Fantasie

Wann, wenn nicht in diesem Jahr, sollte es wieder einmal gelingen, dem FC Bayern die Deutsche Meisterschaft streitig zu machen? So oder ähnlich lautet der Tenor in Teilen der öffentlichen und veröffentlichten Meinung, dem ich mich in den nächsten Minuten für ein kurzes Gedankenspiel anschließen werde. Vielleicht möchte mich ja jemand durch meine Überlegung begleiten.

Gehen wir also davon aus, dass der FC Bayern München nach dem 33. Spieltag auf Rang fünf liegt, mit einem Punkt Rückstand auf den FC Schalke 04 und die TSG Hoffenheim, gar deren vier auf Borussia Dortmund und noch einem mehr auf RB Leipzig. Dortmund tritt am letzten Spieltag in Hoffenheim an, keine ganz unbekannte Konstellation, und muss dort mehr Punkte erzielen als Leipzig in Berlin, um den Titel zu erringen. Die Hertha spielte ihrerseits keine herausragende Saison, doch auf Davie Selke war das ganze Jahr über Verlass. Nach seiner Verletzung zu Saisonbeginn zeigte er endlich einmal über einen längeren Zeitraum hinweg, wieso er als eines der größeren Versprechen des deutschen Fußballs gilt, sicherte seinem Verein die Qualifikation für das europäische Geschäft, und wenn es der Mannschaft des FC Bayern nicht gelingen sollte, ihrem Mittelstürmer am letzten Spieltag vier Tore mehr aufzulegen, als der junge Berliner erzielt, sichert sich Letzterer mit über 30 Treffern die Torjägerkanone.

Am Donnerstag vor dem letzten Spiel ist es ein Berliner Boulevardblatt, das als erstes über einen angeblichen Ausfall Selkes für das Spiel gegen Leipzig berichtet, und sehr rasch springen Medien und Fußballinteressierte aus der ganzen Republik darauf an. Zunächst ist von einer Muskelverletzung die Rede, die möglicherweise gar seine Teilnahme an der Weltmeisterschaft gefährden könne, doch sowohl Michael Preetz als auch Joachim Löw widersprechen so rasch wie glaubhaft, und auch kurzzeitige Gerüchte über eine allgemeine körperliche Erschöpfung werden zunächst dementiert.

Tags darauf äußert sich Peter Bosz zuversichtlich, für das Spiel in Hoffenheim gut gerüstet zu sein. Der BVB müsse das tun, was in seiner Hand liege, nämlich zunächst durch einen Punktgewinn Platz zwei zu sichern, tatsächlich aber – seine Mannschaft könne gar nicht anders – voll auf Sieg spielen und gleichzeitig hoffen, dass Leipzig in Berlin nicht gewinne. Die Frage, ob es ihm Sorgen bereite, dass die Hertha womöglich ohne ihren Torjäger antrete, der de facto die Hälfte aller Berliner Treffer erzielt habe, beantwortet er mit einem gequälten Lächeln und dem Hinweis, dass er die medizinische Abteilung der Hertha für exceptionnel halte und deshalb fest von Selkes Einsatz ausgehe, der doch sicherlich seinen Torrekord noch ausbauen wolle. Aber auch andernfalls verfüge Berlin über hinreichend Offensivkraft, um den Leipzigern das Leben schwer zu machen, fügt er hinzu, um schließlich die Medienvertreter zu bitten, sich doch wieder auf das Dortmunder Gastspiel in Hoffenheim zu konzentrieren, das eine immense Aufgabe darstelle.

Am Nachmittag wird Hans-Joachim Watzke dahingehend zitiert, dass es ja wohl nicht angehen könne, dass ein junger Mann wie Selke möglicherweise wegen allgemeiner körperlicher Erschöpfung passe, um für die Weltmeisterschaft wieder fit zu werden oder aus welchem Grund auch immer, so habe man ja nicht gewettet. Immerhin ist Watzke klug genug, nicht auch noch eine parallele Traditionsdiskussion anzuzetteln, doch das böse Wort von der Wettbewerbsverzerrung macht die Runde und ist kaum mehr aus der Welt zu schaffen.

Hertha BSC möchte diese Unterstellung nicht auf sich sitzen lassen und informiert am Vormittag des Saisonfinales die Presse, dass Torschützenkönig Davie Selke keineswegs an allgemeiner Erschöpfung und auch an keinem anderen körperlichen Gebrechen leide. Vielmehr sei es schlichtweg so, und an dieser Stelle wird auf eine gemeinsame Erklärung mit RB Leipzig verwiesen, dass der Spieler aufgrund einer gängigen Vertragsklausel ein Jahr lang nicht gegen seinen ehemaligen Verein antreten dürfe und deshalb am Nachmittag nicht im Kader stehe.

„Ach sooo, das ist natürlich was anderes“, diktiert ein nun sichtlich beruhigter Aki Watzke den angesichts der eher langweiligen Auflösung zunehmend desinteressierten Medienvertretern in die Blöcke. Peter Bosz hebt noch einmal die Qualitäten von Vedad Ibišević hervor, und Fußballfans im ganzen Land – von Freiburg im Süden, wo man den FC Augsburg erwartet, bis nach Hamburg im Norden, wo Borussia Mönchengladbach mit Raúl Bobadilla zu Gast sein wird – zeigen sich erfreut, dass man sich nun endlich auf den sportlichen Wettstreit konzentrieren könne.

Vielen Dank, dass Sie mich auf diesem kleinen Exkurs begleitet haben. Gerne weise ich darauf hin, dass sowohl das Tabellenszenario als auch Davie Selkes Vertragsklausel lediglich Produkte meiner kranken Fantasie sind.

Kein Fantasieprodukt ist indes eine etwas ältere Veröffentlichung der Uefa, die zu der seltenen Situation führt, dass ich einem der großen internationalen Fußballverbände vorbehaltlos zustimme: UEFA statement on integrity of competitions.

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