Immer wieder gern gehört

Humor ist ja Geschmackssache, Häme sicherlich auch. Das Interview, das Roman Weidenfeller im Meistertaumel in englischer Sprache geben durfte oder musste, ließ mich einmal kurz schmunzeln. Bestenfalls. Manch anderem ging es etwas anders, das Video war ein Renner, Weidenfeller wurde in einem Atemzug mit Leuten wie Lothar Matthäus, Guido Westerwelle oder Günther H. Oettinger genannt. Ja, man hatte schon den einen oder anderen gesehen, der nicht jederzeit und in jeder Situation verhandlungssicher englisch spricht. Die jeweiligen Hintergründe sind aus vielerlei Gründen nicht unmittelbar zu vergleichen; die Situationen erfreuen sich aber stets großer Beliebtheit in den einschlägigen Videoportalen und darüber hinaus. Weidenfeller ging – so zumindest der Eindruck, den ich aus dem einen Interview gewann, das ich hernach von ihm las – recht entspannt mit dem Thema um, sodass ich guter Hoffnung war, dass das Zitat von der grandios Saison bald durch sei.

Nun denn, das war wohl ein Irrtum. Kaum läuft die Bundesliga wieder, taucht der Satz auf. We have a grandios Saisonstart gehabt, heißt es da und dort, bei Twitter lese ich von „a grandios Geburtstag“, den man Jubilar Weidenfeller wünscht, was ich nett finde, bei Spiegel Online sehen wir ein Video mit dem Titel „We have a grandios Stadion gebaut“, und schütteln den Kopf. Also, ich zumindest schüttle den Kopf. Will mich über Spiegel Online aufregen. Wieso man dort den Weidenfeller’schen Lapsus nicht nur ausgräbt, sondern auch noch nach Stuttgart trägt, frage ich mich. Denke an Stefan Raabs Stück vom Maschendrahtzaun, auch wenn ich weiß, dass Weidenfeller, anders als die Dame damals, mit hinreichend Geld über die Peinlichkeit hinweggetröstet wird. Und dann lese ich die Stadionzeitschrift des VfB oder sehe mich im Online-Shop um, und stelle fest, dass, wie bereits angedeutet, Humor Geschmackssache ist. Und dass der VfB sein neues Stadion mit dem Hinweis auf ein dünnes Video aus dem Dortmunder Meisterschaftstaumel, aufwerten versilbern verramschen in Verbindung bringen will:

Bin wohl einfach humorlos.

Ansonsten finde ich, dass der Verein gar nicht so viel falsch gemacht hat. Der Umbau ist hervorragend gelungen, mein Platz ein Träumchen, und Kvist und Maza hat man auch gekauft. Und rein betriebswirtschaftlich war der Träsch-Verkauf ja auch kein Fehler, man erinnere sich an Daniel Bierofka. Wenn man dann noch weiß – was bei meinem Nebenmann der Fall ist -, dass Träsch maximal noch vier Länderspiele bestreiten wird, hat der Verein also alles richtig gemacht. Aber wir waren ja eigentlich beim Stadion. Vom Einweihungsrahmenprogramm habe ich nicht allzu viel mitbekommen, war zu (?) sehr auf das Stadion selbst konzentriert, auf den Blickwinkel und die Entfernung, auf die Frage, ob die Distanz zu groß sei oder gerade richtig, um den Überblick zu behalten (es sollte sich bestätigen, dass letzteres der Fall war – unten möglicherweise folgende Fehleinschätzungen liegen nicht am Stadion), auf die Zusammensetzung des umittelbaren wie auch des etwas weiteren Umfelds, und ein wenig auch auf die Stadionzeitschrift mit der gelungenen Sonderausgabe zum Umbau. Inklusive Humor, der auch mir zusagte, übrigens.

Letztlich ging es dann aber doch um Fußball, und um drei Punkte. Die man offensichtlich am Platz behalten wollte, wie die Mannschaft gleich zu Beginn andeutete. Man spielte zuversichtlich nach vorne, erspielte sich – zum Teil mit System, zum Teil eher zufällig – früh einige klare Torchancen, die auf unterschiedlichste Art und Weise vergeben wurden: Harnik traf den Ball beim Abschluss nicht richtig, Cacau traf ihn so gut wie gar nicht, und Gentner, tja: in zentraler Position mit freier Bahn zum Tor den Ball erst einmal 20 Meter in Richtung Eckfahne prallen zu lassen, ist zumindest ein innovativer Ansatz, mit dem man bestimmt manchen Gegner derart verwirren kann, dass er die Notbremse zieht. Höwedes zählt nicht dazu.

Überhaupt, Gentner. Die letzte Saison liegt ja einige Wochen zurück, deshalb erlaube ich mir,vielleicht doch noch einmal ein Thema aus der vergangenen Spielzeit aufzugreifen: gerne sähe ich im von Bruno Labbadia derzeit präferierten 4-2-3-1-System schnelle, möglichst auch trickreiche Spieler auf den Außenpositionen. Christian Gentner schätze ich persönlich nicht so ein. Ich halte ihn für einen feinen Fußballer mit einem guten Auge und vielerlei Qualitäten, durchaus auch in der Defensive, für einen sehr professionellen Spieler, den man gerne im Mannschaftsrat hat, der Verantwortung übernimmt, nicht auf den Kopf gefallen scheint, und den man als Trainer vielleicht nur ungern auf die Bank setzt. Leider halte ich ihn auch für einen Spieler, der derzeit auf keiner Position im System des VfB die erste Wahl sein sollte. Auch wenn gestern noch nicht zwingend der Eindruck entstand, Ibrahima Traoré sei die bessere Alternative, trotz seines überraschenden langen Balles, den, da ist er wieder, Christian Gentner stark annahm und nicht ganz so stark verwertete. Ich hoffe auf Timo Gebhart.

Abbitte muss ich erneut Sven Ulreich leisten. Den ersten Ball ließ er nach vorne prallen, dann hatte er Probleme bei der Verarbeitung eines Rückpasses, und der Name Leno drängte gedanklich immer stärker in den Vordergrund; später war es Ulreich zu verdanken, dass es nicht noch einmal eng wurde. Starke Leistung. Etwas zu oft kam Schalke etwas zu leicht zum Abschluss, was nur sehr bedingt an den beiden Innenverteidigern lag. Tasci spielte souverän, seine eleganten Haken sind ein steter Hingucker (auch wenn sicher bald mal wieder einer misslingt und ich laut fluche), und Maza übernahm den kompromissloseren Part bravourös. Vielleicht hatte er auch nur genau hingesehen, als vor dem Spiel auf der Videoleinwand ausgewählte Szenen aus der großen Zeit von Karlheinz Förster gezeigt worden waren. Molinaro ließ anfänglich die Sorge aufkommen, dass der quirlige Baumjohann als Rechtsaußen der Schlüssel zum Schalker Erfolg sein könnte; nach und nach kam er dann doch in die Zweikämpfe, und dass er nach vorne den einen oder anderen Akzent setzen kann, ist hinlänglich bekannt. Boulahrouz kann das auch, bloß weniger behänd, doch wie schon im letzten Drittel der Vorsaison gelang ihm trotz einer hochkarätigen Chance kein Treffer. Letztlich egal, und ganz gewiss die bessere Wahl hinten rechts.

Mitte der zweiten Hälfte durfte Schalke in kurzer Zeit mehrfach aus zentraler Position schießen – ein Ansatz, den ich künftig gerne von den defensiven Mittelfeldspielern unterbunden sähe. Dessen ungeachtet: es macht Spaß, Kvist und Kuzmanovic zuzusehen. Der eine spielt fast immer den einfachen Ball, bringt manche notwendige Nickligkeit ein und leitet dann auch noch gute Chancen ein, und die paar Situationen, in denen er gedanklich noch der Spielgeschwindigkeit in Dänemark nachzuhängen scheint, wird er bestimmt noch in den Griff bekommen. Der andere spielt oft und gerne den mutigen Ball, auch wenn er bei ihm häufig einfach aussieht, sein Spiel ist ungleich spektakulärer und auch ein wenig fehleranfälliger. Die Kombination könnte passen. Wenn, ja wenn, und da habe ich so eine kleine Sorge, die jeweiligen Führungsansprüche nicht zu sehr konkurrieren. In der einen oder anderen Situation hatte ich -aus großer Distanz – den Eindruck, Kvists Korrekturhinweise seien Kuzmanovic nicht immer willkommen. Ich bin gespannt und hoffe, dass der Eindruck täuschte.

Zwei Tore aus Standardsituationen, zwei indirekte Assists für Hajnal. Passt. Harnik lange glücklos im Abschluss, letztlich aber mit seinem Treffer, und Cacau war eben Cacau. Mitunter übermotiviert wirkend, gelegentlich eigensinnig, manchmal auch überhaupt nicht, öfter den anderen Eigensinn vorwerfend (in Einzelfällen, um vom eigenen Fehlschuss abzulenken), aber eben auch erfolgreich, als Torschütze und Unruheherd. Und wenn er so weitermacht, lässt sich auch das durch die gescheiterte Verpflichtung von Dante entstandene Frisurdefizit auffangen.

Drei Punkte, großartiges Stadionerlebnis, so darf’s weitergehen. Wäre jetzt der Zeitpunkt, den Kreis zu schließen und etwas von einer bevorstehenden grandios Saison zu sagen? Ach, besser nicht. Aber wenn wir schon bei Dortmund sind, implizit irgendwie: Hut ab. (Nicht überraschend, oder, wenn das ein bekennender Kevinist sagt? Und ja, ich betone das zur Zeit öfters. Werde ich auch weiter so halten, so ein wenig aus Trotz ob all der unfreundlichen Kommentare, die man bei Twitter über ihn liest.) Schalke hat gestern gelegentlich versucht, ähnlich offensiv zu stören wie die Dortmunder, was in einigen Situationen gelang. Nach der Balleroberung traten die Unterschiede dann jedoch recht deutlich zutage. Aber das ist kein fairer Vergleich.

 

0 Gedanken zu „Immer wieder gern gehört

  1. Hatte das „Interview“ mit Weidenfeller gar nicht mitbekommen. Erstaunlich wie manchmal der Mainstream an einem vorbeirast, während man geduldig an der Bahnschranke steht.

  2. Schöner Artikel, schönes Stadion, schönes Spiel. Alles gut, nur bitte nicht weiter dem Leno Hype nachlaufen…

  3. @Sebastian:
    Hat ja gerne mal was für sich, so eine Bahnschranke, ne?

    @Horscht:
    In dem Fall bin ich unbescheiden genug, zu behaupten, lange vor dem, was aktuell wohl die Ausmaße eines kleinen Hypes annimmt, auf Leno als Ulreich-Nachfolger gehofft zu haben. Aber wie oben gesagt: Hut ab vor Ulreich!

  4. Glaub ich dir gerne, das mit Leno. Spätestens als man ihn als Europameister? auf der Hauptversammlung gesehen hat, musste man sich mit ihm beschäftigen. Trotzdem frage ich mich immer wieder, wie man so einfach davon ausgehen kann, dass er eine Verstärkung gegenüber Ulreich ist. In der 3. Liga spielt er immer top, aber selbst da hat er in meinen Augen arge Probleme beim rauskommen. Linie ist er top, unbestritten, aber das ist Ulle auch.
    Trotzdem bin ich auch sehr gespannt, was mit ihm passiert. Die Leihe an Leverkusen finde ich albern.

  5. Ich bin halt ein Ulreich-Skeptiker. Versuche, objektiv heranzugehen, tue mich aber nach wie vor schwer, in ihm das Potenzial für einen verlässlich überdurchschnittlichen Bundesligatorwart zu erkennen. Aber ich bin nur ein Laie ohne besonderes Torwartwissen (der dennoch meint, sich äußern zu müssen…).

    Und ganz klar: ob Leno in der Lage wäre, auf dem erhofften Niveau einzusteigen, auch von der Psyche her, ist offen. In Leverkusen scheint man das anders zu sehen.

  6. Ja, geht mir genauso 😉
    Ich gönne es keinem mehr als Ulreich, sagt halt genau die richtigen Sachen. Aber er muss auch noch ein paar große Schritte machen, das ist schon richtig.
    Mit albern meine ich eher den VfB, warum sollte man seinen (hoffentlich) Konkurrenten stärken und Leno für eine Halbserie ausleihen?! Danach ist Adler wieder da und ob Leno nicht gleich in dem Team verbrannt wird ist auch nicht sicher. Nach 2 Niederlagen zum Auftakt, einem neuen Trainer, der eine große Aufgabe übernommen hat und dem Pulverfass Ballack ist dort schon einges an Unruhepotenzial gegeben. Leno da unbedingt reinzuwerfen… hält er aber überragend und / oder Adler ist am Ende der Saison weg, dann wird es schwer ihn zu halten. Und das wäre mir zu früh, dann würde er gehen ohne die Chance gehabt zu haben für den VfB ein besserer Keeper als Ulreich gewesen zu sein…

  7. Zu Kuz´ anscheinendem Missfallen der Anweisungen des neuen Dänen: Ist mir schon in Wiesbaden aufgefallen, dass die beiden andauernd die Klappe offen haben und sich manchmal – gefühlt – auch anzecken.

    Allerdings habe ich nicht die Befürchtung, dass daraus ein Konflikt entstehen könnte. Kuz redet eh 90 Minuten, ist permanent am trashtalken, oft auch gegenüber den eigenen Leuten. In Wehen hat er Ulle durchgängig angemacht. Selbst im Training kann der nicht die Klappe halten.

    Ich habe jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass die [Kvist & Kuz] sich gut ergänzen, Kuz spielt eigentlich ne klare Acht. Kvist macht den „Vorstopper moderner Prägung“, räumt ab, auch mal nicklig (wie völlig korrekt angeführt) und ist – ähnlich wie Biermann einst über Khedira urteilte – ein „Gott der kleinen Dinge“. Keine Faxen, klare Bälle, kurze Passdistanzen, eindeutige Aktionen. Gefällt! Und keiner der beiden Jungs ist zartbesaitet, was das verbale Austeilen angeht.

    Insofern hoffe ich, dass das a) nur der Abstimmung dient und b) bei etwaigem „Vergreifen im Ton“ (was einfach auch zum Fußball gehört, sind wir doch mal ehrlich) die Nummer spätestens in der Kabine vergessen ist.

    Ansonsten: Klasse Text mal wieder – ich ziehe meinen imaginären Hut!

  8. So, Leno ist verliehen bis zum Winter. Weiss immer noch nicht, was ich davon halten soll. Denke man konnte ihm die Chance nich verbauen. Bin schon sehr gespannt, wie er bei Leverkusen halten wird.

  9. so, jetzt hab ich auch endlich mal das heftle gelesen, was im 11freunde beilag. das bisch ja du!!! sehr nett geschrieben, und ganz sympathisch sieht er ja auch noch aus, der herr. bezeichnend übrigens, dass von all den 36 befragten aus 1. und 2. liga nur der ksc-ler nicht anders kann, als den wenigen vorhandenen platz für affige rivalitätsfolklore und alberne stuttgart-gedisse zu nutzen. was für ein armseliges würschtle. aber so kennt man sie ja, die menschen dort…

  10. @Horscht:
    Mir geht’s genauso: ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Stelle mir die Situation vor, dass der VfB ab Januar die beiden herausragenden Torhüter der Hinrunde in seinen Reihen hat und nicht weiß, wie er damit umgehen soll. Glaube aber nicht daran.

    @elpibe:
    Ich schließe mich Deinen beiden Hoffnungen vollumfänglich an und bin ein bisschen froh, dass meine Beobachtung auch andernorts geteilt wurde. Hatte schon überlegt, ob ich es mir nur eingebildet hatte.
    Und danke.

    @1ng0:
    Danke schön, sehr sympathischer Kommentar. 😉
    Ja, die KSC-Antworten hatten mich auch irritiert, erinnere mich aber inhaltlich nur noch dunkel. Ich hatte mir dann gesagt, daran erinnere ich mich noch, dass es sich bestimmt um einen sehr jungen und sehr übermütigen Zeitgenossen handle.

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