aber was mich in den letzten Tagen tatsächlich irritiert hat, war der sogenannte Deadline Day. Seit Jahren wünschte ich mir, das Ende einer Transferperiode einmal völlig entspannt begleiten zu können, weil beim VfB diesbezüglich schlichtweg nichts zu erwarten ist. Nun, neulich war es so weit, und irgendwie hatte mir das anders ausgemalt. Keine Baustellen im Kader, so hatte ich es mir erhofft, weder auf den immer schwierigen Außenverteidigerpositionen noch im offensiven Kreativbereich, wo ebenfalls beinahe traditionell Bedarf besteht, keine akuten Lücken aufgrund bitterer Verletzungen, eher so dieses “Macht Ihr anderen ruhig mal, an der Mercedesstraße ist man bestens aufgestellt.”

Nun, ganz so war’s nicht, ehrlich gesagt. Vielmehr konnte ich nicht glauben, dass gerade angesichts der unmittelbar zurückliegenden verheerenden Auftritte in Mainz und gegen Schalke kein hinreichend dringender Handlungsbedarf gesehen wurde. Aber vielleicht wollte man dem neuen Trainer auch erst etwas Zeit geben, sich seinen Kader genauer anzusehen, was weiß denn ich?

 

Mario Gómez 

Klar freue ich mich. Kurz nach seinem Abschied gen München hatte ich ein “Bloggerinterview” gegeben, das der Betreiber des gastgebenden Blogs damals mit meinem Zitat “Gómez war eine Naturgewalt” überschrieben hatte, und ja, das traf meine Einschätzung ziemlich gut. Ich wünschte, er hätte in der Nationalmannschaft etwas mehr Fortune gehabt, auch etwas weniger Scholl, aber natürlich hatte auch er seinen Anteil an diesem Los. Meine Freude über seine Rückkehr war und ist enorm, wenn auch mit mehr als einem Wermutstropfen versehen, den der Abschied von Simon Terodde hineingegossen hat, aber wer braucht schon drei Ochsen?

Wenn ich aber ehrlich bin: Die Naturgewalt ist er bisher nicht wieder. Immer wieder ertappe ich mich dabei, von ihm Durchbrüche wie von jenem jungen Mann zu erwarten, dessen athletische Möglichkeiten grenzenlos schienen, und bin dann kurz enttäuscht, um wenige Sekunden später wieder festzustellen, dass er anderswo ein deutlich versierterer Fußballspieler geworden ist. Solange er trotzdem trifft, will ich mal nichts dagegen sagen.

Berkay Özcan

Ich habe ein bisschen Sorge, dass er ein Verlierer des Trainerwechsels sein könnte. Gewiss, es ist erst eine Partie gespielt, und ja, wir müssten dann auch über Chadrac Akolo reden. Bei Özcan schmerzte es mich ein bisschen mehr. Weil er aus der Region ist, Sie verstehen schon. Ernsthaft: Ich sähe ihn mittelfristig gern in zentraler Position beim VfB, vielleicht gar auf der Sechs, entsprechende taktische Fortschritte unterstellt. Im Moment allerdings sehe ich nicht recht, wo in Korkuts Elf sein Platz sein könnte. Vielleicht kann ich es auch nachvollziehen, wenn er im Abstiegskampf öfter mal außen vor bleibt. In der Hoffnung, und das kann ich nun wahrlich nicht einschätzen, dass der Trainer diese Sache gut moderiert. Wir haben nicht so viele Leute mit seinem Talent bei unserem Verein. Wie er den Ball behauptet mit seinen 19 Jahren. Wie er den Ball – manchmal, und viel zu selten – schnell macht. Und wie er arbeitet. Gefällt mir.

Erik Thommy

Eckstöße, halleluja! Möge es keine Eintagsfliege gewesen sein. Wenn das Herrn Reschkes Plan war: Chapeau! Aber Josip Brekalo vermisse ich trotzdem.

Wolfgang Dietrich

Vor ein paar Wochen habe ich ihn als Redner in einem völlig anderen Kontext erlebt. Was nicht bedeutet, dass er über etwas anderes gesprochen hätte, nein, da ging es schon um den VfB. Vielmehr stand der Rest der Veranstaltung unter einem ganz anderen Motto. Zahlreiche Referentinnen und Referenten trugen zu zahlreichen Facetten eines Gesamtthemas vor, waren häufig bestens vorbereitet und noch dazu wirklich gute Redner/-innen, die Themen waren spannend. Der VfB-Vortrag wirkte angeflanscht, Herr Dietrich hatte keine ausgearbeitet Präsentation im Gepäck, gab aber ein paar Einblicke in das Innenleben des Vereins und ging auf mediale Herausforderungen ein, plauderte über diesen oder jenen Transfer, ohne allzu viel Verve oder Esprit. Dem Publikum, das einem ganz anderen Lebensbereich zuzuordnen ist, war es egal. Es hing an seinen Lippen, applaudierte laut und lange, und die Selfiequote – der Präsident und ich! – beim anschließenden gemeinsamen Imbiss war bemerkenswert hoch. Der Mann ist wichtig. Dass ihn das nicht stört, mag ich ihm per se nicht verübeln. Da gibt es anderes.

Dennis Aogo

Instagram! Spielerfrauen-TV! Was weiß ich was alles! Außerdem Reschkerampe, Alibi-Fußball, you name it. Ok, sein Alibi-Fußball, der stört mich wirklich. Die Auswahl an Gelegenheiten, in denen der gemeine Zuschauer (hier: ich) die Chance wittert, den Raum sieht, in den er, Aogo, hineinsprinten könnte, um Gefahr über die linke Bahn zu erzeugen, oder wenigstens die gegnerische Defensive zu irgendeiner Art von Bewegung zu zwingen, die anderswo Möglichkeiten eröffnen könnte, und in denen er dann doch lieber stehen bleibt und absichert, oder, so er selbst den Ball am Fuß hat, ihn elegant mit der Sohle zurückzieht und nach hinten abdreht, das aber in einer lässigen Art und Weise, die früher auf dem Schulhof oder im Freibad bewundernde Blicke mit sich gebracht hätte, ist reichhaltig. Man könnte ein hübsches Youtube-Video damit füllen.

Er geht nicht ins Risiko. Vielleicht weiß er, dass er nicht schnell genug zurückliefe. Oder zumindest nicht oft. Und vielleicht ist das besser als ein Linksverteidiger, der zu oft ins Risiko geht. Vielleicht hat Hannes Wolf deshalb häufig – zu meinem Missfallen – auf Aogo statt Insua gesetzt, oder Aogo und Insua: Eben weil Aogo solide spielt, in der Regel verlässlich. Und auch, wenn er nicht gerade Elfmeter verursacht, immer wieder mal in brenzligen Situationen zur Stelle ist.

Eventuell teile ich diese Meinung nicht mit allzu vielen Menschen. Zumindest nicht mit VfB-Fans, scheint mir. Oder auch den Eindruck, dass seine Partie in Wolfsburg so schlecht nicht war. Er ist insgesamt nicht sonderlich beliebt, was an ihm ebenso liegen mag wie daran, dass er als Paradebeispiel eines Reschke-Transfers gilt, neben Andreas Beck, der aber eben nicht so auftritt wie Aogo und keine unverschämten Interviews gibt. Wie gestern, als er folgendermaßen zitiert wurde:

“Der Trainer hat nicht versucht, uns mit Informationen zu überfrachten. Das war der richtige Weg. Man merkt, dass er erfahren ist.“

Der Aufruhr war groß, was für eine Frechheit! Übles Nachtreten! Und natürlich lassen die Witze über seine geistigen Möglichkeiten nicht auf sich warten. Kann man natürlich mal machen. Oder man fragt sich, woher so eine Aussage kommen mag. Wie sollte er überhaupt auf so etwas kommen, mit seinen eingeschränkten geistigen Möglichkeiten? Vielleicht hat er es ja einfach nur jemandem nachgeplappert?

Am Ende gar dem Trainer? Wollte er sich bei ihm lieb Kind machen? Oder ihm einfach nur recht geben? Fand er vielleicht, dass die Strategie aufgegangen sei? Ich weiß es nicht. Ja, ich habe gezuckt ob des zweiten Satzes, dieses “Man merkt, dass er erfahren ist.” Fand ich nicht nett Hannes Wolf gegenüber. Mittlerweile glaube ich nicht mal mehr, dass dieser Satz ein Seitenhieb gegen Wolf sein sollte. Der erste sowieso nicht.
Aber ich bin halt auch eher so der leichtgläubige Typ.

Benjamin Pavard

Träumchen. Großartige Entwicklung. Aber wem sage ich das? Wäre schon schön, ihn noch ein Weilchen hier zu sehen. Auch nach Holger Badstubers abzusehendem Abgang. Der, also Badstuber, aufpassen muss, dass sein zur Schau getragenes Selbstbild ihm nicht irgendwann auf die Füße fällt.

„Videobeweis, Videobeweis!“

Den Zusammenprall zwischen Koen Casteels und Christian Gentner konnte ich aus meinem Blickwinkel nur schlecht erkennen, die Heftigkeit und den Ort des Kontakts lediglich erahnen. Was ich sehen konnte, war eine sehr rasche und dringliche Reaktion von Casteels, als er einen ersten Eindruck von der Schwere der Verletzung gewonnen hatte, seinen Schrecken, sein Bemühen um eine rasche Unterbrechung und Behandlung. Ich sah Spieler beider Farben, die ihn, von seinen Aktivitäten aufgeschreckt, darin unterstützten und sah letztlich zwei Mitglieder des medizinischen Teams des VfB, die die Erlaubnis, den Platz zu betreten, nicht abzuwarten schienen, sondern eigenmächtig zu Gentner eilten, und ein bisschen dachte ich dabei an Rugby, der Behandlung während des Spiels wegen, und was das doch in mancherlei Hinsicht für ein kluger Sport sei.

Was ich nicht sah: einen Schiedsrichter, hier Guido Winkmann, der auf die Situation reagierte. Oder einen Assistenten. Einen vierten Offiziellen. Oder irgendeinen Hinweis darauf, dass der Videoassistent schnellen Handlungsbedarf signalisiert haben könnte, worauf der Schiedsrichter dann reagiert hätte. Natürlich lässt sich das im Nachhinein leicht sagen. Es war nicht auszuschließen, dass Gentner nur simulierte, man führte ja, und dass Casteels aus irgendeinem Grund darauf hereingefallen sei, und hätte der Schiedsrichter dann den Konter unterbrochen, wäre er in Erklärungsnot geraten. Mag sein. Ändert in meinen Augen nichts daran, dass das Schiedsrichterteam, und ich glaube sagen zu können, dass ich derlei selten leichtfertig behaupte, dass also Herr Winkmann und seine Gehilfen in dieser Situation schlichtweg versagt haben und ihrer Verantwortung für die Gesundheit der Spieler nicht gerecht geworden sind.

Was ich auch nicht gesehen habe: Die große Wolfsburger Ausgleichschance kurz vor Schluss. Meine Augen waren bei Dr. Raymond Best (der bei Sport im Dritten zum Entsetzen meiner Frau wie Chandler ausgesprochen wurde, nicht wie Steylaerts oder Ceulemans), der noch einmal zurück zur Bank spurtete, nachdem Christian Gentner bereits auf der Trage das Stadion verlassen hatte. Kaum einen Blick hatte ich mehr für das Spiel, zu bedrohlich erschien mir das Ganze, zu geschäftig die Sanitäter, zu ernst wirkten einzelne Akteure, zu lebhaft waren die Bilder in meinem Kopf, davon ausgehend, dass es ja nur um Gentners Kopf oder die (Hals-)Wirbelsäule gehen konnte.

Offensichtlich war ich damit nicht ganz allein. Ein Herr im Nachbarblock, den ich seit längerem im Verdacht habe, der klügste Mann der Kurve zu sein, hing ebenfalls noch länger bei der Gentner-Szene fest. Wenn auch aus anderem Grund. „Videobeweis! Videobeweis!“ krakeelte er, garniert mit einigen Beleidigungen für Schiedsrichter und Verband, sowohl während der Behandlungspause als auch nach der Spielfortsetzung, und speziell in der ersten Phase, als im Grunde alles die Luft anhielt, dachte ich ganz kurz, dass ich mich gerne einmal mit ihm über seine Prioritäten unterhalten würde, über Elfmeter, gelbe und rote Karten und möglicherweise lebensbedrohliche Verletzungen, was sie dann offenbar und glücklicherweise nicht waren, und ziemlich rasch wähnte ich mich wieder im Neckarstadion des Jahres 2006, als dem augenscheinlich schwer verletzten Bremer Torhüter Andreas Reinke nach einem unglücklichen Zusammenprall mit Martin Stranzl ein choreografiertes „Steh auf, Du Sau!“ zugerufen wurde, für das ich mich, wiewohl nicht beteiligt, so geschämt habe wie niemals sonst in einem Fußballstadion.

Ich kam dann übrigens rasch wieder ab von dem Gedanken, mich mit ihm unterhalten zu wollen. Aber ja, so’n bisschen Empathie, das wär was. Völlig unabhängig von Schiedsrichterentscheidungen, von Vereinszugehörigkeiten und Animositäten. Aber ich schweife ab.

Das Spiel hatte übrigens Spaß gemacht. Santiago Ascacíbar spielte sich nicht ganz unerwartet in die Herzen der Stuttgarter Fans, Anastasios Donis begann wie einst Julian Green mit viel Zug nach innen, beweis dann aber, dass er im Gegensatz zu Green auch willens und in der Lage ist, außen vorbei zu gehen, Chadrac Akolo machte mit einer großartigen Aktion die ungelenken Vorläufer der ersten halben Stunde vergessen, und hinten hielt Benjamin Pavard den Laden zusammen. Ein andermal mehr.

Träumerei

Samstag, 13 Uhr. In zweieinhalb Stunden beginnt das erste Erstligaheimspiel des VfB Stuttgart seit etwa 15 Monaten. 476 Tage. Der Gegner trägt denselben Namen wie damals, als die Trainer Schmidt und Kramny, die Sportvorstände Heidel und Dutt, die Präsidenten Strutz und Wahler hießen. Der FSV Mainz 05 besiegelte quasi den Abstieg jenes Vereins, gegen den er selbst knapp 12 Jahre zuvor sein allererstes Bundesligaspiel bestritten und standesgemäß verloren hatte. Heute tritt der VfB als Aufsteiger gegen einen etablierten Bundesligisten an, der seit 2013 stets vor dem VfB stand und zum Transferziel für ambitionierte Stuttgarter Leistungsträger avanciert ist.

Aber ich will nicht auf den Gegner schauen – der VfB bietet ganz allein hinreichend Stoff zum Nachdenken. Es ist ein anderer VfB als vor 15 Monaten, einer, der nicht gerade durch die zweite Liga cecruist ist, aber doch seiner Favoritenrolle, den Ansprüchen der Fans und der Einschätzung Fußballdeutschlands gerecht wurde. Trotz keineswegs überragender Leistungen war die Euphorie zum Zeitpunkt des Aufstiegs groß, die Aufbruchstimmung mit Händen zu greifen, die Erwartungshaltung selbstbewusst.

Mit der Zweitligasaison war, wie oben angedeutet, der Wechsel wichtiger Akteure einhergegangen, zum Teil mehr als einmal. Welchen Anteil diese Veränderungen bzw. die neuen handelnden Personen am Erfolg des letzten Jahres, den als bloßes Ausbügeln eines Betriebsunfalls zu betrachten en vogue und nicht gänzlich von der Hand zu weisen, vielleicht aber auch ein bisschen zu selbstverliebt und überheblich ist, lässt sich schwer sagen.

Über den Präsidenten will ich in diesem Kontext kein Wort verlieren, über die damalige Trennung von Robin Dutt und Jürgen Kramny zu reden ist müßig, und ob Jos Luhukay die Kurve noch bekommen hätte, nun, ich kann es nicht ausschließen. Aber wenn, und da bin ich mir relativ sicher, dann wäre es auf andere Art und Weise geschehen, mit anderen Protagonisten, und vermutlich auch, aber hier wird es in inakzeptablem Maße spekulativ, mit weniger Aufbruchstimmung.

Und nein, Hannes Wolfs Team hat kein Feuerwerk abgebrannt. Wir haben keine fußballtaktische Revolution erlebt, keinen überwältigenden Hochgeschwindigkeitsfußball, auch nicht die Geburt neuer Traumkonstellationen auf dem Feld. Nach heutigem Stand. Wir haben häufig solide, in Einzelfällen verheerende Spiele gesehen, kein faszinierendes Spielsystem, das die Taktikportale zu seitenlangen Artikeln und uns zu Lobpreisungen der neuen Stuttgarter Schule veranlasst hätte.

Wir konnten auf Simon Terodde und einige andere bauen, auf Pragmatismus, Leistungsbereitschaft und individuelle Klasse, mitunter auf klug geführte Spiele und passgenaue Vorgaben für einzelne Partien. Und auf einen Trainer, der in hohem Maße teamorientiert, entwaffnend ehrlich, erfreulich humorvoll und in der Sache kompetent ankommt, der aber das eine oder andere Mal auch deutlich danebenlag. Privileg der Jugend? Meines Erachtens: ja.

Auch wenn nicht alles danach klingt: Es war ein großartiges Jahr. Ein Jahr, in dem uns Carlos Mané verzückt hat, in dem Ebenezer Ofori andeutete, wie elegant ein moderner Sechser auf dem Platz agieren kann, in dem Josip Brekalo noch zu viele falsche Entscheidungen traf, wir aber eine Ahnung davon erhaschten, was da kommen könnte, wenn er noch öfter richtig entscheidet, ein Jahr auch, in dem Neuzugänge Burnic, Akolo, Pavard oder Grgic hießen statt Werner, Hosogaj oder Aogo, und in dem diese Neuzugänge vom Verein verkündet wurden, ohne tage- oder wochenlang durch die Presse getrieben worden zu sein.

Ich weiß nicht, ob die Herren Burnic, Akolo, Pavard und Grgic, auch Brekalo, Mané und andere dem VfB auf Sicht mehr helfen werden als Werner, Hosogaj, Aogo oder Badstuber, aber ich sage es gern: Es war eine schöne Reise, eine wunderbare Illusion. Die Vorstellung, mit einem jungen Trainer, einem unprätentiösen Sportvorstand, den ich bisher gar nicht nannte und der doch durch all die zitierten Namen mehr als nur durchschimmerte, und eben diesen jungen Spielern, deren Zukunft wir alle nicht so genau absehen können, in der Bundesliga zu bestehen, sie vielleicht über kurz oder lang auch ein bisschen aufzumischen, war fantastisch. Im Wortsinne.

Sie ist geplatzt, einer der Protagonisten ist nicht mehr hier, über die Gründe haben wir alle mehr als genug gelesen, oder eben gerade nicht, und nun hat also der nicht so unprätentiöse Präsident einen großen Namen präsentiert, von dem ich durchaus eine Menge erwarte, und mit ihm dann auch gleich die Badstubers und Aogos dieser Welt, von denen ich zum Teil einiges erwarte, zudem den jungen Mann aus Argentinien, von dem die Welt einiges zu erwarten scheint, und im Grunde mögen das alles Schritte in eine gute Richtung sein.

Und wenn der VfB dann am Ende der Saison sein Soll übererfüllt hat, dank Herrn Reschke, dank der genannten Spieler, dank eines Trainers, der vielleicht noch Hannes Wolf, vielleicht auch ganz anders heißt, größer, etablierter, dann werde ich nicht nur anerkennend den Hut ziehen, sondern auch jubeln, vielleicht begeistert sein, vermutlich Abbitte leisten. Und dabei denken, dass die andere Geschichte, die Träumerei, trotzdem die schönere gewesen wäre.

 

 

Systemtreu

Der Urlaub ist vorbei, der Sommer auch bald, die Bundesligasaison hat begonnen. In der zweiten Liga wurden bereits mehrere Trainer entlassen, Barcelona fahndet europaweit nach Spielern, die den Verein dazu animieren könnten, sich nicht nur einen Weg aus dem Geld heraus freizuschaufeln, mit dem man zugeschissen wurde, sondern dann auch selbst einen Teil dieses Geldes dafür zu verwenden, besagte andere Spieler bzw. insbesondere deren bisherige Vereine zuzuscheißen. Was, etwas überraschend, nicht alle mit sich machen lassen wollen.

Ich weiß nicht, ob alles noch viel schlimmer ist als früher, viel aufgeregter, hektischer, unstrukturierter, irgendwas muss man doch mit dem vielen Geld anstellen, das in den Markt gespült wurde und allein zwischen Neymars Transfer und dem Ende der Transferperiode drei, fünf oder auch zehn Mal den Besitzer wechseln mag. Die Begehrlichkeiten sind enorm, der Leidensdruck mitunter auch, wenn auch nicht so groß, dass zum Beispiel Hannover 96 auf die „maßlosen Forderungen“ eines seitens des Vereins namentlich genannten Spielerberaters eingehen würde.

In Köln bekommen sich derweil Fans in die Haare, weil sie sich nicht einig sind, ob es von Seiten ihres Vereins in Ordnung sei, demnächst für die noch nicht näher definierten Europapokal-Auswärtsfahrten konfektionierte Reisen anzubieten, die dem Vernehmen nach eine Ticketgarantie beinhalten sollen. Eine Diskussion, die wir so oder ähnlich auch schon andernorts erlebt haben und die mich ermüdet. Vermutlich bin ich nur neidisch.

Natürlich ist Ermüdung ein gutes Stichwort, eines, das wir immer wieder hören in diesen Zeiten, weil das Rad überdreht werde, zu viel Geld im Spiel sei, die Clubs sich zu sehr von den Fans entfernten. Die Blase werde platzen, Anzeichen seien ja schon zu erkennen, wie die einen behaupten und die anderen widerlegen zu können glauben, und bei genauer Betrachtung entfalten just diese Diskussionen ihrerseits eine ermüdende Wirkung, von der ich nicht weiß, wie sie sich zur zuvor genannten Ermüdung verhält, kumulierend womöglich.

Also halte ich mich raus, weitgehend. Die Gerüchteküche habe ich bereits früher weitestgehend zu ignorieren versucht; nunmehr gehen auch zahlreiche bereits abgewickelte Transfers mindestens bis zum Saisonstart an mir vorüber. Bundesliga-Sonderhefte kaufe ich für meinen Sohn, ohne selbst einen Blick hineinzuwerfen. Die 11 Freunde, die ich jahrelang abonniert hatte, habe ich im Frühjahr gekündigt. Auf sanften Druck meiner Frau, würde ich gerne sagen, doch so ist es nicht. Ich hatte selbst eingesehen, dass acht bis zehn noch in Folie verpackt herumliegende Hefte eine recht unmissverständliche Aussage über mein Interesse treffen.

Die Frage ist: woran? Der Umstand, dass ich die Freude an der Lektüre einer Zeitschrift verloren habe, die sich mit Fußball befasst, bedeutet nicht zwingend, dass mein Interesse am Fußball verloren gegangen ist. Was mich ganz offensichtlich nicht mehr packt, ist die Art und Weise, wie der Fußball dort erzählt wird, ist vielleicht der Humor, der sich anders entwickelt hat als meiner, ist womöglich die Absolutheit, mit der ich die Positionen zu Themen wie dem Videobeweis oder RB Leipzig wahrnehme – ohne dass ich zwingend konträre Meinungen vertreten würde. Wir haben uns wohl auseinandergelebt.

Vor ein paar Wochen mailte mich jemand von den 11 Freunden an, ich möge doch bitte wie in den vergangenen Jahren den vereinsbezogenen Fragebogen zur bevorstehenden Bundesligasaison ausfüllen und zurücksenden. Ich hatte das in den letzten Jahren gern gemacht und auch stets über Twitterkommentare hinweggelächelt, wonach Blogger ausgenutzt würden und für ein bisschen – kaum messbare – Publizität wertvolle Inhalte lieferten. Gleichzeitig hatte ich die Redaktion häufig darauf hingewiesen, dass es hinreichend andere geeignete, vermutlich geeignetere Kandidatinnen und Kandidaten gebe, ohne dass der jeweilige Redakteur darauf eingegangen wäre.

Hätte ich an seiner Stelle vielleicht auch so gehandhabt. Er wusste, was er von mir zu erwarten hatte: solide Antworten, mit einzelnen Ausreißern nach oben oder unten, das Ganze tendenziell zielgruppenkompatibel sowie nahezu innerhalb der vorgegebenen und in der Regel nicht allzu üppigen Frist – die Bloggerbeilage dürfte im Entstehungsprozess des Heftes nicht an der Spitze derjenigen Aufgaben stehen, die aufgrund ihrer Komplexität besonders viel Vorlauf benötigen.

Genau das habe ich auch dieses Jahr wieder abgeliefert. Glaube ich. Solide Antworten in überschaubarer Frist, und einige der solidesten wurden letztlich abgedruckt. Ich persönlich hätte anders ausgewählt, aber sei’s drum. Natürlich hätte ich auch absagen können. Wäre bestimmt konsequenter gewesen. Hätte den Aufwand des Redakteurs erhöht, aber das wäre a) überschaubar und b) nicht mein Problem gewesen. Hab ich aber nicht getan.

Hernach bat ich meinen Ansprechpartner allerdings explizit, im nächsten Jahr, so es diese Art der Beilage weiterhin gibt, jemand anderes anzusprechen. Weil mir die Originalität zunehmend abgehe. Schließlich, das schrieb ich so nicht, kann man, kann zumindest ich, ein und dieselbe Frage nur so und so oft annähernd kreativ und originell beantworten, und dieser Punkt ist, über den gesamten Fragebogen betrachtet, offenkundig überschritten. Die geneigte Leserin möge sich weiter unten gern davon überzeugen.

Zurück zum Fußball. Oder eben nicht zurück. Bisher schrieb ich ja vor allem von den ganzen anderen Dingen. Jenen, die mich ermüden. Erwähnte Transfergerüchte. Geld. Spielerberater und sonstige Gewinnler. Kommunikationsverhalten von Vereinen. Blase. Diskussionen über die Blase. Wahre und nicht so wahre Fans. Kommunikationsverhalten von Fans. Lauter Themen, über die man eine Menge sagen und intensiv diskutieren könnte. Wenn man denn Lust hätte. Vielleicht auch Zeit.

Ich hab keine. Zeit. Lust, vor allem. Aber ich freue mich auf und über Fußball. Habe auf den ersten Spieltag hingefiebert. Verfolgte im Sommer die U21-EM, die Frauen-EM, schreckte auch vor dem bösen Confed Cup nicht zurück. Nicht die Kirmesspiele, klar, nicht die hochdotierten Vorbereitungsturniere, aber wenn es um Punkte geht, bin ich dabei.

Zweifellos kann man mir vorwerfen, dem System zu dienen, wenn ich den Confed Cup anschaue, im nächsten Jahr auch die WM, obwohl sie in Russland stattfindet, wenn ich ganz selbstverständlich weiterhin ins Stadion gehe und kein Zeichen gegen so viele Dinge setze, die falsch laufen, wenn ich zuletzt, ganz entgegen meiner Gepflogenheit, mehrfach dafür bezahlt habe, Fußballspiele im Fernsehen anzuschauen, und dies künftig möglicherweise häufiger tun werde.

Es lässt sich wohl nicht anders sagen: Meine Lust auf Fußball, auf die 90 Minuten, ist ungebrochen. Bundesliga, Europapokal, Kreisliga, Länderspiele, suchen Sie es sich aus. Ermüdung hin, Begleiterscheinungen her. Steht übrigens auch in meinen Antworten für 11 Freunde, fällt mir grade auf:

Jetzt reicht’s: Das müsste passieren, damit ich nicht mehr ins Stadion gehe …

Solange dort Fußball gespielt wird, stellt sich die Frage auch weiterhin nicht.

Wie gesagt: systemtreu.

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Die nächste Saison wird eventuell legendär, weil…

… es klugen Fans an allen Bundesligastandorten gelingt, rassistische, homophobe und ähnlich idiotische Wortmeldungen komplett zurückzudrängen. Danach: Weltfrieden.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann …

… möchte ich sie zwar in absehbarer Zeit nicht mehr erleben müssen; die zweite Liga hatte aber für den VfB zweifellos ihre Momente. Und Punkte, vor allem.

Auf diesen Videobeweis-Fauxpas freue ich mich besonders …

Ich stelle es mir ganz hübsch vor, wenn der vermeintlich unbeobachtete VAR, vielleicht Wolfgang Stark, bei der Analyse einer kniffligen Szene live und hochkonzentriert in der Nase bohrt. Via Großleinwand. Technische Kinderkrankheiten halt.

Für 50 Millionen in Richtung China verlässt uns im Winter …

Keiner. Der VfB hat sich ausgegliedert und ist jetzt selbst total reich.

Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil …

… sich die Fans der jüngsten DFB-Anweisung (RESPECT!) verweigern, liebliche Lobgesänge auf Funktionäre und Sponsoren der jeweiligen Gastmannschaft anzustimmen. Im Übrigen hoffe ich doch sehr, dass die Strafen dann nicht der Verein bezahlt, sondern die AG.

Die neue Vereinshymne sollte komponiert werden von…

Wie heißen schon wieder die, die dieses Troy singen? Das wär doch mal was!

Aus unserem Team unverzichtbar für Jogi Löw ist in Russland …

Der Doppelochsensturm. Echte Neuner sind bei der WM das taktische Element schlechthin.

Fußball schön und gut, aber Weltmeister würde unsere Truppe in …

#SpielerfrauenTV

Auswärts schmeckt gut: Die beste Bratwurst gibt es in …

München im Mai 2018. So ein entspanntes Saisonfinale hatten wir lange nicht.

Dieser Filmtitel beschreibt meinen Klub perfekt …

Die Antwort liegt irgendwo zwischen Zurück in die Zukunft und Stirb langsam.

Dieser Twitter-Account ist für Fußballfans unverzichtbar …

Der, der gerade anderer Meinung ist und an dem man sich ein bisschen abreagieren kann.

Deutscher Meister vor dem FC Bayern wird …

Angesichts der Vorjahresplatzierung und der Rahmenbedingungen vielleicht eine etwas mutige Prognose, aber ich bringe mal den SC Sand ins Spiel.

Noch eher als Schalke entlässt seinen Trainer …

Oh, da dürfte es einige geben. Sagen wir Eintracht Frankfurt.

Wenn der HSV nicht absteigt, dann eben …

… zwei oder drei andere. Solange der VfB nicht dabei ist, ist mir alles recht.

Fantasie

Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollte es wieder einmal gelingen, dem FC Bayern die Deutsche Meisterschaft streitig zu machen? So oder ähnlich lautet der Tenor in Teilen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung, dem ich mich in den nächsten Minuten für ein kurzes Gedankenspiel anschließen werde. Vielleicht möchte mich ja jemand durch meine Überlegung begleiten.

Gehen wir also davon aus, dass der FC Bayern München nach dem 33. Spieltag auf Rang fünf liegt, mit einem Punkt Rückstand auf den FC Schalke 04 und die TSG Hoffenheim, gar deren vier auf Borussia Dortmund und noch einem mehr auf RB Leipzig. Dortmund tritt am letzten Spieltag in Hoffenheim an, keine ganz unbekannte Konstellation, und muss dort mehr Punkte erzielen als Leipzig in Berlin, um den Titel zu erringen. Die Hertha spielte ihrerseits keine herausragende Saison, doch auf Davie Selke war das ganze Jahr über Verlass. Nach seiner Verletzung zu Saisonbeginn zeigte er endlich einmal über einen längeren Zeitraum hinweg, wieso er als eines der größeren Versprechen des deutschen Fußballs gilt, sicherte seinem Verein die Qualifikation für das europäische Geschäft, und wenn es der Mannschaft des FC Bayern nicht gelingen sollte, ihrem Mittelstürmer am letzten Spieltag vier Tore mehr aufzulegen, als der junge Berliner erzielt, sichert sich Letzterer mit über 30 Treffern die Torjägerkanone.

Am Donnerstag vor dem letzten Spiel ist es ein Berliner Boulevardblatt, das als erstes über einen angeblichen Ausfall Selkes für das Spiel gegen Leipzig berichtet, und sehr rasch springen Medien und Fußballinteressierte aus der ganzen Republik darauf an. Zunächst ist von einer Muskelverletzung die Rede, die möglicherweise gar seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft gefährden könne, doch sowohl Michael Preetz als auch Joachim Löw widersprechen so rasch wie glaubhaft, und auch kurzzeitige Gerüchte über eine allgemeine körperliche Erschöpfung werden zunächst dementiert.

Tags darauf äußert sich Peter Bosz zuversichtlich, für das Spiel in Hoffenheim gut gerüstet zu sein. Der BVB müsse das tun, was in seiner Hand liege, nämlich zunächst durch einen Punktgewinn Platz zwei zu sichern, tatsächlich aber – seine Mannschaft könne gar nicht anders – voll auf Sieg spielen und gleichzeitig hoffen, dass Leipzig in Berlin nicht gewinne. Die Frage, ob es ihm Sorgen bereite, dass die Hertha womöglich ohne ihren Torjäger antrete, der de facto die Hälfte aller Berliner Treffer erzielt habe, beantwortet er mit einem gequälten Lächeln und dem Hinweis, dass er die medizinische Abteilung der Hertha für exceptionnel halte und deshalb fest von Selkes Einsatz ausgehe, der doch sicherlich seinen Torrekord noch ausbauen wolle. Aber auch andernfalls verfüge Berlin über hinreichend Offensivkraft, um den Leipzigern das Leben schwer zu machen, fügt er hinzu, um schließlich die Medienvertreter zu bitten, sich doch wieder auf das Dortmunder Gastspiel in Hoffenheim zu konzentrieren, das eine immense Aufgabe darstelle.

Am Nachmittag wird Hans-Joachim Watzke dahingehend zitiert, dass es ja wohl nicht angehen könne, dass ein junger Mann wie Selke möglicherweise wegen allgemeiner körperlicher Erschöpfung passe, um für die Weltmeisterschaft wieder fit zu werden oder aus welchem Grund auch immer, so habe man ja nicht gewettet. Immerhin ist Watzke klug genug, nicht auch noch eine parallele Traditionsdiskussion anzuzetteln, doch das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung macht die Runde und ist kaum mehr aus der Welt zu schaffen.

Hertha BSC möchte diese Unterstellung nicht auf sich sitzen lassen und informiert am Vormittag des Saisonfinales die Presse, dass Torschützenkönig Davie Selke keineswegs an allgemeiner Erschöpfung und auch an keinem anderen körperlichen Gebrechen leide. Vielmehr sei es schlichtweg so, und an dieser Stelle wird auf eine gemeinsame Erklärung mit RB Leipzig verwiesen, dass der Spieler aufgrund einer gängigen Vertragsklausel ein Jahr lang nicht gegen seinen ehemaligen Verein antreten dürfe und deshalb am Nachmittag nicht im Kader stehe.

„Ach sooo, das ist natürlich was anderes“, diktiert ein nun sichtlich beruhigter Aki Watzke den angesichts der eher langweiligen Auflösung zunehmend desinteressierten Medienvertretern in die Blöcke. Peter Bosz hebt noch einmal die Qualitäten von Vedad Ibišević hervor, und Fußballfans im ganzen Land – von Freiburg im Süden, wo man den FC Augsburg erwartet, bis nach Hamburg im Norden, wo Borussia Mönchengladbach mit Raúl Bobadilla zu Gast sein wird – zeigen sich erfreut, dass man sich nun endlich auf den sportlichen Wettstreit konzentrieren könne.

Vielen Dank, dass Sie mich auf diesem kleinen Exkurs begleitet haben. Gerne weise ich darauf hin, dass sowohl das Tabellenszenario als auch Davie Selkes Vertragsklausel lediglich Produkte meiner kranken Fantasie sind.

Kein Fantasieprodukt ist indes eine etwas ältere Veröffentlichung der Uefa, die zu der seltenen Situation führt, dass ich einem der großen internationalen Fußballverbände vorbehaltlos zustimme: UEFA statement on integrity of competitions.

dingens

“Wahnsinn, diese Harmonie!”, sagte entrückt der nonkonformistische Anwalt, neben dem Kamke irgendwann eher zufällig stand. “Die kennen sich doch alle gar nicht”, fuhr der Mann fort, während Kamke gleichzeitig die deutlich unterschiedliche fußballspezifische Herkunft und Sozialisation ansprach, die einer derart rührenden Verbrüderung doch eigentlich entgegenstehen sollte. Ungeachtet dieser offenkundig unterschiedlichen Schwerpunkte stimmten Kamke und der Anwalt einander kurz zu und gingen ihrer Wege, noch nicht ahnend, dass sie am Ende der beinahe zweieinhalb Tage feststellen und zumindest einseitig bedauern würden, sich wieder einmal kaum miteinander unterhalten zu haben.

Die Reue war indes von kurzer Dauer. Gewiss, schön wär’s gewesen, aber so sei es nun mal, wie Kamke auch mit jener Dame erörtert hatte, deren Axt ein Ruf wie Donnerhall vorauseilte und die doch nur das ganze Wochenende über entweder selig lächelnd oder in inniger Umarmung mit vermeintlich wildfremden Menschen, oder aber, dritte Möglichkeit, in der Schnittmenge anzutreffen war: “Es liegt halt in der Natur der Sache. Unvermittelt gerät man aus einem sehr aufschlussreichen Dialog in eine andere, überaus erquickliche Unterhaltung hinein, die man dann nur …” “ … wegen eines total interessanten dritten Gesprächs wieder verlässt”, wie eine weitere Dame ergänzte, die als “Frau des Schiedsrichters” zu bezeichnen Kamke sich wohlweislich verkniff, der eigenen Identität wegen, “aber ziemlich eindeutig in der Aussage wäre es schon”, dachte der Gemahl von Frau Kamke bei sich, ließ die Sache auf sich beruhen und wandte sich einem weiteren hinreißenden Gespräch zu.

Früher hatte Kamke ja geglaubt, er komme des Fußballs wegen. Oder es zumindest so dargestellt, wenn man ihn frug, was es denn mit diesem Wochenende auf sich habe, diesem #tkdingens, dessen offiziellen Namen er nach wie vor nur unter Protest und körperlichen Schmerzen auszusprechen bereit war. Was ja auch stimmte – natürlich kam er des Fußballs wegen. Des Fußballturniers, der #coupedamour, deren oder dessen offiziellen Namen er nach wie vor noch nicht einmal unter Protest und körperlichen Schmerzen auszusprechen bereit war.

Und doch war es noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Zum einen kam er in der Tat auch des anderen Fußballs wegen, jenes sogenannten großen Fußballs, der ihn überhaupt erst mit diesen ganzen Internetleuten zusammengeführt hatte. Die dann wiederum, seien wir ehrlich, den Hauptgrund darstellten. “Hand aufs Herz”, sagte Kamke zu sich selbst, “mit wem haste denn da wirklich über Fußball geredet, und wie lange?” Kamke fühlte sich ertappt. Beim Schiedsrichterquiz habe er sich ein paarmal gemeldet, brachte er vor, zudem irgendwann kurz über die Paranoia der HSV-Fans gelästert, aber das sei ja eher ein Hobby. Ach, und die Fachsimpelei über die Aufstellung an der Stadiondecke nicht zu vergessen!

Zum anderen, und nun hörte er sich selbst sehr deutlich “Jetzt mal Butter bei die Fische!” sagen, räumte er, leise und von sich selbst abgewandt nuschelnd, ein, dass es wohl doch “wgn dr Mnschn” sei. Doch so leicht ließ Kamke ihn nicht aus der Nummer heraus. Deutlicher solle er reden, lauter, verständlicher, ausführlicher sei auch nicht schlecht. “Na gut”, entgegnete er noch leicht zögernd, um sich dann doch auf den Tisch zu stellen und “Oh Captain, mein Captain!” zu rufen etwas deutlicher zu äußern:

“Es geht um die Leute, und nur um die Leute. Die fußballaffin sind, klar, und verrückt genug, wegen ein paar anderer fußballaffiner Leute durch die ganze Republik zu fahren, im Einzelfall sogar darüber hinaus bis zum #tkaustria. Vielleicht hilft die Gewissheit, in etwaigen unangenehmen Gesprächspausen jederzeit nahtlos zu Gijón, dem Meister der Herzen, Daniel Simmes’ Tor des Jahres oder Rivelinos Freistoß gegen die DDR übergehen zu können, allein: Es ist nicht nötig. Da trifft man Menschen, die man seit Jahren kennt, oder auch erst seit ein paar Wochen, und es tut nichts zur Sache, wie virtuell oder wie physisch dieses Kennen ist, und man redet über Gott (selten) und die Welt (schon eher), über sportliche Rivalitäten und Stalker, Tennis und Darts, Freude und Traurigkeit, über Jobs und [hier was mit hihi einsetzen] oder das Leben an sich. Das ist der #tkdingens, und ja, gekickt wird auch, und das ist ganz wunderbar, aber ein bisschen ist es auch egal, also zumindest das Ergebnis, und es ist erst recht egal, wo das Ganze stattfindet.”

Das gehe jetzt ein bisschen weit, sagte Kamke zu sich selbst, also erstens sein leicht schmieriger Tonfall, zweitens sein ach so hehrer olympischer Gedanke, und drittens und vor allem die Geringschätzung der Gastgeber. “Geringschätzung?!” entgegnete Kamke, “Welche Geringschätzung?” Au contraire!” (Seine Frankophilie trug er wie so oft auf der Zunge.) “Die Münchner haben das ganz wunderbar gemacht! Das Stadion war toll, bisschen später essen vielleicht, aber gut und egal, das Rahmenprogramm sei ebenfalls ganz wunderbar gewesen, hörte ich, und die #coupedamour war ja eh ein Träumchen. Guter Platz, das kann man ja ruhig mal zugeben, Duschen für sieben Spieler, und die Sache mit den gelosten Teams hat ja auch mehr als ordentlich funktioniert. Was ich nur sagen wollte und seit Monaten, ja Jahren, sage: Am Ende ist es völlig egal, wo das Ganze stattfindet. Der Ablauf ist dann vielleicht nicht immer und überall so perfekt wie in München oder Hamburg oder Köln, wobei ich das noch nicht einmal glaube, dieses Twitter kann verdammt viel und findet überall verdammt gute Leute. Ein Fußballplatz wird sich finden, ein Ort zum Feiern auch, Fernverkehrsanbindung wäre ganz hilfreich. Wäre schön, wenn der Ort für 2018 in diesem Geiste gefunden oder ausgewürfelt würde.”

Das habe er doch alles schon mal gesagt, also das mit der Ortsfindung, und es sei jetzt auch mal gut damit, hielt er sich selbst entgegen, und überhaupt solle er jetzt nicht länger um das verkackte Finale herumschleichen, das sei ja wohl ziemlich erbärmlich gewesen. Ob sie denn überhaupt einen Torschuss abgegeben hätten? “Nun”, relativierte Kamke, nicht ganz frei von einem gewissen Team- und Vaterstolz, “zunächst einmal haben wir das ja schon ganz ok gemacht bis dahin. Im Finale hat uns dann halt unser Gründungsmitglied, der Mars, an allen Ecken und Enden gefehlt, gerade mit seiner Schnelligkeit hätte er Löcher in die gegnerische Abwehr um den grätschenden Rebellen gerissen und …”

“Papperlapapp!”, gestand er sich selbst ein und bemühte noch nicht einmal mehr die vorab gestreute prophylaktische Verletzung als Ausrede: “Chapeau! MvJ ist MVP, wiewohl natürlich nur so gut wie die Mannschaft, die ihn dazu machte. Aber zwei Siege bei zwei Teilnahmen sind schon ein ziemliches Brett!” Er freue sich jedoch vor allem, so Kamke abschließend, dass auch in diesem Jahr wieder eine ganze Reihe erstmaliger Mitkicker am Start gewesen sei und setze darauf, dass diejenigen Debütanten, die nach dem ersten Spiel Forfait erklären mussten, ihre Vorbereitung für das kommende Jahr weiter optimierten.

Seine eigene Vorbereitung gelte indes primär dem #tkdingens: Es könne ja wohl nicht angehen, dass er am Ende der Tage feststellen müsse, mit viel zu vielen Leuten nur wenige Worte, wenn überhaupt, gewechselt zu haben. Nächstes Jahr werde das alles anders, versuchte er sich einzureden, und gluckste dabei hysterisch.

♫ Da geht er hin, Maxim

Gewiss, es werden andere kommen, die wir beim Kosenamen rufen.
Aber es dürfte ein Weilchen dauern, bis wir sehr intim sind.

Erstmals tauchte Alexandru Maxim im März 2013 hier auf, also hier im Blog, nach dem Spiel gegen Lazio, seinem Startelfdebüt, übrigens, Pflichtspielstartelfdebüt, um genau zu sein. Er wurde kurz vor der Pause ausgewechselt, wegen einer Gehirnerschütterung und eines Nasenbeinbruchs, was ich komplett verdrängt hatte. Zur groben Einordnung: Für ihn kam Tamas Hajnal.

Seither hat er in jeder (kompletten) Saison 25-30 Ligaspiele absolviert, davon stets weniger als zehn über die komplette Distanz. Reiner Zufall dürfte es nicht sein, dass keiner seiner zahlreichen Trainer hier beim VfB je konsequent und vorbehaltlos auf ihn gesetzt hat. Vielleicht hat der letzte in dieser Reihe, Hannes Wolf, den Grund dafür auf den Punkt gebracht, als er die Erwartung formulierte, Maxim müsse das ganze Spiel tragen können. Und in der körperlichen Verfassung dazu sein.

Zwei Wochen nach dem Nasenbeinbruch stand er wieder auf dem Platz, in Frankfurt, eingewechselt in der 69., zum Eckball geschritten in der 71., Siegtreffer Niedermeier. Was mich zum leichten Überschwang veranlasste:

… eine Verneigung vor dem möglicherweise besten Stuttgarter Eckballschützen seit dem frühen Krassimir Balakov, Alexandru Maxim, …

Drüben beim Vertikalpass las ich etwas von “Ecken auf Kniehöhe”, mit denen er “uns [ihnen!] mächtig auf den Sack gegangen” sei. Das kann ich so natürlich nicht auf ihm sitzen lassen, aber gut, ich will ja nicht verhehlen, dass er den Erwartungen aus dem März 2013 im Lauf der Jahre möglicherweise nicht ganz gerecht geworden ist, wobei dann wiederum, nun, der beste seit Balakov kann er trotzdem noch gewesen sein. Oder möchte jemand Heldt ins Spiel bringen? Hleb? Lisztes? Kuzmanović? Didavi? Vielleicht Farnerud? Carević? Élson? Ok, Élson, einverstanden.

Damals jedoch hielt mein Überschwang an, und auch die bald folgende Heimniederlage gegen Dortmund konnte ihm nichts anhaben:

… das Spiel des VfB, den ich spielerisch seit langem nicht so gut, nicht so vielseitig sah wie gegen Dortmund – woran Alexandru Maxim nicht ganz unschuldig war.

Man könnte fast meinen, ich mochte ihn. Selbst nach dem Sieg gegen Freiburg am 21. April, immer noch 2013, fand sich in einem Text, der eigentlich eine einzige Lobhudelei auf Martin Harnik war, die ich im Übrigen, wie regelmäßige Mitlesende erahnen dürften, jederzeit wieder so schreiben würde, also, wie gesagt, auch da fand sich noch ein Plätzchen für ihn:

… Jenen Alexandru Maxim, dem gemeinsam mit Raphael Holzhauser die Aufgabe zugefallen war, in den letzten Spielminuten den Ball in einer Telefonzelle an der Eckfahne zu halten, und der es sich dabei nicht nehmen ließ, zum Rainbow Flick […] anzusetzen. Gelang nicht, wie ihm auch zuvor der eine oder andere unnötige Fehler unterlaufen war. Wie er indes auf wirklich engstem Raum immer wieder den Ball behauptete, imponierte mir sehr, weshalb ich, obschon der Aussagekraft wie auch dem Zustandekommen von Benotungen gewahr, hiermit Beschwerde gegen die „3“ der Stuttgarter Nachrichten einlege.

Dass ich mich tatsächlich einmal nicht entblöden würde, Spielernoten in Zeitungen zu kritisieren, nun, es muss wohl Liebe gewesen sein.

Die angesprochenen Fehler, tja, sie lassen sich nicht wegdiskutieren. Er war und ist ein Zocker, ein Fopper, einer, der den Gegner mit einer gewissen Freude schlecht aussehen lässt, oder im Negativfall sich selbst, und einer, der die zur Verfügung stehende Zeit gerne mal etwas überschätzt, beziehungsweise schlichtweg zu wissen glaubt, dass Eile nur etwas für Leute ist, denen die nötige Brillanz abgeht. Was bei ihm nicht der Fall ist, wie diese anlässlich des Pokalfinals 2013 frei erfundene Statistik aus meinem Blog eindeutig belegt:

(Produktive) Kabinettstückchen mit Ball (Gefühlt.)
1. Thomas Müller 7
2. Alexandru Maxim 6
3. Andere 2

Müller? Kabinettstückchen? Wer schreibt denn sowas? Nun denn.

Was dem verhinderten Spiritus Rector des Stuttgarter Mittelfelds indes immer ein bisschen abging, war Geschwindigkeit. Im Laufen wie zu oft auch im Handeln. Dabei hätte gerade er die Mittel, den Ball, das Spiel schnell zu machen. Beim Laufen, ok, dieser Knick in der Hüfte, der zweite Knick im Nacken, da wird’s vermutlich nicht viel schneller.

Von Anfang wurde ihm zudem nachgesagt, er sei nicht gewillt, nach hinten zu arbeiten. Das habe ich stets für eine Mär gehalten. Allerdings befürchtete ich, vermute noch, dass er schlichtweg nicht bereit war, körperlich. Und wie wir Kreisligabaslers wissen, geht’s dann zwar noch nach vorne, da findet sich ja immer noch mal ein verstecktes Sauerstoffreservoir, aber nach hinten, ernsthaft, da ist halt so eine muskuläre Sperre drin.  (Ja, ja, ich weiß, also doch der Wille.) Und so ist sein Abschied gerade vor dem Hintergrund, dass Hannes Wolf aus meiner Außensicht auf dem besten Wege war, dieses Problem zu lösen, noch einmal einen Tick bedauerlicher.

Im August 2013 beklagte ich erstmals explizit sein den genannten Gründen geschuldetes Dasein als Zaungast – eine Situation, die sich dann zwar in unterschiedlichen Ausprägungen, aber ebenso verlässlich wie trainerunabhängig durch seine Stuttgarter Jahre zog:

Insgesamt hätte ich der Offensive ein paar mehr Traoré-Momente gewünscht, und mitunter etwas mehr (oder andere) Bewegung in der Sturmmitte, um dem Mittelfeld die Zuarbeit ein wenig zu erleichtern – zumal für überraschende Maxim-Momente leider kein Platz war.

Im September wurde dennoch kurzzeitig alles gut. Schneider kam, Hoffenheim war zu Gast, Maxim schoss zwei und legte zwei auf, das Leben war schön:

Seit Jahren wollten wir schon den Werner sehen. Den Maxim sowieso, von Kvist, diesem elendigen Rückpassspieler großartigen Stabilisator gar nicht zu reden. Und dass der Schneider es drauf hat, wussten ja eh alle.

Im nächsten Spiel wurde die Hertha geschlagen, 1:0, der Siegtreffer war von Maxim aufgelegt worden. Der VfB war auf dem Weg zu großen Taten.

Also, fast. Schneiders Glanz verflog, der des VfB auch, Timo Werner war noch kein Heilsbringer, irgendwann kam Stevens, und doch spielte Maxim seine individuell erfolgreichste Saison: 29 Spiele, 7 Tore, 9 Vorlagen, das konnte sich sehen lassen.

Bald darauf war der Meistertrainer da, zudem Didavi wieder auf der Höhe, aber so recht funktionierte das alles noch nicht. Weder mit Veh, Verklärung galore, noch mit Didavi und Maxim, also schrieb ich im September 2014 folgendes:

Kürzlich hatte ich […] vollmundig behauptet, der VfB verfüge in der Offensive „insbesondere mit Maxim und Didavi über ein in den letzten Jahren selten gekanntes Kreativpotenzial“ und zudem bedauert, „dass Veh nur schwerlich Platz für beide in seiner Mannschaft finden“ werde. […]

Weniger schön, dass ich […] etwas verwechselt habe: technische Begabung mit Kreativität, möglicherweise. Sowohl Maxim als auch Didavi verstehen es, mit dem Ball umzugehen. Sie behandeln ihn liebevoll, er gehorcht ihnen, und sie verstehen auch, ihn zu treten. Freistöße, Ecken, auch Flanken, Pässe: sie können all das. Es ist ihr Handwerkszeug, ein gutes Handwerkszeug, und sie wissen es zu verwenden.

Kreativ ist das allerdings noch nicht. Kreativität erfordert nach meinem Verständnis Überraschungsmomente, Unerwartetes, mit oder ohne Schnörkel, die Fähigkeit, neue Situationen zu schaffen, etwas, das die Abwehr im Idealfall unvorbereitet trifft und ihr deshalb Schwierigkeiten bereitet. Von den beiden Technikern habe ich derlei am Samstag nicht gesehen.

Möglicherweise mit das kritischste, was ich in viereinhalb Jahren über Alexandru Maxim zu Papier brachte. Und inhaltlich fragwürdig. Bei Maxim würde ich zögern, über Daniel Didavi würde ich es heute definitiv nicht mehr schreiben. Seinen Zug zum Tor, seine Fähigkeit, für seine Mannschaften den gern zitierten Unterschied auszumachen, hatte ich wahrlich unter-, sein Phlegma überschätzt.

Beinahe hätte ich jetzt eine auf dem Wörtchen “überschätzt” basierende Überleitung zu Huub Stevens gewählt, aber das geht natürlich nicht. So geht man mit einem Europacupsieger und Jahrhunderttrainer Klassenerhaltstrainer nicht um. Ok, er ging mit Herrn Maxim auch nicht in meinem Sinne um, aber das steht wieder auf einem anderen Blatt. Auf diesem Blatt hier stand dann allerdings im Rahmen eines eher ungewöhnlichen dichterischen Adventsausflugs zu den sogenannten Leber- bzw. Lederreimen unter anderem dies:

Das Leder stammt aus der Fabrik
und nicht von Herrn Maxim.
Der ist ein großer Lederfreund,
doch Stevens nicht von ihm.

Unnötig zu betonen, dass Leberreime ihrem Wesen nach nicht zwingend zur Hochkultur gezählt werden wollen. Ebenso wenig erklärungsbedürftig, dass sich Maxims Spiel- und Stevens‘ Herangehensweise dem Fußball aus unterschiedlichen Richtungen näherten, mit bekannten Folgen.

Und dann wurde es weniger. Im Blog im Allgemeinen und damit auch zu Maxim im Besonderen. Der VfB taumelte dem Abstieg entgegen, fast die komplette Rückrunde zierte man das Tabellenende, Maxim spielte keine wirklich große Rolle, wurde meist ein- oder ausgewechselt, wenn überhaupt. Um sich letztlich in Paderborn, gemeinsam mit Daniel Ginczek, so ein ganz kleines bisschen unsterblich zu machen:

… Herr Maxim, mit einer der effektivsten Stippvisiten, die wir in jüngerer Zeit von einem Ein- und Auswechselspieler gesehen haben: rein, Siegtor aufgelegt, raus. Bisschen abgekotzt, beim Abpfiff aber schon wieder vorne dabei. Guter Mann. Zu gut, vermutlich, um nur Didavis Backup bzw. de facto Ergänzungsspieler zu sein. Was für eine Offensivabteilung, in der Alexandru Maxim und Timo Werner pro Spiel in Summe auf zwanzig Minuten Spielzeit kommen, ohne dass das als Fehlleistung des Trainers anzusehen wäre!

2015/16 war er, seien wir ehrlich, kein Faktor. 25 Spiele, trotzdem und immerhin, davon 3 oder 4 über die komplette Distanz, im Schnitt dieser Spiele 41 Minuten auf dem Platz, 1 Tor, 4 Vorlagen. Ok.

Aber 16/17! Der beste Fußballspieler (Sie wissen schon, diese romantische Sicht des Spiels, im Gegensatz zur Arbeit) der zweiten Liga. Allen anderen weit überlegen! Sitzt im ersten Saisonspiel auf der Bank. Kommt rein und zeigt, dass er dieser beste Fußballspieler der zweiten Liga ist. Und taucht dann im Grunde ein gutes halbes Jahr lang ziemlich unter. Exemplarisch mein Kommentar zum dritten Spieltag:

(Ok, ich war auch im Urlaub.)

Aber am Ende ist er da. Als es drauf ankommt. Genau wie Ginczek, übrigens, dem ich zuvor schon das Allerbeste gewünscht hatte:

 

Und am Ende war er, Maxim, auf dem Feld, wie wir alle wissen. Einer, der dahin geht, wo es wehtut. Der für die Mannschaft alles gibt, spielt, kämpft, grätscht, Tore schießt und auflegt. Hier, ich, in meinem Blog, nach dem Union-Spiel, wortgewandt wie eh und je:

Der Maxim, meine Fresse!

Jetzt ist er weg. Es schmerzt.